Rei­se­re­por­ta­ge

Die mo­bi­len Vi­si­ten­kar­ten der Grand Ho­tels.
Eine His­to­rie der Kof­fer­auf­kle­ber von Ralf Nest­mey­er

Heute sind sie kom­plett ver­schwun­den: die Kof­fer­auf­kle­ber. Frü­her ver­rie­ten sie viel über den so­zia­len Sta­tus eines Rei­sen­den. Auch Mar­le­ne Dietrich war von den gra­phisch ge­schickt ge­stal­te­ten Klein­oden fas­zi­niert – bis der Mas­sen­tou­ris­mus sie ab­schaff­te. Ein nost­al­gi­scher Rück­blick un­se­res Paris- und Lon­don-Au­tors Ralf Nest­mey­er.


Portrait Ralf NestmeyerDie Uten­si­li­en und In­si­gni­en, mit denen man sich auf Rei­sen be­gibt, ver­än­dern sich schnel­ler als die Rei­se­zie­le. Wer ver­reist heute noch mit einer Rei­se­schreib­ma­schi­ne oder einer ele­gan­ten Hut­schach­tel? Und auch die bun­ten Ho­tel­auf­kle­ber, die einst jeden Kof­fer zier­ten, sind aus der Rei­se­welt voll­kom­men ver­schwun­den.
Durch Zu­fall ent­deckt man manch­mal noch beim Stö­bern auf dem Dach­bo­den oder im Kel­ler einen ab­ge­sto­ße­nen Hand­kof­fer, der von ein paar ver­gilb­ten Auf­kle­bern ge­schmückt wird. Land­schafts­pan­ora­men aus den Schwei­zer Ber­gen oder von der Ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra las­sen er­ah­nen, wo die Groß­el­tern einst ihre Fe­ri­en ver­bracht hat­ten.


Sta­tus­sym­bol Kof­fer­auf­kle­ber

Die Ge­schich­te der Kof­fer­auf­kle­ber reicht zu­rück bis in das letz­te Vier­tel des 19. Jahr­hun­derts, als das vor­neh­me Bür­ger­tum ver­stärkt die Welt mit der Ei­sen­bahn er­kun­de­te. Um Ver­wechs­lun­gen aus­zu­schlie­ßen, wurde der Name des Gas­tes vom Ho­tel­die­ner auf ein Eti­kett ge­schrie­ben und ent­we­der am Griff des Ge­päcks be­fes­tigt oder di­rekt auf den Kof­fer ge­klebt. Wahr­schein­lich waren es dann ita­lie­ni­sche Ho­te­liers, die zu­erst das Ge­päck ihrer Gäste mit einem Auf­kle­ber ver­sa­hen.
Vor allem die Be­sit­zer der Pa­last- und Grand Ho­tels lie­ßen ihre Ho­te­le­ti­ket­ten ko­lo­rie­ren und ty­po­gra­phisch auf­wen­dig ge­stal­ten. Als­bald fa­vo­ri­sier­te man die Kof­fer­auf­kle­ber, denn sie wur­den nicht durch einen neuen Kof­feran­hän­ger er­setzt und ga­ran­tier­ten so einen lang­fris­ti­gen Wer­be­ef­fekt. Die »Lug­ga­ge La­bels«, wie sie in den eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern hei­ßen, waren nicht nur mo­bi­le Vi­si­ten­kar­ten, son­dern wur­den zu­gleich zum be­lieb­ten Sou­ve­nir.

