Rei­se­re­por­ta­ge

Er­kun­dun­gen in »Bang­la Town« –
das Vier­tel Brick Lane im Zei­traf­fer sei­ner His­to­rie

Ein Ar­ti­kel von Ralf Nest­mey­er, der sich in sei­nen drei Rei­se­füh­rern »Eng­land«, »Sü­deng­land« und dem neuen MM-City-Guide »Lon­don« aus­führ­lich mit dem Land be­schäf­tigt hat. Die Met­amor­pho­se des ehe­ma­li­gen Ar­men­re­viers Brick Lane zum In­vier­tel Lon­dons steht im Mit­tel­punkt sei­nes Ar­ti­kels.


Portrait Ralf NestmeyerDie Lon­do­ner Brick Lane ge­hört der­zeit zu den an­ge­sag­tes­ten Vier­teln der Stadt. Szeneclubs und De­si­gn­lä­den haben sich zwi­schen den ben­ga­li­schen »Curry-Hou­ses« an­ge­sie­delt und lo­cken immer mehr Men­schen in den Osten der eng­li­schen Me­tro­po­le.
Auch li­te­ra­risch ist die Ge­gend jüngst von der Schrift­stel­le­rin Mo­ni­ca Ali fo­kus­siert wor­den. Sch­licht »Brick Lane« heißt der Roman, mit dem die 36-jäh­ri­ge Au­to­rin für den Boo­ker Prize no­mi­niert wurde und der nun auch in Deutsch­land die Best­sel­ler­lis­ten stürmt. Für ein Buch, das über weite Stre­cken wie eine So­zi­al­re­por­ta­ge im Ein­wan­der­er­mi­lieu auf­ge­baut ist, lie­fern die so­ge­nann­ten »Tower-Ham­lets« na­tur­ge­mäß viel An­schau­ungs­ma­te­ri­al.
Das East End war seit jeher der Hin­ter­hof Lon­dons. Schon im Mit­tel­al­ter stan­den in der sump­fi­gen Land­schaft die Ar­men­quar­tie­re. Be­son­ders schlimm waren die Ver­hält­nis­se im Zeit­al­ter der In­dus­tria­li­sie­rung, als Jack the Rip­per sein Un­we­sen trieb. Ar­beits­lo­sig­keit, Armut und Al­ko­ho­lis­mus präg­ten den All­tag im East End. So ver­wun­dert es nicht, dass Wil­liam Booth ge­ra­de hier seine Idee der »Heils­ar­mee« ver­wirk­licht hat.
Zugleich war das East End stets der Lon­do­ner Stadt­teil, an dem die Ein­wan­de­rer zu­erst stran­de­ten. Erst kamen fran­zö­si­sche Hu­ge­not­ten, dann ab 1880 die ost­eu­ro­päi­schen Juden. Ende der fünf­zi­ger Jahre wan­del­te sich das Sze­na­rio noch ein­mal: Ein­wan­de­rer aus In­di­en und Ban­gla­desch muss­ten in den ver­wahr­los­ten Häu­ser­blocks eine Hei­mat fin­den.
Als Sym­bol für die Ve­rän­de­rung im East End gilt die an der Ecke zur Four­nier Street ste­hen­de »Brick Lane Mo­schee«. Zu­erst dien­te das Ge­bäu­de als hu­ge­not­ti­sche Ka­pel­le, dann als jü­di­sche Sy­nago­ge; seit 1976 wird es von der wach­sen­den ben­ga­li­schen Ge­mein­de als Mo­schee ge­nutzt.

Durch den Zuzug der Im­mi­gran­ten nah­men die so­zia­len Span­nun­gen und der Aus­län­der­hass zu. Im Jahre 1978 es­ka­lier­te die Stim­mung: Mi­li­tan­te Ras­sis­ten tob­ten ihre Frus­tra­ti­on gegen die Ein­wan­de­rer aus. Die blu­ti­gen Ras­sen­kra­wal­le sind als »Brick Lane Riots« in die Lon­do­ner Ge­schich­te ein­ge­gan­gen.
So­zia­len Spreng­stoff gibt es je­doch noch heute: Nir­gend­wo in Lon­don ver­läuft ein so tie­fer so­zia­ler Gr­aben; die Glas­pa­läs­te der Ver­si­che­run­gen und Bör­sen­mak­ler der Lon­do­ner City tren­nen nur ein paar hun­dert Meter von den »Tower-Ham­lets«, die sich zu bei­den Sei­ten der Brick Lane aus­brei­ten.
Viele Asia­ten ar­bei­ten weit unter dem Min­dest­lohn und ohne jeg­li­che so­zia­le Ab­si­che­rung in der Tex­til­bran­che. In Hin­ter­hö­fen und alten La­ger­hal­len nähen sie mo­di­sche Hem­den und Sweat­shirts, die dann für teu­eres Geld in no­blen Bou­ti­quen ver­kauft wer­den – eine ei­ge­ne Welt mit ei­ge­nen Ge­set­zen ähn­lich der Lon­do­ner Chi­na­town. Doch auch die Haute Cou­ture ist in­zwi­schen in »Bang­la Town« zu Hause: Ende der neun­zi­ger Jahre er­öff­ne­te der Mo­de­de­si­gner Alex­an­der McQueen in der Ri­ving­ton Street sein Ate­lier.
Die In­di­zi­en meh­ren sich, dass sich die Lon­do­ner City Stück für Stück in Rich­tung Brick Lane aus­brei­tet. Die Grund­stücks­prei­se und Mie­ten haben an­ge­zo­gen und ganze Stra­ßen­zü­ge wur­den um­ge­stal­tet. Leben und Ar­bei­ten im In­dus­trie­de­sign ist stark be­gehrt und das Stra­ßen­bild be­ginnt sich zu ver­än­dern, wenn­gleich noch immer zahl­rei­che Ge­schäf­te bunte Saris und mus­li­mi­sche Li­te­ra­tur ver­kau­fen.

