Top Ten

Teil 29: Li­mou­sin & Au­ver­gne

oder Eine Reise ins Zen­tral­mas­siv

Portrait Severine SandPortrait Martin MüllerBe­son­ders be­ein­dru­ckend sind ein UNESCO-Städt­chen, das eine rote Ma­don­na auf einem Vul­kan­schlot zeigt, und ein Grand Can­yon im Mi­nia­tur­for­mat, deren Fels­spit­zen als Fe­en­schorn­stei­ne be­zeich­net wer­den. Neben ei­ni­gen der schöns­ten Dör­fer Frank­reichs han­delt diese Top Ten von Vul­ka­ner­kun­dun­gen, dem Herr­scher­sitz von Richard Lö­wen­herz und den wild­ro­man­ti­schen Flüs­sen im Zen­tral­mas­siv. Doch auch eines der dun­kels­ten Ka­pi­tel deut­scher Ge­schich­te darf nicht ver­schwie­gen wer­den: das Mas­sa­ker von Ora­dour-sur-Glane, das sich am 10. Juni 1944 nahe Li­mo­ges er­eig­ne­te.


Li­mou­sin & Au­ver­gne – Se­ve­ri­ne Sands Top Ten


Wahr­zei­chen: Zum Big Boss und zur ge­zack­ten Py­ra­mi­de

Mit der Panoramabahn zum erloschenen Feuerspeier Puy de Dôme, dem Wahrzeichen der Auvergne (Foto: Severine Sand)
Mit der Pan­ora­ma­bahn zum er­lo­sche­nen Feu­er­spei­er Puy de Dôme, dem Wahr­zei­chen der Au­ver­gne (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Die Au­ver­gne ist eine ein­zi­ge Vul­kan­land­schaft. Kein Wun­der, dass das Wahr­zei­chen schlecht­hin nur ein Vul­kan sein kann. Als Big Boss unter den er­lo­sche­nen Feu­er­spei­ern be­haup­tet sich der Puy de Dôme nahe Cler­mont-Fer­rand, der dem Dé­par­te­ment sei­nen Namen ge­ge­ben hat. Für Be­su­cher und Ur­lau­ber ist der Auf­stieg auf den hut­för­mi­gen Berg mit sei­nem mar­kan­ten Funk­mast ein Muss. Und diese haben dabei die Wahl, den 12.000 Jahre alten und 1465 Meter hohen Vul­kan­schlot zu Fuß über einen knapp zehn Ki­lo­me­ter lan­gen Weg mit dem net­ten Namen Maul­tier­pfad oder ganz be­quem mit der Pan­ora­ma­bahn zu »er­klim­men«. Bei­des hat sei­nen Charme.
Zu­ge­ge­ben, der be­kann­tes­te unter den Vul­ka­nen ist nicht ge­ra­de der Schöns­te, dafür bie­tet er eine gran­dio­se 360-Grad-Pan­ora­ma­sicht auf die um­lie­gen­de Chaî­ne des Puys, eine fast 50 km lange Kette aus sanf­ten Vul­kan­kup­pen, Kra­tern und bil­der­buch­ar­ti­gen Kra­ter­se­en. Spaß macht es zudem die zahl­rei­chen Gleit­schirm­flie­ger zu be­ob­ach­ten, die wie Vo­gel­schwär­me den Puy de Dôme um­se­geln.
Eben­falls ein Muss ist der Auf­stieg auf den Puy Mary im Nach­bar­dé­par­te­ment Can­tal. Dafür kön­nen Wan­der­freun­de sogar ziem­lich nah an die Spit­ze die­ser 1783 Meter hohen Py­ra­mi­de her­an­fah­ren. Le­dig­lich auf den letz­ten 200 Hö­hen­me­tern (gut aus­ge­bau­te Trep­pe!) müs­sen sie auf die Mus­kel­kraft ihrer Waden set­zen. Üb­ri­gens: Die Fah­rer der Tour de Fran­ce rasen alle paar Som­mer re­gel­mä­ßig über die dor­ti­ge Pass­stra­ße.
Be­lohnt wird man mit einer gi­gan­ti­schen Sicht auf die um­lie­gen­de, im­mer­grü­ne Vul­kan­land­schaft – unter an­de­rem auf die to­ble­ro­ne­för­mi­ge Fels­spit­ze des Puy Griou, den Ste­go­sau­rus-Rü­cken des Peyre Arse und die ge­zack­ten Fels­wän­de der Brè­che de Ro­land, »Herr der Ringe« lässt grü­ßen …


