Reportage

Kultur am Schwarzen Meer.

Das Apollonia-Festival von Sozopol

Ein Artikel von Christian Gehl, Autor unseres Reisehandbuchs »Bulgarien – Schwarzmeerküste« (1. Auflage 2005). In seinem Bericht zeigt er, dass das authentische Bulgarien erst noch entdeckt werden muss – gerade weil viele Medien nur einen einzigen Blick kennen. Dabei blüht vor allem die kulturelle Szene an der Schwarzmeerküste enorm auf. Ob Film, Theater, Literatur oder Musik: Bulgarien ist im Kommen!


Wer bestimmt unser Bild von einem Land? Im besten Fall, als Reisende, wir selbst. Ansonsten die Medien. Berichten sie regelmäßig und dazu ausgewogen, ist alles in Ordnung. Von manchen Ländern liest und sieht man in Deutschland aber kaum etwas. Und wenn, dann stets das Gleiche. So ein Land ist Bulgarien. Alle vier Jahre die neuesten Wahlergebnisse und jeden Sommer eine kurze Reportage über pauschaltouristische Ziele, das war’s. Wen wundert es da, dass hierzulande kaum jemand mehr über Bulgarien sagen kann, als: ach ja, da gibt es doch den »Ballermann am Balkan«, und vielleicht kommt dann noch die Erinnerung an einen ehemaligen Zaren hoch, der, zurückgekehrt nach 50 Jahren, vom Volk zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Das Amt hat Simeon von Sachsen-Coburg-Gotha zwar längst wieder abgegeben, doch das Bild vom würdevollen Monarchen hat überdauert.
Medien wollen eben spektakuläre Geschichten, große Siege und die kann Bulgarien selten liefern. Bulgarien ist ein armes Land, das seine Wirtschaft vollkommen neu aufbauen muss. Das Kapital ist knapp, starke, ehrliche Unternehmerfiguren sind rar. Nach 40 Jahren Kommunismus sind die Kräfte der Stagnation noch immer stark, und weil so viele bremsen, geht es nur langsam voran. Doch wer genau hinschaut, sieht überall ermutigende Anfänge. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Kultur.


In Varna und Sozopol wechselt ein Kunstgenre das andere ab

Festivals haben Tradition in Bulgarien, viele setzen auf Folklore, doch es gibt auch moderne Konzepte. In Varna, der uralten, vibrierend jungen Großstadt im Norden der Schwarzmeerküste, wechselt im Sommer ein Kunstgenre das andere ab. Theater, Tanz, Ballett, Musik und Film prägen das Bild von Juni bis September, viele Aufführungen finden auf der antikisierend-romantischen Open-Air-Bühne im riesigen Meerespark statt. Im Zentrum des Veranstaltungsprogramms stehen die Klassiker des 19. Jhs., bürgerliche Großkunst als feierlicher Anlass für die feine Garderobe.
Die kleine, wilde Schwester des traditionsorientierten Sommerfestivals wohnt etwa 160 Kilometer südlich von Varna, in Sozopol, einer kleinen Hafenstadt mit vielen beliebten Stränden und einer gut erhaltenen Altstadt. Wie Varna ist Sozopol eine griechische Gründung zur Zeit der attischen Demokratie im 5. Jh. v. Chr. Zu sehen ist davon heute zwar nichts mehr, selbst der kunstvoll gestaltete Grabstein des Philosophen Anaximander, der 1895 in Sozopol gefunden wurde, steht heute im Archäologischen Museum von Sofia. Erhalten geblieben ist dagegen der besondere Reiz, den das Küstenstädtchen seit jeher auf Künstler aller Gattungen ausgeübt hat. Viele Maler und Musiker sind hierher gezogen, Galerien prägen die Altstadt, die Strände haben sich nach der Wende schnell als Treffpunkt von Studierenden aus ganz Europa herumgesprochen.


Ein international bekannter Kaval-Spieler für 6 Euro

Vom 1. bis zum 10. September allerdings sind die Badeurlauber deutlich in der Minderheit. Dann findet das Apollonia Festival statt – der Name rührt von der altgriechischen Bezeichnung für Sozopol her – und die Altstadt wechselt ihr Gesicht von knapper Strandkleidung zu langem Rock und Sakko. Im Amphitheater zu Beginn der Altstadt werden aktuelle Filme aus Bulgarien gezeigt, die es sonst selten in die Kinos schaffen, in der großen Kunstgalerie finden szenische Lesungen der Werke von Ibsen, Beckett oder Jelinek statt, das Archäologische Museum wird zum Konzertsaal für Kammermusik, zumeist aus dem 20. Jh., im Kulturzentrum zeigen bulgarische Dramatiker ihre aktuellen Werke und im Jazz Club spielt jedes Jahr der inzwischen international gerühmte Kaval-Spieler Theodosii Spassov, neben Musikern aus vielen europäischen Ländern. Die Kaval ist ein auf dem Balkan weit verbreitetes Instrument, das äußerlich einer Hirtenflöte ähnelt, dessen Klang aber eine ganz eigene Farbe hat.
Sensationell sind die Ticketpreise. Sie reichen von einem Euro für Lesungen – für Bulgarisch-Unkundige leider keine Option – bis zu maximal 5-6 Euro für die besten Plätze bei Konzerten im Amphitheater. Wer sich ein neues Bild von Bulgarien machen will, wer sehen will, dass Joghurt und Hotelklötze nicht alles sind, was das Land zu bieten hat, der findet dazu bei dem Apollonia Festival von Sozopol die beste Gelegenheit.


Informative Internetadresse:

Detaillierte, englische Informationen zum Programm finden Sie im Internet unter www.apollonia.bg