Rei­se­re­por­ta­ge

Ein In­ter­net­pro­vi­der im Jahre 1000 v. Chr. –
auf der Suche nach dem Monte Tis­ca­li

Ein Be­richt aus dem All­tags­le­ben eines Rei­se­jour­na­lis­ten. Eber­hard Foh­rer, der Autor un­se­rer Neu­auf­la­ge »Sar­di­ni­en«, über die Schwie­rig­kei­ten einer Berg­be­stei­gung, die nach et­li­chen Que­re­len doch noch den ge­wünsch­ten Er­folg ein­bringt.


Portrait Eberhard FohrerUnd wie­der ein­mal ist es voll­bracht – die neue Auf­la­ge des Sar­di­ni­en­füh­rers ist fer­tig! Erst­mals 1983 er­schie­nen, liegt er nun be­reits in neun­ter, voll­stän­dig über­ar­bei­te­ter Fas­sung vor. Vie­les, sehr vie­les hatte ich mir vor­ge­nom­men, zu än­dern, zu ver­bes­sen, zu ver­tie­fen – und schnell waren 3000 km auf der zweit­größ­ten Insel des Mit­tel­mee­res ab­ge­fah­ren.

Vor allem an­de­ren aber woll­te ich die­ses Mal un­be­dingt eines er­rei­chen: die Be­schrei­bung des Fuß­wegs vom ein­sa­men Hoch­tal Valle di La­nait­tu zum ver­steckt ge­le­ge­nen Monte Tis­ca­li. Land­schaft­lich gran­di­os – und sei­ner­zeit gut ver­bor­gen vor et­wai­gen Ero­be­rern – ste­hen dort die Rund­hüt­ten und Mau­er­res­te eines Nu­ra­ghier­dorfs aus dem 1. Jahr­tau­send v. Chr. in der vor etwa 35.000 Jah­ren ein­ge­bro­che­nen Höh­lung (Do­li­ne) einer über­hän­gen­den Karst­wand. Dass der Ort für das sar­di­sche Selbst­ver­ständ­nis eine zen­tra­le Rolle spielt, er­kennt man daran, dass der aus Sar­di­ni­en stam­men­de wich­tigs­te ita­lie­ni­sche In­ter­net­pro­vi­der – und mitt­ler­wei­le zweit­größ­te Eu­ro­pas – sich nach die­sem Re­likt aus der Epo­che der Nu­ra­ghier be­nannt hat: www.tis­ca­li.it (www.tis­ca­li.de).

Der lange Weg von der Dor­ga­li-Seite her ist ja mitt­ler­wei­le leid­lich do­ku­men­tiert, doch der kür­ze­re aus der Valle di La­nait­tu bleibt in der Li­te­ra­tur oft un­klar.
An einem Ju­ni­mor­gen bre­chen wir also zu der wich­ti­gen Tour auf. Mit dem Wagen ge­langt man schnell von der Qu­el­le Su Go­lo­go­ne bei Olie­na ins Hoch­tal hin­ein, doch noch vor dem Tal­ein­gang endet der As­phalt und es geht auf einer argen Rüt­tel­pis­te wei­ter. Lin­ker Hand des sich nach hin­ten ver­brei­tern­den Tal­bo­dens er­hebt sich das schroff ero­dier­te Kalk­stein­mas­siv des Monte Tis­ca­li (518 m). Dort muss sie also lie­gen, die be­rühm­te Karst­höh­le.

Wir neh­men an der ers­ten Ga­be­lung im Tal den lin­ken Weg. Er führt an­fangs schnur­ge­ra­de durch den auf­ge­las­se­nen Land­wirt­schafts­be­trieb »Azi­en­da La­nait­tu« und bringt uns nach ei­ni­gen, reich­lich holp­ri­gen Ki­lo­me­tern zu einem klei­nen Park­platz, wo der Auf­stieg zur 518 m hoch ge­le­ge­nen prä­his­to­ri­schen Wohn­sied­lung be­ginnt. Just als wir aus­stei­gen, kommt uns ein Jeep ent­ge­gen – ein sar­di­scher Füh­rer mit ei­ni­gen Tou­ris­ten. Un­se­re Frage nach dem Weg zur Höhle wird schnell be­ant­wor­tet – eine etwas un­kla­re Be­we­gung zur Fels­wand hin­auf, dann »tren­ta mi­nu­ti« ge­mur­melt und weg ist er.

