Reportage

Unter den schrillen Pfiffen der Murmeltiere -

der Naturlehrpfad Sentiero Naturalistico del Ciampàc

Ein Artikel von Dietrich Höllhuber. Der Autor unseres Reiseführers über die »Dolomiten – Südtirol Ost« (2. Auflage) hat sich für diesen Newsletter in einen genialen Naturlehrpfad vertieft. Da der Raum in einem Reiseführer immer sehr begrenzt ist, kann die Wanderung nun online in aller Ausführlichkeit geschildert werden: die komplette Routenbeschreibung (mit detaillierten Infos zur Pflanzenwelt) bietet eine gute Ergänzung zum Buch.


Nicht allzu viel wird in der neuen (zweiten) Auflage der »Dolomiten« über einen lohnenden Naturlehrpfad im Ciampàc-Almenbereich des obersten Fassatales berichtet. Schließlich mussten die gesamten Dolomiten mit ihren unglaublichen landschaftlichen und kulturellen Schönheiten in ein einziges und nicht einmal sehr dickes Buch gedrängt werden. Deshalb an dieser Stelle etwas mehr zu diesem Blumen- und Wanderparadies erster Güte. So lautet der Text im Buch:

»Im Wander- und Skigebiet Ciampàc: südlich von Alba, einem Ortsteil von Canazei, auf dem Weg zum Fedaiapass. Die Skiregion Ciampàc liegt zwischen 2100 und 2440 m an der schneesicheren Nordseite der mit dem Colac 2715 m erreichenden Gebirgskette westlich der Marmolada. Großartige schwarze Abfahrt ins Tal auf 1502 m (Talstation). Im Sommer ist die grüne Almmulde um die Bergstation der Seil-bahn ein Familienwanderziel mit mehreren bewirtschafteten Hütten (der steile Aufstieg von Alba auf Fahrweg ist nicht zu empfehlen). Haupt-ziel des Ausflugs ist aber auf jeden Fall der Ausblick: Der mächtige Gebirgsstock der Sella liegt genau gegenüber. Ein botanischer Rundwanderweg (»Sentiero naturalistico Ciampàc«) ab Rifugio Tobià del Giagher empfiehlt sich sehr (ca. 1/2 Std., Begleitbuch in der Hütte zu erwerben). Die Touren über die Kämme nach Westen und Osten sind versierten Bergsteigern vorbehalten (Roseal-Kamm nur mit Klettersteigausrüstung).«

Die Ciampàc-Almenregion ist eine gewellte Wiesenlandschaft auf Kalk und Dolomitgestein. Gipfel bis über 2700 m Höhe begrenzen sie im Süden und Osten. Besonders eindrucksvoll ist der schroffe Colac, den man etwa vom gegenüber dem Fassatal liegenden Bindelweg sehr schön sieht (erstes großes Foto im Innenteil des Buches!). Von den Ciampàc-Almen hat man einen so wunderschönen wie informativen Ausblick auf den Sella-Gebirgsstock, und sogar den Biz Boè, den höchsten Gipfel, erkennt man gut. Die Mulde, in der die Almen liegen, wurde vor allem durch Gletscher ausgeschürft, die lang gezogenen Rücken sind meist Moränen. An den Rändern haben Bergsturzmassen die Oberfläche verändert; diese sind am besten bei Tafel 9 zu sehen, wo der Bergsturz mit seinen über die Wiese verstreuten Felsbrocken erst ein paar hundert Jahre zurückliegt. Die vorwiegend kalkhaltigen Böden haben eine sehr artenreiche und vor allem auf schattigen und sonnigen, steinigen und tiefgründigen, trockenen und feuchten Standorten sehr unterschiedliche Vegetation bewirkt. Die Höhenlage der Almen zwischen 2100 und über 2400 m tut das ihre zum Reichtum der Pflanzenarten: die Baumgrenze verläuft in mittlerer Höhe, im unteren Teil steht noch Wald, im mittleren sind nur noch einzelne Bäume, der höhere Teil der Almregion ist baumlos.


