Top Ten

Teil 14: Sar­di­ni­en

oder Die Ka­ri­bik Eu­ro­pas

Portrait Eberhard FohrerEine ro­ma­ni­sche Kir­che in Ze­bra­haut, jahr­tau­sen­de­al­te ke­gel­för­mi­ge Türme, deren Funk­ti­on bis heute noch nicht ge­klärt ist, der größ­te bis­her be­kann­te Tropf­stein Eu­ro­pas – Sar­di­ni­en bie­tet viele Be­son­der­hei­ten, dar­un­ter eine Gra­nit­wild­nis am Meer, die wie eine »un­ge­heue­re Menge Knet­mas­se« wirkt, »die ein Riese zer­stampft und zer­brö­selt« hat. Eber­hard Foh­rer weiß, wo sich die Be­son­der­hei­ten be­fin­den – und was es mit ihnen auf sich hat. Seine Sar­di­ni­en-Bibel ist 2016 in 15. Auf­la­ge neu er­schie­nen.


Sar­di­ni­en – Eber­hard Foh­rers Top Ten

Skur­ril: Capo Testa oder Die Gra­nit­wild­nis am Meer

Die Granitwildnis im äußersten Norden Sardiniens (Foto: Eberhard Fohrer)
Die Gra­nit­wild­nis im äu­ßers­ten Nor­den Sar­di­ni­ens (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Das mar­kan­te Kap im äu­ßers­ten Nor­den Sar­di­ni­ens ist eines der land­schaft­li­chen High­lights der Insel. Wie eine un­ge­heue­re Menge Knet­mas­se, die ein Riese zer­stampft und zer­brö­selt hat, türmt sich hier eine bi­zar­re Gra­nit­wild­nis in skur­rils­ten For­men auf – ent­stan­den durch jahr­tau­sen­de­lan­ge Ero­si­on von Sturm, Meer und ex­trem wech­seln­den Tem­pe­ra­tu­ren.
Vom wind­ge­gerb­ten Gall­ura­städt­chen Santa Te­re­sa di Gall­ura – Kor­si­ka ist in Blick­wei­te – sind es nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter zum Capo Testa. Die Stra­ße endet an einer Wen­de­platt­form, von dort macht man sich zu Fuß auf, um das weit­läu­fi­ge Ge­biet zu er­kun­den. Rechts der Stra­ße hat sich in idyl­li­scher Lage unter Wa­chol­der­bäu­men das Lokal »Sea Lounge« ein­ge­rich­tet, un­ter­halb davon liegt die Ba­de­bucht Cala Spi­no­sa mit kris­tall­kla­rem Was­ser. Das be­nach­bar­te Valle di Luna ist be­kannt als ehe­ma­li­ger Hip­pie­treff, und auch heute zel­ten hier noch Al­ter­na­tiv­ur­lau­ber in den zahl­rei­chen Höh­len bei­der­seits des Tals.


Strän­de: Die Ka­ri­bik Eu­ro­pas oder Ba­de­spaß rund um die Insel

Eine Top-Ten-Liste ließe sich allein durch die großartigen Strände füllen. Einer davon liegt in der Bucht von Buggerru (Foto: Eberhard Fohrer)
Eine Top-Ten-Liste ließe sich al­lein durch die groß­ar­ti­gen Strän­de fül­len. Einer davon liegt in der Bucht von Bug­ger­ru (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Das größ­te tou­ris­ti­sche Ka­pi­tal Sar­di­ni­ens? Das ist zwei­fel­los die schier un­glaub­li­che Zahl an groß­ar­ti­gen Strän­den, die in allen In­sel­ecken zu fin­den sind. Es gibt so viele, dass damit leicht al­lein eine Top-Ten-Liste ge­füllt wer­den könn­te: die wilde Dü­nen­land­schaft der Costa Verde an der West­küs­te, die viel be­such­te Spiaggia La Cinta bei San Teo­do­ro, die im Som­mer glut­hei­ße Costa del Sud mit ihren La­gu­nen­se­en, die 10 km lange und bis auf eine Fe­ri­en­stadt kaum be­bau­te Costa Rei im Süd­os­ten, der fan­tas­ti­sche Golf von Bug­ger­ru, wo bis ins 20. Jahr­hun­dert nach Erz ge­bohrt wurde, die Bucht von Budo­ni süd­lich von Olbia, die Reis­korn­strän­de mit ihren gro­ßen Quarz­sand­kör­nern auf der Sinis-Halb­in­sel bei Oris­ta­no und und … Ent­lang der ge­sam­ten Küs­ten­li­nie rei­hen sich Dut­zen­de ki­lo­me­ter­lan­ger Sand­strei­fen im Wech­sel mit ru­hi­gen Fels­buch­ten, in denen sich Gra­nit und Por­phyr, ein vul­ka­ni­sches Gestein, zu den wil­des­ten For­men ver­schlin­gen.
Nun die schlech­te Nach­richt: Das leuch­tend tür­ki­se Was­ser, die grüne Pi­ne­ta (= Pi­ni­en­be­wuchs an den Strän­den) und die duf­ten­de Mac­chia – in der Ne­ben­sai­son kann man das vie­ler­orts fast al­lei­ne ge­nie­ßen, doch im Hoch­som­mer än­dert sich das Bild. Dann drän­gen sich die Mas­sen, und die Ge­mein­de­kas­sen klin­geln (wie ge­sagt, das größ­te tou­ris­ti­sche Ka­pi­tal …), denn mitt­ler­wei­le wer­den na­he­zu über­all Park­ge­büh­ren er­ho­ben.


