Rei­se­re­por­ta­ge

Der Buena Vista So­ci­al Club.
Eine Re­cher­che zu den An­fän­gen des Cuba-Fie­bers.

Un­se­re Au­to­ren wol­len alles immer ein wenig ge­nau­er wis­sen. Dies­mal spür­te Wolf­gang Zieg­ler, ver­ant­wort­lich für die Bände »Cuba« (1. Auf­la­ge 2008) und, ganz neu, »Ha­van­na MM-City« (1. Auf­la­ge 2009 plus her­aus­nehm­ba­re Karte), der Her­kunft des Buena Vista So­ci­al Clubs nach – und siehe da: Er wurde fün­dig. Al­ler­dings an­ders, als man es er­war­ten durf­te. Was es au­ßer­dem mit dem be­rühm­tes­ten Song des Band­lea­ders Com­pay Se­gun­do auf sich hatte, des Ohr­wurms »Chan Chan«, und wie die eins­ti­ge Combo zum zwei­ten Mal neu ent­stand (und wel­che Er­fol­ge sie dar­auf­hin fei­er­te), er­fah­ren Sie im Ar­ti­kel.


Portrait Wolfgang ZieglerEin­stö­cki­ge Flach­dach­bau­ten, tiefe Schlag­lö­cher in den Stra­ßen, zwi­schen gro­ßen Müll­ton­nen ge­park­te Old­ti­mer, Ka­bel­ge­wirr an den Strom­mas­ten, Män­ner mit blo­ßen Ober­kör­pern, die unter schat­ti­gen Bäu­men Do­mi­no spie­len: der Stadt­teil Buena Vista (Schö­ne Aus­sicht) ist Ha­van­na pur. Des­halb sind die Aus­sich­ten zwar in­ter­es­sant, aber ei­gent­lich gar nicht so schön – nicht für die Men­schen, die in Buena Vista leben, nicht für die Tou­ris­ten, die gar nicht erst kom­men. Merk­wür­dig, denn schließ­lich be­fin­det sich in dem Stadt­vier­tel zwi­schen Mi­ra­mar und Ma­ri­anao, das im Süden von der Ave­ni­da 31 be­grenzt wird, der le­gen­dä­re So­ci­al Club, nach dem die Grup­pe von Son-Ve­te­ra­nen be­nannt war; sie löste Ende der 1990er Jahre mit ihrer Musik ein re­gel­rech­tes Cuba-Fie­ber aus – und zwar welt­weit. Wes­halb sich keine Tou­ris­ten hier­her ver­ir­ren, mag daran lie­gen, dass der frü­he­re Buena Vista So­ci­al Club – das Ge­bäu­de, der Treff­punkt, der Pro­ben­raum, die Bühne von Com­pay Se­gun­do & Co. – auf dem Tour­plan kei­ner ein­zi­gen Stadt­füh­rung steht. Und dort steht er des­halb nicht, weil ihn nor­ma­ler­wei­se nicht ein­mal Rei­se­lei­ter ken­nen und sich selbst der Groß­teil der in Buena Vista le­ben­den äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on al­len­falls ru­di­men­tär an den Club er­in­nert. Ja, es habe ihn schon ge­ge­ben, er­zäh­len sie, aber wo genau das ge­we­sen sei …? Man muss zwangs­läu­fig den Ein­druck ge­win­nen, dass mit den Alten des Vier­tels auch die Er­in­ne­rung an den Buena Vista So­ci­al Club zu Grabe ge­tra­gen wurde.


