Reportage

Island - ein weißer Wintertraum fernab von Massenandrang und Kommerz

ein weißer Wintertraum fernab von Massenandrang und Kommerz

Ein Artikel von Christine Sadler. Die Autorin unseres beliebten Guides »Island« (zusammen mit Jens Willhardt) beweist, dass die Vulkaninsel am Polarkreis gerade im Winter, wenn Anreise und Übernachtung am günstigsten sind, ein Traumreiseziel sein kann – mit einem halben Jahr Skibetrieb und heißen Thermalbädern zum Entspannen.


Island im Winter? Das hört sich eisig an. Aber dank des Golfstroms ist es in der weißen Jahreszeit auf der Insel erstaunlich mild: Die durchschnittliche Temperatur beträgt in Reykjavík im Dezember 1 ºC. Und in der wie ein frisches Laken über dem baumlosen Land liegenden Schneedecke dampfen die natürlichen heißen Quellen. Darüber hinaus gibt es gerade in Island, wo Schwimmen seit 1941 in der Schule ein Pflichtfach ist, zahlreiche großzügig beheizte Thermalbäder. In den meisten dieser öffentlichen Einrichtungen finden sich die berühmten »Hot Pots«. Dabei handelt es sich um Becken mit bis zu 45 ºC warmem Wasser vulkanischen Ursprungs, die gerade nach einem Tag auf der Piste sehr entspannend sind. So bietet Island eine einzigartige Mischung aus Wintersportmöglichkeiten fernab von Massenandrang und Kommerz und erwärmendem Après-Ski. Anreise und Übernachtung sind im Winter bedeutend günstiger als im Rest des Jahres.

Auf der Halbinsel Reykjanes, auf der sich auch der internationale Flughafen befindet, liegt Bláfjöll, das größte Skigebiet des Landes. Hier, etwa 30 km südlich von Reykjavík, sind sechs Monate im Jahr die Skilifte im Betrieb. Von Anfängern bis zu Wettkampferprobten findet hier jeder die für ihn richtige Piste – und seit neuestem gibt es auch spezielle Tracks für Snowboarder. Fluchtlicht garantiert an den kurzen Tagen eine weite Sicht ins Tal.
Direkt östlich von Bláfjöll erstreckt sich das Naturschutzgebiet Reykjanes mit kochend heißen Quellen und brodelnden Schlammtöpfen. Bei einem Rundweg auf den Holzstegen kann man das natürliche Schauspiel beobachten und taucht ein in feuchte Dämpfe und den Geruch nach Schwefel.
Um jedoch die vom Skifahren müde gewordenen Glieder in warmem Thermalwasser wieder zu beleben, fährt man noch ein bisschen weiter in Richtung Osten. Dort liegt mitten in der weiß eingezuckerten Lava das isländische Wellness-Paradies par excellence: die »Blaue Lagune«. Anspannung und Kälte schwinden umgehend in dem himmelblau-milchigen Bad, das vom Iceland Tourist Board 1999 mit dem Umweltpreis des Jahres und 2001 mit der Auszeichnung für einen gelungenen Gesundheitstourismus gekürt wurde. Die Geschichte der Einrichtung ist bizarr: Es entstand in den 1970er Jahren rein zufällig als Auffangbecken für das stark mineralhaltige Wasser eines umweltfreundlichen geothermalen Kraftwerks, das die umliegenden Ortschaften mit heißem Wasser und Strom versorgt. Schon bald genossen Badende bei wohligen 37-39 ºC seine zugleich beruhigende und belebende Wirkung; manche sprechen sogar von Heilerfolgen, besonders bei der Behandlung von Schuppenflechte. 1999 musste die Lagune dann wegen Vergrößerung der Anlage zur Stromgewinnung ein paar Kilometer weiter ziehen; es entstanden neben dem neuen, 5.000 qm großen Milchsee, der mit Mineralsalzen und Kieselschlamm versetzt ist, auch topmoderne Einrichtungen, die jährlich mehr als 3.000 Besucher anziehen. Aus dem originellen Industriebad wurde so ein Vorzeigebad erster Klasse.

Besonders reizvoll ist das Skifahren in Island durch die Möglichkeiten, die das unbewohnte Hochland und die großen Eiskappen, die vergletscherten Vulkane und die unpräparierten Berghänge bieten. Wer mit Crosscountry- oder Telemark-Skiern seine eigene Piste in den unberührten Schnee ziehen will, findet hier vor allem von Mitte Februar an fabelhafte Bedingungen. Tourenanbieter wie »Ultima Thule Expeditions« haben Skitouren »off-piste« auf den Vulkanen in Südisland im Programm, zum Beispiel von der knapp 1.500 m hohen Hekla, einem der aktivsten Vulkane im Land, der zuletzt 1991 und 2000 ausbrach.
Wer lieber alleine unterwegs ist, kann sich auf eigene Faust aufmachen – Erfahrung, Karte, Kompass und GPS vorausgesetzt. Gefahren wie Schneestürme und Gletscherspalten sollten aber auf keinen Fall unterschätzt werden! Auf dem verharschten Schnee ist der Aufstieg auf die Berge mit Fellen unter den Skiern für Geübte relativ problemlos möglich. Besonders beliebt ist der Gletscher Eyjafjallajökull, zwei Stunden Fahrzeit von Reykjavík entfernt. Nicht nur wegen der 1.666 m langen Abfahrt mit Blick auf die schwarzen Sanderflächen der Südküste und die Weiten des Atlantik, sondern auch und vor allem wegen des dampfenden »Hot Pots«, der unten in Seljavellir zur Entspannung einlädt. Kaum länger fährt man zum Snæfellsjökull, dem mystischen, geheimnisvollen Stratovulkan auf der Spitze der Halbinsel Snæfellsnes. Von welcher Seite auch immer man den Gipfel hinuntersaust, der Blick geht weit in die Ferne: zum Beispiel über den Breiðafjörður bis nach Reykjavík, auch bekannt als die »Stadt der bunten Dächer«.