Schöns­te Stadt: Alg­he­ro oder Spa­ni­sches Erbe

Trutzige Wehrmauern schützen die 400 Jahre von Spanien regierte Stadt Alghero zum Meer hin (Foto: Eberhard Fohrer)
Trut­zi­ge Wehr­mau­ern schüt­zen die 400 Jahre von Spa­ni­en re­gier­te Stadt Alg­he­ro zum Meer hin (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Die schöns­te Stadt Sar­di­ni­ens? Das ist nach Mei­nung der meis­ten In­sel­lieb­ha­ber Alg­he­ro an der Nord­west­küs­te.
»Sar­disch« wirkt hier al­ler­dings nur wenig, denn fast 400 Jahre lang re­gier­ten die Spa­nier, die im 14. Jahr­hun­dert aus dem Kö­nig­reich Ara­gon (Nord­ost­spa­ni­en/Ka­ta­lo­ni­en) kamen und die an­säs­si­gen Sar­den und Ge­nue­sen ver­trie­ben. In der au­to­frei­en Alt­stadt hat sich der spa­ni­sche Cha­rak­ter bis heute er­hal­ten – schma­le Pflas­ter­gas­sen zwi­schen his­to­ri­schen Pracht­fas­sa­den, ver­streu­te, klei­ne Piaz­ze (ka­ta­la­nisch »Pla­cas«), go­ti­sche und ba­ro­cke Kir­chen. Die meis­ten Be­woh­ner stam­men von Ka­ta­la­nen ab, man spricht einen ka­ta­la­ni­schen Dia­lekt, in den Lo­ka­len wird Pa­el­la ser­viert und die Be­schil­de­rung der Stra­ßen ist zwei­spra­chig: »Car­rer« und »Via« bzw. »Placa« und »Piaz­za«.
Zum Meer hin schützt eine me­ter­di­cke Stadt­mau­er mit Bas­tei­en und Rund­tür­men das »Cen­tro sto­ri­co«, das his­to­ri­sche Zen­trum. Wun­der­schön sitzt man dort in zahl­rei­chen Re­stau­rants und ge­nießt die Abend­son­ne, die in Rich­tung spa­ni­scher Halb­in­sel über dem Meer un­ter­geht.


