Rei­se­re­por­ta­ge

Ko­lum­bi­en
oder Dein ein­zi­ges Ri­si­ko

Vol­ker Feser ist ein Über­zeu­gungs­tä­ter. Sein Rei­se­füh­rer »Ecua­dor«, un­längst in der 5. Auf­la­ge 2010 er­schie­nen, wurde von Me­ri­an als »Ecua­dor-Bibel« be­zeich­net. Un­se­ren Autor, der in Quito ein Rei­se­bü­ro be­treibt, hat es für die­sen News­let­ter über die Gren­zen hin­aus ge­zo­gen, ge­nau­er: nach Ko­lum­bi­en, das in den Köp­fen vie­ler Ur­lau­ber noch immer mit Dro­gen­kri­mi­na­li­tät, Ban­den- und Bür­ger­krieg in Ver­bin­dung ge­bracht wird. Doch wie ver­hält es sich mit der All­tags­wirk­lich­keit? Vol­ker Feser hat re­cher­chiert und aus­pro­biert.


Portrait Volker FeserMit einem ga­lan­ten wie rei­se­lus­ti­gen Bre­mer Ehe­paar um die 75, im Auto quer durch Ko­lum­bi­en? Alle hiel­ten mich für ver­rückt. Vor allem die deut­sche Bot­schaft in Quito: »Herr Feser, wenn Sie ent­führt oder von einer Ra­ke­te be­schos­sen wer­den, kön­nen Sie nicht den deut­schen Staat zur Ver­ant­wor­tung zie­hen. Das Ri­si­ko liegt ganz bei Ihnen.« Das freund­li­che ko­lum­bia­ni­sche Kon­su­lat war hin­ge­gen be­geis­tert. »Señor Feser, Ihr ein­zi­ges Ri­si­ko be­steht darin, dass Sie bei uns blei­ben wol­len!«

Kurz vor der Gren­ze hielt ich am Rand der Pan­ame­ri­ca­na und sagte zu Bruno, er solle sich sein Che-Gue­va­ra-T-Shirt aus­zie­hen. Bruno war Palm­öl­bau­er und wie mein zwei­ter Be­kann­ter, der Au­to­me­cha­ni­ker Pedro, mein per­sön­li­cher »Be­gleit­schutz« bis zur An­kunft in Bo­go­tá, frei­lich eher im Hin­blick auf ein Pan­nen­ri­si­ko. Es dürf­te kein Spaß sein, al­lei­ne einen ton­nen­schwe­ren Pa­th­fin­der an­schie­ben zu müs­sen. Unter Pro­test wech­sel­te Bruno das T-Shirt. Ein klit­ze­klei­nes De­tail, zu­ge­ge­ben, doch ich woll­te kein un­nö­ti­ges Ri­si­ko ein­ge­hen, denn eine mo­na­te­lan­ge Pla­nung lag vor die­ser Reise. Jetzt end­lich schien ich alles im Griff zu haben. Wäh­rend sich der Palm­öl­bau­er schmol­lend auf dem Rück­sitz ver­kroch, mach­te es sich der Au­to­me­cha­ni­ker auf dem Co­pi­lo­ten­sitz be­quem. Ground Con­trol to Major Tom: Freie Fahrt vor­aus!
Der ko­lum­bia­ni­sche Zoll­chef er­wies sich als äu­ßerst zu­vor­kom­men­der Mensch. Nach dem Pa­pier­kram stell­te er sich vor sein Zoll­haus, um uns jeg­li­che Kon­trol­le zu er­pa­ren. »Qué les vaya muy bien – auf dass es Euch sehr gut er­ge­he!« Meine Gäste aus Bre­men soll­ten über­mor­gen mit Air Fran­ce in Bo­go­tá ein­tref­fen.


