Reportage

Auf dem "Sankt-Hape-Kerkeling-Weg" -

oder: Wie ein Wallfahrtsort entsteht

Die tägliche Informationsflut hat es längst weggespült: das Erweckungserlebnis des Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg. Inzwischen ist es wieder ein wenig ruhiger dort, entspannter. Trotzdem hat der deutsche Komiker seine Spuren auf und neben dem spirituellen Weg hinterlassen. Eine absurde, hintergründig-komische Vor-Weihnachtsgeschichte unseres Wanderspezialisten (»Spanischer Jakobsweg MM-Wandern«, 1. Auflage 2012) Dr. Dietmar Hoos.


Burgos, Nordspanien, Ende Oktober. Zwölf Tage sind wir bereits unterwegs auf dem Spanischen Jakobsweg, haben die Pyrenäen überwunden, die Stierkampfstadt Pamplona durchquert, das Weinanbaugebiet La Rioja durchschlürft und die großartige gotische Kathedrale von Burgos bestaunt. Nun geht es hinaus aus dieser schönen Stadt und über die kastilische Hochebene Meseta in Richtung León.
Wie so viele Pilger sind auch wir inspiriert von Hape Kerkelings Bestseller »Ich bin dann mal weg«. Längst denken wir nicht mehr über den Auslöser für unsere moderne Pilgerwanderung nach, bis – ja, bis wir durch eine ziemlich nüchterne Eisenbahnunterführung wenige Kilometer hinter Burgos schreiten. – Was steht da zwischen all den anderen Graffiti? Haben wir wirklich richtig gelesen?


»HL. ST. HAPE KERK BITT FÜR UNS«

Tatsächlich, da leuchten uns genau diese sieben Worte entgegen, rot auf betongrau: Heiliger Sankt Hape Kerk bitt für uns. – Wir gehen weiter und meditieren über diesen Pilger-Witz:

Was, wenn sich diese Nachricht in Deutschland verbreiten würde … Wenn die ersten Pilger Blumen an diesem Platz niederlegten … Wenn ein erster Hape-Jünger, ein Eremit und Aussteiger, in der Nähe dieses »Heiligen Ortes« eine kleine, selbst gezimmerte Kapelle errichtete … Wenn aufgrund von Spenden bald eine steinerne Kapelle erbaut würde … Wenn »seine Heiligkeit« Hape I. selbst noch einmal diesen Ort aufsuchte … Wenn aus diesem Anlass eine Figur des »Heiligen« in Stein gemeißelt in der Kapelle aufgestellt würde … Wenn erste Wunder geschähen … Wenn sich dank Twitter und Facebook Heilungsgeschichten in Deutschland, in Europa, ja, weltweit in Windeseile verbreiteten … Wenn aufgrund dieser Wundergeschichten die Zahl der Pilger zu jener Kapelle im Laufe der Jahre stiege … Wenn sich erste Gasthäuser, Pilgerherbergen und Devotionalienläden ansiedelten und eine kleine Siedlung rundherum entstünde … Wenn nach dem Ableben des großen Wunderheilers die Gebeine – oder wenigstens Teile davon – von Grevenbroich in die Kapelle dieser kleinen Gemeinde nahe Burgos überführt würden … Wenn, weil die Pilgerströme nach dem Tod des Heiligen exponentiell zunähmen, eine große Kirche über der Kapelle errichtet würde … Wenn auch diese bald zu klein wäre und einem Dom weichen müsste, einem Dom, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hätte … Wenn von Nord und Süd, von Ost und West Pilger und Neugierige an diesen Ort strömten, der längst zu einer Stadt und zu einem über alle Grenzen hinaus berühmten Wallfahrtsort geworden wäre … Wenn nur noch einige dieser Pilger weiterpilgern würden nach Santiago de Compostela, das ehemals ein berühmtes Pilgerziel gewesen sein soll …

Santiago de Compostela. – Da war doch was. Ach ja! Das Ziel unserer Pilgerwanderung. Noch 22 Etappen. Noch 460 km. Mit dem Segen und der Fürbitte des »Hl. St. Hape Kerk« gehen wir lächelnd weiter, immer weiter nach Westen zu den vermeintlichen Gebeinen eines anderen Heiligen: Jakobus, Santiago.

Wie der Pilgerboom nach Santiago de Compostela Anfang des 9. Jahrhunderts wohl seinen Anfang genommen hat? Wie er sich weiter entwickelte? Es soll ja Leute geben, die glauben nicht einmal, dass auch nur ein einziger, klitzekleiner Knochensplitter von Jakobus in Santiago zu finden sei. Und handelt es sich überhaupt um den »wahren Jakob«? – Trotzdem folgen wir ihm, diesem Pilgerweg, auf dem seit über 1.000 Jahren Hunderttausende von Menschen unterwegs waren und sind. Längst wissen wir: Es geht nicht um ein paar verblichene Knochenfragmente, es geht nicht um das Ziel; es geht um den Weg, und es geht um die Begegnungen unterwegs.
Und so gehen wir weiter: Ultreia! Immer weiter! – Und wir sind gespannt, wer und was uns noch alles begegnen wird auf diesem seltsam-wundersamen Weg.

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