Aus­flug: Bosa oder Klei­nes Städt­chen am brei­ten Fluss

Nicht weit von Alghero entfernt, das mittelalterliche und malerische Städtchen Bosa (Foto: Eberhard Fohrer)
Nicht weit von Alg­he­ro ent­fernt, das mit­tel­al­ter­li­che und ma­le­ri­sche Städt­chen Bosa (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Wenn man Alg­he­ro im Nord­wes­ten be­sucht, soll­te man das nahe Bosa kei­nes­falls aus­las­sen – und auch die Fahrt zwi­schen bei­den Städ­ten bie­tet herr­li­che Im­pres­sio­nen der hier na­he­zu un­be­bau­ten Küste. Bosa liegt am Fluss Temo, dem ein­zi­gen auf Sar­di­ni­en, der schiff­bar ist. Zwi­schen fla­che Ta­fel­ber­ge und schrof­fe Fels­gra­te hat er sich ein tie­fes Bett ge­gra­ben – und mit­ten­drin thront wie in einem Ge­mäl­de das mit­tel­al­ter­li­che Städt­chen. Steil klet­tern die bun­ten Häu­ser einen Hang hin­auf, dar­über ste­hen die trut­zi­gen Mau­ern eines ge­nue­si­schen Ka­stells.
Im ma­le­ri­schen alten Zen­trum am Corso Vit­to­rio Ema­nue­le do­mi­nie­ren auf den ers­ten Blick die hohen Bal­kon­fas­sa­den. Das Stra­ßen­pflas­ter ist von ei­ge­ner Art: säu­ber­lich ab­ge­run­de­te, faust­gro­ße Kie­sel, die eng an eng ge­setzt sind, nur in der Mitte der Fahr­bahn sind läng­li­che Gra­nit­qua­der an­ein­an­der­ge­reiht. Frü­her rat­ter­ten hier die ei­ser­nen Rei­fen der Och­sen­kar­ren, heute scho­nen die Gra­nit­qua­der die Stoß­dämp­fer. Doch schon we­ni­ge Schrit­te seit­lich taucht man in ein Ge­wirr von schma­len, im Som­mer wun­der­bar küh­len Gäss­chen, der Au­to­lärm ver­stummt, hier und dort sieht man Frau­en, die an gro­ßen Holz­rah­men sit­zen und ge­dul­dig De­cken und Tü­cher be­sti­cken – Fi­let­sti­cke­rei und Spit­zen­klöp­pe­lei ge­hö­ren in Bosa zur Tra­di­ti­on.
Einen will­kom­me­nen Kon­trast zur engen Alt­stadt bie­tet die Pal­men­pro­me­na­de am brei­ten Fluss: hohe, alte Bür­ger­häu­ser, im Was­ser schau­keln­de Fi­scher­boo­te, auf der an­de­ren Fluss­sei­te dicht an dicht die ehe­ma­li­gen Ger­be­rei­ge­bäu­de aus dem 18. Jahr­hun­dert. Da­mals er­leb­te Bosa eine Phase re­la­ti­ven Wohl­stands durch Ger­be­rei­hand­werk, die schon er­wähn­te Fi­let­sti­cke­rei, Schmuck­her­stel­lung und Koral­len­ver­ar­bei­tung.
Ein ech­ter Be­su­cher­ma­gnet ist aber auch der schö­ne, brau­ne Sand­strand in der nahen Hafen- und Ba­de­sied­lung Bosa Ma­ri­na.


Kul­tur: Or­go­so­lo oder Das Dorf der »Mu­ra­les«

Hochpolitisch, sogar aus deutscher Sicht, sind die Wandbilder in Orgosolo (Foto: Eberhard Fohrer)
Hoch­po­li­tisch, sogar aus deut­scher Sicht, sind die Wand­bil­der in Or­go­so­lo (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Or­go­so­lo in der ber­gi­gen Re­gi­on Bar­ba­gia galt über Jahr­hun­der­te hin­weg als eines der re­bel­lischs­ten Dör­fer Sar­di­ni­ens. Hart­nä­ckig hat man sich hier gegen die Zen­tral­ge­walt auf dem ita­lie­ni­schen Fest­land auf­ge­lehnt. Das sieht man den Men­schen heute nicht mehr an, doch zahl­lo­se Wand­bil­der (= Mu­ra­les) kün­den mit ele­men­ta­rer Wucht und Aus­drucks­kraft von der bri­san­ten Ver­gan­gen­heit. Sie sind Pro­test gegen Un­ter­drü­ckung, Un­ge­rech­tig­keit und Will­kür, aber auch ein Ver­such, die ei­ge­ne Ge­schich­te zu er­klä­ren. Kaum eine Wand im Zen­trum, die nicht be­malt ist – Or­go­so­lo hat die um­fang­reichs­te Mu­ra­les-Serie Sar­di­ni­ens.
An­ge­regt durch die be­rühm­te Re­vo­lu­ti­ons­ma­le­rei in Me­xi­ko und an­de­ren la­tein­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern ent­stan­den die ers­ten Bil­der in den 60er-Jah­ren unter dem Ein­druck der fran­zö­si­schen Stu­den­ten­be­we­gung. Sie spie­geln den jahr­hun­der­te­lan­gen Kampf gegen Re­pres­si­on, Ko­lo­ni­sie­rung und Aus­beu­tung wider, kla­gen an, zei­gen Wut und Ohn­macht ge­gen­über den Herr­schen­den, drü­cken aber auch Hoff­nung auf Ve­rän­de­rung aus.


