Reportage

Das "Muster-KZ" der Nazis.

Ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen

Ein Artikel von Gudrun Maurer, der Autorin unseres Reisehandbuchs »Berlin & Umgebung« (8. Auflage 2005) und »Berlin MM-City« (2. Auflage 2004). Für den letzten Newsletter diesen Jahres hat sie sich mit dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigt und ihre Eindrücke während einer Besichtigung der wichtigen Gedenkstätte geschildert.


An einem heißen Sonntag im August fahre ich nach Oranienburg, um die Gedenkstätte und die Museen des ehemaligen Konzentrationslagers zu besichtigen. Mit gemischten Gefühlen erreiche ich den Parkplatz, auf dem ein paar Reisebusse und viele Autos stehen. Etwas seltsam erscheint mir das Café mit den Sonnenschirmen davor – unmittelbar an der Lagermauer. Ein paar Einheimische finden es offenbar ganz normal, hier in der Sonne ihr Bier zu trinken. Ich frage mich auch, was für Leute in dem an das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers grenzenden Wohngebiet leben – sind sie vielleicht Nachkommen der Sachsenhausener, die damals hier gewohnt haben? Damals, als KZ-Häftlinge aus anderen Lagern ab 1936 das »Muster-KZ« erbauten?
Jedenfalls schauen sie täglich auf die weiträumig angeordneten grauen Betonmauersegmente, auf denen in riesigen Buchstaben »Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen« zu lesen ist. Dahinter liegt ein weiter Platz; er ist bis auf ein Modell des Konzentrationslagers völlig leer. Hier beginnen die Führungen durch das ehemalige KZ, von dem nur noch ein geringer Teil erhalten ist.


Dezentrales Museumskonzept

Sehr interessant ist das dezentrale Museumskonzept: Geplant sind 13 Museumsstandorte zu verschiedenen Themen, von denen bereits einige fertig gestellt sind. Die jüngste Ausstellung ist die vor einem Jahr eröffnete Dauerausstellung »Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen«. Ihr Standort ist das historische Krankenrevier, und auch die anderen Ausstellungen sind – soweit möglich – am historischen Ort zu sehen. Eine oder zwei dieser Ausstellungen sind auf jeden Fall genug für einen Tag, denn das Lagergelände ist riesengroß. Zum Eingang führt ein Betonplattenweg entlang der Lagermauer, die mit Wachtürmen versehen und teilweise noch immer mit Stacheldraht bewehrt ist.
Ich gehe hinein – durch das Gittertor, das ich schon von vielen Fotos und aus zahlreichen Fernsehsendungen kenne: mit dem schmiedeeisernen Motto »Arbeit macht frei«, das zynischer gar nicht vorstellbar ist. Direkt darüber standen die SS-Leute, die von ihrem zentralen Wachturm das gesamte Lager überblicken konnten, in dem mehrere zehntausend Häftlinge leben mussten. Zu DDR-Zeiten ist der ehemalige Appellplatz zu Füßen des zentralen Wachturms zu einer Gedenkstätte mit Denkmal umgestaltet worden, an der der Zahn der Zeit deutlich genagt hat. Aber auch das ist Teil des neuen Gedenkstättenkonzepts, das die gesamte Geschichte des Lagers bis heute dokumentiert.


In einer ehemaligen Häftlingsbaracke und im Zellenbau

Hier stehen ein paar Besucher, eine Englisch sprechende Jugendgruppe wird von einer jungen Frau zur ersten Ausstellungsbaracke dirigiert. Von den fächerförmig angeordneten Baracken, in denen die Häftlinge damals zusammengepfercht wurden, ist fast nichts erhalten. Als die DDR 1961 hier die Gedenkstätte eröffnete, baute man aus originalen Teilen zwei Baracken zusammen, die Baracken 38 und 39, die »jüdischen Baracken«. Sie liegen rechts vom Appellplatz, ganz nah am Gebäude der Lageraufsicht. Eine der beiden Baracken riecht verbrannt – und zwar seit 13 Jahren. 1992 zündeten Neonazis diesen Teil der Gedenkstätte an, wobei ein Teil der Baracke 38 abbrannte. Was übrig geblieben ist, ist im ausgebrannten Zustand konserviert worden. Hier sind noch Reste der einstigen Sanitäranlagen zu sehen. Auf Tafeln lese ich nach, was sich hier abgespielt hat.
Die Einrichtung eines Schlafraums und weiterer Räume sind nach Erinnerungen von ehemaligen Häftlingen rekonstruiert worden. Ein paar Exponate reichen aus, um der Phantasie Nahrung zu geben. Die dazu aufgehängten Dokumente tun ein übriges. Keiner der Besucher sagt ein Wort, auch den Jugendlichen hat es die Sprache verschlagen.
Wieder draußen gehe ich im Sonnenschein über die langen geraden Wege des Geländes und frage mich, was die vielen Inhaftierten wohl gedacht haben mögen als sie diese Wege, diese Mauern, diese Bäume gesehen haben.
Die nächste Ausstellung ist der unglaublich enge Zellenbau, in dem prominente Häftlinge wie Pastor Niemöller und der Hitler-Attentäter Georg Elser gefangen gehalten worden sind. Ein paar weitere flache Bauten sind auf dem Lagergelände erhalten; die anderen Ausstellungen befinden sich außerhalb des Geländes. Auch sie strotzen nicht vor Exponaten, sondern beeindrucken durch die sorgfältige Auswahl weniger Ausstellungsstücke.

Öffnungszeiten, Führungen, Hintergrundinfos etc. finden Sie im Reisehandbuch von Gudrun Maurer und unter: www.gedenkstaette-sachsenhausen.de

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