Rei­se­re­por­ta­ge

Ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfade:
Der un­be­kann­te Osten von Paris

Ralf Nest­mey­er legt nicht nur die 6. Auf­la­ge sei­nes »Paris MM-City« vor, son­dern hat auch ein Plä­doy­er für die un­be­kann­ten Ecken der fran­zö­si­schen Haupt­stadt ge­schrie­ben. Fern­ab von Tou­ritru­bel und High­lighthop­ping fin­det man im un­be­kann­ten Osten das echte Paris, den char­man­ten All­tag einer Me­tro­po­le, den üb­ri­gens auch zahl­rei­che Künst­ler und Kunst­fi­gu­ren, u. a. Kom­mis­sar Mai­gret von Ge­or­ges Si­me­non, zu schät­zen wis­sen. Und wer nicht nur im Zen­trum ein­kau­fen mag, ist hier eben­falls rich­tig.


Portrait Ralf NestmeyerIm Ge­gen­satz zum Mont­mart­re und dem Quar­tier Latin ge­hört die Ge­gend um den Canal de Saint Mar­tin und die Place de la Ré­pu­bli­que bis heute zu den wei­ßen Fle­cken auf der tou­ris­ti­schen Land­kar­te. Von den meis­ten Rei­sen­den acht­los links lie­gen ge­las­sen, fin­det sich hier im Osten der Stadt ein au­then­ti­sches Paris, weit ent­fernt von den Glit­zer­wel­ten der Bou­le­vards und den Treff­punk­ten der Bo­hè­me. Es ist ein Paris der klei­nen Leute mit pro­vin­zi­el­lem Charme, das lange zwi­schen Still­stand, Armut und Ver­fall chan­gier­te.


Länd­li­che Idyl­le in hek­ti­scher Me­tro­po­le

Der Kanal, in dem Kommissar Maigret Leichen findet
Der Kanal, in dem Kom­mis­sar Mai­gret Lei­chen fin­det
Wer einen Blick auf den Stadt­plan wirft, er­kennt in den blau­en Was­ser­li­ni­en des Canal Saint Mar­tin die Le­bens­ader des Vier­tels. Mit sei­nen alten Schleu­sen und ei­ser­nen Fuß­gän­ger­ste­gen wirkt der von hohen Bäu­men ge­säum­te Kanal, den Al­fred Sis­ley ge­malt und in dem Kom­mis­sar Mai­gret schon so man­che Lei­che ge­fun­den hat, wie eine länd­li­che Idyl­le in der hek­ti­schen Me­tro­po­le. Ge­baut, um die Was­ser­ver­sor­gung der Haupt­stadt zu ver­bes­sern, wurde der Kanal in den letz­ten Jah­ren für meh­re­re Mil­lio­nen Euro re­stau­riert, wovon auch die Aus­flugs­boo­te pro­fi­tie­ren, die auf der schma­len Was­ser­stra­ße ent­lang schip­pern. Im Schat­ten der Pla­ta­nen kann man auf der Ufer­be­fes­ti­gung herr­lich pick­ni­cken oder ein Buch lesen, viel­leicht Eu­gè­ne Da­bits Roman »Hôtel du Nord«, der 1938 durch Mar­cel Car­nés gleich­na­mi­gen Klas­si­ker in die Film­ge­schich­te ein­ge­gan­gen ist. Jean Gabin und die le­gen­dä­re Ar­let­ty (»At­mo­sphä­re? At­mo­sphä­re? Sehe ich nach At­mo­sphä­re aus?«) wei­len zwar nicht mehr unter den Le­ben­den und auch von dem an der sechs­ten Schleu­se des Canal Saint Mar­tin ge­le­ge­nen Ho­tels steht nur noch die Fas­sa­de, doch das gleich­na­mi­ge Re­stau­rant er­freut sich nicht nur unter Nost­al­gi­kern einer gro­ßen Be­liebt­heit.


