Reportage

Die kulinarische Welthauptstadt -

ein Streifzug durch die Gourmet-Tempel von Barcelona

Ein Artikel von Thomas Schröder. Der Spanien-Spezialist hat mit »Barcelona« Neuland betreten und nach acht Titeln zum Land der Paella und des Stierkampfs seinen ersten City-Führer verfasst. In der folgenden Reportage widmet er sich vor allem den lukullischen Genüssen der Metropole.


Noch ist das Weltforum der Kulturen in vollem Gang, da bereitet sich Barcelona schon auf das nächste große Ereignis vor: 2005 wurde zum »Jahr der Gastronomie« ausgerufen. Die Stadt hat auch allen Grund, stolz auf ihre Küche zu sein, die Tradition und Moderne in feinster Weise vereint. Schon im 15. Jh. erschien in Barcelona ein Kochbuch, eines der ältesten Europas, und heute laufen in der mediterranen Metropole die verschiedenen Strömungen der neuen Küche Spaniens zusammen. Gallionsfigur der jungen Kreativen ist der wahnwitzige Dreisterne-Koch Ferrán Adrià, in Barcelonas Nachbarstädtchen L’Hospitalet de Llobregat geboren und Chef des berühmten Gourmet-Treffs »El Bulli« an der Costa Brava.

Adrià und seine Kollegen eint vor allem die Lust am Experiment und an vielen kleinen Gängen – schwere, sättigende Gerichte sind ihre Sache nicht. Da trifft es sich gut, dass Barcelona die Tapa, eigentlich keine katalanische Spezialität, neu entdeckt hat. Das Fremdenverkehrsamt spricht in diesem Zusammenhang sogar von der »vielleicht einzigen Kulturrevolution, die die Stadt in den letzten hundert Jahren erlebt hat.« Tapas sind en vogue, kaum ein in den letzten Jahren neu eröffnetes Luxusrestaurant, das sich nicht der großen Kunst der kleinen Portionen widmet. So kreiert Adrià-Schüler Carles Abellan vom Restaurant »Comerç 24« (Carrer Comerç 24) ein elaboriertes Zwölf-Gänge-Menü im Tapa-Stil, und ganz in der Nähe offeriert der weit gereiste Küchenkünstler Paco Guzmán im »Santa María« (Carrer Comerç 17) Designer-Tapas in einem Mix aus asiatischen und katalanischen Einflüssen. Dritter Küchenstern im trendigen Born-Viertel ist das »Abac« (Carrer Rec 79-89) von Xavier Pellicer – keine Frage, dass auch hier das Probiermenü kaum unter einem Dutzend Gängen endet.

Längst ist Barcelonas Ruf als neue Hochburg der Küchenkultur weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die renommierte »New York Times« erklärte die katalanische Kapitale (und nicht etwa Paris) sogar zur »kulinarischen Welthauptstadt«. Und selbst die Konkurrenz aus dem Nachbarland mag den katalanischen Köchen den Respekt nicht versagen: So wählte der »Guide des Gourmands« Barcelona schon vor zwei Jahren als einzigen nichtfranzösischen Ort zur »Feinschmecker-Stadt des Jahres«, und als »Le Monde« Anfang 2004 den besten Koch der Welt kürte, fiel die Wahl nicht etwa auf einen Franzosen, sondern auf den Katalanen Adrià.

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