Rei­se­re­por­ta­ge

Von flie­gen­den Krap­fen und grü­nen Feen –
ein Streif­zug durch die Pra­ger Kaf­fee­häu­ser

Nicht nur die Tür­kei, auch Tsche­chi­en hat unser Au­to­ren­team Micha­el Buss­mann und Gabi Trö­ger aus­ge­kund­schaf­tet. Pünkt­lich zur Neu­auf­la­ge des »Prag MM-City« (4. Auf­la­ge) stan­den auch die Kaf­fee­häu­ser der Mol­dau-Me­tro­po­le auf dem Re­cher­che­plan. Ge­nie­ßen Sie einen Über­blick zur tra­di­ti­ons­rei­chen (und manch­mal wil­den) Ge­schich­te der be­rühm­ten Ein­rich­tung!


Portrait Michael Bussmann»Hier de­bat­tier­te man bei Lagen [umg. für Run­den] schwar­zen Kaf­fees und bei Melníker Wein über Kier­ke­gaard, Au­gus­ti­nus und die letz­te Thea­ter­pre­mie­re, die halb­nack­ten Mäd­chen bil­de­ten bunte Rei­hen mit den kna­ben­haf­ten Phi­lo­so­phen, und es ge­hör­te zum guten Ton, nicht zu be­mer­ken, wenn eines der Paare für eine halbe St­un­de ver­schwand, aufs Zim­mer ging.«
Die il­lus­tre In­tel­lek­tu­el­len­ge­mein­de, wie sie Max Brod, der Freund und spä­te­re Her­aus­ge­ber Franz Kaf­kas, so blu­mig be­schrieb, hat den Pra­ger Kaf­fee­häu­sern längst den Rü­cken ge­kehrt. Heute trifft sich die Avant­gar­de in ver­rauch­ten Sze­ne­knei­pen, und die halb­nack­ten Mäd­chen war­ten nun in den Eta­blis­se­ments rund um den Wen­zels­platz auf (nicht immer in­tel­lek­tu­el­le) Kund­schaft. Die mitt­ler­wei­le größ­ten­teils tip­top re­stau­rier­ten alten Kaf­fee­häu­ser ge­hö­ren heute an­de­ren: Hier sit­zen Tou­ris­ten beim Stu­di­um ihres Rei­se­füh­rers, Omas beim Kaf­fee­klatsch, aber auch junge Kar­rie­re­frau­en im schi­cken Ko­stüm­chen oder bie­der ge­klei­de­te Her­ren beim Ge­schäfts­ge­spräch. Loh­nens­wert ist ein Be­such der Pra­ger Kaf­fee­häu­ser aber noch al­le­mal. Und Zeit für einen Pres­so, wie die Tsche­chen den hier­zu­lan­de be­lieb­ten, ver­län­ger­ten Es­pres­so nen­nen, bie­tet sich auch im dich­tes­ten Sight­see­ing-Pro­gramm. Die vier schöns­ten Kaf­fee­häu­ser wol­len wir Ihnen vor­stel­len.


Das Haus für be­geis­ter­te Abs­in­tht­rin­ker

Allen voran das Café Sla­via. Wer darin einen Tisch am Fens­ter er­wischt, wird so schnell nicht wie­der auf­ste­hen – der Blick auf die Mol­dau und die er­ha­be­ne Pra­ger Burg ist film­reif. Das tra­di­ti­ons­rei­che Sla­via exis­tiert seit 125 Jah­ren. Hier ver­kehr­te der Kom­po­nist Bed­rich Sme­ta­na, der eine Zeit­lang im glei­chen Haus wohn­te. Hier träum­te Rai­ner Maria Rilke seine Verse, und hier fach­sim­pel­ten wäh­rend der kom­mu­nis­ti­schen Ära Dis­si­den­ten wie Václav Havel, sei­ner­zeit noch Büh­nen­au­tor. Heute be­su­chen bis zu 2000 Gäste täg­lich das Sla­via, trin­ken ihren Kaf­fee auf dun­kel­grü­nen Le­der­sit­zen im Art-déco-Stil, neben rie­si­gen Spie­geln und unter Lam­pen wie U-Boot-Augen. Wer mag, kann hier auch ein Gläs­chen Abs­inth pro­bie­ren – ein bes­se­rer Platz dafür ist in Prag kaum zu fin­den! Schon der fran­zö­si­sche Dich­ter Apol­li­nai­re trank ihn hier mit sei­nen Freun­den. Pas­send dazu hängt im Sla­via auch Vic­tor Oli­vas Ge­mäl­de »Der Abs­in­tht­rin­ker«. Einem etwas träge drein­schau­en­den Herrn leis­tet dar­auf eine nack­te grüne Fee Ge­sell­schaft. Schon nach ein paar Gläs­chen des grü­nen, bit­te­ren Li­körs, so sagt man, ge­sellt sich die schö­ne Fee hinzu. Aber Ach­tung: So schnell wie sie kam, ver­ab­schie­det sie sich auch wie­der und wird Sie mit einem Kater al­lein las­sen, der es in sich hat … Van Gogh zum Bei­spiel soll sich im Abs­in­th­rausch sein Ohr ab­ge­schnit­ten haben. Zum Glück aber ist der An­teil des Ner­ven­gifts Thu­jon im heu­ti­gen Mo­de­ge­tränk Abs­inth deut­lich ge­rin­ger als zu Van Goghs Zei­ten.