Von qua­dra­ti­schen Nasen und tri­um­phie­ren­den Dä­um­lin­gen

Autor, Reiseveranstalter und Überzeugungstäter Volker Feser
Autor, Rei­se­ver­an­stal­ter und Über­zeu­gungs­tä­ter Vol­ker Feser
Auf hal­bem Wege zwi­schen Quito und Bo­go­tá (Hin­fahrt) bzw. Me­del­lín und Quito (Rück­fahrt) liegt die »Weiße Stadt« Po­pa­yan, ein ers­tes High­light, das zudem mit einem früh­som­mer­li­chem Klima punk­tet. Es wird tags­über weder tro­pisch schwül noch abends emp­find­lich kühl wie in hö­he­ren An­den­la­gen. Eine elf­bögi­ge St­ein­brü­cke von 1873 ver­bin­det die Neu­stadt mit dem ko­lo­nia­len Zen­trum. Des­sen Fas­sa­den wur­den frisch re­no­viert und er­strah­len abends in de­zen­tem Glanz. An einer ein­sam vor sich hin­rot­ten­den Ein­gangs­stü­re kleb­te noch ein halb­zer­fetz­tes Kopf­geld-Pos­ter mit Pablo Es­co­bars Kon­ter­fei: ein skur­ri­les Re­likt aus Ko­lum­bi­ens span­nungs­ge­la­de­ner Gangs­ter­bio­gra­fie? Oder hatte es je­mand aus der Ver­sen­kung ge­holt und er­neut hin­ge­pappt? Um einer »guten« alten Ära zu hul­di­gen?

Auf der Suche nach dem Hotel Ca­mi­no Real ver­lo­ren wir uns in den ver­stopf­ten Ein­bahn­stra­ßen (www.ho­tel­ca­mi­no­re­al.com.co). Als wir einen Mann nach dem Weg frag­ten, bot sich die­ser gleich an, bei uns ein­zu­stei­gen, um uns zu füh­ren. »Das macht über­haupt keine Um­stän­de«, sagte er. Zum Dank luden wir ihn auf einen Ca­puc­chi­no in der hüb­schen Ca­fe­te­ría Kal­di­via beim Hotel in der Calle 5 ein. Er lehn­te höf­lich ab: »Ein an­der­mal, Ihr seid be­stimmt sehr müde, es war mir ein Ver­gnü­gen!«

Nur we­ni­ge Schrit­te vom Hotel be­fin­det sich der noble Par­que Cal­das. Des­sen Merk­mal ist nebst der Ba­si­li­ka der qua­dra­ti­sche Uhr­turm »Torre del Reloj«, im Volks­mund »die Nase«. In diese steigt fer­ner der süß­li­che Duft von glim­men­den Hanf­stän­geln, zu­min­dest für den, der am fa­kul­täts­na­hen Haus­berg »El Morro« zu den fi­de­len Kom­mi­li­to­nen hin­auf­spa­ziert, auch letz­te­res völ­lig ri­si­ko­frei!