Er­kun­dung: Im In­ne­ren eines Vul­kan­kra­ters und ein Schie­fer­stein­bruch

Die Erkundung vulkanischer Welten im nachgebauten Vulcania-Park ist beeindruckend (Foto: Severine Sand)
Die Er­kun­dung vul­ka­ni­scher Wel­ten im nach­ge­bau­ten Vul­ca­nia-Park ist be­ein­dru­ckend (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Nicht rauf, son­dern mit­ten rein darf man in die Vul­ka­ne der Au­ver­gne. Ge­nau­er ge­sagt in einen ganz be­stimm­ten: den Puy de Lemp­té­gy. Hier wan­delt man im Kra­ter eines Schla­cken­ke­gels, der vor cirka 30.000 Jah­ren ent­stand. Die ver­schie­den­far­bi­gen Lava- und Asche­schich­ten dürf­ten nicht nur für Hob­by­geo­lo­gen ein Er­leb­nis sein. Zu Fuß mit Füh­rung oder mit der Bum­mel­bahn hat man die St­ei­ne zum Grei­fen nah. Seine Tiefe ver­dankt der Kra­ter dem Abbau von Puz­zo­la­nen. 60 Jahre lang wurde das feine Vul­kan­ge­stein ab­ge­tra­gen, die Ma­schi­nen sind be­geh­bar. Ku­ri­os dabei die Fels­for­ma­tio­nen in der Mitte des Vul­kans: Weil sie so wi­der­stands­fä­hig waren, muss­ten die Ar­bei­ter drum­her­um gra­ben.
Mit Kin­dern lohnt sich ein Aus­flug in den »Vul­ca­nia«-Park. Unter dem 28 Meter hohen, künst­li­chen Ti­tan­ke­gel tut sich ein Frei­zeit- und The­men­park mit nach­ge­bau­ten Land­schaf­ten und Gey­si­ren auf. Auf meh­re­ren Eta­gen kann Groß und Klein alles über Vul­ka­nis­mus er­fah­ren. Ach­ter­bah­nen sucht man ver­geb­lich, viel­mehr geht es mit ro­tie­ren­den Fahr­ge­schäf­ten und sich be­we­gen­den Platt­for­men ins si­mu­lier­te In­ne­re eines Vul­kans und der Erde.
Zwar kann das Li­mou­sin nicht mit er­lo­sche­nen Vul­ka­nen lo­cken, dafür aber mit an­de­ren stei­ner­nen Rie­sen. Im Dé­par­te­ment Cor­rèze läuft man nahe der Stadt Brive durch die Schie­fer­stein­brü­che von Tra­vas­sac. Eine bi­zar­re Land­schaft mit sechs bis zu 60 m hohen Quar­zit­wän­den ist zu sehen. Um die Wände herum lie­gen sie­ben Schie­fe­ra­dern, die bis heute (nur noch) in klei­nem Maße aus­ge­beu­tet wer­den. In­ter­es­sier­te stei­gen in schma­le Schluch­ten hinab oder bli­cken von Aus­sichts­kan­zeln in die Tiefe. Ein High­light ist der Gang über eine 50 Meter lange Hän­ge­brü­cke, die über einen mit Was­ser voll­ge­lau­fe­nen Schacht führt.


