Rei­se­re­por­ta­ge

Pop­pi­ge Farb- und Fa­bel­wel­ten auf Schafs­haut.
Die Kunst­wer­ke der Bau­ern von Tigua und Chim­ba­cucho

Ein Ar­ti­kel von Vol­ker Feser, der Autor un­se­res Süd­ame­ri­ka-Gui­des »Ecua­dor« (3. Auf­la­ge). Heute hat sich unser Reise-Freak bis in die Anden vor­ge­wagt, um der nai­ven Darstel­lungs­kraft kunst­trei­ben­der Land­wir­te über die Schul­ter zu schau­en. Die Bil­der han­deln häu­fig von alt­über­lie­fer­tem in­dia­ni­schem Leben und er­freu­en sich in­zwi­schen welt­wei­ter An­er­ken­nung.


Portrait Volker FeserDie Bau­ern von Tigua und Chim­ba­cucho leben in einer weit ver­streu­ten Dorf­ge­mein­de, an win­di­gen An­den­hän­gen auf etwa 3.500 Hö­hen­me­ter. Sie be­trei­ben wie schon ihre Vor­fah­ren in ers­ter Linie Kar­tof­fel­an­bau und Schaf­zucht. Ihre Mut­ter­spra­che ist das Quichua der Inkas und auch in jener Zeit gal­ten Künst­ler als be­son­ders re­spek­tier­te Mit­glie­der der Ge­sell­schaft. So stre­ben die ma­len­den Bau­ern auch heute nach An­er­ken­nung. Ihre pop­pi­gen Farb- und Fa­bel­wel­ten auf Schafs­haut sind je­doch roh­stoff­ab­hän­gig, denn Scha­fe wer­den meist nur zu Hoch­zei­ten oder Ge­bur­ten ge­op­fert. Noch sel­te­ner wer­den die Tiere nur ihrem Fell zu­lie­be ge­schlach­tet. Um an ge­nü­gend »Ma­te­ri­al« zu ge­lan­gen, wer­den die Häute auch aus an­de­ren ecua­do­ria­ni­schen An­den­re­gio­nen im­por­tiert. Nach einem fünf­tä­gi­gen Chlor­bad wird die Wolle ent­fernt und die »Lein­wand« ge­wa­schen. Da­nach wird sie auf einen Holz­rah­men ge­spannt und los gehts!


Julio To­aqui­za: ein be­sitz­lo­ser Land­ar­bei­ter und Ta­ge­löh­ner

Be­gon­nen hat die Kunst in den 70er Jah­ren mit Julio To­aqui­za, des­sen zahl­rei­che Söhne, Töch­ter und Enkel heute sein Werk fort­set­zen. Hier die Namen der Ori­gi­nal-Künst­ler, da es in­zwi­schen nicht ge­ra­de we­ni­ge Imi­ta­to­ren gibt: Al­fre­do, Gus­ta­vo, Al­fon­so, Tar­je­lia, Ber­nar­do, María Jo­se­fi­na, Juan Fran­cis­co Ugsha, Juan u. Pedro Mil­lin­ga­li, Ra­mi­ro Quin­di­ga­li Ilaquiche, Da­ni­el Chu­sen Vega und Fran­cis­co Uman­gi­na. Julio war einst »hua­si­pun­gue­ro«, ein ent­wur­zel­ter Land­ar­bei­ter und Ta­ge­löh­ner. Nach einer schick­sals­haf­ten Be­geg­nung mit einem Scha­ma­nen (»Nimm die­sen Pin­sel und dein Lei­den wird ein Ende neh­men«) be­gann er das raue Leben auf dem Pára­mo, lieb­li­che Land­schaf­ten, Ernte-, Aus­saat- und All­tags­sze­nen, aber auch skur­ri­le re­li­giö­se Ze­re­mo­ni­en zu malen. Er schöpf­te dabei aus einem vi­brie­ren­den Farb­spek­trum, wobei vor allem Rot-, Blau-, Gelb- und Grün­tö­ne her­vor­ste­chen. Die pin­turas (Spa­nisch für »Bild«) be­inhal­ten im Hin­ter­grund meist schnee­be­deck­te Vul­kan­gip­fel und kalte blaue Him­mels­zel­te mit leuch­ten­den Son­nen­strah­len. Im Vor­der­grund sind oft­mals Kon­do­re, Ko­li­bris, Schaf­hir­ten, La­ma­trei­ber, Mu­si­kan­ten, Scha­ma­nen, Clowns, spin­nen­de Frau­en und my­thi­sche Mas­ken­fi­gu­ren zu sehen.


Den kom­mer­zi­el­len Wert eines Kunst­werks be­stimmt die Kom­mu­ne

Der Aso­ci­ación de Tra­ba­ja­do­res Au­tó­no­mos de la Cul­tu­ra de Tigua Chim­ba­cucho ge­hö­ren etwa 35 Mit­glie­der an. Dar­un­ter be­fin­den sich nicht nur Maler, son­dern auch Mas­ken­schnit­zer und Korb­flech­ter. Ihre Aus­stel­lungs- und Ver­kaufs­ga­le­rie be­fin­det sich von La­ta­cun­ga kom­mend rech­ter Hand an der As­phalt­stra­ße in Tigua. Die Prei­se für die Werke wer­den von der Kom­mu­ne ge­mein­sam fest­ge­legt, je nach künst­le­ri­scher und the­ma­ti­scher Qua­li­tät, Kom­ple­xi­tät der Fi­gu­ren und Far­ben, Ge­nau­ig­keit der De­tails wie z. B. Licht und Schat­ten. Man­che Maler leben in Lehm­häu­sern mit Stroh­dä­chern ohne Strom und haben das eine oder an­de­re Ge­mäl­de bei Ker­zen­licht er­schaf­fen. Jahr­zehn­te­lang wur­den die pin­to­res in­dí­ge­nas (»in­dia­ni­sche Maler«) als ar­tes­anos (»folk­lo­ris­ti­sche Kunst­hand­wer­ker) und viel we­ni­ger als Künst­ler be­trach­tet.
In­zwi­schen ge­bührt ihnen welt­wei­te An­er­ken­nung. Wobei ihre naive Darstel­lungs­kraft von alt­über­lie­fer­tem in­dia­ni­schem Leben so gar nicht in un­se­re Zeit zu pas­sen scheint; wie Bil­der aus einer ganz an­de­ren, uns je­doch lange nicht frem­den Welt aus glück­lich ge­bor­ge­nen Kin­der­ta­gen.


Wei­te­re In­for­ma­tio­nen:

Dem ma­es­tro Al­fre­do To­aqui­za Ugsha, äl­tes­ter Sohn von Julio, kann in der Ga­le­rie der Kom­mu­ne noch über die Schul­ter ge­schaut wer­den! Das »Cen­tro de Ex­po­si­cio­nes« be­fin­det sich in der West­kor­dil­le­re der Pro­vinz Co­to­pa­xi, di­rekt an der Stra­ße von La­ta­cun­ga (km 53) nach Zum­ba­hua und zur Qui­lo­toa La­gu­ne. Ein­fach dem Bus­fah­rer Be­scheid geben und dort aus­stei­gen.
Tel.: 032814868, E-Mail