Rei­se­re­por­ta­ge

Eine Le­gen­de des Fla­men­co –
auf den Spu­ren von Ca­marón de la Isla

Ein Ar­ti­kel von Tho­mas Schrö­der, dem Autor un­se­res Rei­se­hand­bu­ches über die Costa de la Luz (2. Auf­la­ge). Dies­mal por­trä­tiert der Spa­ni­en­ex­per­te den be­rühm­ten Fla­men­co­sän­ger Ca­marón de la Isla, der in sei­ner Hei­mat­stadt San Fer­nan­do bis heute hoch ver­ehrt wird.


Portrait Thomas SchröderEine Schön­heit mag man San Fer­nan­do, un­weit der an­da­lu­si­schen Pro­vinz­haupt­stadt Cádiz ge­le­gen, nicht un­be­dingt nen­nen. Auch mit be­deu­ten­den Bau­denk­mä­lern kann die etwa 85.000 Ein­woh­ner zäh­len­de Kle­in­stadt nicht prun­ken. Dem­ent­spre­chend sel­ten fin­den aus­län­di­sche Be­su­cher den Weg hier­hin. Unter Fla­men­co-Fans frei­lich ge­nießt San Fer­nan­do fast Kult­sta­tus, lebte hier doch einer der ganz Gro­ßen: Ca­marón de la Isla, einer der bes­ten Fla­men­co­sän­ger aller Zei­ten.
Das Aus­nah­me­ta­lent aus einer Gi­ta­no-Fa­mi­lie wurde 1950 unter dem Namen José Monge Cruz als zwei­tes von acht Kin­dern einer Korb­flech­te­rin und eines Schmieds ge­bo­ren. Be­reits mit zwölf Jah­ren ge­wann er auf dem Fla­men­co-Fes­ti­val von Mon­til­la sei­nen ers­ten Preis. Mit 19 Jah­ren ver­öf­fent­lich­te Ca­marón seine erste Plat­te, be­glei­tet von einem wahr­haft eben­bür­ti­gen Part­ner, dem da­mals 21-jäh­ri­gen Gi­tar­ris­ten Paco de Lucía, den er beim Bil­lard­spiel in einer Ma­dri­der Kn­ei­pe ken­nen­ge­lernt haben soll. Die erste Zu­sam­men­ar­beit die­ses wohl be­rühm­tes­ten Duos des Fla­men­co mar­kier­te den Be­ginn einer le­bens­lan­gen Freund­schaft. 1979 spreng­te Ca­marón mit dem Album »La ley­en­da del tiem­po« die Fes­seln des Gen­res, öff­ne­te sich den Ein­flüs­sen von Jazz und Rock und setz­te für den Fla­men­co völ­lig neue In­stru­men­te ein. Zehn Jahre und viele Alben spä­ter nahm Ca­marón mit dem Royal Phil­har­mo­nic Orches­tra »Soy Gi­ta­no« auf, bis heute das meist­ver­kauf­te Album in der Ge­schich­te des Fla­men­co. Doch so strah­lend seine Kar­rie­re war, so kurz war sie auch: 1992 starb Ca­marón im Alter von erst 41 Jah­ren.

Auf den Spu­ren Ca­maróns be­wegt man sich bei den Stadt­tou­ren, die das Frem­den­ver­kehrs­amt von San Fer­nan­do (Tel. 0034 956 944226) im Som­mer jeden Don­ners­tag und sonst jeden zwei­ten und vier­ten Sams­tag im Monat durch­führt. Es geht zu Ca­maróns be­schei­de­nem Ge­burts­haus und in die Schmie­de sei­nes Va­ters, die heute Ca­maróns Bru­der ge­hört. Na­tür­lich wird auch das große Mau­so­le­um be­sucht, vor dem 100.000 An­hän­ger Ca­marón sei­ner­zeit die letz­te Ehre er­wie­sen haben.
Die in­ten­sivs­ten Er­in­ne­run­gen an Ca­marón be­wahrt je­doch das alte Gast­haus »Venta de Var­gas« am öst­li­chen Ende der Haupt­stra­ße von San Fer­nan­do. Hier de­bü­tier­te der Sän­ger, ge­ra­de acht Jahre alt, vor dem be­rühm­ten Fla­men­co-Star Ca­ra­col. Des­sen er­grif­fe­ner Kom­men­tar: »Heute habe ich die Zu­kunft ge­hört.« Mitt­ler­wei­le ist das In­ne­re der Venta mit den ka­chel­ver­zier­ten, mehr als hun­dert Jahre alten Ti­schen ein wah­res Ca­marón-Mu­se­um, des­sen Wände vor Fo­to­gra­fi­en na­he­zu über­quel­len. Doch auch das Essen kann sich hier wirk­lich schme­cken las­sen: Wie wäre es mit der Haus­spe­zia­li­tät, den Tor­til­li­tas de Cama­ro­nes? Ge­meint sind klei­ne Küch­lein aus Ki­cher­erb­sen- und Wei­zen­mehl und den win­zi­gen, blei­chen Sand­gar­ne­len Cama­ro­nes, denen der hell­häu­ti­ge und für an­da­lu­si­sche Ver­hält­nis­se hell­haa­ri­ge Sän­ger sei­nen Künst­ler­na­men ver­dank­te. Und wer jetzt noch nicht genug hat von Ca­marón und dem Fla­men­co, der zieht wei­ter in die »Peña Ca­marón de la Isla«, in der jeden Sams­tag­abend Fla­men­co­auf­füh­run­gen statt­fin­den – Au­then­ti­zi­tät Eh­ren­sa­che.