Ak­ti­vi­tät: Was­ser­wan­dern in den blau­en Adern des Zen­tral­mas­sivs

Idyllischer geht es nicht. Die familienfreundliche Paddeltour um die Burgruine von Crozant (Foto: Severine Sand)
Idyl­li­scher geht es nicht. Die fa­mi­li­en­freund­li­che Pad­del­tour um die Burg­rui­ne von Cro­zant (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Loire, Al­lier, Dordo­gne, Creu­se – wie blaue Adern durch­zie­hen zahl­rei­che Flüs­se die grüne Berg­land­schaft der Au­ver­gne und des Li­mou­sin. Und wo Was­ser ist, sind Ka­nu­ten nicht weit. Be­liebt unter ihnen ist etwa der Al­lier zwi­schen den Gor­ges de l’Al­lier im Dé­par­te­ment Haute-Loire in der Au­ver­gne. Zwi­schen den wild­ro­man­ti­schen, me­di­ter­ran an­mu­ten­den Schluch­ten steht nicht nur Kanu fah­ren hoch im Kurs, son­dern auch Raf­ting. Dabei geht es ent­lang an grü­nen, mit schrof­fen Fel­sen durch­setz­ten Land­schaf­ten mit bil­der­buch­haf­ten klei­nen Ort­schaf­ten.
Im Li­mou­sin zieht im Nor­den die etwas ru­hi­ge­re Creu­se vor allem Fa­mi­li­en an. Hier lässt es sich unter an­de­rem auf der Fluss­schlei­fe um die Burg­rui­ne von Cro­zant pad­deln. Als etwas auf­re­gen­der, dafür ohne idyl­li­schen Burg­blick, er­wei­sen sich Tou­ren auf der Dordo­gne in der Süd­cor­rèze, etwa von Ar­gen­tat nach Be­au­lieu. Die Cam­ping­plät­ze ent­lang des Flus­ses ver­lei­hen meist Kanus und an­de­re Boote. Wer es tra­di­tio­nel­ler mag, kann auf einer ori­gi­na­len Ga­bar­re die Dordo­gne ent­lang­fah­ren. Tou­ren auf dem alten Holz­last­kahn sind in bei­den Ort­schaf­ten mög­lich.


Be­sich­ti­gung: Vier Bur­gen und Schlös­ser, die Ge­schich­te(n) schrie­ben

Eines von vielen Prachtschlösschen ist das Château d’Avrilly in der Nähe der Bourbonenstadt Moulins (Foto: Severine Sand)
Eines von vie­len Pracht­schlöss­chen ist das Châ­teau d’Avril­ly in der Nähe der Bour­bo­nen­stadt Mou­lins (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Das Li­mou­sin und die Au­ver­gne be­sit­zen eine der höchs­ten Bur­gen- und Schlös­ser­dich­te Frank­reichs. Da mag es kaum ver­wun­dern, dass die Wiege des um 950 ge­grün­de­ten Adels­ge­schlechts der Bour­bo­nen hier liegt – aus ihm ging der be­rühm­te Son­nen­kö­nig Louis XIV. her­vor. Auch wenn von den ur­sprüng­lich 15 Tür­men der Fe­stung in Bour­bon L’Archam­bault nahe der Stadt Mou­lins nur noch drei er­hal­ten sind, strahlt die Ruine über der Kle­in­stadt noch immer eine ge­wis­se Macht aus.
Idyl­li­scher kommt da­ge­gen das Châ­teau d’Avril­ly daher; es be­fin­det sich eben­falls im di­rek­ten Um­kreis von Mou­lins. Wie im Bil­der­buch spie­gelt sich das Pracht­schlöss­chen von Avril­ly-Tré­vol mit sei­nen Türm­chen und hoch­ra­gen­den Ka­mi­nen im Was­ser­gra­ben und in einem Be­cken da­hin­ter (Zu­fahrt über die N 7 Rich­tung Ne­vers).
Den Bil­der­buch­cha­rak­ter kann nur noch das Châ­teau de Mont­brun bei Dour­na­zac im Li­mou­sin top­pen. In einem Teich zeigt sich die Pracht­fes­tung aus dem 12. Jahr­hun­dert und 15. Jahr­hun­dert mit ihren run­den Eck­tür­men und einem Burg­fried mit Zin­nen zum zwei­ten Mal – bie­tet damit das Post­kar­ten­mo­tiv schlecht­hin.
Das Schloss reiht sich neben wei­te­ren Bur­gen und Fe­stun­gen in die so­ge­nann­te Richard-Lö­wen­herz-Stra­ße im Dé­par­te­ment Haute-Vi­en­ne ein. Wie der Name ver­mu­ten lässt, herrsch­te hier der sa­gen­um­wo­be­ne drit­te Sohn Hein­richs II., als diese fran­zö­si­sche Re­gi­on der eng­li­schen Krone un­ter­stand. Lö­wen­herz selbst fand im Jahr 1199 auf dem Châ­teau de Châlus-Chab­rol ein jähes Ende; er erlag sei­nen Ver­let­zun­gen durch einen Arm­brust­bol­zen.
Alle vier Bur­gen und Schlös­ser sind zu be­sich­ti­gen.