Er­leb­nis: Im Dun­kel des Bergs oder Die Höh­len im Kalk­ge­stein

654 Stufen sind es bis zur Grotta di Nettuno bei Alghero (Foto: Eberhard Fohrer)
654 Stu­fen sind es bis zur Grot­ta di Net­tu­no bei Alg­he­ro (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Ein ech­tes Kon­trast­pro­gramm zur »Sonne-, Strand- und Meer-Insel«: Der kars­ti­ge Kalk Sar­di­ni­ens birgt meh­re­re hun­dert Grot­ten, die sich oft tief ver­zwei­gen und noch lange nicht voll­stän­dig er­forscht sind. Zahl­rei­che Funde be­wei­sen, dass die Höh­len schon von den vor­ge­schicht­li­chen Be­woh­nern der Insel ge­nutzt wur­den. Ei­ni­ge sind tou­ris­tisch er­schlos­sen – und ihr Be­such macht so­wohl Kin­dern wie auch Er­wach­se­nen Spaß, wobei vor allem die bi­zar­ren Tropf­st­ein­ge­bil­de im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses ste­hen. So ist z. B. der größ­te bis­her be­kann­te Tropf­stein Eu­ro­pas in der Grot­ta di Ispi­ni­go­li bei Dor­ga­li er­hal­ten – ein 38 m hoher Sta­lag­mit, der vom Boden bis zur Decke durch­ge­wach­sen ist, so dass die Höhle wie ein rie­si­ges, auf­ge­ris­se­nes Dra­chen­maul mit einem ge­wal­ti­gen Dorn darin er­scheint.
Die Grot­ta del Bue Ma­ri­no in der Steil­küs­te bei Cala Go­no­ne an der Ost­küs­te wird schon seit dem 19. Jahr­hun­dert von Rei­sen­den be­sucht, sie wurde in Jahr­mil­lio­nen durch un­ter­ir­di­sche Was­ser­läu­fe aus­ge­höhlt. Um sie zu be­su­chen, muss man mit dem Boot an­fah­ren oder eine klei­ne Wan­de­rung un­ter­neh­men. – Eben­falls seit Lan­gem be­kannt ist die Grot­ta di Net­tu­no am pit­to­res­ken Capo Cac­cia bei Alg­he­ro, zu der eine Trep­pe mit 654 Stu­fen hin­un­ter­führt.
Noch nicht so lange für den Pu­bli­kums­ver­kehr ge­öff­net sind da­ge­gen die Grot­ta su Mar­mu­ri bei Ulas­sai, die Grot­ta di su Man­nau bei Flu­mi­nim­ag­gio­re, die Grot­ta Is Zud­das bei San­ta­di und die Grot­ta de is Janas bei Sa­da­li – aber auch (und ge­ra­de) sie loh­nen einen Be­such.


Über­nach­ten und Essen & Trin­ken: Ag­ri­tu­ris­mo oder Fe­ri­en auf dem Bau­ern­hof