Also gut, je­den­falls sind wir hier rich­tig. Wir gehen ein paar Meter auf der Piste zu­rück, dort steigt in Ser­pen­ti­nen eine brei­te »mu­lat­tie­ra« berg­auf, die sich auch mit dem Jeep be­fah­ren lässt. Nach ei­ni­gen Steil­kur­ven er­reicht man eine win­zi­ge Flä­che, auf der zwei, ma­xi­mal drei Fahr­zeu­ge ste­hen kön­nen. Und hier – wir freu­en uns sehr – führt ein brei­ter, nicht zu ver­feh­len­der Fuß­weg wei­ter berg­an. Froh­ge­mut schrei­ten wir aus, mitt­ler­wei­le be­glei­tet von zwei nicht ganz so wan­der­freu­di­gen Ita­lie­ne­rin­nen, die wohl dach­ten, dass man den Monte Tis­ca­li »mal eben so« er­obern kann. Sie be­deu­ten uns, dass wir nicht auf sie war­ten sol­len, also gehen wir im ge­wohn­ten Tempo wei­ter.
Höher und höher steigt der stei­ni­ge Weg und lang­sam öff­nen sich herr­li­che Rück­bli­cke auf das Tal. 15 Mi­nu­ten, 20 Mi­nu­ten, 30 Mi­nu­ten. Immer auf­wärts auf dem wei­ter­hin klar kennt­li­chen und immer mal wie­der rot mar­kier­ten Weg – dann hört er ein­fach auf!
Vor uns liegt ein Feld aus scharf­kan­ti­gen St­ein­blö­cken, das kaum pas­siert wer­den kann. Ver­dammt! Damit haben wir nicht ge­rech­net. Der Weg er­schien doch so klar. Und jetzt ist ein­fach Schluß. Das darf nicht sein! Mei­nen Le­sern bin ich die rich­ti­ge Weg­be­schrei­bung ein­fach schul­dig!! Keine Men­schen­see­le ist zu sehen, Stil­le um uns, selbst die zwei Mä­dels sind weg. Was sol­len wir tun?

Nach kur­zer Über­le­gung gibt es nur zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der wir haben be­reits am Jeep-Park­platz den kom­plett fal­schen Weg ein­ge­schla­gen – oder wir haben eine Ab­zwei­gung über­se­hen. Also zu­rück. Tat­säch­lich! Nach we­ni­gen Mi­nu­ten ent­de­cken wir einen schma­len Zie­gen­pfad, der zur Berg­wand hin ab­zweigt. Juhu, alles wird gut! Wir stei­gen hin­auf, stei­ler wird es und stei­ler, wir müs­sen die Hände zu Hilfe neh­men, klet­tern schweiß­trie­fend durch die schrof­fen Kalk­fel­sen und über um­ge­stürz­te Bäume. Von einer Klet­ter­tour war mir bis­her nichts be­kannt ge­we­sen, die Zwei­fel er­wa­chen wie­der. End­lich er­rei­chen wir einen fel­si­gen Kamm mit herr­lich wei­tem Blick, wo sich der Weg ver­liert …
Wirk­lich schön ist es hier oben, keine Frage, aber ich bin wü­tend, alles war um­sonst. Wir klet­tern also not­ge­drun­gen wie­der hin­un­ter zum Haupt­weg und sind all­mäh­lich ein wenig er­schöpft. Wei­ter geht es den Weg berg­ab­wärts. Da! Er­neut zweigt ein Pfad ab, das muss er sein, end­lich. Es gibt hier sogar Mar­kie­run­gen, denen wir sie­ges­si­cher fol­gen. Es geht wie­der steil hin­auf, sehr steil – zu steil?

