Rei­se­re­por­ta­ge

Olym­pos, eine ei­ge­ne Welt

Land­flucht wohin man blickt. Selbst in einem Dorf auf Kar­pa­thos scheint diese Ent­wick­lung längst Rea­li­tät zu sein. Antje und Gun­ther Schwab, seit 30 Jah­ren unser Au­to­ren­team zu »Kar­pa­thos« (8. Auf­la­ge 2016), sind den Spu­ren der Ver­gan­gen­heit nach­ge­gan­gen und haben einen der letz­ten Schuh­ma­cher­meis­ter in Olym­pos be­sucht. Au­ßer­dem er­zäh­len sie von den vie­len Ve­rän­de­run­gen, die sich in drei Jahr­zehn­ten er­eig­net haben: Olym­pos, eine ei­ge­ne Welt.


Portrait Antje SchwabPortrait Gunther SchwabGleich­gül­tig, von wel­cher Seite man sich Olym­pos, dem weit ab­ge­le­gen Dorf im Nor­den von Kar­pa­thos, nä­hert: ob von sei­nem sie­ben Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Hafen Diafa­ni im Osten oder von Süden aus – der An­blick ist immer wie­der über­wäl­ti­gend. An der meer­ab­ge­wand­ten Seite eines etwa 200 m hohen Berg­ke­gels kle­ben in- und über­ein­an­der ge­schach­tel­te weiße und pas­tell­far­be­ne Häu­ser­wür­fel. Über­ragt wer­den sie vom Glo­cken­turm der Dorf­kir­che. Un­ter­halb davon, ent­lang eines Ba­ches, eine grüne Oase ter­ras­sen­för­mig an­ge­leg­ter Gär­ten. In die­ser fel­si­gen Ein­öde ein über­wäl­ti­gen­der An­blick. Nicht zu Un­recht wird Olym­pos von Ken­nern der Ägäis als eines der schöns­ten und be­mer­kens­wer­tes­ten Berg­dör­fer ganz Grie­chen­lands ge­prie­sen.


Olym­pos da­mals, Olyp­mos heute

Ein weit abgelegenes Dorf im Norden von Karpathos … (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Ein weit ab­ge­le­ge­nes Dorf im Nor­den von Kar­pa­thos … (Foto: Antje und Gun­ther Schwab)
An den Berg­flan­ken zie­hen sich ober­halb und un­ter­halb der Häu­ser zahl­rei­che ver­fal­le­ne Wind­müh­len ent­lang, deren Flü­gel sich frü­her im star­ken Mel­te­mi-Wind dreh­ten. Sie zeu­gen von der eins­ti­gen Größe des Dor­fes. Diese wird auch durch die äl­te­ren Frau­en hoch­ge­hal­ten, denn noch immer tra­gen sie im All­tag eine tra­di­tio­nel­le Tracht. Sie be­steht aus einem wei­ßen Ge­wand mit hand­be­stick­ten Bor­ten an Steh­kra­gen, Saum und Bünd­chen, dar­über wird eine schwarz­grun­di­ge blu­men­ver­zier­te Schür­ze ge­bun­den. Die Haare sind von eben­falls blu­men­ver­zier­ten, dunk­len Kopf­tü­chern ver­deckt, die Beine ste­cken in hohen Stie­feln, den Stiva­nia, die frü­her auch die Män­ner ge­tra­gen haben. Trotz aller Ve­rän­de­run­gen in den letz­ten Jahr­zehn­ten – Olym­pos ist immer noch eine ei­ge­ne Welt.
Na­tür­lich hat sich vie­les ge­än­dert, seit wir vor über 30 Jah­ren zum ers­ten Mal mit un­se­rem alten »Deux Chevaux« auf dem Park­platz vor dem Dorf an­ka­men. Letz­te­rer ist um ein Viel­fa­ches grö­ßer ge­wor­den, die Tou­ris­ten spei­sen heute nicht mehr in der Wohn­stu­be bei ihren Zim­mer­wir­ten, son­dern in den zahl­rei­chen Re­stau­rants ent­lang der Haupt­gas­se. In vie­len Shops wer­den Sou­ve­nirs an­ge­bo­ten, die meis­ten Be­woh­ner haben dem Dorf den Rü­cken ge­kehrt, die Schu­le wird nur noch von 20 Kin­dern be­sucht. Die Liste ließe sich end­los fort­set­zen … Selbst die alten Hand­werks­be­trie­be sind aus­ge­stor­ben.
Schon lange hat die Schmie­de ge­schlos­sen. Gut er­in­nern kön­nen wir uns noch an den gast­freund­li­chen Mül­ler Chal­ki­as, an des­sen Mühle wir saßen und be­ob­ach­te­ten, wie eine Frau einen Sack Mehl auf dem Rü­cken weg­schlepp­te, und ein Esel neues Ge­trei­de brach­te. Auch der Holz­löf­fel­ma­cher ist uns in bes­ter Er­in­ne­rung; vor we­ni­gen Jah­ren hat er seine Werk­statt für immer zu­ge­macht. Eben­so wie die We­be­rin, von der wir immer den neu­es­ten Dorf­tratsch er­fah­ren haben …


