Reportage

Unberührte Strände und weite Ebenen -

Über Saint-Exupérys Südmarokko und die Schönheit der afrikanischen Küstenlandschaft

Zwei Neuerscheinungen werden in diesem Newsletter vorgestellt. Eine davon ist der Titel »Südmarokko« (1. Auflage 2008). Lutz Redecker, Reisejournalist und Autor, hat sich neben der reisepraktischen Spurensuche an die Fersen eines genialen Schriftstellers geheftet – und dabei viel über das aufregende Leben des französischen Kultautors herausgefunden. Nebenbei erzählt er von der landschaftlichen Schönheit, die zu Abenteuertrips auf einsame Pfade verführen kann.


Die große Leidenschaft Antoine de Saint-Exupérys für das Fliegen beginnt im tiefen Süden Marokkos. Der Roman »Der Südkurier« handelt von der Leidenschaft des Postfliegers für die bizarre Naturlandschaft Südmarokkos, die unendliche Wüste und die Gefahren in dieser Pionierzeit am Rand der Wüste.
Im Herbst 1926 nimmt Saint-Exupéry seine Arbeit als Postflieger für die südfranzösische »Compagnie Latécoère« auf. Hier fliegt er regelmäßig die Route Toulouse-Casablanca; wenig später verkehrt er auf der Strecke Toulouse-Dakar, einer Fluglinie, die zunächst über das Mittelmeer und dann über mehrere hundert Kilometer direkt am Atlantik entlang führt. Grandiose Blicke auf das Atlas-Gebirge und die Sahara machen den Reiz dieser Route aus, heftige Winde im Winter und Küstennebel im Sommer fordern alle Wachsamkeit.
Vom Pioniergeist getrieben, verkehren die Postflieger mit ihren offenen Doppeldeckern entlang der Küste. Geflogen wird mit Kompass und nach Sicht. Viele Flieger stürzen ab; manche verschwinden komplett mit dem Flugzeug, andere geraten nach Abstürzen in Gefangenschaft, wie der Autor des »Kleinen Prinzen« in seinem ersten Fliegerroman schildert.


Spektakuläre Suchaktionen nach verschollenen Fliegern und ein tödlicher Absturz

Denkmal in Tafaya
Denkmal in Tafaya

Als Saint-Exupéry am 19. Oktober 1927 als Flugleiter, der vom Tower aus agiert und koordiniert, nach Tarfaya kommt, befindet sich an dem von den Franzosen benannten Cap Juby ein verwittertes Wüstenfort und ein kleiner Flugplatz mit ein paar alten Holzbaracken. In den folgenden Monaten lebt Saint-Exupéry mit einigen französischen Mechanikern und Berbern, die das Fort bewirtschaften, an diesem gottverlassenen Ort am Rand der Wüste.
Die Tage in der Einsamkeit beflügeln seine Fantasie, viele Aufzeichnungen und Reflektionen sammeln sich in einem alten Schreibtisch an. Als der damals noch unbekannte Hobbyschriftsteller nach 14 Monaten nach Toulouse zurückberufen wird, feiert ihn seine Zunft für spektakuläre Suchaktionen und die Rettung verschollener Flieger; die Eindrücke und Erkenntnisse in der Einsamkeit der Wüste beschäftigen ihn noch über Jahre hinaus.
Im zweiten Weltkrieg arbeitet der durch Flugunfälle bereits gesundheitlich beeinträchtigte Saint-Exupéry als Offizier der Reserve und emigriert nach der Besetzung Frankreichs in die USA. Dort schreibt er seine ersten Romane, 1943 erscheint das Buch, das Antoine Saint-Exupéry zwei Jahrzehnte später Weltruhm einbringt: »Der kleine Prinz«. Wieder zurück auf dem alten Kontinent startet er am 31. Juli 1944 auf Korsika mit einer P-38 Lightning zu einem letzten Flug, von dem er nicht zurückkehrt. 2003 haben Taucher vor der Küste Marseilles Flugzeugteile gefunden, die die Seriennummern seiner Maschine tragen. Es scheint heute erwiesen, dass der Flieger Horst Rippert für den Tod Saint-Exupérys verantwortlich ist; der ehemalige ZDF-Mitarbeiter und Bruder von Ivan Rebroff hat sich auf Nachfrage des oberbayerischen Tauchers und Rechercheurs Lino von Gratzen zum Abschuss bekannt, aber im gleichen Atemzug erwähnt: »Hätte ich gewusst, dass es sich um meinen Lieblingsschriftsteller handelt, hätte ich ihn nicht abgeschossen.«