Das olle Image von hoher Kri­mi­na­li­täts­ra­te und nicht enden wol­len­dem Bür­ger­krieg be­gann zu brö­ckeln und ent­spricht heute nur noch be­dingt den Tat­sa­chen. In Wahr­heit haben die Ko­lum­bia­ner die Nase ge­stri­chen voll von Ge­walt, Gu­er­ril­la und Ko­ka­in­wahn. Be­reits auf der Wei­ter­rei­se ent­lang des schö­nen Valle del Cauca konn­ten wir uns davon über­zeu­gen. Uri­bes »de­mo­kra­ti­sche Si­cher­heits­po­li­tik« ist all­ge­gen­wär­tig. Von über­kor­rek­ten bis un­be­stech­li­chen Ver­kehrs­po­li­zis­ten wur­den wir prompt ge­dutzt. Ein herz­haf­tes Sha­ke­hands durchs her­un­ter­ge­kur­bel­te Sei­ten­fens­ter war meist die erste Re­ak­ti­on. Ein freund­li­ches »Wohin soll’s denn gehen?« die zwei­te. Selbst die vie­ler­orts am Stra­ßen­rand pos­tier­ten, bis an die Zähne be­waff­ne­ten Sol­da­ten, schie­nen uns um­gäng­li­cher als ge­wis­se Be­am­te des ecua­do­ria­ni­schen Frem­den­ver­kehrs­am­tes zu sein. Sie grü­ßen Vor­bei­fah­ren­de spo­ra­disch mit einem hoch­ge­hal­te­nen Alles-in-bes­ter-Ord­nung-Dau­men, das M16-Sturm­ge­wehr immer im An­schlag. Auf einer tarn­far­be­nen Tafel stand: »Wir alle sind Hel­den, reise du ganz ent­spannt, denn deine Armee sorgt für Si­cher­heit.« Wobei na­tür­lich nicht alle meine po­si­ti­ve Mei­nung dazu tei­len: www.uni-kas­sel.de. Aber wir fühl­ten uns bald auch auf ein­sa­men Pana-Ab­schnit­ten und Ne­ben­stre­cken – fast – wie in Abra­hams Schoß. Stra­ßen­räu­ber sind wohl eher Man­gel­wa­re, eine ter­ro­ris­ti­sche Stra­ßen­sper­re wäre quasi ein Un­ding.

Die meis­ten Car­re­te­ras sind üb­ri­gens in ein­wand­frei­em Zu­stand, die Be­schil­de­rung ist je­doch zu­wei­len un­zu­läng­lich. Hilf­reich Aus­kunft er­teilt un­ter­wegs prak­tisch JEDER. Auto- und Mo­tor­rad­fah­rer boten sich immer wie­der an, um vor­aus­zu­fah­ren und uns auf den rich­ti­gen Weg zu ge­lei­ten.


Die »Kaf­fee-Achse« und der Urahn aller Jeeps

Durch die vo­luptös ge­schwun­ge­ne Land­schaft des Eje Ca­fe­te­ro schlän­gelt sich die »Au­to­pis­ta del Café«. Sie war­tet neben er­le­se­nen »Magic Beans« aus baum­be­schat­te­tem Anbau mit vie­len ar­chi­tek­to­ni­schen Blick­fän­gen und den teu­ers­ten Maut­ge­büh­ren des Lan­des auf. In­mit­ten aro­ma­reichs­ter Ara­bi­ca-Plan­ta­gen kann in char­man­ten Ha­ci­en­das aus dem 19. Jahr­hun­dert über­nach­tet wer­den, z. B. in der Mu­se­ums-Finca La Ca­baña bei Cal­ar­cá (www.club­ha­ci­en­das­del­ca­fe.com). Aus­flugs­tipps: Kaf­fee­kult-Ha­ci­en­da Re­cu­ca (www.re­cu­ca.com), eine Vier­tel­stun­de süd­lich von Cal­ar­cá und Ar­me­nia. Im lau­schi­gen Valle del Co­co­ra wächst indes die Na­tio­nal­pflan­ze, die bis zu 50 m hohe Wach­spal­me »Palma de Cera« (Cer­oxy­lon quin­di­uen­se). Sie braucht ei­ni­ge Jahr­zehn­te, um diese Höhe zu er­rei­chen. Von hier star­ten Reit- und Trek­king­tou­ren in den wald­rei­chen Na­tio­nal­park Los Ne­va­dos mit sei­nen über 5.000 m hohen Vul­ka­nen. Kult­sta­tus ge­nie­ßen auch die vor­sint­flut­li­chen Wil­lys, jeder für sich eine Le­gen­de unter den kriegs­er­prob­ten Jeeps, hier nied­li­cher­wei­se »me­cha­ni­sche Esel­chen« ge­nannt. Einer ko­lo­rier­ter als der an­de­re rei­hen sie sich zu Dut­zen­den in den pit­to­res­ken Städt­chen Sa­len­to, Fi­lan­dia und Píjao um die Plaza, um ihre Fahr­diens­te an­zu­bie­ten. So manch schnauz­bär­ti­ger Be­sit­zer lehnt je­doch wie ein Do­nald Duck mit He­xen­schuss unter der auf­ge­klapp­ten Mo­tor­hau­be, um fest­zu­stel­len, woran es ge­ra­de wie­der lie­gen könn­te.