Der Letz­te sei­ner Art

Der Letzte seiner Art oder Schuhmachermeister Prearis bei seiner Arbeit (Foto: Antje und Gunther Schwab)
Der Letz­te sei­ner Art oder Schuh­ma­cher­meis­ter Prea­ris bei sei­ner Ar­beit (Foto: Antje und Gun­ther Schwab)
Trotz al­le­dem: In der Haupt­gas­se gibt es immer noch ein Re­likt aus der alten Hand­wer­ker­zeit, eine der Schuh­mach­er­werk­stät­ten, von denen es im Dorf vor 50 Jah­ren eine Hand­voll ge­ge­ben hat. Schuh­ma­cher­meis­ter Jan­nis Prea­ris er­zählt uns von sei­nem Beruf. In sei­ner Fa­mi­lie habe die Schuh­ma­che­rei eine lange Tra­di­ti­on, Uropa, Groß­va­ter, ei­ni­ge Onkel, Vater, alle seien sie schon die­sem Hand­werk nach­ge­gan­gen. Nun sei er der Letz­te, der noch in Hand­ar­beit die Stiva­nia, diese ganz be­son­de­ren Stie­fel, her­stel­le und re­pa­rie­re.
40 Ar­beits­stun­den sind dazu nötig, was den Preis von etwa 400 € er­klärt. Das helle Zie­gen­le­der dafür stammt von kar­pa­thio­ti­schen Zie­gen, und selbst­ver­ständ­lich er­le­digt Jan­nis das Ger­ben selbst. Unten am Bach ver­ar­bei­tet er die rohen Tier­häu­te mit Hilfe von Asche, Kalk, Kräu­tern und Hüh­ner­mist in einer klei­nen Werk­statt zu Leder. Spä­ter reibt er es mit Oli­ven­öl und Schwei­ne­fett ein: damit es ge­schmei­dig wird.

40 Arbeitsstunden sind für ein Paar Stivania nötig (Foto: Antje und Gunther Schwab)
40 Ar­beits­stun­den sind für ein Paar Stiva­nia nötig (Foto: Antje und Gun­ther Schwab)
Mit den alten Werk­zeu­gen sei­nes Va­ters stellt der Schuh­ma­cher dann in müh­sa­mer Hand­ar­beit die tra­di­tio­nel­len Stie­fel her – ganz so wie die zu­künf­ti­ge Be­sit­ze­rin es will. Denn jedes Paar ist ein Uni­kat, wird in­di­vi­du­ell an­ge­passt und ganz nach Wunsch ge­stal­tet.
Die Stie­fel­spit­ze der Schu­he setzt Jan­nis mit brau­nem, rotem oder schwar­zem Leder ab und ver­schö­nert sie mit far­bi­gen Zi­er­näh­ten. Han­delt es sich um Ar­beits­stie­fel, ist der Stie­fel­schaft be­son­ders lang – schließ­lich müs­sen die Frau­en im Ge­län­de vor Dor­nen, spit­zen St­ei­nen oder Schlan­gen­bis­sen ge­schützt sein. Und weil die Pfade im Nor­den von Kar­pa­thos oft stei­nig und ver­wur­zelt sind, fer­tigt Jan­nis die Soh­len der Ar­beits­stie­fel aus dem di­cken Gummi alter Au­to­rei­fen. Eine tra­di­ti­ons­be­wuss­te Olym­bi­tin be­sitzt aber noch ein zwei­tes Paar Stiva­nia, und zwar mit einer Sohle aus Leder. Die­ses Paar trägt sie an Fei­er­ta­gen.


Schuh­ma­cher, Lau­to­spie­ler und Mo­de­ra­tor in Per­so­nal­uni­on

In Olympos wird die traditionelle Tracht noch hochgehalten (Foto: Antje und Gunther Schwab)
In Olym­pos wird die tra­di­tio­nel­le Tracht noch hoch­ge­hal­ten (Foto: Antje und Gun­ther Schwab)
Neben den Stie­feln stellt Jan­nis au­ßer­dem noch die bunt ver­zier­ten Pan­toff­les aus schwar­zem Lack­le­der her, die an Fei­er­ta­gen von den jun­gen Mäd­chen zu deren tra­di­tio­nel­ler Fest­tags­tracht ge­tra­gen wer­den. Dabei han­delt es sich meist um ein grell­bun­tes oder wei­ßes Kleid (heute aus Syn­the­tik), des­sen Rock auf­wän­dig in Plis­see­fal­ten ge­bü­gelt ist.
Doch von Le­der­pan­tof­feln und Stie­feln al­lein, so er­zählt er uns, könne er nicht leben, und des­halb fer­tigt Jan­nis zudem auch San­da­len, Gür­tel, Ta­schen und vie­les mehr aus Leder an. Diese Hand­werks­ar­bei­ten wer­den dann im an die Werk­statt an­ge­schlos­se­nen Sou­ve­nir­la­den ver­kauft.
Und am Abend, wenn die Ar­beit be­en­det ist, geht der Schuh­ma­cher, der üb­ri­gens auch ein ex­zel­len­ter Lau­to­spie­ler ist, sei­nem ganz be­son­de­ren Hobby nach und mo­de­riert das In­ter­net-Radio Olym­pos. Auf der Fre­quenz 100.2 FM hält er Kon­takt mit Freun­den aus der gan­zen Welt. Hören Sie doch mal rein!


Rei­se­prak­ti­sches

Man er­reicht Olym­pos vom In­sel­sü­den ent­we­der mit dem Miet­fahr­zeug auf der mitt­ler­wei­le ge­teer­ten Stra­ße (ca. 2 St­un­den) oder in der Sai­son von Mai bis Ok­to­ber täg­lich mit dem Aus­flugs­boot. Die­ses fährt Olym­pos’ Ha­fen­ort Diafa­ni an, von dort gibt es einen Bus­trans­fer. Im Som­mer kann man Olym­pos auch ein­mal wö­chent­lich mit dem Li­ni­en­bus vom Haupt­ort Pi­ga­dia an­steu­ern.