On Tour

Ge­brauchs­an­wei­sung für Eng­land –
Er­fah­run­gen einer Rei­se­lei­te­rin

Do­ro­thea Mar­tin, un­se­re »New-York«-Spe­zia­lis­tin (1. Auf­la­ge 2007), lebt in Eng­land. Hier hat sie sich ihre ers­ten Spo­ren als Rei­se­buch­au­to­rin ver­dient, und zwar als Über­ar­bei­te­rin des Ti­tels »Sü­deng­land« (2. Auf­la­ge 2005). An ihrem Mi­ni­mal­ka­ta­log zur Insel er­kennt man, dass sich Mar­tin auch als Rei­se­lei­te­rin bes­tens ein­ge­lebt hat – sogar in den eng­li­schen Humor. Ler­nen Sie das Land des »streich­ba­ren Maggi« in 7 aber­wit­zi­gen Lek­tio­nen ken­nen!


Der Eng­land-Knig­ge – Klei­der­ord­nung und Höf­lich­keit

Portrait Dorothea MartinEs ist Mai, die Sai­son hat be­gon­nen, und ich sitze mal wie­der in einem Lei­nen­an­zug vor der »Ar­ri­vals Hall« im Fähr­ha­fen von Dover und warte auf die An­kunft mei­nes Rei­se­bus­ses. Als »smart ca­su­al« würde der En­glän­der die­sen »Look« be­zeich­nen. Ei­gent­lich ist er nicht förm­lich genug für die hie­si­ge Be­rufs­welt, die noch von Ko­stüm- bzw. Anzug- und Kra­wat­ten­zwang re­giert wird. Man ist die Uni­form ja schon aus der Schul­zeit ge­wohnt, das prägt fürs Leben. Dafür wird die Frei­zeit­klei­dung von FlipF­lops, gro­ßen Aus­schnit­ten der Damen und nack­ten, tä­to­wier­ten Ober­kör­pern der Her­ren do­mi­niert – un­ab­hän­gig von der Wit­te­rung. Ich klei­de mich ab­sicht­lich etwas le­ge­rer für den »Di­enst«, sonst wür­den mich meine Gäste aus Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz noch mit dem Bord­ser­vice ver­wech­seln oder zum Dik­tat bit­ten.

Dorothea Martin in Action – Auf den Spuren einer Reiseleiterin
Do­ro­thea Mar­tin in Ac­tion – Auf den Spu­ren einer Rei­se­lei­te­rin
Nach der Be­grü­ßung mei­ner Rei­se­teil­neh­mer nehme ich auf dem no­to­risch un­be­que­men Schleu­der­sitz der Bei­fah­rer­sei­te Platz. In den Augen mei­ner eng­li­schen Lands­leu­te bin ich damit zur Len­ke­rin die­ses fast 14 Meter lan­gen Lu­xus­ge­fährts mu­tiert. Des­halb wer­den auch die Dan­kes- und Höf­lich­keits­be­zeu­gun­gen, die man hier bei jeder pas­sen­den oder auch un­pas­sen­den Ge­le­gen­heit mit den Fah­rern der Ge­gen­spur aus­tauscht, von mir er­war­tet: »thank you«, »thank you«, »thank you«, be­deu­ten mein Lä­cheln, Kopf­ni­cken und das Heben von Fin­ger oder Hand, mit denen ich fie­ber­haft un­se­rem Ruf ent­ge­gen­ar­bei­te, wir Deut­sche seien un­höf­li­che Zeit­ge­nos­sen (aber noch lange nicht so pam­pig wie die Fran­zo­sen). Im­mer­hin be­fin­den wir uns hier zu Gast beim ge­dul­digs­ten Volk der west­li­chen Welt, das nur sel­ten die Kon­ten­an­ce ver­liert, gerne und ge­las­sen Schlan­ge steht und sich no­to­risch to­le­rant zeigt ge­gen­über den Wid­rig­kei­ten eines stör­an­fäl­li­gen All­tags. Die Latte für gutes Be­neh­men hängt so über­trie­ben hoch, dass es eines aus­ge­präg­ten Wil­lens zur Net­tig­keit, sowie un­ge­heu­rer Aus­dau­er und Kon­zen­tra­ti­on be­darf, den hie­si­gen Ge­pflo­gen­hei­ten zu ge­nü­gen. Ehr­lich: »sorry« und »thank you« sagt man hier pau­sen­los. Es stimmt au­ßer­dem wirk­lich, dass sich auch der­je­ni­ge, der ei­gent­lich an­ge­rem­pelt oder auf den Fuß ge­tre­ten wurde, ent­schul­digt – ver­ste­he das, wer will! Vi­el­leicht bit­tet er um Ver­ge­bung dafür, dass er sich bzw. sei­nen Fuß so un­güns­tig plat­ziert hat. Vi­el­leicht ist es auch ein­fach ein an­ge­bo­re­ner oder er­lern­ter Re­flex.