Eine Region, in der der Weg das Ziel ist

Der Weg nach Süden
Der Weg nach Süden

Die »Endlose-Weiten-Gefühle« des ehemaligen Aeropostale-Fliegers Antoine de Saint-Exupéry in Tarfaya können immer noch gut nachvollzogen werden. 380 staubig-sandige Kilometer von Guelmim entfernt kann die Westsahara »vorgekostet« werden, nach Dakhla ist es von hier mit dem Auto »nur« noch eine Tagesreise. Eine Region, in der der Weg bereits das Ziel ist. Eine von feinem Sand verklebte Plastik des Modells einer alten Propellermaschine erinnert in Tarfaya an den berühmten Autoren. Nicht unweit zischt der brausende Atlantik.
Die Atlantikküste in Südmarokko ist einer der faszinierendsten Küstenabschnitte Nordafrikas. Kilometerlange Strände, aussichtsreiche Klippen und unendlich lange Dünen können hier zu Fuß, mit Araberhengsten oder auf Kamelen entdeckt werden. In kleinen Orten finden sich preiswerte und freundliche Unterkünfte. Mit dem Auto kann tagelang fernab der Zivilisation die Küste entlang gereist werden, während sich über lange Abschnitte der Horizont im Westen mit den Weiten des Atlantiks vereinigt.
Als in den achtziger Jahren zwischen Essaouira und Agadir die windverwöhnten Surfer aus dem südspanischen Cadiz hier strandeten, um in Bussen das Winterhalbjahr zu verbringen, trauten die städtischen Marokkaner aus Agadir und Marrakesch ihren Augen nicht: Die Surfer lebten in einer ihnen eher unwirtlich erscheinenden Natur ohne jeglichen Komfort zwischen Atlantik, Strand und Fischerdörfern. Es war eine Zeit, in der Agadir seinen ersten touristischen Boom bereits durchlebt hatte und in Essaouira (europäische) Musiker und Künstler auf Spurensuche bei den Gnaoua-Musikern gingen; unter anderem ließen sich sogar Jimi Hendrix und Peter Gabriel von dieser Kunst beeinflussen. Die alten Städte im Inland mit ihren undurchdringbaren Medinas wurden bestenfalls stundenweise aufgesucht und »le grand sud« schien unerreichbar; die von Agadir über Hunderte von Kilometern nach Süden verlaufende Küstenstrasse nach Dakhla war kaum befahren.


Abenteuer für Individualisten und Outdoor-Freaks

Sicherlich wäre es immer noch ein Abenteuer mit einem Doppeldecker die Küste entlang zu fliegen. Aber auch mit einem gemieteten oder eigenen Auto bleibt viel Raum für einen spannenden Trip. Bereits zwei Autostunden südlich von Agadir kann südlich von Tiznit in Bou-Izakarr die große Südost-Route parallel zur algerischen Grenze nach Foum-Zguid und Zagora erkundet werden. Westlich von Guelmim kommen Offroad-Freunde und Enduro-Motorbiker auf einem weiten Netz von Pisten voll auf ihre Kosten. Der nahe gelegene Plage Blanche ist einer der längsten und unberührtesten Strände des ganzen Landes. Eine atemberaubende Piste verbindet Fort Bou-Jerif mit Sidi Ifni. Tausende von migrierenden Vögeln können hier im Frühjahr und Herbst beobachtet werden.
Eine großartige Natur ist auch in den Ausläufern des Anti-Atlas noch greifbar nah, die Gegend um Tafraoute mit seinen bizarren Felsformationen, Heimat der Schlöh-Berber, ist touristisch immer noch wenig erschlossen. Die Region ist eine Domäne für Biking- und Trekkingfreaks. Mit Mut und Laune kann man hier tagelang unterwegs sein, ohne den Spuren der Zivilisation zu begegnen. Nomadenzelte und kleine Dörfer wirken wie Zeugen einer vergessenen Zeit.