Der epo­cha­le Zau­ber ko­lum­bia­ni­scher Städ­te

Villa de Leyva oder Die größte Plaza Kolumbiens
Villa de Leyva oder Die größ­te Plaza Ko­lum­bi­ens
Nach­dem ich mit mei­nen ein­ge­flo­ge­nen Bre­mer Gäs­ten zwei ver­gnüg­li­che Tage in Bo­go­tá ver­brach­te (das Gold­mu­se­um ist Pflicht), ging es zu­nächst auf die Au­to­pis­ta del Norte. Unser Au­gen­merk galt die­sen fa­bel­haf­ten Ko­lo­ni­al­städt­chen, wo die guten alten Zei­ten nicht nur in einem Gold­rah­men fest­ge­hal­ten wer­den. Le­ben­di­ge Frei­luft­mu­se­en vol­ler Aura, All­tag, An­ek­do­ten und Anachro­nis­men, voll Men­schen, Mo­peds, Mußen und Me­ta­phern, Stil­le­ben, St­ein­kreu­zen und hast­lo­ser Be­schau­lich­keit, mit Fahr­rä­dern ohne Gang­schal­tung und von Eseln ge­zo­ge­nen Frucht­stän­den, mit Blu­men­töp­fen auf ge­drech­sel­ten Ba­lus­tra­den, kar­fun­kel­ro­ten Zie­gel­dä­chern und tür­kis­blau­en La­mel­len­lä­den in blü­ten­wei­ßen Mau­ern: 180 km nörd­lich der Zehn-Mil­lio­nen-Haupt­stadt liegt das welt­be­rühm­te Villa de Leyva mit sei­nen grob­schläch­ti­gen Pflas­ter­stei­nen und krei­de­blei­chen Häu­ser­fron­ten unter einem en­zi­an­blau­en Him­mel. Von mo­nu­men­ta­ler Gra­zie ist die Plaza, mit 14.000 qm die al­ler­größ­te Ko­lum­bi­ens. Tou­ris­ten sind hier zu­recht schon lange keine Sel­ten­heit mehr.

Ins­ge­heim gilt je­doch Ba­ri­cha­ra als das schöns­te »Pue­blo« des Lan­des. Schnur­stracks zie­hen sich die ge­drun­ge­nen, immer frisch ge­stri­che­nen Häu­schen ent­lang der hü­ge­li­gen St­ein­plat­ten­stra­ßen auf einem Hoch­pla­teau über dem Río Suá­rez. Der aus dem in­dia­ni­schen Guane stam­men­de Orts­na­me ist über­setzt »ein idea­ler Ort für eine Rast«. Er liegt 445 km nörd­lich von Bo­go­tá und 100 km süd­lich von Bu­ca­ra­man­ga.

Straßenszene in Honda
Stra­ßen­sze­ne in Honda
Das Gas­sen­ge­wirr im Zen­trum von Honda strotzt in­des­sen nur so vor Ka­ri­bik-Flair. Die »Stadt der Brü­cken« er­in­nert an die Pi­ra­ten­fil­me mei­ner Kind­heit. Hier­her ge­lang­ten die Schif­fe von den An­til­len über den Río Mag­da­le­na fluss­auf­wärts zum eins­ti­gen Hafen von Bo­go­tá. Honda liegt 110 km nord­west­lich von Bo­go­tá und 220 km süd­öst­lich von Me­del­lín. Hotel-Tipp: Belle Epo­que (www.ca­sa­bel­lee­po­que.com).