Ein Platz für die Auf­stän­di­schen und ein Sze­ne­vier­tel

Café Chabron, Szenetreff mit viel Patina
Café Cha­bron, Sze­ne­treff mit viel Pa­ti­na
Schon immer herrsch­te im Pa­ri­ser Osten ein rau­he­res Klima als in an­de­ren Tei­len der Stadt; die Be­völ­ke­rung war sen­si­bi­li­siert für po­li­ti­sche Um­schwün­ge und je­der­zeit be­reit, einen Auf­stand zu wagen. Da Baron Haus­smann die rie­si­ge Place de la Ré­pu­bli­que so ge­stal­te­te, dass man sie auch als Exer­zier­platz nutz­ten konn­te, ver­sam­mel­ten sich hier 1871 fol­ge­rich­tig (wenn auch nicht von staat­li­cher Seite er­wünscht) wäh­rend der Pa­ri­ser Kom­mu­ne die Auf­stän­di­schen und er­rich­te­ten ihre be­rühm­ten Bar­ri­ka­den. Diese Tra­di­ti­on wird auf fried­li­che Weise fort­ge­setzt: Heute ist die Place de la Ré­pu­bli­que ein be­lieb­ter Aus­gangs­punkt für De­mons­tra­tio­nen jeg­li­cher Cou­leur.
Der nörd­li­che Rand des 11. Ar­ron­dis­se­ments ist hin­ge­gen zu einem Sze­ne­vier­tel ge­wor­den. Dort, wo einst klei­ne Schuh­fa­bri­ken und Hin­ter­hof­ma­nu­fak­tu­ren exis­tier­ten, Kunst­schrei­ner und Ver­gol­der vor sich hin wer­kel­ten, fin­det man heute Wer­be­agen­tu­ren und Ar­chi­tek­tur­bü­ros, die sich naht­los in die So­zi­al­struk­tur ein­ge­glie­dert haben und auch im klei­nen Rah­men en­ga­gie­ren. So hat bei­spiels­wei­se der Pa­ri­ser Star­ar­chi­tekt Jean Nou­vel, der sein Büro in einer der ty­pi­schen Sack­gas­sen un­ter­hält, un­längst das Café Place Vert in der Rue Ober­kampf »auf­ge­peppt«. Zwei Häu­ser wei­ter fin­det sich in einer ehe­ma­li­gen Koh­len­hand­lung das Café Ch­ar­bon, das viel Pa­ti­na be­sitzt und seit Jahr­zehn­ten als Wohn­zim­mer der Szene gilt. Der selt­sa­me Name der Rue Ober­kampf er­in­nert aber nicht etwa an eine Schlacht, son­dern geht auf den fran­zö­si­schen Tuch­fa­bri­kan­ten und Phil­an­thro­pen Chris­to­phe-Phil­ip­pe Ober­kampf (1738-1815) zu­rück, der aus dem süd­deut­schen Wie­sen­bach stamm­te. Ober­kampf be­trieb die erste Baum­woll­spin­ne­rei Frank­reichs. Er be­schäf­tig­te zeit­wei­se bis zu 2.000 Ar­bei­ter.


Für Freun­de des ge­pfleg­ten (Schuh)Shop­ping

Shop­ping­lus­ti­gen sei die bei der Place de la Ré­pu­bli­que ge­le­ge­ne Rue Mes­lay emp­foh­len, deren rund 60 Schuh­ge­schäf­te ein Do­ra­do für Schuhlieb­ha­be­rin­nen sind. Ein Stück wei­ter west­lich stößt man am nörd­li­chen Rand des Ma­rais auf den über­dach­ten Mar­ché des En­fants Rouges. Der äl­tes­te noch exis­tie­ren­de Le­bens­mit­tel­markt von Paris lockt mit Wein, Blu­men, Käse sowie zahl­rei­chen Im­biss­mög­lich­kei­ten, von der klas­si­schen Rô­tis­se­rie bis zum ja­pa­ni­schen Re­stau­rant Chez Taeko. Und zu den Bou­ti­quen und Ga­le­ri­en im jü­di­schen Ma­rais ist es von hier auch nur noch ein Kat­zen­sprung.