Eine der zahlreichen Agriturismo-Alternativen, wenn man keine hohen Hotelpreise zahlen mag (Foto: Eberhard Fohrer)
Eine der zahl­rei­chen Ag­ri­tu­ris­mo-Al­ter­na­ti­ven, wenn man keine hohen Ho­tel­prei­se zah­len mag (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Im länd­lich struk­tu­rier­ten Sar­di­ni­en ist dies eine idea­le Form der Fe­ri­en­ge­stal­tung, nicht zu­letzt wegen der ver­gleichs­wei­se hohen Ho­tel­prei­se.
»Ag­ri­tu­ris­mo«, das be­deu­tet Ur­laub nicht in den gro­ßen Tou­ris­ten­zen­tren am Meer, son­dern haut­nah im bäu­er­li­chen Mi­lieu mit allen Mög­lich­kei­ten, die dar­aus er­wach­sen. Man lernt das Leben der Men­schen im länd­li­chen Be­reich ken­nen und die­sen kommt auch die fi­nan­zi­el­le Seite un­mit­tel­bar zu­gu­te – im Ge­gen­satz zu vie­len Ho­tels, in denen Ka­pi­tal­ge­sell­schaf­ten kas­sie­ren. Die Zim­mer sind in der Regel or­dent­lich und sau­ber, mit etwas Glück be­kommt man her­vor­ra­gen­de au­then­ti­sche und reich­hal­ti­ge Küche ser­viert, oft wer­den Rei­taus­flü­ge oder an­de­re Ak­ti­vi­tä­ten an­ge­bo­ten. In ei­ni­gen Fäl­len darf man auch sein Zelt auf dem Grund­stück auf­stel­len oder das Womo par­ken (»Ag­ri­cam­peg­gio«).
Wer nicht in einem Ag­ri­tu­ris­mo über­nach­ten will, soll­te dort zu­min­dest ein­mal zum Essen ein­keh­ren, denn die ge­nui­ne Bau­ern­kü­che Sar­di­ni­ens lernt man so am bes­ten ken­nen. Man mel­det sich dafür einen Tag vor­her te­le­fo­nisch an und er­hält dann für ca. 25-35 € pro Per­son ein voll­stän­di­ges Menü, dazu Rot­wein und Was­ser. Ge­kocht wird häu­fig mit Pro­duk­ten aus der ei­ge­nen Land­wirt­schaft (»Chi­lo­me­tro Zero«) oder aus der nä­he­ren Um­ge­bung.
Hier drei Vor­schlä­ge (von vie­len):
Der »Ag­ri­tu­ris­mo Qu­er­cia della Gall­ura« (www.quer­ci­adel­lagall­ura.com) liegt im Nor­den Sar­di­ni­ens, etwas 5 km von Luo­go­san­to ent­fernt, an der Stra­ße nach Ar­zachena ist er aus­ge­schil­dert. Die Ge­schwis­ter Laura und Mat­teo Saba ver­mie­ten zwölf ge­räu­mi­ge DZ mit je­weils ei­ge­ner klei­ner Ter­ras­se in ihrem rus­ti­ka­len An­we­sen. Abends wird her­vor­ra­gend sar­disch ge­kocht, meh­re­re Gänge. Moun­tain­bikes kann man beim sar­disch-deut­schen Team des an­ge­schlos­se­nen »Gall­ura Bike Point« (www.gall­ura­bi­ke­point.com) lei­hen, auch Tou­ren wer­den hier an­ge­bo­ten.
In der schö­nen Bucht von Bug­ger­ru führt der sym­pa­thi­sche Fran­ces­co sei­nen »Ag­ri­tu­ris­mo Fig­he­zia« (www.ag­ri­tu­ris­mo­fig­he­zia.it), etwa 4 km land­ein­wärts vom Strand. Ver­mie­tet wer­den schlich­te Zim­mer in mo­der­ner öko­lo­gi­scher Bau­wei­se. Von den Ter­ras­sen ge­nießt man tags­über den wun­der­ba­ren Pan­ora­ma­blick, nachts den herr­li­chen Ster­nen­him­mel. Abends sitzt man mit den an­de­ren Gäs­ten an einem gro­ßen Tisch zu­sam­men und er­freut sich des sar­disch-krea­ti­ven Essen mit selbst ge­kel­ter­tem Wein.
Im »Ag­ri­tu­ris­mo S’Ispi­ga« (www.sis­pi­ga.it) an der West­küs­te gibt es sau­be­re Zim­mer mit schö­nem Blick bis zum Meer. Abends zau­bert Koch An­ton­an­ge­lo ein ex­zel­len­tes mehr­gän­gi­ges Mahl mit vie­len sar­di­schen Spe­zia­li­tä­ten. Das Fleisch dazu stammt aus ei­ge­ner Tier­hal­tung, auch das Oli­ven­öl und an­de­re Pro­duk­te wer­den sel­ber her­ge­stellt.