Wir han­geln uns durch Fels­spal­ten hin­auf, die Mar­kie­run­gen sind wei­ter­hin brav vor­han­den. Nach gut 20 oder 30 Mi­nu­ten sind wir ziem­lich ge­schafft – und sehr de­pri­miert, denn das kann wie­der nicht stim­men. Wir haben eine re­gel­rech­te Klet­ter­tour hin­ter uns und noch immer keine Spur vom Ziel. In­zwi­schen sehr er­schöpft stei­gen wir über die spit­zen St­ei­ne wie­der hin­un­ter. So eine Sch …
Wir gehen den Haupt­weg zu­rück. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten ent­de­cken wir einen roten Pfeil, dort zweigt auf der rech­ten Seite er­neut ein stei­ler Tram­pel­pfad ab. Haben wir noch Kraft für den drit­ten Ver­such? Keine Frage, wir müs­sen es ver­su­chen! Wir schlep­pen uns mehr schlecht als recht ent­lang, ab und zu be­glei­tet von rot­wei­ßen Mar­kie­run­gen. (An die­sem Berg scheint ein­fach alles mar­kiert zu sein). Nach 30 Mi­nu­ten kom­men wir zu einer Weg­kreu­zung vor einem Fels­über­hang: Lin­ker Hand durch­quert man bald eine me­ter­brei­te senk­rech­te Fels­spal­te, die wirkt wie von der Axt eines Rie­sen ge­spal­ten – Heu­re­ka, von die­ser »Porta d’In­gres­so« habe ich doch schon ein­mal ge­hört? Ich wage es nicht zu hof­fen, aber es sieht so aus, als ob wir unter Um­stän­den rich­tig sein könn­ten – doch bloß keine vor­schnel­le Eu­pho­rie.

Wir hal­ten uns immer ge­ra­de­aus am Berg ent­lang, von Zeit zu Zeit gibt es wei­ter­hin Weg­mar­kie­run­gen – und un­glaub­lich, aber wahr, auf ein­mal er­bli­cken wir durch ein fens­ter­ar­ti­ges Loch im Fels tat­säch­lich die große Ein­sturz­do­li­ne. Noch ein Stück wei­ter und wir ge­lan­gen ins In­ne­re, wo die Reste der nu­rag­hi­schen Be­hau­sun­gen in zwei Sied­lungs­grup­pen im Schutz über­hän­gen­der Wände lie­gen. Ge­schafft! Er hat uns wirk­lich schwer ge­foppt, der Berg – und fast wäre alles um­sonst ge­we­sen.

Der Ein­tritt zum Dorf am Monte Tis­ca­li kos­tet der­zeit 5 Euro (Kin­der 1,50 Euro). Ein Auf­se­her ist immer vor Ort, der Wan­de­rer auf einem kur­zen Rund­gang durch die Rui­nen führt, Aus­län­der er­hal­ten einen Zet­tel in eng­li­scher Spra­che. Ob es sich beim Monte Tis­ca­li um eine Flieh­burg, ein Gip­fel­hei­lig­tum, eine per­ma­nen­te Sied­lung oder einen nur zeit­wei­lig be­wohn­ten Un­ter­schlupf von Hir­ten han­del­te, ist noch un­ge­klärt. Die ver­steck­te Lage lässt aber am ehes­ten auf eine Rück­zugs­sied­lung gegen die In­va­so­ren vom Fest­land schlie­ßen. Nach dem Um­fang der St­ein­res­te wird ver­mu­tet, dass bis zu 200 Men­schen dort zeit­wei­lig leb­ten, wahr­schein­lich bis ins frühe Mit­tel­al­ter. Un­be­kannt ist auch die Was­ser­ver­sor­gung, denn im Um­kreis gibt es keine Qu­el­len. Die Ein­sturz­do­li­ne wird »Sa Cur­ti­gia de Tis­ca­li« ge­nannt, was so­viel be­deu­tet wie »Grü­nes Land in fel­si­ger Ein­öde« – der Name spielt auf das an­ge­nehm kühle Mi­kro­kli­ma und die im Som­mer hö­he­re Luft­feuch­tig­keit in der Do­li­ne an, die das Ve­ge­ta­ti­ons­wachs­tum be­güns­tigt.

P.S.: Die Weg­be­schrei­bung zum Monte Tis­ca­li fin­den Sie mit Skiz­ze im neuen Sar­di­ni­en­füh­rer. Und wenn Sie dann erst so rich­tig auf den Ge­schmack ge­kom­men sind, kön­nen Sie sich durch orts­kun­di­ge Füh­rer von Or­go­so­lo oder vom Valle di La­nait­tu aus durch schwie­ri­ges Ge­län­de zur trich­ter­för­mig ein­ge­stürz­ten Do­li­ne Su Su­er­co­ne be­glei­ten las­sen – mit 500 m Durch­mes­ser und 200 m Tiefe ist sie die größ­te Eu­ro­pas. Ge­samt­dau­er die­ser Wan­de­rung: ca. 8 St­un­den.