Un­ter­wegs: Die schöns­ten Dör­fer Frank­reichs

Eindeutig eines der schönsten Dörfer Frankreichs und gleichzeitig das erste, das diese Auszeichnung erhalten hat – Collonges-la-Rouge im Zentralmassiv (Foto: Severine Sand)
Ein­deu­tig eines der schöns­ten Dör­fer Frank­reichs und gleich­zei­tig das erste, das diese Aus­zeich­nung er­hal­ten hat – Col­lon­ges-la-Rouge im Zen­tral­mas­siv (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Das Zen­tral­mas­siv ist nicht ge­ra­de für seine (Groß-)Städ­te be­kannt. Denn davon gibt es nur we­ni­ge – dafür umso mehr Dörf­chen und Wei­ler. Und zwar über­aus char­man­te. Wie stolz die Li­mo­si­ner und Au­ver­gna­ten auf genau diese klei­nen Land­fle­cken sind, be­wies der Bür­ger­meis­ter von Col­lon­ges-la-Rouge, Charles Rey­rac. Er grün­de­te 1982 das Label »Schöns­te Dör­fer Frank­reichs« (Plus beaux vil­la­ges de Fran­ce). Dass Col­lon­ges – es be­fin­det sich in der Cor­rèze im Li­mou­sin – das erste sei­ner Art war, ver­steht sich von selbst, doch liegt nicht nur der Hei­mat­ver­bun­den­heit des Bür­ger­meis­ters. Jedes ein­zel­ne Ge­bäu­de ist aus leuch­tend rotem Sand­stein er­baut, dar­un­ter et­li­che Her­ren­sit­ze mit schmuck­vol­len Türm­chen und Er­kern. Selbst der alte Bro­to­fen in der his­to­ri­schen Markt­hal­le er­strahlt in Rot.
Von einer ganz an­de­ren Seite zeigt sich Mon­trol-Sé­nard. Dem ers­ten An­schein nach gleicht das Dorf in den Monts de Blond in der Haute-Vi­en­ne vie­len an­de­ren Orten im Li­mou­sin. Die ty­pi­schen Gra­nitstein­häu­ser mit ro­man­ti­schen Blu­men­ran­ken schmie­gen sich ma­le­risch an den Hang. Erst auf den zwei­ten Blick er­kennt man: Das Dorf wurde zu einem Hei­mat­mu­se­um um­ge­wan­delt – mit Hand­wer­ker-Werk­stät­ten, altem Wirts­haus, Bau­ern­hof oder einem alten Klas­sen­zim­mer. Ins­ge­samt 17 Sta­tio­nen ver­mit­teln den Ein­druck vom Leben An­fang des 20. Jahr­hun­derts.
Doch auch die Au­ver­gne muss sich mit ihren char­man­ten Ort­schaf­ten nicht ver­ste­cken. Bles­le etwa ist ein wah­res Klein­od unter den »Schöns­ten Dör­fern Frank­reichs«. Das mag an der idyl­li­schen Tal­la­ge am nord­west­lichs­ten Zip­fel der Haute-Loire an der Gren­ze zum Can­tal und Puy-de-Dôme lie­gen. Oder an dem mit­tel­al­ter­li­chen Cha­rak­ter dank der gut er­hal­te­nen Fach­werk­häu­ser, die noch vom Leder- und We­ber­ge­wer­be des Mit­tel­al­ters zeu­gen, einem Don­jon (= Wohn- und Wehr­turm) aus dem 13. Jahr­hun­dert und sei­ner Ab­tei­kir­che.
Eben­falls in einem Tal liegt ein wei­te­res »Schö­nes Dorf«. La­vau­dieu, das »Tal Got­tes«, be­fin­det sich im sel­ben Dé­par­te­ment und bie­tet eine noch ein­drucks­vol­le­re Ab­tei­kir­che. Und dass ob­wohl der Kirch­turm nach der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on ge­köpft wurde … Die Ort­schaft glänzt nicht nur mit ihrem geist­li­chen Cha­rak­ter, son­dern auch mit char­man­ten Gäss­chen, hüb­schen mit­tel­al­ter­li­chen Häu­schen aus Ar­ko­se und der drei­bo­gi­gen »Alten Brü­cke«. Die ganze Pracht spie­gelt sich oben­drein in einem Flüss­chen.