Die Häu­ser der Kom­mu­nis­ten und Bör­sen­mak­ler – zwei Kaf­fee­haus­in­sti­tu­tio­nen im Ver­gleich

Um die Ecke liegt das Café Lou­vre. In dem 1902 er­öff­ne­ten Kaf­fee­haus traf sich in den An­fangs­jah­ren ein deutsch­spra­chi­ger In­tel­lek­tu­el­len­kreis um den Phi­lo­so­phen Franz Bren­ta­no. Auch Franz Kafka, Max Brod und Franz Wer­fel ge­hör­ten zum Gäs­testamm. Spä­ter, unter den Kom­mu­nis­ten, er­leb­te das Lou­vre eine 44 Jahre dau­ern­de Zwangs­pau­se, das Kaf­fee­haus war den Ge­nos­sen zu »bour­go­is«. Erst seit 1992 er­strahlt es im neuen, üp­pi­gen, weiß-ro­sa­far­be­nen Stuck­glanz. Pro­bie­ren Sie hier am bes­ten einen Pa­latschin­ken – keine feine Wurst­wa­re, son­dern ein dün­ner, mit Eis oder Kom­pott ge­füll­ter Pfann­ku­chen. Da­nach bie­tet sich wie in frü­he­ren Zei­ten eine Runde Bil­lard an. An­knüp­fend an die alte Pra­ger Kaf­fee­haus­tra­di­ti­on hat man im Lou­vre wie­der ein Bil­lard­zim­mer ein­ge­rich­tet.
Was den Schön­geis­tern das Lou­vre war, war den Bör­sen­mak­lern die 1914 er­öff­ne­te Ka­vár­na Im­pe­ri­al. Der­zeit wird das Kaf­fee­haus auf­wän­dig re­stau­riert, die Wie­der­er­öff­nung ist je­doch noch für die­ses Jahr ge­plant. Das In­te­ri­eur steht unter Denk­mal­schutz: acht Meter hohe Wände, voll­stän­dig mit kunst­vol­len braun-wei­ßen Ke­ra­mik­mo­sai­ken ge­schmückt. Aber nicht nur die In­nen­ein­rich­tung ist ein­zig­ar­tig. Das Im­pe­ri­al be­sitzt auch eine ein­ma­li­ge, bi­zarr-wit­zi­ge Tra­di­ti­on, die auf den 1943 ver­öf­fent­lich­ten Roman »Sa­turnin« von Zde­nek Ji­rot­ka zu­rück­geht: Für 1943 Kc (ca. 60 €) näm­lich kann man eine Schüs­sel Krap­fen vom Vor­tag be­stel­len und an­de­re Gäste damit be­wer­fen! Bleibt zu hof­fen, dass diese lus­ti­ge Tra­di­ti­on mit der Neu­er­öff­nung nicht ver­schwin­det.


Ju­gend­stil bis ins kleins­te De­tail: das viel­leicht schöns­te Kaf­fee­haus

Das prunk­volls­te Kaf­fee­haus der Stadt aber ist die Ka­vár­na Obe­cní dum im Re­prä­sen­ta­ti­ons­haus. Es ist außen hui und innen hui: Ju­gend­stil bis ins kleins­te De­tail. Zur Kli­en­tel ge­hö­ren neben vie­len Tou­ris­ten auch lo­ka­le und in­ter­na­tio­na­le Pro­mis, die es sich im Som­mer auch am Geh­weg davor ge­müt­lich ma­chen. Den Zu­schlag fürs Sehen und Ge­se­hen wer­den nimmt man da gern in Kauf. Zumal eine Kla­vier­be­glei­tung ge­bo­ten wird und die Tor­ten nach wie vor ex­zel­lent sind.


Wei­te­re In­for­ma­tio­nen:

Adres­sen: Café Sla­via, Sme­ta­no­vo nábreží 2, Neu­stadt.
Café Lou­vre, Národ­ní 20, Neu­stadt.
Ka­vár­na Im­pe­ri­al, Na Po­rící 15, Neu­stadt.
Ka­vár­na Obe­cní dum, Ná­mes­tí Re­pu­bli­ky 5, Alt­stadt.

Li­te­ra­tur­tipp: Einen guten Über­blick über die schöns­ten Pra­ger Cafés und Kaf­fee­häu­ser lie­fert das Büch­lein »Pra­ger Cafés. Ein Be­glei­ter durch die 50 bes­ten Kaf­fee­häu­ser« von Ha­rald Sal­fell­ner (Vi­ta­lis Ver­lag Prag 2005).