Nur 78 km nord­west­lich von Me­del­lín liegt das far­ben­fro­he Santa Fé de An­ti­oquía mit sei­nen klo­bi­gen Mau­er­so­ckeln aus Fluss­stei­nen, statt­li­chen Por­ta­len, ge­schnitz­ten Fens­ter­git­tern und Stroh­hut tra­gen­den Cam­pe­si­nos (Land­ar­bei­ter) unter den Son­nen­schir­men auf der Plaza. Die breit ge­rin­gel­ten »som­bre­ros vu­el­tia­os« aus einer Palm­fa­ser sind das kul­tu­rel­le Mar­ken­zei­chen Ko­lum­bi­ens.
Ab­ge­le­ge­ne 180 km nörd­lich von Bu­ca­ra­man­ga schmiegt sich Playa de Belén, der »Strand von Beth­le­hem«, dorn­rös­chen­haft zwi­schen die ero­dier­ten So­ckel, Zin­nen und au­ßer­pla­ne­ta­risch an­mu­ten­den Rie­sen­phallu­se des geo­mor­pho­lo­gi­schen Se­di­ment­wal­des Los Esto­raques. Die streng in Reih und Glied an­ge­ord­ne­ten Häu­schen die­ses blitz­blan­ken Do­mi­ni­ka­ner­dor­fes wir­ken wie aus dem Ei ge­pellt.


Der wild­ge­wor­de­ne Tor­hü­ter von Me­del­lin

Ko­lo­nia­le Fas­sa­den und pit­to­res­ke Gas­sen weit ge­fehlt. Aber Me­del­lín ist ein High­light, pro­gres­siv, cha­rak­ter­stark und vol­ler Ener­gie, ein Vor­bild für an­de­re Mill­lio­nen­städ­te Latein­ame­ri­kas. Zumal die Mor­dra­te seit den 90er Jah­ren um ca. 90 % ge­senkt wer­den konn­te. Phä­no­me­nal ist die mo­der­ne Metro (S-Bahn), von Sie­mens und AEG ge­baut. Hin­ge­gen sind Seil­bah­nen (Metro-Ca­bles) als Mas­sen­trans­port­mit­tel nicht nur eine ko­lum­bia­ni­sche Er­fin­dung, son­dern auch der wahre Stolz der pfif­fi­gen »Paisas«, wie die Be­woh­ner Me­del­líns land­läu­fig hei­ßen. Ein be­son­de­res Er­leb­nis ist die ins­ge­samt 6,6 km lange Gon­del-Fahrt von der Metro-Sta­ti­on Ace­ve­do ins Ar­men­vier­tel Santo Do­min­go Savio (um­stei­gen) und wei­ter hin­auf in den aus­sichts­rei­chen Arví-Park. Spä­tes­tens hier wurde Pablo Es­co­bar auch im über­tra­ge­nen Sinne zu Grabe ge­tra­gen. So­zu­sa­gen Schnee von ges­tern.

Die Con­nec­tion Me­del­lín, das eins­ti­ge Dro­gen­kar­tell, ent­puppt sich heute als pop­pi­ger, le­bens­fro­her Schmet­ter­ling. Meine kunst­er­fah­re­nen Gäste aus Bre­men, Fans des hier ge­bo­re­nen, welt­be­rühm­ten Ma­lers Fer­nan­do Bo­te­ro, waren be­geis­tert. Mein Me­del­lín-Idol ist je­doch ein ganz an­de­rer. Der im lo­ka­len Klub At­lé­ti­co Na­cio­nal zu Ruhm er­ko­re­ne René Hi­gui­ta ist für mich der auf­re­gends­te Tor­wart der Welt. Sein »Skor­pi­on« im Lon­do­ner Wem­bley-Sta­di­on schrieb Fuß­ball­ge­schich­te (www.youtube.com). Er hatte die­sen lange zuvor im Knast geübt. Eben­so ris­kant waren seine Es­ka­pa­den bis weit über die Mit­tel­li­nie in Rich­tung geg­ne­ri­sches Ge­häu­se. Auch beim WM-Spiel 1990 gegen Deutsch­land drib­bel­te sich Hi­gui­ta völ­lig los­ge­löst hin­aus in die be­frei­en­de Arena, wäh­rend seine un­ge­zähm­te Pe­ga­sus­mäh­ne wie eine fah­nen­flüch­ti­ge Rock ’n' Roll-Stan­dar­te im Rausch des to­sen­den Bei­fall­sturms um­her­flat­ter­te. Was für ein Spek­ta­kel! Die blas­sen, bie­de­ren, haus­ba­cke­nen Klins­män­ner konn­ten den Kas­ten des pflicht­ver­ges­se­nen »Loco« trotz­dem nur ein­mal kna­cken: En­der­geb­nis 1:1. We­ni­ge Spie­le spä­ter stell­te sich her­aus: Ko­lum­bi­en hatte dem Welt­meis­ter ge­trotzt!