Unesco-Wel­ter­be: Die drei Bas­alt­kup­pen von Le Puy-en-Velay

Der 27 Meter hohe Wasserfall neben der UNESCO-Welterbe-Stadt Le Puy-en-Velay (Foto: Severine Sand)
Der 27 Meter hohe Was­ser­fall neben der UNESCO-Wel­ter­be-Stadt Le Puy-en-Velay (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Neben Natur kann die Au­ver­gne mit jeder Menge Kul­tur auf­war­ten, vor allem kir­chen­ar­chi­tek­to­ni­scher. Wahre Schät­ze der Bau­kunst sind die zahl­rei­chen Kir­chen im Zen­tral­mas­siv. Als be­son­de­res Schmuck­stück tut sich die Ka­the­dra­le Notre-Dame-de-l’An­non­cia­ti­on in Le Puy-en-Velay auf. Seit Jahr­hun­der­ten pil­gern Gläu­bi­ge (die Stadt liegt auf dem Ja­kobs­weg) und In­ter­es­sier­te zu dem Boll­werk auf einem der drei Vul­kan­ke­gel in der Alt­stadt. Und das liegt nicht nur an den bei­den schwar­zen Ma­don­nen im Kir­chen­in­nern, son­dern auch an der ein­zig­ar­ti­gen Frei­trep­pe, die vor den Al­tar­raum führt, und an der mau­risch an­mu­ten­den West­fas­sa­de.
Die Unesco hat dem Bau­werk aus dem 11. und 12. Jahr­hun­dert den Stem­pel des Kul­tur­er­bes ver­passt. Ver­dient hätte das wohl auch die 22 Meter hohe Notre-Dame-de-Fran­ce auf dem höher ge­le­ge­nen Vul­kan­schlot un­mit­tel­bar da­ne­ben. Die rote Skulp­tur er­in­nert ein wenig an die Frei­heits­sta­tue in New York. Auch die Cha­pel­le Saint-Mi­chel-d’Ai­guil­he am Rande der Alt­stadt auf der drit­ten Bas­alt­kup­pe könn­te prä­miert wer­den. Die drei Er­he­bun­gen mit ihren be­ein­dru­cken­den Bau­wer­ken prä­gen Le Puy-en-Velay wie kein an­de­res.
Reist man schon ein­mal in die Pil­ger­stadt, soll­te man auch die nahe ge­le­ge­nen Cas­ca­de de la Beau­me be­su­chen. Poe­tisch, fast mär­chen­haft wirkt die­ser Was­ser­fall. Mit­ten im Wald stürzt er ins­ge­samt 27 Meter eine stei­le Fels­wand hinab, um wei­ter unten auf trep­pen­ar­ti­gen, tief­schwar­zen Fel­sen zu zer­bers­ten und dort eine stäu­ben­de, in vie­len klei­nen Rinn­sa­len her­ab­flie­ßen­de weiße Gischt zu bil­den. Ein tol­ler Kon­trast! Zu dem Na­tur­schau­spiel ge­langt man zwölf Ki­lo­me­ter süd­lich von Le Puy-en-Velay nach dem klei­nen Ört­chen Agi­zoux (knapp 1 km wei­ter auf der D 54 führt von einem Wan­der­park­platz ein Weg zu dem Idyll).


