Reportage

Das Monster von Rimini

oder Ein ganz normaler Renaissancefürst

Ein Artikel unseres Redakteurs Dirk Thomsen zum neuen Buch »Italienische Adriaküste« der Autoren Sabine Becht und Eberhard Fohrer (1. Auflage 2007). Der studierte Kunsthistoriker hat sich an die Fersen des berühmt-berüchtigten Sigismondo Malatesta geheftet und dabei einige geschichtliche Klischees auf ihren Realitätsgehalt überprüft. Denn der Fürst über Rimini soll nicht nur seine ersten zwei Ehefrauen ermordet, sondern auch seinen Sohn missbraucht haben, Taten, für die Malatesta sogar »teuflisch gesprochen« wurde.


Wenn man an Rimini denkt, hat man die glitzernde Badegroßstadt mit über 135.000 Einwohnern vor Augen, die 10 km lange Marina, auf der sich abends die Menschenmassen aus aller Welt auf der Suche nach dem nächtlichen Vergnügen zusammenfinden. Manch ein Cineast mag auch an Federico Fellinis ersten großen Filmerfolg »I Vitelloni« (»Die Müßiggänger«, 1953) über drei junge Menschen denken, die im mondänen Badeort die Zeit totschlagen. Wenn sich der Riminibesucher dann in die Altstadt verirrt, so spürt er, dass die Geschichte der Stadt schon lange vor ihrem Aufstieg zum Seebad im 19. Jahrhundert begonnen hat. Inmitten der Gassen fühlt er sich zurückversetzt in die Zeit des Mittelalters und der Renaissance, als Sigismondo Malatesta das Zepter über Rimini schwang. Will man den alten Quellen und Geschichtsschreibern glauben, war er einer der grausamsten Renaissancefürsten überhaupt, übertroffen nur von dem berühmt-berüchtigten Cesare Borgia, der für Machiavellis Hauptwerk »Der Fürst« Pate gestanden hat. Der englische Historiker John Addington unterstellte 1897 Sigismondo Malatesta eine »ganz und gar bestialische Natur«, über deren schlimmste Taten man besser den Mantel des Schweigens hüllen sollte. Jakob Burckhardt bezeichnete 1860 den Fürsten von Rimini in seinem bahnbrechenden Werk »Die Cultur der Renaissance in Italien« als »Scheusal«, als »Verbrecher« und als »frechen Heiden«.


Das Gift der Welt oder Eine polemische »Teuflischsprechung«

Burckhardts Urteil und das der nachfolgenden Historiker stützt sich auf die Anklageschrift eines kanonischen Prozesses, den Papst Pius II. 1460 gegen den Fürsten und Feldherren Sigismondo Malatesta anstrengte. »Von den Anfängen des menschlichen Geschlechts gibt es, glaube ich, keinen der ein schlechterer Mensch war«, rief der Ankläger aus und begründete seinen Vorwurf. Gewiss wäre der Malatesta ein gebildeter, den Wissenschaften zugewandter Mann, doch Kultur schütze einen Charakter nicht davor, sich dem Bösen zuzuwenden. Hochmütig sei der Herr von Rimini, er hielte sich für den besten Feldherren, dabei sei er niederer Abkunft, geboren in einem »vili oppido«, zu Deutsch: einem »Kaff«. Er sei nichts weiter als ein Verräter und ein Dieb. »Wo das Geld ist, ist Sigismondo, aber unter der Bedingung, dass ihm anderswo nicht noch mehr versprochen wird.« Auch vor Mord schrecke dieser Gewaltmensch nicht zurück, seine erste Ehefrau habe er vergiftet, sein zweite erwürgt, behauptete die Anklageschrift. Seinem leiblichen Sohn Roberto habe er sich in lüsterner Absicht genähert, nur mit dem Dolch konnte der Jugendliche sich seines Vaters erwehren. »Seine Leidenschaft zu herrschen, … sein unersättlicher Eifer, Krieg zu führen«, bestimmten ganz das Handeln des Herrn von Rimini. Ja, er glaube sogar, die Seele sterbe mit dem Körper! Er hielte sich auch höher als Gott! Kurzum: »… er ist der stinkende Dreck und das Schandmal Italiens, das Gift der Welt, der Räuber alles Göttlichen und Menschlichen.« Das daraus folgende Urteil war eine »umgekehrte« Heiligsprechung: Statt zum Bewohner des Himmels wurde Sigismondo zum Bürger der Hölle erklärt. Er wurde sozusagen »teuflisch gesprochen«.
Starker Tobak. Der Papst hatte alle seine ihm als geistigem Oberhaupt zur Verfügung stehenden Mittel aufgefahren. War Pius II. wirklich so entsetzt über die Missetaten des Malatesta? Stimmten die Vorwürfe überhaupt? Schon allein die lange Liste an Missetaten, der polemische Ton der Anklageschrift geben Anlass, den ganzen Prozess zu hinterfragen. Zumal Pius II. 1460 eng mit dem größten Rivalen Sigismondo Malatestas, Federico da Montefeltro, Herrscher über Urbino, verbündet war. Und ist es nicht verwunderlich, dass solch ein unerschrockener Heide wie der Herr von Rimini ein paar Jahre zuvor noch in den Diensten des Papstes gestanden hatte?