Drü­cken, Dre­hen, Zie­hen – von Ar­ma­tu­ren und an­de­ren Wid­rig­kei­ten

Mir ist das All­täg­li­che längst ver­traut. Alles, womit tou­ris­ti­sche In­sel­neu­lin­ge ver­traut sind, ist die Opu­lenz statt­li­cher Her­ren­häu­ser, die Far­ben­pracht der Gär­ten und der An­blick son­nen­durch­flu­te­ter Steil­küs­ten, wie wir sie auf den Spu­ren der Ro­sa­mun­de Pil­cher bald er­le­ben wer­den. Wer rech­ne­te schon ernst­haft damit, dass die nur 90-mi­nü­ti­ge Über­fahrt 33 km von Ca­lais bis Dover kul­tu­rel­le Grä­ben auf­rei­ßen würde, in denen le­bens­lan­ge Ge­wohn­hei­ten ver­schütt gehen? Dabei warn­te schon Sir Wins­ton Chur­chill, der Är­mel­ka­nal sei ei­gent­lich »keine Was­ser­stra­ße, son­dern eine Wel­tan­schau­ung«. Recht hat der Mann! Be­su­cher aus »Eu­ro­pe«, wie hier der Rest des Kon­ti­nents be­den­ken­los ge­nannt wird, als hätte man Eu­ro­pa so­wohl geo­gra­phisch als auch po­li­tisch be­reits ver­las­sen, be­dür­fen des­halb einer ge­wis­sen Ge­brauchs­an­wei­sung.
Neh­men Sie doch nur mal die Steck­do­sen, die hier drei­po­lig und flach sind. Wer einen Ad­ap­ter aus Deutsch­land mit­ge­bracht hat (das Nach­fra­gen an der Re­zep­ti­on kön­nen Sie sich in der Regel schen­ken) und das sel­te­ne Glück hat, dass die­ser vor Ort auch tat­säch­lich funk­tio­niert, be­kommt mit­un­ter den­noch kei­nen Strom – nur, wer den Schal­ter an der Steck­do­se kennt, ihn be­tä­tigt und auf »on« kippt, hat Er­folg. Wer weiß, wie viele ein­wand­frei funk­tio­nie­ren­de Haar­trock­ner und Lo­cken­stä­be frus­trier­ter Tou­ris­ten hier schon in den Müll­ei­mern ge­lan­det sind. Nicht, dass man einen Haar­trock­ner mit­zu­brin­gen bräuch­te. In der Regel gibt es einen Föhn auf jedem Zim­mer, doch der fin­det meist in der Schub­la­de sein Ver­steck, wo Sie bei der Ge­le­gen­heit auch gleich nach Ihrem zwei­ten Satz Hand­tü­cher su­chen soll­ten.
Die man­nig­fa­chen Kla­gen über »kein Licht im Bad« sind oft ganz ein­fach zu be­he­ben, indem Sie an der Strip­pe zie­hen, die von der Decke bau­melt. Was bei uns ohne ge­ziel­te Auf­for­de­rung nie­mand wagen wür­den, da diese Hand­be­we­gung meist Alarm aus­löst. Als Klo­spü­lung dient mal ein Hebel oder Knopf, den man drü­cken, mal eine Kette, an der man zie­hen muss. Türen las­sen sich häu­fig mit einem Knauf öff­nen, den man wahl­wei­se nach rechts, mal auch nach links dre­hen soll­te – ganz wie den Schlüs­sel, der oft durch Zu­schlie­ßen auf­schließt.
Von den Freu­den des Du­schens möch­te ich ei­gent­lich gar nicht erst an­fan­gen. Das reicht von Dre­hen, Zie­hen und Schrau­ben über Drü­cken, An­he­ben und Sen­ken bis zu den be­lieb­ten An­steckex­em­pla­ren, bei denen Sie eine Plas­tik­vor­rich­tung vor­fin­den, die Sie selbst an die Hähne der Ba­de­wan­ne stöp­seln müs­sen, wobei der Dusch­kopf Ihnen dann im bes­ten Fall höchs­tens zur Hüfte reicht. Nein, ein Land der Nor­men ist Eng­land wirk­lich nicht! Je­den­falls nicht bei tech­nisch-me­cha­ni­schen Ap­pa­ra­tu­ren …