Sou­ve­nir: Die feu­ri­gen Krea­tio­nen der Kunst­hand­wer­ker

Witzig und kreativ sind die Werke der Feuerkünstler von Limoges (Foto: Severine Sand)
Wit­zig und krea­tiv sind die Werke der Feu­er­künst­ler von Li­mo­ges (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Apro­pos Unesco: Dank sei­ner Feu­er­küns­te hat die Or­ga­ni­sa­ti­on der Stadt Li­mo­ges den Titel »Ville créa­ti­ve de l’Unesco« ver­lie­hen. Das Erbe der Por­zel­lan-, Email- und Glas­ma­le­reikunst lebt fort – wenn auch nicht mehr im gro­ßen Stil wie einst bis zur In­dus­tria­li­sie­rung. Muss es auch nicht, denn Mu­se­en, Ga­le­ri­en, Bou­ti­quen und die über­le­ben­den Groß­her­stel­ler zei­gen schö­ne Stü­cke und pfle­gen die Tra­di­ti­on.
Lei­der hat ge­ra­de die Email­kunst und Glas­ma­le­rei in den ver­gan­ge­nen Jah­ren unter der man­geln­den Nach­fra­ge ge­lit­ten, ei­ni­ge Ga­le­ri­en muss­ten schlie­ßen. Dafür konn­ten sich an­de­re Künst­ler­kol­lek­ti­ve be­haup­ten, so etwa die Ga­le­rie du Canal in der Rue du Canal di­rekt bei der Ka­pel­le Saint-Au­ré­li­en, die herr­lich bunte Ak­zen­te setzt.
Ge­frag­ter ist das Por­zel­lan­hand­werk – al­lein auf dem so­ge­nann­ten Por­zel­lan­bou­le­vard (Bou­le­vard Louis Blanc) reiht sich eine Bou­tique an die an­de­re, unter an­de­rem nam­haf­ter Her­stel­ler wie Ber­nar­daud, Ha­vi­land und Royal Li­mo­ges. Diese bie­ten ge­ra­de in ihren Fa­brik­ver­käu­fen am Stadt­rand neben Schnäpp­chen meist auch klei­ne, kos­ten­lo­se Aus­stel­lun­gen.
Wei­taus üp­pi­ger ist ge­wiss das Musée na­tio­nal de Porce­lai­ne Adri­en Du­bou­ché. Spä­tes­tens ein Be­such die­ses Hau­ses wird in jedem eine Lei­den­schaft für Por­zel­lan ent­fa­chen. Die Aus­stel­lung reicht von frü­hen ar­chäo­lo­gi­schen Fun­den über chi­ne­si­sches und ja­pa­ni­sches Por­zel­lan, Ma­jo­li­ken und Fay­en­cen bis hin zu Art-nou­veau- und Art-déco-Ob­jek­ten sowie zeit­ge­nös­si­scher Ke­ra­mik. Selbst von außen be­geis­tert das Ge­bäu­de von 1900 mit sei­ner graf­fi­ti­ge­schmück­ten Fas­sa­de und ex­tra­va­gan­ten Por­zel­lan­kunst­wer­ke im klei­nen Park davor.