Nicht zu­letzt war ein mit bun­ten Kof­fer­auf­kle­bern ver­se­he­nes Ge­päck­stück ein Sta­tus­sym­bol, das den Rei­sen­den als welt­er­fah­ren adel­te und gleich­zei­tig durch die Wahl der Her­ber­ge sei­nen so­zia­len Stand ver­riet. Schließ­lich konn­te es sich nicht jeder leis­ten, im Raff­les Hotel in Sin­ga­po­re oder im Win­ter Pa­lace in Luxor ab­zu­stei­gen. Mit ge­schul­tem Auge konn­ten Mi­trei­sen­de oder der Ho­tel­por­tier aus der An­zahl und der Her­kunft der Auf­kle­ber Rück­schlüs­se auf den Gast zie­hen. Daher mag es auch nicht ver­wun­dern, dass mit den Auf­kle­bern re­nom­mier­ter Ho­tels ein lu­kra­ti­ver Han­del be­trie­ben wurde.
So wie in den 1970er-Jah­ren Tra­vel­ler ihre Ruck­sä­cke und die Heck­schei­ben ihrer VW-Busse mit bun­ten Sti­ckern und Auf­kle­bern schmück­ten, so waren die Kof­fer­auf­kle­ber ein in­di­vi­du­el­les Zeug­nis für die Rei­se­lust ihrer Be­sit­zer. Die weit­ge­reis­ten Kof­fer wur­den so zu einem in­di­vi­du­el­len wie pres­ti­ge­träch­ti­gen Rei­se­poe­sie­al­bum, das mit wert­vol­len Er­in­ne­run­gen ver­knüpft war. Be­gehrt waren Auf­kle­ber mit exo­ti­schem Bei­werk sowie mit Mo­ti­ven von Schif­fen, deren klang­vol­le Namen von Ver­gnü­gungs­rei­sen über die Welt­mee­re bis hin nach Süd­ame­ri­ka er­zähl­ten.


Kon­fet­ti­be­deck­te »Ele­fan­ten« und die Welt­wirt­schafts­kri­se

Ein gro­ßer Fan von Kof­fer­auf­kle­bern war bei­spiels­wei­se Mar­le­ne Dietrich. Maria Riva, die Toch­ter der Schau­spie­le­rin, er­in­ner­te sich, dass die rie­si­gen dun­kel­brau­nen Schrank­kof­fer ihrer Mut­ter mit far­ben­präch­ti­gen Auf­kle­bern über­sät waren und »aus­sa­hen wie klei­ne kon­fet­ti­be­deck­te Ele­fan­ten. Mei­nen El­tern ge­fie­len diese Auf­kle­ber so sehr, so dass wir auf Rei­sen immer Er­satz in­klu­si­ve di­cker Bürs­ten und Kleb­stoff da­bei­hat­ten, falls ir­gend­ein Auf­kle­ber beim Trans­port ab­ge­ris­sen wurde und er­setzt wer­den muss­te.«
Die ers­ten Jahr­zehn­te des 20. Jahr­hun­derts gel­ten als das gol­de­ne Zeit­al­ter des Kof­fer­auf­kle­bers. Viele Kof­fer­auf­kle­ber aus jenen Jah­ren sind re­gel­rech­te gra­phi­sche Klein­ode. Meist han­delt es sich um ty­pi­sche Stadt- und Land­schafts­an­sich­ten, die mit dem Si­gnet des Ho­tels ver­ziert waren. Eine Gon­del im Abend­licht schmück­te den Auf­kle­ber des Grand Hotel des Bains in Ve­ne­dig, hin­ter dem Net­tu­no Hotel in Pisa ragte der schie­fe Turm in den Him­mel, und eine ver­schnei­te Win­ter­ku­lis­se weck­te die Sehn­sucht nach dem Ma­lo­ja Pa­lace im En­ga­din.

Die Welt­wirt­schafts­kri­se der 1930er-Jahre läu­te­te auch das Ende der Kof­fer­auf­kle­ber ein. Das Per­so­nal küm­mer­te sich längst nicht mehr um das Be­kle­ben des Kof­fers, und die Ho­te­liers setz­ten ver­stärkt auf an­de­re Wer­be­maß­nah­men. Im Zuge des Wirt­schafts­wun­ders und des Mas­sen­tou­ris­mus ver­lo­ren die Kof­fer­auf­kle­ber end­gül­tig ihre Be­deu­tung. Wer mit dem Auto an­reis­te und sein Ge­päck selbst aufs Zim­mer trug, konn­te auf einen Auf­kle­ber ver­zich­ten.

Mit einer Ver­zö­ge­rung von ein paar Jah­ren ver­schwan­den auch die Kof­fer­auf­kle­ber in der DDR von den Ge­päck­stü­cken.
Wer heute einen Blick auf die Ge­päck­bän­der der Flug­hä­fen wirft, ent­deckt an den Hart­scha­len- und Roll­kof­fern höchs­tens das Mar­ken­em­blem eines Rei­se­ver­an­stal­ters.