Ein Vertrauensbruch zuviel oder Die unzuverlässigen Dienste der Söldner

Sigismondo Malatesta wurde 1417 in Brescia als illegitimer Sohn des Herrschers von Rimini, Pandolfo Malatesta, geboren. Die Malatesta hatten um 1300 mit Gewalt die Macht über die Küstenstadt an sich gerissen und regierten sie und die umliegenden Städte seitdem im Namen des Papstes. Mit 13 Jahren debütierte Sigismondo als Soldat in einer Schlacht – gegen einen der Verwandten der Herrscherfamilie. 1427 starb sein Vater und trotz seiner außerehelichen Herkunft konnte sich Sigismondo 1432 als Herrscher über Rimini, Fano und Cesena durchsetzen. Um mehr politischen Einfluss und sicher auch Reichtum zu erlangen, verdingte sich Sigismondo als condottiere. Als Söldnergeneral also, der sich und seine Truppe der meistbietenden Macht anbot, um für diese Krieg zu führen. Condottiere waren im Italien des 15. Jahrhunderts durchaus gefragt. Die italienischen Kleinstaaten fochten ständig Händel untereinander aus, ausländische Mächte wie Frankreich oder Spanien versuchten, durch Kriege ihren Einfluss auf dem italienischen Stiefel auszubauen und nicht zuletzt der Papst in seiner Eigenschaft als Fürst des Kirchenstaates kämpfte mit allen, natürlich auch militärischen Mitteln, um seine Macht zu sichern. Goldene Zeiten für die condottieri also, die dabei nicht immer ganz zuverlässig agierten: Bot ihnen ihr Auftraggeber nicht genug Geld oder der Gegner mehr, dann wechselten sie schon mal die Seiten. Trat ein neuer Verbündeter auf die Seite des Gegners oder verschoben sich durch militärische Niederlagen die Machtverhältnisse, konnte es durchaus vorkommen, dass der condottiere seinen Dienst kaltschnäuzig quittierte. Da die meisten dieser »freischaffenden Feldherren« nebenbei auch Landesfürsten waren, hatten sie natürlich auch stets ihre eigenen politischen Eisen im Feuer. Doch zu unzuverlässig sollte man als erfolgreicher condottiere nicht erscheinen, dann wurde man nämlich entweder nicht mehr angeheuert oder die Mehrheit der Kleinstaaten wandte sich gegen einen. Genau dies passierte Sigismondo. Als durchaus begabter Feldherr schlug er sich tapfer in den Diensten der Meistbietenden, man nannte ihn den »Wolf von Rimini«. Doch er wechselte die Seiten einmal zu oft und schaffte es, ab der Mitte des 15. Jahrhunderts, den Papst sowie den König von Neapel gegen sich aufzubringen. Im Frieden von Lodi arrangierten sich 1454 die unzähligen italienischen Mächte fürs Erste, ließen dabei jedoch jemanden außen vor: Sigismondo Malatesta. Der Herr von Rimini war zwar ein begnadeter Militär, ein gerissener Politiker war er nicht. Durch ungeschicktes Taktieren hatte er sich keine dauerhaften Freunde gemacht und sich zudem einen erbitterten Feind geschaffen: Federico da Montefeltro, Herzog von Urbino.