Ku­li­na­rik: Def­tig, def­ti­ger, au­ver­gna­ti­sche und li­mo­si­ner Küche

Im Deutschen klingt es banal – Stopfleberpastete. Im Limousin wird es sogar in karamelisierter Variante auf die Teller gezaubert (Foto: Severine Sand)
Im Deut­schen klingt es banal – Stopf­le­ber­pas­te­te. Im Li­mou­sin wird es sogar in ka­ra­me­li­sier­ter Va­ri­an­te auf die Tel­ler ge­zau­bert (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Zu­ge­ge­ben, hung­ri­ge Ve­ge­ta­ri­er und Ve­ga­ner haben im Li­mou­sin und in der Au­ver­gne eher das Nach­se­hen. Köche ti­schen am liebs­ten Fleisch auf. Wer mag es ihnen bei der hohen Kuh- und Rin­der­dich­te ver­übeln? Al­lein das Li­mou­sin zählt dop­pelt so viele Tiere wie Be­woh­ner. Dafür er­wei­sen sich Spe­zia­li­tä­ten vom Li­mou­sin- und Sa­lers-Rind (Letz­te­res vor allem in der Süd­au­ver­gne) als saf­ti­ge Gau­men­kitz­ler. Nur noch fei­ner ist das wür­zi­ge Fleisch »Fin gras du Mé­zenc« einer Rin­der­ras­se des Mé­zenc-Mas­sivs im Osten der Au­ver­gne.
Li­mo­si­ner Köche war­ten zudem mit feins­ter Stopf­le­ber­pas­te­te (Foie Gras) auf und zau­bern gerne mal eine ka­ra­mel­li­sier­te oder Kas­ta­ni­en­va­ri­an­te auf den Tel­ler. So ziem­lich jedes Re­stau­rant – von der ein­fa­chen Dorf­spe­lun­ke bis zum hoch­klas­si­gen Ster­ne­re­stau­rant – soll­te so­wohl eine Fleisch­krea­ti­on vom Li­mou­sin-Rind als auch eine Stopf­le­ber­pas­te­te auf der Karte ste­hen haben.
Gera­de in der Haupt­stadt Li­mo­ges reiht sich für jeden Geld­beu­tel ein Fress­tem­pel an den an­de­ren, etwa in der be­rühm­ten Metz­ger­gas­se (Rue de la Bou­che­rie) oder am Place de la Motte um die schö­ne Markt­hal­le im Ju­gend­stil herum. Wir emp­feh­len das ne­cki­sche Bis­tro La Femme à Barbe (11, rue Lan­ce­lot). Ob­wohl es nur Bur­ger auf der Tafel lis­tet, kom­men dafür auch Ve­ga­ner und Ve­ge­ta­ri­er auf ihre Kos­ten. Und satt soll­te bei den Rie­sen­bur­gern jeder hung­ri­ge Magen wer­den.
Neben Fleisch steht auch Käse hoch im Kurs, vor allem in der Au­ver­gne. Mit fünf Sor­ten darf sich die Re­gi­on rüh­men, zwei seien dabei be­son­ders her­vor­ge­ho­ben: Can­tal und Sa­lers. Denn beide las­sen sich nicht nur le­cker mit Ba­guette kre­den­zen, son­dern auch in Form von Ali­got oder einer Truf­fa­de. Ers­te­re ist ein mit Käse und Knob­lauch ver­meng­ter Kar­tof­fel­brei, der sich wie Spa­ghet­ti essen lässt, und Zwei­te­re ein def­ti­ger Kar­tof­fel­auf­lauf, bei dem die Kä­se­fä­den an der Gabel deut­lich sicht­bar sein müs­sen. Am ur­tüm­lichs­ten ist der Ge­nuss in einem tra­di­tio­nel­len Buron (= Senn­hüt­te), bei­spiels­wei­se bei dem Ört­chen Sa­lers im Can­tal im Bu­rons de Sa­lers di­rekt an einem Berg­hang (www.bu­rons­desa­lers.fr).


Ge­schich­te: Zeit­zeu­gen des Zen­tral­mas­sivs

Die Ruinen nach dem Wehrmachtsmassaker in Oradour-sur-Glane wurden bewusst nicht wiederaufgebaut (Foto: Severine Sand)
Die Rui­nen nach dem Wehr­machts­mas­sa­ker in Ora­dour-sur-Glane wur­den be­wusst nicht wie­der­auf­ge­baut (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Eines der dun­kels­ten Ka­pi­tel deut­scher Ge­schich­te wurde aus­ge­rech­net im Li­mou­sin ge­schrie­ben: in Ora­dour-sur-Glane. In dem klei­nen Ort nahe Li­mo­ges er­eig­ne­te sich das wohl schlimms­te Mas­sa­ker der deut­schen Wehr­macht in We­st­eu­ro­pa. Am 10. Juni 1944 er­mor­de­te ein NS-Pan­zer­re­gi­ment 642 Ein­woh­ner, dar­un­ter 207 Kin­der und 254 Frau­en. An­schlie­ßend brann­ten die etwa 200 deut­schen Sol­da­ten das ge­sam­te Dorf nie­der. Nur sechs Men­schen konn­ten die­sem Mas­sa­ker ent­kom­men. Die Rui­nen von Ora­dour-sur-Glane sind seit­dem un­an­ge­tas­tet ge­blie­ben und die­nen heute als Mahn­mal. Di­rekt da­ne­ben wurde ein neues, recht schmuck­lo­ses Ora­dour er­rich­tet.
Jähr­lich spa­zie­ren mehr als 300.000 Men­schen, dar­un­ter viele Fa­mi­li­en und Schul­klas­sen, durch die Stät­te des Kriegs­ver­bre­chens, vor­bei an aus­ge­brann­ten Autos und Ge­schäf­ten, oder be­su­chen das an­ge­glie­der­te in­for­ma­ti­ve Mu­se­um »Cent­re de la Mé­moi­re«.