Enormer Pflanzenreichtum: von der Alpenaster zur Zirbelkiefer gibt es viel zu sehen

Lärchen und Zirben (Zirbelkiefern) dominieren unter den Bäumen, die Zirben haben besonders eindrucksvolle, allein stehende Exemplare gebildet, wie jene, die auf dem Felsblock hinter dem Hüttchen wächst, das am unteren Wegbeginn steht (Tafel 1). Im Wald unterhalb der Almwiesen kommen auch Fichten vor, sie haben hier einen natürlichen Standort im Gegensatz zu den meisten unserer Forste in anderen Regionen Mitteleuropas. Ein weiterer Baum, gleich neben dem Felsblock, wird meist nicht als solcher erkannt: der alpine Wacholder wächst hier in typischer Zwergform.
Unter den auffälligen Blumen der Almregion finden sich einige gute Bekannte: das Edelweiß kommt (selten in Felszonen) genau so vor wie der gelbe Alpenmohn (auf Schutthängen), der Schnee-Enzian, der noch spektakulärere Stengellose Enzian (in seiner auf Kalk beschränkten Art Clusius Enzian) und die Alpenaster, Rostrote Alpenrose (im Juni überzieht sie die randlichen Hänge mit ihrem leuchtenden Rot), blauer Eisenhut (an feuchten Stellen in großer Anzahl) und die roten, purpurnen und orangefarbenen Blütentupfer des Kohlröserls, dieser prächtigen alpinen Orchidee, die in den Dolomiten ihre größte Farben- und Unterartenvielfalt erreicht.
Weniger spektakulär sind einige von jenen, die sehr viel seltener und zum Teil nur auf die Dolomiten beschränkt sind. Gemeint ist die weiße Clavenas (Schafgarbe), die nur auf Kalkböden der östlichen Südalpen vorkommt. Diese alte Bekannte hat man in der Tiefebene an Wegrändern und auf Magerwiesen schon oft gesehen – ein Grund, weshalb sie oft nicht beachtet wird. Doch genau das Gegenteil ist der Sinn eines Naturlehrpfads, zumal ihre zarten Blüten eine genaue Betrachtung wert sind.


Die Tour. Beschreibung der Route

Man beginnt den Rundweg, für den man nicht viel länger als eine halbe Stunde benötigt – sofern man ihn rasch abhakt und wenig sieht – an der Straßenkurve unterhalb des Schutzhauses Tobià de Giagher, das man von der Bergstation der Seilbahn in ein paar Minuten erreicht. Der Weg beginnt (von oben gesehen) in einer Linkskurve der Straße, der erste Beobachtungspunkt, die Zirbe auf dem Felsen bei der Hütte, liegt dann gleich rechts. Ein Stückchen weiter quert man das links begleitende Tälchen und wird durch eine besonders blumenreiche stark gewellte Almwiese mit von Polsterpflanzen bewachsenen Felsblöcken geleitet. Im folgenden, leichten Anstieg berührt man Fels- und Schuttfluren, eine feuchte Tälchenvegetation und im obersten Teil noch ein paar einsame Bäume an der absoluten Baumgrenze. Wenn hier schrille Pfiffe ertönen, stammen sie wahrscheinlich nicht von italienischen Urlaubern, sondern von Murmeltieren, die keineswegs selten sind. Ihre Bauten sind über die Almen verstreut, die meisten in den tieferen Bereichen der Schutthänge. Über herrliche Wiesen geht es dann fast eben weiter, ein Bächlein, das man quert, bringt Abwechslung in die Pflanzenwelt. 30 gekennzeichnete Stops (Nummerntafeln, keine Erläuterungen) ermuntern zum Stehenbleiben und Schauen, das Begleitbüchlein hilft zwar (auf Italienisch) bei der Interpretation des Gesehenen, ist aber für diejenigen, die nicht unbedingt jeden Pflanzennamen wissen wollen, nicht notwendig. Mit Blick auf die Sella geht der Weg zum Schluss leicht abwärts, wer zum (künstlichen) Teich geht, kann die Spiegelung mit Blick und Objektiv erfassen.


Schwierige Allradpiste. Seilbahn als bessere Alternative

Eine Warnung zum Schluss: Der Weg hinauf (und noch mehr hinunter) ist wirklich keine Freude. Steil, staubig, von Allradfahrzeugen heimgesucht, ohne Aussicht, da komplett durch Wald verlaufend. Die Seilbahn von Alba ist die um Klassen bessere Möglichkeit, hinauf zu kommen. Wer das nicht will, wer auf jeden Fall zu Fuß hinauf möchte, muss einen Umweg machen: von Penía zunächst in Richtung Contrintal, leider auch auf 4WD-Piste, aber wesentlich angenehmer zu gehen als die Allradpiste auf die Ciampàc-Almen. Dann nach rechts auf den Verbindungsweg in Richtung Ciampàc (beschildert), leicht ansteigend durch Wald auf einem guten (und meist einsamen) Steig, er quert die Abfahrtspiste und mündet in die Ciampàc-Straße etwa eine halbe Stunde unterhalb der Bergstation.

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