Su­per­la­ti­ven und Schön­hei­ten eines Lan­des

Am einsamen Strand von Morromico
Am ein­sa­men Strand von Mor­ro­mi­co
Mor­ro­mi­co muss das wild­ro­man­tischs­te Gäste­haus an der süd­ame­ri­ka­ni­schen Pa­zi­fik­küs­te sein. Es steht völ­lig solo am 120 m brei­ten (!) Sand­strand eines jung­fräu­li­chen Meer­bu­sens, des­sen Anmut selbst Chris­to­pher Ko­lum­bus vor Schief­mäu­lig­keit er­blas­sen ließe. Gleich da­hin­ter wu­chert dich­ter Dschun­gel mit kris­tall­kla­ren Kas­ka­den-Whirl­pools im Na­tur­wun­der Utría-Na­tio­nal­park. Die längst er­wach­se­nen Blu­men­kin­der Ja­vier und »La Negra« sor­gen sich wäh­rend der Ro­bin­so­na­de ums leib­li­che Wohl der Gäste. Diese wer­den per­sön­lich am Flug­platz in Nuqui ab­ge­holt, eine Boots­stun­de süd­lich von Mor­ro­mi­co, eine Flug­stun­de west­lich vom in­ner­städ­ti­schen Avio­ne­ta-Aer­opu­er­to Olaya Her­re­ra in Me­del­lín (www.ada-aero.com oder www.sa­te­na.com). Den Wolke-Sie­ben-Blick auf die zwi­schen Palm­we­del und We­ber­nes­ter im Ozean ver­sin­ken­de, glut­ro­te Sonne hat das rus­ti­ka­le Zim­mer ganz oben un­term Dach, dort wo Ara »Free« am lau­tes­ten krächzt (www.mor­ro­mi­co.com).

