Rei­se­re­por­ta­ge

Mit Voll­dampf durch die ge­schütz­te Natur .
Eine Fahrt mit der Bro­cken­bahn mit Bar­ba­ra Rei­ter und Micha­el Wi­stu­ba

Seit jeher ein Zank­ap­fel: die dampf­be­trie­be­ne Bro­cken­bahn im Harz. Schon 1899 stand sie in der Kri­tik. Es waren die­sel­ben Ar­gu­men­te wie kurz nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung: Tou­ris­ten­mas­sen und fun­ken­sprü­hen­de Ab­ga­se ge­fähr­den die Wald­ein­sam­keit. Gleich­zei­tig sorgt die Bro­cken­bahn für einen Um­satz­boom in der struk­tur­schwa­chen Ge­gend.


Portrait Barbara ReiterPortrait Michael WistubaIm Füh­rer­stand ist es heiß, schum­me­rig und laut. Kein Ar­beits­platz für zarte Ge­mü­ter. Und es ist eng. Kaum zwei Qua­drat­me­ter tei­len sich Lok­füh­rer und Hei­zer – und sind dazu noch stän­dig in Be­we­gung. Es gilt, an Reg­lern zu dre­hen, aus den Sei­ten­fens­tern die Stre­cke zu be­ob­ach­ten und alle paar Mi­nu­ten die St­ein­koh­le in das Feu­er­loch zu schip­pen. Lok­füh­rer und Hei­zer sind die Wich­tigs­ten an Bord der Dampf­lo­ko­mo­ti­ven der Bro­cken­bahn. Sie brin­gen die his­to­ri­schen Ko­los­se zum Rol­len, und diese zie­hen die Wag­gons von Schier­ke hin­auf auf den mit 1.141 m höchs­ten Gip­fel Nord­deutsch­lands. Seit dem 15. Sep­tem­ber 1991 ist das wie­der so – re­gel­mä­ßig, das ganze Jahr über. Mit bunt ge­schmück­ten Son­der­zü­gen hat man das 20-jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der »Wie­der­auf­nah­me des Zug­ver­kehrs zum Bro­cken« so­eben ge­fei­ert.


Eine Zwangs­pau­se und ein Sa­bo­ta­ge­akt

Von hier spähte einst der Osten in den Westen
Von hier späh­te einst der Osten in den Wes­ten
30 Jahre dau­er­te die Zwangs­pau­se, nach­dem die von Natur aus baum­freie Berg­kup­pe 1961 zum streng be­wach­ten Sperr­ge­biet er­klärt wor­den war, von dem die Horch­pos­ten der So­wjets und die Stasi in den Wes­ten lausch­ten. Nach der Wende wurde die ma­ro­de, 19 km lange Schmal­spur­bahn­stre­cke zwi­schen Schier­ke und dem Bro­cken­bahn­hof für rund 20 Mil­lio­nen D-Mark sa­niert und Mitte Sep­tem­ber 1991 wie­der er­öff­net. 30.000 Schau­lus­ti­ge ent­lang der Bahn­li­nie fei­er­ten die­ses Er­eig­nis. Doch nicht alle waren von die­ser neuen Frei­heit be­geis­tert, ein Sa­bo­ta­ge­akt hätte die Jung­fern­fahrt bei­na­he ver­hin­dert: In den Näch­ten vor der Wie­der­er­öff­nung waren ein Gleis­stück her­aus ge­sägt und St­ein­bar­rie­ren auf den Schie­nen er­rich­tet wor­den. Erst eine auf­wän­di­ge Re­pa­ra­tur mach­te die Stre­cke am Er­öff­nungs­tag wie­der be­fahr­bar. Um­welt­schüt­zer dis­tan­zier­ten sich ent­schie­den von der Tat, doch auch sie waren Kri­ti­ker der Bro­cken­bahn. Sie be­fürch­te­ten, Tou­ris­ten­mas­sen und stin­ken­de Dampf­loks wür­den den zwei Tage vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung ge­grün­de­ten Na­tio­nal­park Hoch­harz schä­di­gen.


