Rei­se­re­por­ta­ge

Die Ver­wand­lung – die eu­ro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt Genua im Jahr 2004

Ein Ar­ti­kel von Micha­el Machat­schek, dem Autor un­se­res Rei­se­hand­buchs »Ita­lie­ni­sche Ri­vie­ra«. Micha­el Machat­schek hat sich mit dem neuen Image des eins­ti­gen »Schand­flecks« von Nord­ita­li­en be­schäf­tigt.


Portrait Michael MachatschekNach Flo­renz und Bo­lo­gna, die 1986 und 2000 zu eu­ro­päi­schen Kul­tur­haupt­städ­ten ge­kürt wur­den, er­lang­te Genua (Ge­no­va) in die­sem Jahr als drit­te ita­lie­ni­sche Stadt diese Ehre. Dabei hatte die Ko­lum­bus­me­tro­po­le vor noch nicht allzu lan­ger Zeit einen schlech­ten Ruf in Nord­ita­li­en: Man rümpf­te die Nase über die her­un­ter­ge­kom­me­ne Alt­stadt und em­pör­te sich über das von Armut ge­zeich­ne­te Ha­fen­ge­biet mit sei­nen strei­ken­den Ar­bei­tern; auch il­le­ga­le Ein­wan­de­rer sowie die hohe Kri­mi­na­li­tät tru­gen zum all­ge­mei­nen Ne­ga­tiv-Image der eins­ti­gen Welt­han­dels­stadt bei. Wäre es mög­lich ge­we­sen, hät­ten die fei­nen Mai­län­der und Tu­ri­ner den oben­drein auch noch kom­mu­nis­tisch re­gier­ten »Schand­fleck« am liebs­ten in den Süden des Lan­des ver­bannt.

Vom Tou­ris­mus wurde Genua da­mals wei­test­ge­hend ge­mie­den. Alle An­stren­gun­gen der re­gio­na­len Tou­ris­mus­för­de­rung rich­te­ten sich bis 1990 auf die Ur­laubs­or­te der Ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra. Erst in Ver­bin­dung mit den Vor­be­rei­tun­gen zu den Ko­lum­bus­fei­er­lich­kei­ten an­läss­lich des 500. Jah­res­ta­ges der Ent­de­ckung Ame­ri­kas im Jahre 1492 ge­wann Genua an Kon­tu­ren und stand in Ita­li­en so hoch im Kurs wie schon lange nicht mehr. Gel­der flos­sen und die Sa­nie­rung zahl­rei­cher Bau­denk­mä­ler wurde ernst­haft in An­griff ge­nom­men. Gro­ßen Zu­spruch fand (und fin­det) die Um­wand­lung des alten Ha­fen­ge­län­des (Porto An­ti­co) in ein mo­der­nes Kul­tur- und Ver­gnü­gungs­zen­trum. Das Glanz­stück die­ser auf­wän­di­gen – aber längst noch nicht ab­ge­schlos­se­nen – Neu­ge­stal­tung ist das fu­tu­ris­ti­sche Meer­was­seraqua­ri­um. Es ist mit 1.250.000 Be­su­chern jähr­lich ein re­gel­rech­ter Tou­ris­ten­ma­gnet, zumal in einem ein­drucks­voll be­leuch­te­ten Rie­sen­be­cken Haie, Del­phi­ne und sogar tro­pi­sche Koral­len­fi­sche zu sehen sind.

Und mit Genua geht es wei­ter­hin berg­auf: Seit 1998, dem Jahr der Er­nen­nung zur Kul­tur­haupt­stadt Eu­ro­pas, wird nach­hal­tig am Stadt­bild po­liert. Mit einem Ge­samt-Etat von etwa 180 Mil­lio­nen Euro sind zahl­rei­che Mo­der­ni­sie­rungs­vor­ha­ben an­ge­lau­fen, die 2004 größ­ten­teils be­en­det sind: das um­fang­rei­che Kul­tur­pro­gramm soll schließ­lich in einem an­ge­mes­se­nen Rah­men statt­fin­den. Die Er­war­tun­gen hin­sicht­lich der Be­su­cher­zah­len sind hoch.