Die Nase Italiens versus Der Wolf von Rimini

Wie auch Sigismondo war Federico da Montefeltro, den seine Biografen B. Roeck und A. Tönnesmann wegen seines markanten Profils »Die Nase Italiens« nennen, ein condottiere. Auch er stammte aus einer außerehelichen Verbindung eines Stadtfürsten. Und auch er war durch das Kriegshandwerk zu Ruhm und Ehre gekommen. Doch einen großen Fleck hatte er auf seiner – zugegeben nicht sehr – weißen Weste, er war durch äußerst zweifelhafte Weise an die Macht gekommen: Er weilte »zufällig« in der Nähe von Urbino als der Fürst dieser Stadt, sein Halbbruder, ermordet wurde. Es vergingen nur ein paar Stunden, da hatte sich Federico da Montefeltro schon zum neuen Herrscher ausrufen lassen. Die Anhänger seines Bruders bezichtigten ihn des Mordes und flohen nach Rimini. Sigismondo Malatesta gewährte ihnen großherzig Unterschlupf und half der Montefeltrischen Opposition kräftig dabei, Stimmung gegen Federico zu machen.
Als sich nun die italienischen Mächte nach dem Frieden von Lodi gegen Sigismondo wandten, stand Federico da Montefeltro zusammen mit seinem Verbündteten Papst Pius II, der sich Rimini unter den Nagel reißen wollte, an vorderster Stelle, um den Riminesen militärisch an die Wand zu drücken. Er zog in dessen Herrschaftsgebiet ein und begann munter zu brandschatzen und zu plündern. Doch von Seiten der anderen Mächte versuchte man, einen Ausgleich zu finden: Sigismondo Malatesta und Federico da Montefeltro wurden 1457 zu einem klärenden Gespräch in ein Schloss bei Ferrara geladen. Doch die beiden Streithähne warfen sich gleich Beleidigungen an den Kopf, Wörter wie »Mörder« und »Lügner« fielen. Sigismondo verlor zuerst die Beherrschung und brüllte: »Beim Leib des Herren, ich werde Dir die Därme aus dem Leib reißen!« Federico zog sein Schwert und versprach seinem Rivalen: »Und ich reiß‹ Dir das Gekröse aus.« Hätte man die Feldherren nicht zurückgehalten, wären sie sofort übereinander hergefallen. Ganz offensichtlich war der Ausgleich gescheitert.
Der Papst eröffnete 1460 den Prozess gegen den Herrn von Rimini und sicher nicht ganz ohne Einfluss Federico da Montefeltros wurde Sigismondo unzähliger Verbrechen bezichtigt.


Ein ganz normaler Renaissancefürst. Eine Richtigstellung

Die heutige Geschichtsforschung ist sich einig: ein Monster war Sigismondo Malatesta nicht. Die Anschuldigung, er habe sich an seinen eigenen Sohn vergreifen wollen, ist aus der Luft gegriffen. Seine zweite Ehefrau musste er auch nicht erwürgen, sie wurde von einer Seuche dahingerafft. Der Vorwurf, er habe sie ermordet, um seine Geliebte zu heiraten, entkräftet sich mit einem Blick auf den Kalender. Sigismondo heiratete die von ihm tief geliebte Isotta delli Atti acht Jahre nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau. Dennoch war er kein Kind von Traurigkeit, mindestens vier uneheliche Kinder sind mit Sicherheit feststellbar, manche sprechen sogar von dreizehn illegitimen Nachkommen. Als condottiere trieb er es nicht besser, aber auch nicht schlimmer als sein Rivale Federico da Montefeltro. Er stellte sich politisch nur ungeschickter an. Bei seinen Untertanen schien er sogar sehr beliebt gewesen zu sein. Als Montefeltro eine seiner Städte besetzte, riefen die tapferen und loyalen Einwohner: »Die Herren Malatesti, unsere alten Herren, sie sollen leben, leben, Tod den Montefeltro, und es lebe der Herr Sigismondo!«
Wie der Fürst von Urbino so trat Sigismondo Malatesta auch als Förderer der Künste und Wissenschaft in Erscheinung. Ein Muss für Renaissanceherrscher, die so neben dem Krieg und der Politik ein weiteres Feld gefunden hatten, um den für das Nachleben so wichtigen Ruhm zu erringen. Sigismondo sammelte also Gelehrte und Künstler an seinen Hof und begann ein ehrgeiziges Projekt, den Tempio Malatestiano in Rimini. Erbaut an Stelle einer alten mittelalterlichen Kirche sollte dieser »Tempel« das Mausoleum für Sigismondo und seine dritte Ehefrau werden, aber gleichzeitig als architektonische Denkmal für das ruhmreiche Nachleben des Wolfs von Rimini dienen. In ihm feierte er sich als weiser Herrscher und gelehrter Humanist. Er ließ sogar die Gebeine von berühmten Gelehrten in den Tempel schaffen, damit er neben hochrangigen Wissenschaftlern und Humanisten seine ewige Ruhe finden konnte. Kein Geringerer als Leon Battista Alberti, der führende Kunsttheoretiker der Renaissance, übernahm den Entwurf des Tempels und dessen Bildprogramms. Als erstes Renaissancegebäude griff dieses Mausoleum die Form der römischen Triumphbögen auf, die sich im Tempio Malatestiano an der marmornen Fassade zeigt. Doch dieses imposante Bauwerk wurde nie vollendet und ist somit in Rimini ein sichtbares Zeichen für die gescheiterten Ambitionen seines Bauherrn.
Sigismondo Malatesta wurde 1463 entscheidend in der Schlacht von Cesano von seinem Erzrivalen Federico da Montefeltro geschlagen. Er verlor bis auf Rimini alle seine Besitzungen. 1468 musste er wieder in die Dienste des Papstes treten und starb im selben Jahr an einer Krankheit, die er sich auf einem päpstlichen Feldzug zugezogen hatte.