Re­gi­on: Golfo di Oro­sei oder Hip­pies, Strän­de und Grot­ten

In Jahrmillionen durch unterirdische Wasserläufe ausgehöhlt, die Grotta del Bue Marino (Foto: Eberhard Fohrer)
In Jahr­mil­lio­nen durch un­ter­ir­di­sche Was­ser­läu­fe aus­ge­höhlt, die Grot­ta del Bue Ma­ri­no (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Der 30 km lange Golfo di Oro­sei an der sar­di­schen Ost­küs­te ist ge­prägt durch die mäch­ti­gen Aus­läu­fer des Su­pra­mon­te-Ge­bir­ges, deren bis zu 400 m hohen Hänge senk­recht zum Meer hin ab­fal­len. Tiefe Schluch­ten, so ge­nann­te »Co­du­le«, zwän­gen sich durch den ver­kars­te­ten Kalk und mün­den in weit aus­la­den­den Sand­buch­ten am Meer. In den 70er-Jah­ren tum­mel­ten sich hier Hip­pies und Aus­stei­ger für Mo­na­te oder gar Jahre. Jetzt sind die ab­ge­le­ge­nen Strän­de vom Küs­ten­ort Cala Go­no­ne aus täg­lich mit Aus­flugs­boo­ten zu er­rei­chen – und eine Boots­fahrt durchs glas­kla­re Meer ent­lang der Steil­küs­te ist fast schon ein Muss, wenn auch nicht bil­lig (je nach Ziel ca. 20-30 € hin und zu­rück). Be­lieb­tes­tes An­lauf­ziel ist der an bei­den Sei­ten von ver­wit­ter­ten Fels­hän­gen ein­ge­fass­te Strand Cala di Luna. Den Hip­pies dien­ten die von Wind und Wel­len in Jahr­tau­sen­den in die Fels­wän­de ge­gra­be­nen Grot­ten als Wohn­höh­len, heute su­chen hier zahl­rei­che Ba­de­ur­lau­ber den er­sehn­ten Schat­ten …
Sogar in der Hoch­sai­son wohl­tu­end ruhig ist da­ge­gen die Cala Go­lo­rit­zè, denn die wun­der­schö­ne Bucht bleibt für den mo­to­ri­sier­ten Boots­ver­kehr ge­sperrt. Eine traum­haft-wilde Sze­ne­rie tut sich hier auf: Der strah­lend weiße Kies­strand liegt un­ter­halb senk­rech­ter Fels­ab­stür­ze, vor­ge­la­gert ist das Fel­sen­tor Arco di Go­lo­rit­zè, und im Hin­ter­grund steigt die Fels­na­del L’Aguglia senk­recht in den Him­mel. Der 143 m hohe Kalk­mo­no­lith, auch Punta Car­od­di (»Ka­rot­ten­fels«) ge­nannt, ist ein be­vor­zug­ter An­lauf­punkt für rou­ti­nier­te Free­clim­ber, denn es han­delt sich hier um Ita­li­ens klet­ter­tech­nisch schwie­rigs­ten Nor­mal­an­stieg.
Eine gänz­lich an­ders ge­ar­te­te At­trak­ti­on ist die Grot­ta del Bue Ma­ri­no, die »Höhle der Mee­roch­sen«. Wo sich heute die Be­su­cher in lan­gen Schlan­gen durch den Berg be­we­gen, leb­ten einst Mönchs­rob­ben (re­spek­ti­ve »Mee­roch­sen«) und brach­ten ihre Jun­gen zur Welt. Sie sind je­doch seit Jahr­zehn­ten ver­schwun­den und welt­weit vom Auss­ter­ben be­droht. Im sog. Spie­gel­saal hat sich ein gro­ßer See ge­bil­det, an des­sen glas­kla­rer Ober­flä­che sich dank ver­schie­de­ner Licht­quel­len täu­schend echt die raue Höh­len­de­cke wi­der­spie­gelt. Hier, in etwa 600 m Ent­fer­nung vom Ein­gang, ver­ei­nigt sich das Süß­was­ser aus dem Berg mit dem Salz­was­ser, nach der Schnee­schmel­ze im Früh­jahr ent­steht ein Was­ser­fall. Ein Tipp für Un­ter­neh­mungs­lus­ti­ge: Man kann die Grot­te auch zu Fuß er­rei­chen, denn von der Cala Fuili (we­ni­ge Ki­lo­me­ter süd­lich von Cala Go­no­ne) führt ein stei­nig-an­stren­gen­der Küs­ten­weg mit viel Auf und Ab in etwa 50 Mi­nu­ten bis zu einer gro­ßen Grot­ten­öff­nung über dem Was­ser. Vor­sicht je­doch: Der Zu­gang zur Höhle steht laut Aus­kunft nur Mo-Sa offen. Fra­gen Sie des­halb un­be­dingt noch ein­mal vor­her im In­for­ma­ti­ons­bü­ro von Cala Go­no­ne nach. Die Rück­fahrt ist dann per Boot mög­lich (ca. 8 €).


Früh­ge­schich­te: Die Nu­rag­hen­kul­tur oder Mi­li­tär­bau­ten, Brun­nen­tem­pel und »Rie­sen­grä­ber«

