Reportage

Über dem See -

eine Wanderung zur Kapelle San Valentino

Ein Artikel von Eberhard Fohrer, dem Autor unseres Reisehandbuchs zum »Gardasee«. Er widmet sich einer der vielen kleinen Besonderheiten abseits der gängigen Touristenrouten rund um den größten See Italiens.


In der bergigen Nordhälfte des »Gardameers«, wie unsere holländischen Nachbarn so treffend sagen, tut sich abseits der betriebsamen Uferzonen eine andere, vielen Feriengästen völlig unbekannte Welt auf: steil und unnahbar ragen die schroffen Felsen empor, kleine Weiler ducken sich in die Hänge, Einsiedeleien und Kirchlein verstecken sich in der Einsamkeit.
Von unten völlig unsichtbar, steht hier oben seit fast vierhundert Jahren die kleine, weiß gekalkte Pestkapelle San Valentino. 770 m hoch über dem malerischen Städtchen Gargnano am mittleren Westufer schmiegt sie sich in den Schutz einer überhängenden Felswand. Damals wütete unten am See die gefürchtete Pest, an die vielerorts noch Denkmäler und Kirchen erinnern. Die Bewohner von Gargnano flüchteten sich in die Berge und hofften dadurch, von der schrecklichen Seuche verschont zu werden. Den See hatten sie von hier oben aber stets höchst eindrucksvoll im Blickfeld – und das ist noch heute so.

Vom stillen Bergdorf Sasso in etwa 500 m Höhe führt ein rot-weiß und mit blauen Pfeilen markierter Weg durch üppigen Mischwald hinauf. Etwa 30 Minuten benötigt man für den steilen Aufstieg. Sasso erreicht man von Gargnano auf einer weit ausholenden Serpentinenstraße, die zum fjordartigen Stausee Lago di Valvestino weiterläuft. Man parkt am Ortseingang und kann zunächst einmal das eindrucksvolle Echo in Richtung der Pfarrkirche testen. Danach durchquert man den Ort und hält sich bei der überdachten Waschstelle (Achtung: Kein Trinkwasser!) am Ortsende links. Der Weg führt zuerst weitgehend eben auf Terrassen zwischen kleinen Gemüse- und Weinfeldern hindurch, dann steigt er als Hohlweg steil durch üppigen Mischwald an. Über Felsbrocken und -platten geht es hinauf, bis man nach etwa 20 Min. zwei kurz aufeinanderfolgenden Lichtungen mit fantastischem Blick auf den tief unten liegenden See erreicht. Danach folgt ein Abstieg in eine Klamm, auf der anderen Seite steigt der Weg wieder an. Kurz darauf trifft man auf eine hölzerne Tür, hinter der Felsenstufen zum Kirchlein führen. Eine hölzerne Treppe führt ins Obergeschoss, das aus zwei behaglichen kleinen Kammern mit alten knarrenden Holzböden und einem Kamin besteht. Das Untergeschoss nimmt der schlichte Kirchenraum mit einem naiven Altarbild ein, über dem Eingang erkennt man die Inschrift »Beatae Mariae Virginae et S. Valentino«.
»Kein Aufenthalt in Gargnano ohne eine Wanderung hierher, an diesen ganz besonderen Ort …«, so liest man treffend im ausliegenden Gästebuch, das nur alle paar Tage eine Eintragung zeigt. Schwarz verrußte Felswände im Umkreis zeugen jedoch davon, dass der Fleck an Wochenenden ein beliebter Picknickplatz der Einheimischen ist.
Wer jetzt noch über genügend Kräfte verfügt, kann von der Kirche zum Gipfel Cima Comer (1274 m) aufsteigen. Der Weg ist aber steil und schwierig, etwa eine Stunde muss man veranschlagen.