Dort kommt man auch nach dem kältesten Tag auf Skiern wieder ins Schwitzen, wenn man tut, was alle Isländer tun: schwimmen. Sieben Schwimmbäder gibt es allein in Reykjavík, alle gespeist mit dem Wasser aus der heißen Erde, von dem jährlich 55 Millionen Tonnen in die Stadt gepumpt werden. Dass sie Freibäder sind, bringt in Island auch im Winter niemanden zum Frösteln. Das Wasser in den Schwimmbecken misst immerhin behagliche 30 ºC, und in den dampfenden »Hot Pots« lässt es sich selbst bei Schneefall gemütlich klönen, diskutieren und Kaffee trinken.
Das Thermalwasser gilt als wahrer Jungbrunnen, und speziell die Kombination von heißem Wasser und kalter Luft soll sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Das kann so falsch nicht sein, denn die Isländer gehören laut Statistik zu den langlebigsten Menschen der Welt. Im Jahr 2000 wurde Reykjavík zudem offizielles Mitglied im »Europäischen Heilbäderverband«. Seither nennt es sich stolz »Spa City« – Thermalbadestadt. Mehrere Wellness-Tempel verwöhnen ihre Gäste mit so exklusiven Dingen wie Lavastein-Massagen und Algenbädern. Ein neues Kurzentrum entsteht zurzeit im Laugardalur unweit des Zentrums rund um das populärste Schwimmbad in ganz Island.

Für den, der länger in Island bleibt, lohnt die Fahrt zu der von alpinen Tälern durchzogenen, bergigen Halbinsel Tröllaskagi im Norden Islands. Die Region mit bis zu 1.500 m hohen Gipfeln zwischen Eyjafjörður und Skagafjörður gilt als das beste Skigebiet des Landes. Jeder Ort hier oben hat seine Skistation – und sein Schwimmbad mit »Hot Pot« für hinterher. Darunter auch Akureyri, die »Hauptstadt des Nordens«, deren Skistation Hlíðarfjall Abfahrten aus 1.000 m Höhe ermöglicht. Tröllaskagi bietet aber auch zahllose Hänge zum Skifahren »off-piste«. Wie überall in Island, können Bäume weder im Weg stehen noch die Sicht verstellen: Es heißt einfach Skier gerade ausrichten und los! Und wo immer man sich seinen Weg durch die weiße Weite sucht – man wird wahrscheinlich keine andere Skispur entdecken.
Nicht weit von Tröllaskagi beginnt südwestlich von Varmahlíð eine der beliebtesten mehrtägigen Crosscountry-Routen in Island: über die Hochlandroute Kjölur durch die unbewohnte, märchenhafte Landschaft aus Bergen, Weite und verwunschenen Lavagebilden. Auf der etwa 150 km langen Tour, für die cirka eine Woche benötigt wird, kann von Hütte zu Hütte gewandert werden. Mehrere Organisationen bieten für diese und andere Regionen des Hochlandes geführte Touren an. Ein besonderer Genuss erwartet die Sportler auf der Hälfte der Strecke im brodelnden Geothermalgebiet Hveravellir: ein natürlicher heißer Pool zum Baden.
Die Kjölur-Route endet beim Wasserfall Gullfoss, dem mächtigsten Wasserfall des Landes, wo die Sonne im Winter mit glitzernden Eisskulpturen spielt. Von hier ist es nicht weit zu den Springquellen im Geysirgebiet. Auch in der kalten Jahreszeit schießen dort die Wasserfontänen siedend heiß in die klare Luft. Wie clever die Isländer ihren natürlichen Hitzevorrat nutzen, wird im nahen Hveragerði deutlich. Hier tritt man aus der Winterkälte hinein in tropische Schwüle: In zahlreichen Gewächshäusern gedeihen Bananen und Feigen, Orangen, Gemüse und Blumen.

Genau wie die heißen Quellen, so gehören auch Islandpferde untrennbar zum Land. Die Isländer sind der Meinung, dass man wenigstens einmal auf dem Pferderücken durch die Landschaft reiten muss, um ihr Land zu kennen. Immer mehr Veranstalter bieten auch im Winter Ausritte auf dem geduldigen Islandpferd an, das seinen Reiter sanft im »Tölt«, einer anmutigen Gangart, durch den Schnee trägt. Einen populären Ausritt hat zum Beispiel Íshestar im Programm – hier geht es nach dem Reiten zum Aufwärmen und Entspannen in die »Blaue Lagune«. Wer möchte, wird von dort direkt zurück zum nahen Flughafen gefahren und kann so die isländische Wärme mit nach Hause nehmen.


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