Die größte heute bekannte Nuraghenfestung Su Nuraxi im Süden Sardiniens (Foto: Eberhard Fohrer)
Die größ­te heute be­kann­te Nu­rag­hen­fes­tung Su Nu­ra­xi im Süden Sar­di­ni­ens (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Für ar­chäo­lo­gisch In­ter­es­sier­te ist Sar­di­ni­en ein mehr als loh­nen­des Ziel, fin­den sich hier doch zahl­lo­se Re­lik­te der frü­hes­ten His­to­rie.
Im 2. Jahr­tau­send vor Chris­ti fass­te eine kämp­fe­ri­sche Hir­ten­kul­tur auf der Insel Fuß. Ihre be­deu­tends­ten und bis heute rät­sel­haf­ten Über­bleib­sel sind die bi­zar­ren Nu­rag­hen (»Nu­ra­kes« be­deu­tet St­ein­hau­fen), ke­gel­för­mi­ge Türme aus roh auf­ein­an­der ge­schich­te­ten St­ein­blö­cken. Als schwarz­graue, moos­be­wach­se­ne Un­ge­tü­me ste­hen sie noch heute über­all in der sar­di­schen Land­schaft, in Eu­ro­pa gibt es aus die­ser Zeit nichts Ver­gleich­ba­res. Mehr als 7000 hat man bis heute ge­zählt (wahr­schein­lich gab es we­sent­lich mehr, wenn auch nicht alle zur glei­chen Zeit) und aus­ge­rech­net, dass damit jeder Turm im Durch­schnitt ein Ge­biet kon­trol­lie­ren konn­te, das sich nicht wei­ter als 1 km nach jeder Seite er­streck­te. Ihr In­ne­res war von der Au­ßen­welt voll­kom­men ab­ge­schirmt, nur ein schma­ler Gang und Schieß­schar­ten führ­ten durch die me­ter­di­cken Mau­ern nach außen. Von der heu­ti­gen For­schung wer­den sie meist als Kult­stät­ten oder Mi­li­tär­bau­ten ge­se­hen, wobei letz­te­re Va­ri­an­te von vie­len Archäo­lo­gen be­vor­zugt wird, doch Ge­wiss­heit be­steht über ihre Funk­ti­on nicht. Die größ­te heute be­kann­te Fe­stung, Su Nu­ra­xi bei Bar­umi­ni im Süden Sar­di­ni­ens, ge­hört zum Welt­kul­tur­er­be der UNESCO und hatte in der letz­ten Aus­bau­pha­se (9. Jh. v. Chr.) zwölf Türme samt dop­pel­tem Mau­er­ring. Eine zwei­te be­deu­ten­de Nu­rag­hen­an­la­ge ist Santu An­ti­ne bei Tor­ral­ba in der baum­lo­sen Ebene des Lo­gu­do­ro, und ein drit­ter im Bunde bleibt der im­po­san­te Nu­rag­he Ar­ru­biu bei Or­ro­li in der Mar­mil­la.
Ein wei­te­res be­son­de­res Kenn­zei­chen der nu­rag­hi­schen Kul­tur sind ihre Brun­nen­tem­pel, die »Pozzi Sacri«. In die­sen mit gro­ßer Prä­zi­si­on er­stell­ten An­la­gen, von denen heute mehr als 50 be­kannt sind, wurde das le­bens­not­wen­di­ge und als heil­kräf­tig an­ge­se­he­ne Was­ser ver­ehrt, denn man hat zahl­rei­che Wei­he­ge­schen­ke ge­fun­den, und auch kul­ti­sche Hand­lun­gen fan­den wohl statt. Mehr als 50 Brun­nen­hei­lig­tü­mer sind be­kannt, be­son­ders gut er­hal­ten sind die An­la­gen von Santa Cris­ti­na bei Pau­li­la­ti­no in der Nähe von Oris­ta­no, Santa Vit­to­ria bei Serri im Süden und Su Tem­pie­su bei Orune, nörd­lich von Nuoro.
Ihre Toten be­er­dig­ten die Nu­ra­ghier in Ge­mein­schafts­grä­bern, den sog. Tombe dei Gi­gan­ti (sar­disch: tum­bas de sos zi­gan­tes), in denen ganze Sip­pen Platz fan­den, bis zu hun­dert und mehr Men­schen. Die Front bil­det eine me­ter­ho­he Ein­gangs­ste­le mit einem klei­nen Ein­lass­loch, flan­kiert von zwei halb­kreis­för­mi­gen Flü­geln mit Sitz­bän­ken. Da­hin­ter er­streckt sich eine gut 10 m lange Aus­schach­tung, die mit Gra­nit­plat­ten aus­ge­klei­det und über­deckt ist. Die Gi­gan­ten­grä­ber Coddu Vec­chiu und Li Lolghi sind bei Ar­zachena in Nord­sar­di­ni­en er­hal­ten, wei­te­re fin­det man beim Ca­stel­lo Pe­dre­so in der Um­ge­bung von Olbia und bei Dor­ga­li.