Ge­teil­tes Bett ist hal­ber Schlaf

Sel­ten sind je­doch diese Her­aus­for­de­run­gen an den Pio­nier­geist der Be­su­cher der Grund, dass vor allem Ehe­paa­re schon nach der ers­ten Nacht in eng­li­schen Ge­fil­den von dunk­len Au­gen­rän­dern ge­zeich­net sind. Meist ist die Er­klä­rung ein­fa­cher: die Be­trof­fe­nen sind in einem »Dou­ble Room« ge­lan­det. Der ist näm­lich im Ge­gen­satz zum »Twin Room« (meist nur auf An­fra­ge oder Vor­be­stel­lung) mit einem fran­zö­si­schen Bett mö­bliert, in dem Sie auf einer ein­zi­gen Mat­trat­ze unter einer ein­zi­gen Bett­de­cke (sel­ten ku­sche­li­ge Dau­nen, häu­fig Laken und Woll­de­cke) lie­gen. Für Un­ge­üb­te hat das meist eine schlaf­lo­se Nacht zur Folge, weil der eine Part­ner per­ma­nent zu ver­hin­dern sucht, vom an­de­ren Part­ner ent­we­der in die Kuhle in der Mitte hin­ein­ge­zo­gen oder seit­lich aus dem Bett hin­aus­ka­ta­pul­tiert zu wer­den. Auch der Kampf um die eine Decke soll schon manch glück­li­che Ehe auf eine sehr harte Probe ge­stellt haben.
Dop­pel­zim­mer ist in Eng­land eben nicht gleich Dop­pel­zim­mer, und der »Dou­ble Room« ist die Norm! Das Fern­se­hen ver­treibt Ihnen die schlaf­lo­se Zeit lei­der nur in der Lan­des­spra­che (kein Kabel), dafür kön­nen Sie sich im Zim­mer kos­ten­los mit Tee und (lös­li­chem) Kaf­fee ver­sor­gen, so Sie denn auch mit Milch vor­lieb neh­men. Kaf­fee­sah­ne gibt es hier nicht.


Ku­li­na­ri­sche Freu­den und Lei­den

Doch keine Sorge, das eng­li­sche Früh­stück hat noch jeden Rei­sen­den wie­der auf die Beine ge­stellt. Be­stel­len Sie aber lie­ber die »fried eggs«, Spie­gel­ei­er, wenn Sie auf Num­mer si­cher gehen wol­len. Die »scram­bled eggs«, Rüh­rei­er, wer­den oft aus Ei­pul­ver an­ge­rührt. Dazu gibt es le­cke­ren Speck (»bacon«), Würst­chen (»sau­sa­ges«) mit du­bi­os nied­ri­gem Fleisch­ge­halt, ge­ba­cke­ne rote Boh­nen in To­ma­ten­so­ße (»baked beans«) und oft ge­grill­te Pilze und To­ma­ten. Toast be­kommt man so­viel man will, Crois­sants oder Bröt­chen sind als Zu­ge­ständ­nis­se an den Kon­ti­nen­tal­ge­schmack meist li­mi­tiert. Neben der »Mar­me­la­de« (aus­schließ­lich die Mar­me­la­de mit Oran­gen- oder Zi­tro­nen­ge­schmack) und dem »Jam« (die rest­li­che Kon­fi­tü­re) fin­den Sie oft einen wei­te­ren Brot­auf­strich in klei­nen, herz­för­mi­gen Plas­tik­dös­chen, der Nu­tel­la oder Pflau­men­muss ähn­lich sieht.
Wer sich das Zeug dick aufs Toast streicht und herz­haft hin­ein­beisst, hat die La­cher auf sei­ner Seite. Ihr Ge­sicht wird sich ver­zer­ren und Ihrem Mund im Zwei­fels­fall auch ein Schrei ent­wei­chen. Es han­delt sich um »Mar­mi­te«, eine Art streich­ba­res Maggi. Die­ser wür­zi­ge He­fe­ex­trakt wirbt selbst im Land sei­ner Er­fin­der (und Be­wun­de­rer) mit dem Spruch: »You love it or you hate it«. Ur­tei­len Sie selbst!