In der Altstadt von Cartagena
In der Alt­stadt von Car­ta­gena
Über Car­ta­gena möch­te ich schon aus Platz­grün­den nur wenig be­rich­ten: die Crème de la Crème, my­thi­sches Welt­kul­tur­er­be, wo Gold- und Sma­ragd­schät­ze in den Bäu­chen spa­ni­scher Ga­lee­ren ver­schwan­den, wo Kor­sa­ren unter der To­ten­kopf­lag­ge Angst und Schre­cken ver­brei­te­ten. Aber selbst Fran­cis Drake schei­ter­te an den un­ein­nehm­ba­ren Boll­wer­ken und Tun­nella­by­rin­then. An­ders als in den ri­si­ko­rei­chen Zei­ten von Skor­but, Ka­no­nen­ku­geln und En­ter­ha­ken schau­en heute blu­men­um­rank­te Bal­ko­ne auf die ma­le­ri­schen Ko­lo­ni­al­gas­sen herab, und of­fe­ne Pfer­de­kut­schen mit eng um­schlun­ge­nen Lie­be­spä­ar­chen prä­gen den Ver­kehr. Die »Ci­udad Amu­ral­la­da«, die Alt­stadt von Car­ta­gena, ist ein Muss bei jeder Ko­lum­bi­en-Reise! Ge­hei­mer Aus­flugs­tipp: 5 Fahr­stun­den süd­lich davon, auf einer Insel im rie­si­gen Schwemm­land des Mag­da­le­na-Flus­ses, hat das drü­ckend schwü­le Welt­kul­tur­er­be Mom­pox mit hit­ze­gestraf­ten Be­woh­nern und all­abend­li­chen Fro­sch­or­ches­tern auf­zu­war­ten. »Río Mag­da­le­na lass mich rüber« lau­tet der be­rühm­te Volks­liedre­frain über diese Le­bens­ader Ko­lum­bi­ens. Be­reits Simón Bolívar ritt 1812 schweiß­über­strömt hier ein. Schnu­cke­lig ist das Kirch­lein Santa Bar­ba­ra, schmud­de­lig sind die Pi­ra­ten­bei­zen am Fluss­ufer. Für Vi­deo­fil­mer: Hier drehst du DIE Sze­nen aus Ga­bri­el Gar­cía Már­quez fan­tas­ma­go­ri­schem Dorf »Ma­con­do«! Ho­tel­tipp: Por­tal de la Mar­que­za (www.por­tal­del­amar­que­za.over-blog.com).

Im Anflug auf Old Providence
Im An­flug auf Old Pro­vi­dence
Auf Old Pro­vi­dence ster­ben die Men­schen nicht, sie wer­den le­dig­lich be­gra­ben, um unter der Erde wei­ter­le­ben zu kön­nen. So der Glau­be sei­ner fried­fer­ti­gen Be­woh­ner, einer eth­ni­schen Min­der­heit aus ehe­ma­li­gen Skla­ven und bri­ti­schen Sied­lern. Die »Blume des Mee­res«, ein 17 qkm klei­nes ko­lum­bia­ni­sches Ei­land vor der Küste Ni­ca­ra­gu­as, be­sitzt Ele­men­te der bi­bli­schen Be­schrei­bung vom Pa­ra­dies: eine lieb­li­che Hü­gel­land­schaft mit Frisch­was­ser­quel­len und tro­pi­schem Ur­wald, wo saf­ti­ge Mango­früch­te flugs von den Bäu­men her­ab­fal­len. We­ni­ge Boots­mi­nu­ten off shore liegt das dritt­gröss­te Koral­len­riff der Welt, ein pracht­voll schil­lern­des Uni­ver­sum vol­ler Far­ben, For­men und fa­bel­ar­ti­ger Wesen. Das Ka­ri­bi­sche Meer zeigt sich hier von sei­ner ur­sprüng­lichs­ten Seite. Am auf­re­gends­ten ist ein Schnor­chel­aus­flug zum neun See­mei­len ent­fern­ten »Faro« am nörd­li­chen Ende des 32 Ki­lo­me­ter-Riffs. Wer sich hier in der sanf­ten Strö­mung an einem der ko­los­sa­len Koral­len­pil­ze fest­krallt, will das trans­lu­zi­de Was­ser nie mehr ver­las­sen: Dok­tor-, Ham­let-, Igel-, Kai­ser-, Kof­fer-, Maid-, Mar­ga­ri­ten-, Pa­pa­gei­en- und Eich­hörn­chen­fi­sche, Rot- und Fe­en­bar­sche, Re­gen­bo­gen­wras­sen und blau­ge­streif­te Süß­lip­pen­grun­zer – wahre Welt­klas­se! Der Bootschar­ter zum »Leucht­turm« kos­tet al­ler­dings 250 Euro. Agen­tur-Tipp: Body Con­tact von Jen­ni­fer Arch­bold: www.old­pro­vi­dence.com.co.

