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Teil 16: Ein ver­lieb­ter Her­mann Hesse, eine ru­he­be­dürf­ti­ge
Meret Op­pen­heim und ein un­glück­li­cher Ber­tolt Brecht.

Ein Be­such des Künst­ler­dorfs im Tes­sin.

Eine 827-See­len-Ort­schaft spricht nicht un­be­dingt dafür, dass sich welt­be­kann­te Geis­tes­grö­ßen hier­her ver­ir­ren. Trotz­dem kann der nur 9 km von Lu­ga­no ent­fern­te Ort ge­trost als Künst­ler­dorf be­zeich­net wer­den. In Ca­ro­na leb­ten und ver­kehr­ten in­ter­na­tio­nal er­fah­re­ne Ar­chi­tek­ten, eine sur­rea­lis­ti­sche Ikone und be­deu­ten­de Au­to­ren des 20. Jahr­hun­derts. Mar­cus X. Schmid, Autor des Rei­se­füh­rers »Tes­sin« (1. Auf­la­ge 2014), kennt die Hin­ter­grün­de.


Portrait Marcus X. SchmidCa­ro­na ist zwei­fel­los das schöns­te Dorf der Col­li­na d’Oro, es wird gerne auch als »Künst­ler­dorf« be­zeich­net. Der Ort war im spä­ten Mit­tel­al­ter eine Wiege der Bau­meis­ter und St­ein­met­ze. Die aus Ca­ro­na stam­men­de Künst­ler­dy­nas­tie So­la­ri war im 15. Jahr­hun­dert vom Mai­län­der Dom bis zum Mos­kau­er Kreml an zahl­rei­chen Bau­ten be­tei­ligt und brach­te es damit nicht nur zu Ruhm, son­dern auch zu Reich­tum.


Eine Ver­ab­re­dung, eine Aus­zeit, ein Gr­ab­mal

Der Hermes-Brunnen von Meret Oppenheim (Foto: Marcus X. Schmid)
Der Her­mes-Brun­nen von Meret Op­pen­heim (Foto: Mar­cus X. Schmid)
Heute ver­bin­det man mit der Be­zeich­nung »Künst­ler­dorf« je­doch eher Zeit­ge­nos­sen des 20. Jahr­hun­derts. Her­mann Hesse kam aus dem nahen Mon­ta­gno­la nach Ca­ro­na, um seine Ge­lieb­te und spä­ter zwei­te Ehe­frau Ruth Wen­ger zu tref­fen. Diese wie­der­um war die Toch­ter der in der Schweiz sehr er­folg­rei­chen Kin­der­buch­au­to­rin Lisa Wen­ger und gleich­zei­tig Tante von Meret Op­pen­heim, die mit ihrer be­rühm­ten »Pelz­tas­se« eine Ikone des Sur­rea­lis­mus schuf. Die »Muse der Sur­rea­lis­ten« ver­brach­te ihre Fe­ri­en gern im Do­mi­zil ihrer Groß­el­tern, in der Casa Cost­an­za am kürz­lich re­stau­rier­ten Haupt­platz von Ca­ro­na. Dort steht heute ein von ihr ge­schaf­fe­ner Brun­nen mit zwei in­ein­an­der ver­schlun­ge­nen Schlan­gen, aus deren Zun­gen das Was­ser perlt. Das Schlan­gen­mo­tiv fin­det sich immer wie­der im Werk von Meret Op­pen­heim. Es ziert auch ihr schlich­tes Gr­ab­mal aus rotem Sand­stein – der Fried­hof liegt knapp ober­halb des Orts.


Ein Zufluchts­ort für links­po­li­tisch en­ga­gier­te Krea­ti­ve

Die links­po­li­tisch en­ga­gier­te Ju­gend­buch­au­to­rin Lisa Tetz­ner (»Die schwar­zen Brü­der«, 1940/41) und ihr Mann Kurt Held, eben­falls Ju­gend­buch­au­tor (»Die rote Zora und ihre Bande«, 1941), fan­den in Ca­ro­na Zuflucht vor den Nazis und blie­ben bis zu ihrem Tod hier. Für eine kurze Zeit gas­tier­te Ber­tolt Brecht mit sei­ner Frau He­le­ne Wei­gel bei ihnen; das war 1933. Die bei­den be­fan­den sich eben­falls auf der Flucht vor den Deut­schen. Doch glück­lich wurde der be­rühm­te Dra­ma­ti­ker nicht in Ca­ro­na, und schließ­lich ur­teil­te er kurz und bün­dig: »Die Schweiz ist zu teuer, hat keine Städ­te und ist eine Thea­ter­de­ko­ra­ti­on (ohne Büh­nen­ar­bei­ter)« – und ver­zog sich ins dä­ni­sche Exil. Aber auch ohne Brecht hat Ca­ro­na das At­tri­but »Künst­ler­dorf« un­be­dingt ver­dient.


Wei­te­re un­ge­wöhn­li­che His­to­ri­en und eben­so span­nen­de Hin­ter­grün­de sowie jede Menge rei­se­prak­ti­sche Tipps fin­den Sie im Rei­se­füh­rer »Tes­sin« von Mar­cus X. Schmid.