Er­folg­reich ver­lief schon ein­mal die Er­öff­nungs­nacht zum Jah­res­wech­sel, die Aber­tau­sen­de am Porto An­ti­co mit­er­leb­ten. Ein groß­ar­ti­ges Licht- und Klang­spek­ta­kel auf einem Kreuz­fahrt­schiff bil­de­te den Hö­he­punkt die­ser Nacht.

Zahl­rei­che High­lights gibt es im Rah­men des Kul­tur­jah­res 2004. Wann und warum es sich lohnt, wäh­rend eines Auf­ent­halts an der Ita­lie­ni­schen Ri­vie­ra einen ge­ziel­ten Ab­ste­cher nach Genua zu ma­chen, zeigt die fol­gen­de Zu­sam­men­stel­lung:

Sport
Ein Ma­ra­thon­lauf ist für den 22. Fe­bru­ar ge­plant.

Im Ok­to­ber tref­fen die Ge­win­ner der eu­ro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Bas­ket­ball­meis­ter­schaf­ten in Genua auf­ein­an­der.

Jazz
Eine Aus­stel­lung zum Thema Jazz fin­det vom 17. bis 21. März in den Ma­gaz­zi­ni del co­to­ne (Porto An­ti­co) statt. Auf­tre­ten wer­den Mi­ri­am Ma­ke­ba (17.3.), die Min­gus Big Band (18.3.) und die Lee Ko­nitz Band (19.3.).

Aus­stel­lun­gen
Die am­bi­tio­nier­tes­te Aus­stel­lung »Ru­bens und seine Zeit« ist vom 20. März bis 11. Juli im Pa­laz­zo Du­ca­le zu sehen. Im Rah­men der Aus­stel­lung wer­den ei­ni­ge um­fang­rei­che Ge­nue­ser Pri­vat­samm­lun­gen des 16. und 17. Jahr­hun­derts re­kon­stru­iert. Mit Wer­ken von Ru­bens, van Dyck, Ti­zi­an, Tin­to­ret­to, Ca­ra­vag­gio, Car­rac­ci, Reni, Ri­be­ra, Pro­cac­ci­ni und Gen­ti­le­schi.

Mu­se­en
Die be­deu­ten­den Ge­nue­ser Ge­mäl­de­ga­le­ri­en im Pa­laz­zo Rosso und Pa­laz­zo Bi­an­co bil­den ab April mit dem neu­ge­stal­te­ten Mu­se­ums­pa­laz­zo Doria Tursi einen zu­sam­men­hän­gen­den »Aus­stel­lungs­par­cours«.

Die Ge­mäl­de­ga­le­rie des Pa­laz­zo Bi­an­co ist im ehe­ma­li­gen Feu­dal­pa­last der Fa­mi­lie Gri­mal­di un­ter­ge­bracht. Die Samm­lung be­sitzt ei­ni­ge Re­nais­sance­ge­mäl­de (u.a. von Fil­ip­pi­no Lippi), vor allem aber Werke flä­mi­scher und ita­lie­ni­scher Meis­ter des 16. und 17. Jahr­hun­derts, dar­un­ter so große Namen wie Ca­ra­vag­gio und Gi­ulio Cesa­re Pro­cac­ci­ni. Die Ve­ne­zia­ni­sche Schu­le des 16. Jahr­hun­derts ist durch Paolo Ve­ro­ne­se ver­tre­ten. Die be­kann­tes­ten unter den zahl­rei­chen flä­mi­schen Meis­tern des 17. Jahr­hun­derts sind Peter Paul Ru­bens und Anton van Dyck. An nam­haf­ten Ge­nue­ser Ba­rock­ma­lern man­gelt es mit Luca Cam­bi­aso und Gre­go­rio De Fer­ra­ri eben­falls nicht. Dem Ge­nue­ser Maler Ales­san­dro Ma­gnas­co (1667-1749) ist ein gan­zer Saal im Ober­ge­schoss ge­wid­met. Die phan­tas­ti­schen, flam­me­nähn­li­chen Fi­gu­ren vor bi­zar­ren Rui­nen­land­schaf­ten und die ir­rea­len In­te­ri­eurs sind ge­ra­de­zu re­vo­lu­tio­när für seine Zeit.

