Rei­se­re­por­ta­ge

Brigh­ton – Dirty Wee­kends im Raum­schiff En­ter­pri­se

Der elf­fa­che Micha­el Mül­ler-Autor Ralf Nest­mey­er über das ei­gen­wil­li­ge eng­li­sche See­bad.


Portrait Ralf NestmeyerMin­des­tens ein­mal im Monat gehen Bryan Yale und Annie Caul­field am Frei­tag­nach­mit­tag zur Lon­do­ner Vic­to­ria Sta­ti­on, um in den Con­nex Ex­press zu stei­gen, der in re­kord­ver­däch­ti­gen 49 Mi­nu­ten nach Brigh­ton fährt, wo die bei­den das Wo­che­nen­de ver­brin­gen. Der In­nen­ar­chi­tekt und die Gra­fi­ke­rin lie­gen mit ihrem Wo­chen­end­trip voll im Trend. Frei­tag- und Sams­tag­abend bre­chen zahl­rei­che Lon­do­ner nach Brigh­ton auf, um sich in den Clubs des See­bads zu amü­sie­ren.

Ein Frei­zeit­ver­gnü­gen mit Tra­di­ti­on. Frü­her wähl­ten Lie­bes­paa­re Brigh­ton al­ler­dings als Ziel für ein »Dirty Wee­kend« – ge­meint war ein Wo­che­nend­aus­flug in ein plü­schi­ges Hotel, wobei man sich vor­zugs­wei­se als Mr. und Mrs. Jones ins Gäs­te­buch ein­trug, um alle kom­pro­mit­tie­ren­den Spu­ren zu ver­wi­schen; in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren war das See­bad für die re­gel­mä­ßig statt­fin­den­den Schlä­ge­rei­en zwi­schen Mods, Teds und Ro­ckern be­rüch­tigt.

Die bis aufs Blut ver­fein­de­ten Ju­gend­grup­pen – spä­ter kamen auch noch die Punks hinzu –, fei­er­ten wüste Strand­par­tys und tru­gen ne­ben­bei ihre Ri­va­li­tä­ten öf­fent­lich aus. Nur wenn mit der Po­li­zei ein ge­mein­sa­mer Feind auf­tauch­te, ver­ga­ßen sie ihren Streit und rauf­ten sich zu­sam­men. Die Stim­mung jener Jahre wurde in dem Mu­sik­film »Qua­dro­phe­nia« der Rock­band »The Who« gut ein­ge­fan­gen, in dem der junge Sting in der Haupt­rol­le zu be­wun­dern ist.

Heute trifft sich die Lon­do­ner Szene in Brigh­ton; das tra­di­ti­ons­rei­che See­bad gilt als »Lon­don-by-the-Sea«. Keine an­de­re eng­li­sche Stadt hat mehr Dan­cing Clubs pro Ein­woh­ner! Al­lein un­ter­halb der Pro­me­na­de wur­den in den letz­ten Jah­ren mehr als ein Dut­zend neue Bars und Dis­cos er­öff­net, dar­un­ter das Ge­mi­ni und die be­nach­bar­te Cuba Bar, aus deren Boxen Reg­gae-Rhyth­men bis an den Strand dröh­nen. An der King’s Road und in der Ship Street fin­den sich wei­te­re Dan­cing Clubs. Meh­re­re Lon­do­ner DJs rei­sen jedes Wo­che­nen­de an, um ihr Kön­nen zu de­mons­trie­ren.

Selbst die Ho­tels haben sich auf den neuen Trend ein­ge­stellt. Das Pe­li­roc­co Hotel bei­spiels­wei­se war­tet mit einer be­son­de­ren At­trak­ti­on auf: Die Ho­tell­ounge be­sitzt Club­at­mo­sphä­re, alle Räume sind in­di­vi­du­ell ein­ge­rich­tet und zi­tie­ren The­men aus der Rock- und Pop­ge­schich­te. Wer schon immer ein­mal mit Graf­fi­ti an den Wän­den und einem Mo­dell des Raum­schiff En­ter­pri­se als Te­le­fon ein­schla­fen woll­te, ist hier genau rich­tig. Zum un­ge­wöhn­li­chen Kom­fort ge­hört auch eine Play­sta­ti­on auf jedem Zim­mer.

His­to­ri­sche At­mo­sphä­re strahlt hin­ge­gen das Fi­scher­vier­tel »The Lanes« aus, das sich rund um den Brigh­ton Squa­re er­streckt. Schma­le Gas­sen, ge­säumt von Bou­ti­quen, Re­stau­rants, Cafés, An­ti­qui­tä­ten- und Schmuck­ge­schäf­ten laden zu einem aus­ge­dehn­ten Bum­mel ein.