»Look right« – die Ri­si­ken des Links­ver­kehrs

In­zwi­schen haben wir uns längst durch die ers­ten Kreis­ver­keh­re im Uhr­zei­ger­sinn ge­quält und be­fin­den uns auf der A 20 in Rich­tung Au­to­bahn, als wir den ers­ten Fahr­rad­fah­rer über­ho­len, der ge­müt­lich auf der lin­ken Spur vor sich hin­stram­pelt. »Ist der denn le­bens­mü­de?«, wun­dern sich meine Gäste ent­geis­tert und wol­len wis­sen, ob Fahr­rad Fah­ren auf der Au­to­bahn er­laubt sei.
Nein, ist es nicht, aber es han­delt sich hier auch nicht um eine Au­to­bahn, son­dern um eine Schnell­stra­ße. (Au­to­bah­nen tra­gen das Kür­zel »M« für mo­tor­way, Land­stra­ßen sind mit A oder B ge­kenn­zeich­net). Was in die­sem Fall eine For­ma­lie ist, denn auch auf der zwei­spu­ri­gen Schnell­stra­ße don­nern die Fahr­zeu­ge mit 70 m/h (ca. 110 km/h) ent­lang – ganz wie auf der Au­to­bahn. Nicht nur Fahr­rad­fah­rer hake ich so­fort ein, son­dern auch Tou­ris­ten brau­chen im hie­si­gen Ver­kehr einen Schutz­en­gel. »Sie kön­nen sich be­mü­hen, wie Sie wol­len«, ver­su­che ich meine Rei­se­grup­pe zu war­nen, »aber Sie haben nicht die lei­ses­te Chan­ce, sich in den paar Tagen hier an den Links­ver­kehr zu ge­wöh­nen«.
Das ist auch wirk­lich so. Aus dem le­bens­lang ein­trai­nier­ten »erst links, dann rechts« wird eben nicht blitz­schnell »erst rechts, dann links«. Ihr in vie­len Jah­ren Pra­xis ge­schärf­ter In­stinkt des Fuß­gän­gers muss hier jäm­mer­lich ver­sa­gen. Busur­lau­ber soll­ten dop­pel­te Vor­sicht wal­ten las­sen, stei­gen sie doch zu allem Über­fluss nicht auf dem si­che­ren Bür­ger­steig aus, son­dern zur Stra­ße hin: mit­ten hin­ein in den Ver­kehr. Wer einen Miet­wa­gen fährt, hat die­ses Pro­blem zwar nicht, muss sich aber dar­auf ein­stel­len, rechts zu sit­zen und mit links zu schal­ten, nach links in den Rück­spie­gel zu bli­cken und auf der lin­ken Seite ein­zu­par­ken (ob­wohl in Eng­land Par­ken in beide Rich­tun­gen er­laubt ist). Sind Sie im ei­ge­nen Auto un­ter­wegs, be­kom­men Sie spä­tes­tens auf den no­to­risch kur­ven­rei­chen Land­stra­ßen ge­wis­se Sicht­pro­ble­me, die das Über­ho­len zu einem wag­hal­si­gen Ma­nö­ver wer­den las­sen. Von Staus mal ab­ge­se­hen, lässt sich an­sons­ten aber nur Löbli­ches über den eng­li­schen Ver­kehr sagen: Es wird nicht ge­rast, sich an­stän­dig ein­ge­fä­delt und wenig ge­hupt, selbst wenn man im Schne­cken­tem­po da­hin­kriecht, weil man sich ver­fah­ren hat. Ja, be­stä­tigt mein Fah­rer freu­dig, man könne in die­sem Land wirk­lich rich­tig schön de­fen­siv fah­ren.