Seit lan­gem gilt die Brick Lane als das Curry-Zen­trum der eng­li­schen Haupt­stadt. Hier wird man auf der Suche nach dem schärfs­ten Curry-Ge­richt ga­ran­tiert fün­dig. Selbst ge­üb­te Gau­men wer­den von einem »Vinda­loo-Curry« zum Glü­hen ge­bracht. Tren­di­ge Re­stau­rants wie das »Ben­gal Vil­la­ge« haben sich neben dem tra­di­tio­nel­len »Café Naz« nie­der­ge­las­sen. Auf einem Qua­drat­ki­lo­me­ter drän­gen sich in den »Tower-Ham­lets« mehr als 40 »Curry-Hou­ses« da wun­dert es nicht, dass in den in­di­schen Re­stau­rants in Eng­land längst mehr Men­schen be­schäf­tigt sind als in der ma­ro­den Stahl­in­dus­trie des Kö­nig­reichs.
Das Fir­men­ge­län­de von Tru­mans »Black Eagle Bre­we­ry« er­in­nert noch an die einst so zahl­rei­chen Braue­rei­en des Vier­tels. Die 1989 ge­schlos­se­ne »Black Eagle Bre­we­ry« war Ende des 19. Jahr­hun­derts die größ­te Braue­rei der Welt. Heute sind in den Ge­bäu­den rund um den mar­kan­ten Schlot vor allem Bou­ti­quen, Nacht­clubs, Ate­liers und Büros der Mul­ti­me­dia­bran­che zu fin­den. In der »Vibe Bar« kann man im In­ter­net sur­fen, wäh­rend DJs mit Down­beats ex­pe­ri­men­tie­ren.

Der größ­te Ma­gnet des Vier­tels ist aber immer noch der sonn­täg­li­che »Brick Lane Mar­ket«. Die­ser Markt, der zwi­schen der Ei­sen­bahn­un­ter­füh­rung und der Beth­nal Green Road sowie auf der Scal­ter Street und der Cheshire Street statt­fin­det, ist ein au­then­ti­scher Stra­ßen­markt der ein­fa­chen Leute. Zwi­schen brö­ckeln­den Brand­mau­ern und Bret­ter­zäu­nen wer­den ab sechs Uhr mor­gens Ge­mü­se, bil­li­ge Klei­dung, alte Fahr­rä­der sowie al­ler­lei Ramsch an den Mann bzw. die Frau ge­bracht; mit­tags ist schon wie­der alles vor­bei.
Man­che Tou­ris­ten sind be­stürzt, wenn sie die an­ge­bo­te­nen Waren be­trach­ten. Wer die ka­put­ten Tel­ler und ver­beul­ten Töpfe sieht, die neben ge­brauch­ten Plas­tik­beu­teln und Ku­gel­schrei­ber­mi­nen auf den Papp­kar­tons aus­ge­brei­tet sind, weiß, dass die Armut im East End trotz Sze­ne­knei­pen noch längst nicht ver­schwun­den ist.


In­for­ma­tio­nen:

  1. Bri­tain Vi­si­tor Cen­ter

An­rei­se: Air Ber­lin fliegt von Ber­lin, Nürn­berg, Dort­mund, Düs­sel­dorf, Han­no­ver, Müns­ter, Pa­der­born, Wien sowie Zü­rich nach Lon­don-St­an­sted.

  1. www.air­ber­lin.de

Li­te­ra­tur­tipp: Mo­ni­ca Ali, Brick Lane, Roman, 544 Sei­ten, Dro­emer Ver­lag, Mün­chen 2004.

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