An der South West Bay
An der South West Bay
Am spä­ten Nach­mit­tag emp­fiehlt sich ein Spa­zier­gang in der we­sent­lich güns­ti­ge­ren South West Bay (Hotel-Tipp: Miss Mary von Jaime Arch­bold, www.pro­vi­den­ciae­spa­si­on.com), vor­zugs­wei­se zu einer der frei­en Hän­ge­mat­ten im Pal­men­hain vor Richards Kiosk. »Live free or die!« steht auf dem Holz­schild des ex­tra­breit grin­sen­den Ras­ta­fa­ri. Davor rä­kel­ten sich ge­ra­de ein paar Leute am Lido, an­de­re ki­cher­ten ent­rückt oder wat­schel­ten ver­zückt ins Meer. Da er­späh­te ich im Schat­ten ihre kaf­fee­brau­nen, nicht enden wol­len­den Beine aus einem ge­streif­ten Chai­se­longue her­aus­bau­meln. In ihrer nacht­far­be­nen Afro­krau­se steck­te eine blu­to­ran­ge­far­be­ne Haar­span­ge.
Richards Kiosk …
Richards Kiosk …
Zwi­schen ihren Fin­gern glimm­te ein fet­ter Joint. Eine hü­nen­haf­te Fuß­ze­he spritz­te schnip­pisch eine La­dung Sand nach mir. Um Haa­res­brei­te hätte ich sie durch die Blume hin an­ge­spro­chen, be­stell­te aber erst­mal einen ras­sig dra­pier­ten Co­co­nut-Cock­tail, und mus­ter­te die feu­ri­ge, in die spie­gel­glat­te Bahía ein­tau­chen­de Son­nen­ku­gel. Es ver­ging keine Mi­nu­te und ich saug­te am her­um­ge­reich­ten Dü­se­rich der Ge­la­de­nen. »Don’t bo­gart that my fri­end!«

Gegen Ende die­ser Reise be­stand mein ein­zi­ges Ri­si­ko ei­gent­lich nur noch darin, dass mich meine Bre­mer Be­glei­ter in die­sem Rausch der Sinne er­tap­pen könn­ten. Pero así es mi Co­lom­bia – aber so ist nun­mal mein Ko­lum­bi­en!


An­rei­se-Infos von Ecua­dor

Gondeln über der Stadt. Die Metro Cables von Medellín
Gon­deln über der Stadt. Die Metro Ca­bles von Me­del­lín
Ko­lum­bi­en ist von Quito aus leicht per Flie­ger zu er­rei­chen. Mit Lan und Taca geht es täg­lich di­rekt nach Me­del­lín, Flug­zeit 1,5 St­un­den. Oft­mals gibt es Last-Mi­nu­te-Ta­ri­fe. Avi­an­ca, Copa, Aero Re­púb­li­ca und Ae­ro­gal flie­gen täg­lich nach Bo­go­tá. Von bei­den Städ­ten gibt es zahl­rei­che An­schluss­flü­ge, so z. B. nach Car­ta­gena. Ein dich­tes Flug­netz mit al­ler­lei Air­lines deckt das ganze Land ab, selbst ent­le­ge­ne Orte. Es gibt zudem Bus­ver­bin­dun­gen ab Quito: mit Rutas de Ame­ri­ca (www.ru­ta­sen­bus.com) jeden Mi und Sa über Pal­mi­ra (bei Cali) und Ar­me­nia (»Eje Ca­fe­te­ro«) nach Bo­go­tá; mit Or­me­ño (www.grupo-or­me­no.com.pe) Mi und Sa über Cali nach Bo­go­tá, Fahr­zeit 28 St­un­den. Am span­nends­ten ist je­doch eine Ko­lum­bi­en-Fahrt mit Salsa Rei­sen, dem klei­nen, aber fei­nen ecua­do­ria­ni­schen Tour Ope­ra­tor vom Autor die­ser Ko­lum­bi­en-Re­por­ta­ge: www.sal­sa­rei­sen.com