Gal­le­ria di Pa­laz­zo Rosso: Die Ge­mäl­de­ga­le­rie be­fin­det sich im ehe­ma­li­gen Pa­laz­zo der Fa­mi­lie Bri­gn­ole-Sale. The­ma­tisch ist Ähn­li­ches wie im Pa­laz­zo Bi­an­co zu fin­den, wobei die­ser an Um­fang und Viel­falt der Samm­lung über­bo­ten wird. In den bei­den Ober­ge­schos­sen sind Meis­ter­wer­ke von der Re­nais­sance bis zum 18. Jahr­hun­dert zu sehen, dar­un­ter ei­ni­ge ganz große Namen wie Al­brecht Dürer, Paolo Ve­ro­ne­se und Anton van Dyck. Die Samm­lung ent­hält au­ßer­dem zahl­rei­che Werke Ge­nue­ser Meis­ter des Ba­rock.

Die Ga­le­rie für Mo­der­ne Kunst (GAM) in Genua-Nervi wird nach jah­re­lan­ger Schlie­ßung im Sep­tem­ber wie­der­er­öff­net.

Stadt­bild
Die Ver­wand­lung vom häss­li­chen Ent­lein zum schö­nen Schwan ist be­reits im alten Stadt­zen­trum er­kenn­bar. Her­aus­ge­putzt wur­den vor allem die his­to­ri­schen Stra­ßen­zü­ge Via Ga­ri­bal­di und Via Balbi. Im Mit­tel­punkt der Ver­schö­ne­rung die­ser Pracht­stra­ßen steht die Re­no­vie­rung der 28 Pa­last­fas­sa­den, die Peter Paul Ru­bens (1577-1640) in einer Serie von Zeich­nun­gen de­tail­ge­nau fest­hielt. Die Ru­bens-Zeich­nun­gen sind vom 8. Mai bis 5. Sep­tem­ber im Pa­laz­zo Doria Tursi zu sehen.

Kreuz­schiff­fahrt
Als eine der äl­tes­ten See­re­pu­bli­ken Ita­li­ens ist Genua be­son­ders stolz, die neuen Mee­res- und Schiff­fahrts­mu­se­en am Porto An­ti­co mit einer Aus­stel­lung zum Thema »Über­see­damp­fer« ein­zu­wei­hen. Die Aus­stel­lung fin­det vom 19. Juni bis zum 1. No­vem­ber statt.

Kino
Das in­ter­na­tio­na­le Ge­no­va Film Fes­ti­val fin­det im Juli statt.

So­li­da­ri­täts-Kon­zer­te
Vom 23. bis 25. Juli gibt es in­ter­na­tio­na­le So­li­da­ri­täts-Kon­zer­te (»Live Aid – Just like a woman«), u. a. mit Su­zan­ne Vega, Patti Smith und Cas­san­dra Wil­son.

Klas­si­sche Musik
Das Pa­ga­ni­ni­fes­ti­val im Tea­tro Carlo Fe­li­ce bil­det im Ok­to­ber einen der mu­si­ka­li­schen Hö­he­punk­te. Die be­rühm­te Geige des in Genua ge­bo­re­nen »Teu­fels­gei­gers« Nic­colò Pa­ga­ni­ni ist üb­ri­gens im Pa­laz­zo Doria Tursi zu sehen.

Thea­ter
Beim eu­ro­päi­sche Thea­ter­tref­fen vom 15. Ok­to­ber bis 30. No­vem­ber ste­hen die drei gro­ßen Schau­spie­le­rin­nen Ma­ri­an­ge­la Me­la­to, Isa­bel­le Hup­pert und Va­nes­sa Red­gra­ve im Mit­tel­punkt.

Den voll­stän­di­gen Ver­an­stal­tungs­ka­len­der zum Kul­tur­jahr 2004 fin­den Sie im In­ter­net unter:
www.ge­no­va-2004.it

All­ge­mei­ne In­for­ma­tio­nen über Genua im In­ter­net:
www.apt.ge­no­va.it