Auf den (po­li­ti­schen) Spu­ren einer Le­gen­de

Doch es gab ihn und es gibt ihn noch heute – zu­min­dest das Häu­schen di­rekt an der Ave­ni­da 31 mit dem Hin­ter­hof, in dem an einer Wand nur noch der Schrift­zug »Bar Ha­tu­ey« daran er­in­nert, dass hier einst die bes­ten Mu­sik­grup­pen der Epo­che spiel­ten. Der Buena Vista So­ci­al Club wurde im Jahr 1931 ge­grün­det und war vor der Re­vo­lu­ti­on Ver­samm­lungs­ort der far­bi­gen Be­völ­ke­rung. Zu jener Zeit herrsch­te strik­te Ras­sen­tren­nung, die Wei­ßen tra­fen sich in Ein­rich­tun­gen wie dem Yacht- oder dem Ten­nis­club, die Mu­lat­ten und Schwar­zen grün­de­ten so­ge­nann­te So­cie­da­des fra­ter­na­les (Brü­der­li­che Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten). Fast alle Stadt­tei­le Ha­van­nas hat­ten da­mals einen sol­chen So­ci­al Club. Und weil die Orches­ter, die in ihnen auf­tra­ten, von der Gunst der­je­ni­gen ab­hän­gig waren, die dort­hin zum Tan­zen gin­gen, wid­me­ten sie ihren Wir­kungs­stät­ten oft­mals ei­ge­ne Kom­po­si­tio­nen. Eines der Lie­der hieß ganz ein­fach »Club So­ci­al de Ma­ri­anao«, ein an­de­res von Ar­se­nio Ro­dri­guez für das Vier­tel Cerro (Hügel) ge­schrie­be­nes »El cerro tiene la llave« (»Der Schlüs­sel liegt auf dem Hügel«). Unter all die­sen So­ci­al Clubs zeich­ne­te sich der von Buena Vista an­geb­lich da­durch aus, dass hier die beste Musik ge­spielt wurde. Nach dem Ende der Re­vo­lu­ti­on, als es of­fi­zi­ell kei­nen Ras­sis­mus mehr gab, ver­lo­ren die So­cie­da­des ihre Be­deu­tung und ver­schwan­den in der Ver­sen­kung – wie der Buena Vista So­ci­al Club auch.


In­ter­na­tio­na­ler Er­folg mit 95-jäh­ri­gem Front­man

Mit dem Mu­si­ker Ry Coo­der war es dann aus­ge­rech­net ein US-Ame­ri­ka­ner, der den be­rühm­ten Club im Jahr 1996 wie­der auf­le­ben ließ – zwar nicht das ge­schichts­träch­ti­ge Ge­bäu­de mit der Haus­num­mer 4610, in dem da­mals wie heute eine cu­ba­ni­sche Fa­mi­lie wohnt und auf der frü­he­ren Bühne ihre Wä­sche auf­hängt, son­dern die Combo, die er unter dem gleich lau­ten­den Namen zu­sam­men­trom­mel­te. Mit dem 2003 im Alter von 95 Jah­ren ver­stor­be­nen Máxi­mo Fran­cis­co Re­pi­lado Muñoz – bes­ser be­kannt unter sei­nem Künst­ler­na­men Com­pay Se­gun­do – an der Spit­ze, eil­ten Ibra­him Fer­rer, Rubén Gon­zá­lez, Elia­des Ochoa und Omara Por­tuon­do fort­an von Er­folg zu Er­folg. 1998 er­hiel­ten sie den be­gehr­ten Gram­my, spiel­ten eine gol­de­ne und eine pla­ti­ne Schall­plat­te ein und er­lang­ten schließ­lich ein Jahr spä­ter in­ter­na­tio­na­le Be­rühmt­heit, als das vom deut­schen Re­gis­seur Wim Wen­ders ge­dreh­te Road-Movie »Buena Vista So­ci­al Club« in die Kinos kam und zu ihrer Musik selbst im fer­nen Japan ge­tanzt wurde. Hö­he­punkt ihrer Kar­rie­re war ein Auf­tritt in der New Yor­ker Car­ne­gie Hall – mit »stan­ding ova­tions« am Ende.

Ihre »Er­ken­nungs­me­lo­die«, Com­pay Se­gun­dos Stück »Chan Chan«, muss­ten sich dort gleich mehr­fach vor­tra­gen. Das Lied hatte der mitt­ler­wei­le zum Grand­sei­gneur der cu­ba­ni­schen Musik avan­cier­te Se­gun­do zwar schon 1989 bei einer Kon­zert­rei­se in der US-ame­ri­ka­ni­schen Haupt­stadt Wa­shing­ton vor­ge­stellt und dafür auch einen Plat­ten­ver­trag er­hal­ten, der ganz große Wurf war es aber jah­re­lang nicht ge­wor­den. Heute fehlt der Ohr­wurm im Re­per­toire kei­ner ein­zi­gen cu­ba­ni­schen Son-Grup­pe und sorgt dafür, dass der Musik des Buena Vista So­ci­al Club nicht das glei­che Schick­sal wi­der­fährt wie sei­ner eins­ti­gen Wir­kungs­stät­te.