Reportage

Bildung statt Rohrstockpädagogik

oder Wie ein "Garten Eden" in der Wüste mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde

Ein Artikel von Ralph-Raymond Braun, der sich nach dem Titel »Sinai & Rotes Meer« dem ganzen Land zugewandt hat und soeben das Reisehandbuch »Ägypten« im Michael Müller Verlag herausbringt. Für diesen Newsletter hat er sich mit dem Wirtschaftsbetrieb »Sekem« beschäftigt, der echte Hilfe zur Selbsthilfe bietet.


Schichtunterricht in maroden und überfüllten Klassenzimmern, stures Auswendiglernen patriotischer Texte und frontale Rohrstockpädagogik sind an Ägyptens staatlichen Schulen immer noch an der Tagesordnung. Damit verglichen hat der sechsjährige Mohammed geradezu paradiesische Lernbedingungen. Auf seinem Stundenplan stehen auch Musizieren, Tanz und szenisches Spiel, ja sogar Körperhygiene. Immer donnerstags zeigen die Kinder auf einer Schulfeier, was sie während der Woche gelernt haben.

Dabei sind Mohammeds Eltern keineswegs reiche Leute und weit davon entfernt, ihren Sohn in eine der kommerziellen und superteuren Privatschulen schicken zu können. Doch sie haben das Glück, ihren Lebensunterhalt auf der »Sekem«-Farm zu verdienen. Und die hat, wie seinerzeit auch die schwäbische Zigarettenfabrik »Waldorf-Astoria«, neben Sozialeinrichtungen wie Betriebswohnungen, Krankenstation und Kindergarten auch eine eigene Schule. Vormittags arbeitet Mohammed mit anderen Kindern auf den Feldern. Ein Lehrer begleitet sie, singt mit ihnen oder erzählt während der Arbeit Geschichten. Nach dem gemeinsamen Mittagessen geht’s dann in die Schule.

Die etwa 60 Kilometer nordöstlich von Kairo gelegene Farm ist das Herzstück eines inzwischen weit verzweigten Konzerns. Vor rund 30 Jahren kaufte der aus Österreich in seine Heimat zurückgekehrte Dr. Ibrahim Abouleish hier 70 Hektar steinigen Wüstengrund, ließ Brunnen bohren und Bewässerungsgräben ziehen. Heilkräuter, Gemüse und Baumwolle werden angebaut und in eigenen Produktionsstätten etwa zu Tees, Arzneimitteln oder Kinderkleidern verarbeitet. Während anderswo Kunstdünger die Äcker versalzt und die Baumwolle mit nur immer härteren Pestiziden vor Schädlingsfraß geschützt werden kann, arbeitet »Sekem« nach den biologisch-dynamischen Richtlinien des Demeter-Verbandes und lässt den Dünger etwa von einer Rinderherde herstellen. Selbstständige Bauern, die ihre Felder nach der »Sekem«-Methode zu bewirtschaften bereit sind, bekommen eine Kuh als Starthilfe und geben »Sekem« später ein Kalb zurück.

Doch nicht nur die Kinder lernen bei »Sekem«. Erwachsene Mitarbeiter üben während der Arbeitszeit den Umgang mit dem Computer oder die englische Sprache. Jugendliche erlernen ein Handwerk. Ein Gutteil der Unternehmensgewinne fließt in die Ausbildung der Menschen zurück. Am Sitz der Konzernverwaltung nahe dem Kairoer Flughafen hat »Duktur Ibrahim«, wie in hier alle nennen, sogar eine Akademie eingerichtet, die den biologischen Pflanzenbau in ariden Gebieten erforscht und demnächst auch Studierende in Betriebswirtschaft, Pharmazie und Computertechnologie ausbilden will.
Als »Wirtschaftsmodell des 21. Jahrhunderts«, so die Laudatio, wurden »Sekem« und Dr. Ibrahim im Herbst letzten Jahres mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Wer den Betrieb und seine Philosophie im Rahmen einer Ägyptenreise näher kennen lernen möchte, findet unter www.sekem-reisen.de einschlägige Angebote.

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