Na­tur­schön­hei­ten: Die Teu­fels­wie­ge und ein Grand Can­yon im Mi­nia­tur­for­mat

Um die Steinansammlung der Pierres de Jaumâtre ranken sich manche Mythen (Foto: Severine Sand)
Um die St­ein­an­samm­lung der Pier­res de Jaumât­re ran­ken sich man­che My­then (Foto: Se­ve­ri­ne Sand)
Die Natur steckt vol­ler wun­der­sa­mer Be­ge­ben­hei­ten. Kein Wun­der, dass die Men­schen ge­ra­de für die fas­zi­nie­ren­den Land­schaf­ten des Li­mou­sin und der Au­ver­gne ganz ei­ge­ne Er­klä­run­gen zu deren Ent­ste­hung er­son­nen haben.
Al­lein um die St­ein­an­samm­lung der Pier­res de Jaumât­re im Li­mou­sin ran­ken sich so man­che My­then. Auf dem Gip­fel des Mont Bar­lot ver­tei­len sich rund vier­zig Fel­sen in allen mög­li­chen und un­mög­li­chen For­men und Grö­ßen und mit lus­ti­gen Namen wie Zu­cker­brot oder But­ter­ku­gel. Die un­ge­wöhn­lichs­ten For­ma­tio­nen sind der 14 m lange Stein Hesus, be­nannt nach dem gä­li­schen Kriegs­gott, sowie der größ­te Fel­sen und be­lieb­tes Fo­to­mo­tiv, die so­ge­nann­te Teu­fels­wie­ge (Ber­ceau du Dia­ble). Bis ins 19. Jahr­hun­dert glaub­te man, Drui­den hät­ten die St­ei­ne als Op­fe­ral­tä­re ge­nutzt, um ihre Ri­tua­le und Kulte zu ze­le­brie­ren und ihre Mut­ter­gott­hei­ten an­zu­be­ten. Das klingt zu­min­dest bes­ser als die wahre Ent­ste­hungs­ge­schich­te, nach der die Gra­nit­blö­cke Über­bleib­sel eines vor­ge­schicht­li­chen Erd­be­bens oder Vul­kan­aus­bruchs sind.
Min­des­tens ge­nau­so wun­der­sam, wenn nicht sogar noch wun­der­sa­mer ist das Tal der Hei­li­gen (Val­lée des Saints) bei dem klei­nen Win­zer­dorf Bou­des in der Haute-Loire der Au­ver­gne. Es gilt als Grand Can­yon in Mi­nia­tur­for­mat. Wer die hoch auf­ra­gen­den, bi­zar­ren Fels­for­ma­tio­nen aus rotem Sand­stein ge­se­hen hat, weiß warum. Das durch Ab­tra­gung und ver­wit­te­rung ent­stan­de­ne Areal ist durch einen Wan­der­weg gut er­schlos­sen. Be­son­ders zum Son­nen­un­ter­gang emp­fiehlt sich eine Tour, wenn die Fel­sen in noch wär­me­ren Rot leuch­ten. Hier sol­len unter an­de­rem Feen die Ge­gend be­zau­bert haben – daher rührt auch der Name einer Fels­for­ma­ti­on: Fe­en­schorn­stei­ne (Che­mi­nées des Fées).