Er­fin­de­risch und kos­ten­los – so ma­chen öf­fent­li­che Toi­let­ten Spaß

Eigenwillige Waschanlagen
Ei­gen­wil­li­ge Wa­sch­an­la­gen
Der­art po­si­tiv ge­stimmt, er­rei­chen wir die nächs­te Rast­stät­te. Eng­land sam­melt erst mal wei­te­re Plus­punk­te, denn zur Über­ra­schung aller sind die öf­fent­li­chen WCs in der Regel sehr ge­pflegt und sau­ber – und oben­drein gänz­lich kos­ten­los (!). Die hie­si­gen Hand­wasch­an­la­gen tra­gen je­doch zu­nächst zur Ver­wun­de­rung, dann aber zur Un­ter­hal­tung bei. Es sind simp­le Stahl­käs­ten, die außen über drei Knöp­fe ver­fü­gen. Eine Hand hal­ten Sie in den Stahl­kas­ten hin­ein, mit der an­de­ren drü­cken Sie den lin­ken Knopf, wo­durch Flüs­sigs­ei­fe auf Ihre im Kas­ten ver­blie­be­ne Hand ge­träu­felt wird. Der mitt­le­re Knopf setzt das Was­ser in Gang, der rech­te bringt das Ge­blä­se zum Pus­ten. Drei Vor­gän­ge in einem, wie prak­tisch. Je­den­falls al­le­mal prak­ti­scher als die sonst lan­des­üb­li­chen, ge­trenn­ten Was­ser­häh­ne. Da der En­glän­der Misch­bat­te­ri­en aus mys­te­riö­sem Grun­de au­ßer­halb sei­ner Du­sche ab­lehnt, muss sich der Wasch­be­cken­nut­zer unter dem einen Hahn ver­küh­len oder unter dem an­de­ren ver­brü­hen. Sinn macht das Sys­tem nur für Nass­ra­sie­rer.