Wald­ein­sam­keit ver­sus Rei­se­pö­bel

Kurze Pause in freier Wildbahn
Kurze Pause in frei­er Wild­bahn
Kri­ti­sche Stim­men zur Bro­cken­bahn gab es schon frü­her, vor rund 90 Jah­ren, als die Bro­cken­bahn 1899 nach drei­jäh­ri­ger Bau­zeit erst­mals ihren Be­trieb auf­nahm. Die Kri­tik­punk­te waren die­sel­ben wie 1991, wenn­gleich sie wie in Hans Hoff­manns Rei­se­füh­rer »Der Harz« viel poe­ti­scher for­mu­liert waren: »Ist es nicht ganz ab­scheu­lich, sogar dem er­ha­be­nen Haup­te des Vater Bro­cken höchst­selbst den ei­ser­nen Reif um den ge­weih­ten Schä­del zu legen? Welch ein Greu­el muss es sein, wenn erst an jedem schö­nen Tage die über­füll­ten Bahn­zü­ge den zap­peln­den Rei­se­pö­bel auf die erns­te Bro­cken­kup­pe spei­en!«

Idyllisch und niedlich, die alten Dampfloks im Harz
Idyl­lisch und nied­lich, die alten Dampf­loks im Harz
Dabei konn­te anno 1899 von einer Wald­ein­sam­keit schon längst keine Rede mehr sein. Wagen und Om­ni­bus­se ver­kehr­ten in gro­ßer Zahl auf der gut aus­ge­bau­ten, stau­bi­gen Bro­cken­chaus­see bis zum Gip­fel, auf dass Zeit­ge­nos­sen die Hoff­nung heg­ten, »die alten Wege vom Wa­gen­ver­kehr [mögen] ent­las­tet wer­den, der weit stö­ren­der ist als die Ei­sen­bahn, denn da klap­pern die Züge doch nur zeit­wei­lig vor­über«.


37 Mil­lio­nen Euro Um­satz und 700.000 Tou­ris­ten

Und wie sieht es heute aus? Die Bro­cken­bahn ist eine der we­ni­gen er­hal­te­nen me­ter­spu­ri­gen Ge­birgs­bah­nen Eu­ro­pas und eine be­deu­ten­de Tou­ris­ten­at­trak­ti­on, die jähr­lich an die 700.000 Men­schen auf den Bro­cken bringt. Auf­grund der Sper­re der Bro­cken­stra­ße kann der Berg sonst nur im Fuß­marsch oder mit dem Moun­tain­bike er­klom­men wer­den. Einer Stu­die zu­fol­ge sorgt die Bro­cken­bahn für 37 Mil­lio­nen Euro Um­satz in der struk­tur­schwa­chen Re­gi­on und si­chert damit Ar­beits­plät­ze.

Die Brockenbahn und der Umweltaspekt
Die Bro­cken­bahn und der Um­welt­as­pekt
Auch der Na­tio­nal­park, der sich seit 2006 län­der­über­grei­fend von Nie­der­sach­sen bis Sach­sen-An­halt er­streckt, ist mit sei­nen Be­su­cher­zen­tren ein wich­ti­ger Tou­ris­mus­fak­tor. Er ist der größ­te Wald­na­tio­nal­park in Deutsch­land und zählt im Jahr rund 4 Mil­lio­nen Be­su­cher. Bro­cken­bahn und Na­tio­nal­park­ver­wal­tung ar­bei­ten eng zu­sam­men, ein Lie­bes­ver­hält­nis hat sich noch nicht ent­wi­ckelt. Die mit St­ein­koh­le be­feu­er­ten Dampf­loks rußen ge­wal­tig wäh­rend der Fahrt auf die Gip­fel­kup­pe, Fun­ken­flü­ge sor­gen immer wie­der für Wald­brän­de ent­lang der Stre­cke – sol­che Er­eig­nis­se sind mit den Schutz­zie­len eines Na­tio­nal­parks schwer ver­ein­bar. Doch eines ist si­cher: Beide, die Bro­cken­bahn und der Na­tio­nal­park sind aus dem Harz nicht mehr weg­zu­den­ken.


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