Kunst­ge­nuss: Ro­ma­nik pur oder Pi­sa­ni­sche Land­kir­chen

Unverwechselbar und legendär, die Zebrahaut der schönsten Pisanerkirche Sardiniens (Foto: Eberhard Fohrer)
Un­ver­wech­sel­bar und le­gen­där, die Ze­bra­haut der schöns­ten Pi­sa­ner­kir­che Sar­di­ni­ens (Foto: Eber­hard Foh­rer)
Vor allem im Nor­den Sar­di­ni­en fin­det man sie – echte Klein­ode der Ro­ma­nik und für Kunst­lieb­ha­ber al­lein ein Grund, nach Sar­di­ni­en zu rei­sen. Zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te: Im frü­hen Mit­tel­al­ter sah sich die rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­che auf­grund der (ge­fälsch­ten) Kon­stan­ti­ni­schen Schen­kung als Ei­gen­tü­mer Sar­di­ni­ens. Als die Ara­ber im Jahr 1015 weite Teile der Insel be­setz­ten, rief Papst Be­ne­dikt VIII. die mäch­ti­gen Stadt­re­pu­bli­ken Pisa und Genua zu Hilfe, die die mus­li­mi­schen Ero­be­rer be­reits kurz dar­auf ver­nich­tend schla­gen konn­ten und be­gan­nen, ihre fest­län­di­sche Kul­tur auf die »ver­ges­se­ne Insel« zu im­por­tie­ren. Mönchs­or­den wur­den nach Sar­di­ni­en ge­schickt, er­rich­te­ten Klös­ter und Kir­chen und gin­gen daran, das um­lie­gen­de Land urbar zu ma­chen. In den nach­fol­gen­den Jahr­hun­der­ten wur­den die meist weit­ab von jeder grö­ße­ren Ort­schaft er­rich­te­ten Kir­chen kaum ver­än­dert, sie ver­kör­pern des­halb bis heute reins­te Ro­ma­nik – was auf dem Fest­land eher eine Sel­ten­heit ist …
Die Ba­si­li­ca di San Ga­vi­no in Porto Tor­res ist die größ­te der ro­ma­ni­schen Kir­chen Sar­di­ni­ens. Sie ist auf einer früh­christ­li­chen Ne­kro­po­le er­baut und be­sticht durch ihre ar­chi­tek­to­ni­sche Har­mo­nie. In der zwei­stö­cki­gen Kryp­ta unter der Westap­sis ste­hen drei Mar­mor­sar­ko­pha­ge mit den Kno­chen von Ga­vi­nus, Jan­nu­ari­us und Pro­tus, den Schutz­hei­li­gen der Stadt, er­mor­det wäh­rend der Chris­ten­ver­fol­gun­gen unter Kai­ser Dio­kle­ti­an im 3. Jahr­hun­dert.
Die Klos­ter­kir­che San­tis­si­ma Trini­tà di Sac­car­gia steht süd­öst­lich von Sas­sa­ri. Mit ihrem schlan­ken, hoch auf­ra­gen­den Glo­cken­turm und der un­ver­wech­sel­ba­ren Ze­bra­haut aus wei­ßem Kalk und schwar­zem Bas­alt ist sie die mar­kan­tes­te Kir­che Sar­di­ni­ens und eine der ty­pischs­ten im pi­sa­nisch-tos­ka­ni­schen Stil.
Nos­tra Si­gno­ra del Regno, der »schwar­ze Dom« von Ar­da­ra, wurde zwar von tos­ka­ni­schen Bau­meis­tern er­rich­tet, trotz­dem han­delt es sich um eine wahr­haft »sar­di­sche« Kir­che, die den Baustil auf der Insel stark be­ein­flusst hat. Sie be­steht völ­lig aus schwarz­brau­nem Bas­alt, wirkt düs­ter, kom­pakt und mas­siv, die Struk­tu­ren sind ein­fach, ohne Spie­le­rei­en. Alles do­mi­nie­ren­der Blick­fang im drei­schif­fi­gen In­ne­ren ist das aus drei­ßig far­ben­präch­ti­gen Ein­zel­bil­dern be­ste­hen­de Re­ta­blo (Al­tar­bild) von Gio­van­ni Murru von 1555, eines der be­deu­tends­ten Bild­wer­ke Sar­di­ni­ens.
Sant’An­tio­co di Bis­ar­cio in der Nähe von Ar­da­ra ist wohl die Pi­sa­ner­kir­che mit der schöns­ten Lage: Herr­lich ist der Blick über die um­lie­gen­de Ebene. Er­baut wurde sie von pi­sa­ni­schen und bur­gun­di­schen Bau­meis­tern. An der reich ver­zier­ten Fas­sa­de be­merkt man viele De­tails, z. B. die dä­mo­nisch ver­zerr­ten Frat­zen auf Säu­len­ka­pi­tel­len. Die schat­ti­ge Vor­hal­le be­sitzt sechs Kreuz­rip­pen­ge­wöl­be. Der Glo­cken­turm kann be­stie­gen wer­den.