Den Durst ge­löscht – Real Ale und Pub­kul­tur

Der Bus­fah­rer hat in­zwi­schen die Toi­let­ten­pau­se ge­nutzt, um herr­lich duf­ten­den Fil­ter­kaf­fee und nach dem Rein­heits­ge­bot ge­brau­tes Bier aus­zu­schen­ken (was einen wei­te­ren Stopp in nächs­ter Nähe zur Folge haben wird). Ich schla­ge vor, Land und Leute am Abend in einem Pub (Kn­ei­pe) näher ken­nen zu ler­nen, ein Muss für jeden En­gland­rei­sen­den, das schnell zum Ver­gnü­gen wird. Pubs sind ge­müt­lich, hier trifft man Jung und Alt aus allen Schich­ten, viele kom­men di­rekt nach der Ar­beit auf ein Gläs­chen vor­bei – oder auch zwei. Spät werde es ja eh nicht, ver­si­che­re ich den Wan­kel­mü­ti­gen und Er­schöpf­ten, so dass wir noch zu einer hu­ma­nen Zeit ins Bett kämen. Auch mir ist das schließ­lich sehr lieb. Drum bin ich ganz froh, dass die meis­ten Pubs keine neue Li­zenz be­an­tragt haben, als letz­tes Jahr die Sperr­stun­de auf­ge­ho­ben wurde.
Fast alle haben ihre alten Öff­nungs­zei­ten bei­be­hal­ten. Nach wie vor ge­stat­tet des­halb der Be­sit­zer um Vier­tel vor 11 noch eine »last order«, wo man ein letz­tes Mal an den Tre­sen kom­men und etwas be­stel­len kann. Eine Vier­tel­stun­de spä­ter wird »drink up« be­foh­len, man soll aus­trin­ken. Eine wei­te­re Vier­tel­stun­de spä­ter fliegt man raus. »Was trinkt man denn da am bes­ten?«, möch­te eine Dame mit rhei­ni­schem Ak­zent wis­sen, »ich mag näm­lich kein Bier.« Scha­de, aber viel­leicht wolle sie das eng­li­sche Bier ja doch we­nigs­tens mal pro­bie­ren, ver­su­che ich sie zu über­zeu­gen, denn die En­glän­der seien sehr stolz auf ihr »real ale«, ihre lan­des­ty­pi­schen Biere. Die wer­den hier noch ober­gä­rig ge­braut (wie bei uns Alt­bier oder Kölsch), ent­hal­ten we­ni­ger Koh­len­säu­re und fer­men­tie­ren ein zwei­tes Mal im Fass, aus dem man sie dann auch aus­schenkt, wo­durch sie Zim­mer­tem­pe­ra­tur und eine dunk­le­re Farbe be­sit­zen. Für alle er­gän­ze ich noch, dass die un­se­rem Pils am nächs­ten kom­men­den, un­ter­gä­rig ge­brau­ten Biere hier »Lager« hei­ßen und, ach ja, dass ein gro­ßes Bier (0,568 l) ein »pint«, ein klei­nes ein »half pint« sei. Au­ßer­dem werde es rand­voll und ohne Krone aus­ge­schenkt. Dann liste ich pflicht­schul­dig die Al­ter­na­ti­ven auf: vom »Gin and Tonic« über Whis­key, Bran­dy und Cider (Ap­fel­wein, der einem »Pint of Lager« zum Ver­wech­seln ähn­lich sieht!) bis hin zu Wei­nen, die sich seit ge­rau­mer Zeit hier im Lande gro­ßer Po­pu­la­ri­tät er­freu­en, aber recht teuer sind. Was es hier weder im Pub noch im Laden gäbe, schlie­ße ich das Ka­pi­tel ab, sei Schnaps – den kenne der En­glän­der nur aus dem Ski­ur­laub.
»Ich war schon mal in einem Pub«, be­merkt dar­auf­hin ein Herr mit Schnurr­bart ab­leh­nend, »aber die waren rich­tig deut­schen­feind­lich«. »Tat­säch­lich?«, hake ich nach, und er schil­dert mir, wie man ihn und seine Gat­tin völ­lig igno­riert und noch nicht ein­mal be­dient habe, nach­dem sie sich be­merk­bar ge­macht hät­ten. Das, kann ich ihn be­ru­hi­gen, habe nicht an sei­ner Na­tio­na­li­tät ge­le­gen, son­dern daran, dass es in Pubs ge­ne­rell kei­nen Ser­vice gäbe. »Wenn Sie in einen Pub gehen, sich ein frei­es Plätz­chen su­chen und dort freu­dig auf die Be­die­nung war­ten, war­ten Sie »bis zum Sanktnim­mer­leins­tag« oder wie man es auf der Insel sagt: »Until the cows come home«. »Egal ob Deut­scher, Fran­zo­se oder En­glän­der«, er­klä­re ich. »Es wird nie­mand kom­men, um ihre Be­stel­lung auf­zu­neh­men. Sie müs­sen zur Theke gehen, dort Ihr Ge­tränk be­stel­len, es be­zah­len und dann (mit ru­hi­ger Hand, da das Glas bis oben­hin voll ist) selbst zum Tisch tra­gen.« »Ach so ist das«, er­wi­dert der Herr mit Schnurr­bart er­leich­tert. Am Abend trägt er kräf­tig dazu bei, dass die Bar­kee­per mit dem Zap­fen kaum hin­ter­her­kom­men – ob­wohl hier kein Bier auch nur an­nä­hernd acht Mi­nu­ten braucht. Die Her­ren hin­term Tre­sen haben sich in­zwi­schen strah­lend an das Trink­geld durch Auf­run­den des ge­for­der­ten Be­tra­ges ge­wöhnt (in Eng­land wird an der Bar kein Trink­geld ge­ge­ben, und wenn man im Re­stau­rant am Platz be­dient wird, lässt man einen Teil des Wech­sel­gel­des ein­fach auf dem Tisch zu­rück). Dafür sind sie auch be­reit, ein biss­chen Deutsch zu ler­nen: »Gro­ßes« und »Klei­nes« be­herr­schen Sie nun. Was mir ein­mal mehr be­weist, dass das Pub viel­leicht der ein­zi­ge Ort in Eng­land ist, für den man am Ende doch keine Ge­brauchs­an­wei­sung braucht. Na dann: Cheers!