Ein Stück­chen wei­ter nörd­lich lässt sich die Ein­kaufs­tour durch die North Laine fort­set­zen. Die bes­ten, der rund 300 Läden lie­gen ent­lang der Gar­de­ner Street, die wei­ter nörd­lich in die Ken­sing­ton Gar­dens und die Syd­ney Street über­geht. Das An­ge­bot ist sehr viel­fäl­tig, selbst ein »ve­ge­ta­ri­sches Schuh­ge­schäft« hat sich nie­der­ge­las­sen.

Wer Lust hat, kann auch mit der elek­tri­schen »Volks Rail­way« ent­lang der Küste bis Brigh­ton Ma­ri­na fah­ren. Der Yacht­ha­fen zählt zu den größ­ten in Eu­ro­pa; rund 2000 Boote schau­keln im Was­ser des Ha­fen­be­ckens. In­ter­es­sant ist auch ein Spa­zier­gang durch Kemp Town, ein tren­di­ges Stadt­vier­tel zwi­schen Pa­lace Pier und Brigh­ton Ma­ri­na mit klei­nen Ge­schäf­ten, dar­un­ter meh­re­re Se­cond-Hand-Book­shops.

Kemp Town be­sitzt zudem eine be­son­ders le­ben­di­ge Gay Com­mu­ni­ty, die sich im Som­mer vor­zugs­wei­se am Nackt­ba­de­strand tum­melt. Für die Jour­na­lis­tin und be­ken­nen­de Les­bie­rin Julie Bur­chill ist Brigh­ton »the se­xiest place in Eng­land«. Dem­ent­spre­chend viel­sei­tig und auf­re­gend ist das Nacht­le­ben.

Ein Klas­si­ker ist na­tür­lich der mehr als 550 Meter ins Meer hin­aus­ra­gen­de Pa­lace Pier. Im Jahre 1899 ein­ge­weiht und im fol­gen­den Jahr­zehnt um ein Thea­ter und einen Pa­vil­lon er­wei­tert, ist er zu­sam­men mit dem Royal Pa­vi­li­on das Sym­bol der Ba­de­stadt Brigh­ton. Nach­dem der Pier im Zwei­ten Welt­krieg arg in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wurde, er­strahlt er seit sei­ner letz­ten Re­no­vie­rung wie­der im alten Glanz. Noch heute ist der be­rühm­te Steg, der nachts von 13.000 Glüh­bir­nen il­lu­mi­niert wird, ein Ver­gnü­gungs­treff mit Spiel­hal­len, Ge­schäf­ten, Fish ’n' Chips-Buden und Eis­die­len.

Der ein paar hun­dert Meter ent­fern­te West Pier ist der äl­tes­te noch er­hal­te­ne Pier En­glands. Als Na­po­lé­on III. 1870 dort lan­de­te, sprach er vom »schöns­ten Bau­werk Bri­tan­ni­ens«. Auch in li­te­ra­ri­scher Hin­sicht hat er seine Spu­ren hin­ter­las­sen, so in Gra­ham Gree­nes Roman »Brigh­ton Rock« (»Am Ab­grund des Le­bens«). Ci­ne­as­ten wer­den sich hin­ge­gen an Richard At­ten­bo­roughs 1968 ge­dreh­ten Film »Oh! What a Lo­vely War« er­in­nern.

Seit dem Zwei­ten Welt­krieg ver­fiel der West Pier al­ler­dings un­auf­halt­sam und wurde 1975 für die Öf­fent­lich­keit ge­schlos­sen. Jahr­zehn­te­lang lag der Lan­dungs­steg wie ein an­ge­schla­ge­ner Oze­an­damp­fer vor Anker, erst dann ent­schlos­sen sich die Ver­ant­wort­li­chen zu einer 30 Mil­lio­nen Pfund teue­ren »Ret­tungs­ak­ti­on«. Doch hatte nie­mand mit den Win­ter­stür­men ge­rech­net, die dem West Pier im De­zem­ber 2002 so sehr zu­setz­ten, dass er jetzt end­gül­tig un­ter­zu­ge­hen droht. Auf alle Fälle wird die Re­no­vie­rung nun um ein Viel­fa­ches teu­rer wer­den.


In­for­ma­tio­nen:

Aus­künf­te:
Vi­si­tor In­for­ma­ti­on Cent­re, Bar­tho­lo­mew Squa­re, The Lanes, Brigh­ton, East Sussex BN1 1GS
Tel. 0044/1273/292590
Fax 0044/1273/29589292594
In­ter­net: www.tou­rism.brigh­ton.co.uk

Un­ter­kunft:
Pe­li­roc­co Hotel, Re­gen­cy Squa­re, Zim­mer zwi­schen 50-110 £.
Tel. 0044/1273/327055
Fax 0044/1273/733845
In­ter­net: www.ho­tel­pe­li­roc­co.co.uk