Reportage

Die letzten weißen Flecken Deutschlands -

Ostfrieslands unbewohnte Inseln

Na, auch vom Inselvirus infiziert? Wer einmal die Ostfriesischen Inseln besucht hat, will immer wieder hin. Kein Wunder, trifft man doch auf Sandstrände wie in Südseeregionen. Auf den sieben bekannten Eilanden spielt sich entspanntes und manchmal sogar mondänes Leben ab. Im journalistischen (und auch touristischen) Nichts befinden sich die fünf unbekannten (!) Inselchen der attraktiven Inselgruppe. Wie man drei dieser letzten weißen Flecken Deutschlands erkunden kann, die zum UNESCO-Weltnaturerbe gehören und selbst für ausgewiesene Ostfrieslandkenner häufig Neuland sind, erzählt unser Nordsee-Experte Dieter Katz. Soeben ist die 2. aktualisierte Auflage seines Reiseführers »Ostfriesland – Ostfriesische Inseln« erschienen.


Sie liegen aufgereiht hübsch am Nordrand des Watts: die sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum. Wer schon immer an dem Versuch gescheitert ist, sich ihre Reihenfolge einzuprägen, kann sich an den an der Küste populären Merkspruch halten, der die Inseln in Ost-West-Richtung ordnet: »Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?« Die attraktive Inselgruppe erstreckt sich über fast 100 Kilometer Länge zwischen den Mündungen von Ems und Jade und ist dem Festland zwischen 3,5 und 10 Kilometer vorgelagert.
Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass diese Eilande mit ihrem unverwechselbaren Charakter zu den schönsten Flecken Deutschlands gehören. Wer einmal mit dem Inselvirus infiziert ist, kommt nicht mehr davon los. Kein Wunder, denn zur offenen See hin haben alle Ostfriesischen Inseln traumhafte Sandstrände von schier endloser Weite, wie man sie sonst nur in Südseeregionen vermutet. Hohe Dünenketten schützen den meist im Westen gelegenen Inselort vor Sturm und Wind. Die Inselmitte besteht aus einer herrlichen Dünenlandschaft, und an der Festlandseite aller Inseln befinden sich Salzwiesen, die hier unmittelbar ins Wattenmeer übergehen.


Begehrte unbekannte Reiseziele: die fünf unbewohnten Ostfriesische Inseln

Auf zu den unbewohnten Inseln Ostfrieslands!
Auf zu den unbewohnten Inseln Ostfrieslands!

Doch in Wirklichkeit gibt es nicht nur sieben Ostfriesische Inseln, sondern es sind deren zwölf. Neben den bewohnten hat Ostfriesland eine Reihe unbewohnter Inseln zu bieten: Ganz im Osten bei Wangerooge liegen Mellum und die Minsener Oog und im Westen der Ostfriesischen Inselgruppe zwischen Juist und Borkum befinden sich der Memmert, die Kachelotplate und das Lüjte Hörn – allesamt wichtige Brutplätze für Seevögel und kleine Eilande, die hier und dort einmal unverhofft in den Schlagzeilen auftauchen, nur um dann lange wieder im journalistischen Nichts zu verschwinden. Auf diesen Inseln herrscht nichts weiter als eine unendliche Weite und unaufgeregte Ruhe, zumindest dann, wenn man das fortwährende Geschrei der Möwen und zahlreicher anderer Vogelarten und die ständigen Wind- und Wellengeräusche nicht als Lärm (fehl-)interpretiert.

Beliebt auf jeder Insel, Strandkörbe
Beliebt auf jeder Insel, Strandkörbe

Muss bei den unbewohnten Inseln Mellum, Minsener Oog, Memmert, Kachelotplate und Lütje Hörn nun ebenfalls eine Eselsbrücke herhalten? Also etwa: »Martha macht mit Karl Liebe!« Oder doch lieber weniger frivol: »Michael Müller macht klasse Lesestoff!« Wohl eher nicht, aber besuchenswert sind die Eilande allemal. Freilich hat die Sache einen Haken. Weil die unbewohnten Inseln Teil des UNESCO-Weltnaturerbes Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer sind, darf sie nur betreten, wer eine Ausnahmegenehmigung hat oder in Seenot geraten ist. Das Betretungsverbot gilt schon seit über 100 Jahren und macht das Inselreich zu einem der letzten unberührten Flecken der Republik. Gerade dies macht eine Reise in das Niemandsland der unbewohnten Inseln zu einem Sehnsuchtsziel für Ostfriesland-Urlauber. Zum Glück gelten außerhalb der Brutsaison zwischen August und Oktober Ausnahmeregelungen. Dann dürfen einige der Inseln im Rahmen spezieller Exkursionen betreten werden. Die Besucher erleben neben großartigen Vogelkolonien nicht nur die Endlosigkeit von Watt, Meer sowie die grenzenlosen Horizonte mit malerischen Himmelslandschaften, sondern auch die unendliche Weite menschenleerer Strände. Selbst für erfahrene Ostfrieslandkenner ist der Besuch auf einer der abgelegenen Inseln etwas ganz Besonderes.


Mellum: von der Flakbatterie zum Vogelparadies

Ein Blick ins Wattenmeer
Ein Blick ins Wattenmeer

Die ganz im Osten der Ostfriesischen Inseln gelegene Vogelinsel Mellum (oder auch Alte Mellum genannt) liegt noch jenseits des tiefen Jadefahrwassers und entstand erst im 19. Jahrhundert auf natürliche Weise. Seitdem hat sie sich auf über 5 km² vergrößert. Von August bis Oktober werden empfehlenswerte Exkursionen zur 6 km vom Festland entfernten Insel angeboten. Denn die gewissermaßen im Herz des Nationalparks gelegene Insel gilt als eines der letzten unberührten Vogelparadiese Deutschlands. Sie wurde bereits 1921 unter Schutz gestellt und wird vom Mellumrat e.V. in Dangast betreut. Die Nationalsozialisten kümmerten sich allerdings wenig um den Vogelschutz und stationierten auf Mellum im Zweiten Weltkrieg zum Schutz der Hafenzufahrt von Wilhelmshaven eine durch einen Ringdeich geschützte Flakbatterie. Dort befindet sich heute die Vogelwarte des Mellumrats. Im Sommer 2009 geriet Mellum noch einmal in negative Schlagzeilen, als ein verheerender Brand auf der Insel wütete. Tausende von Jungvögeln wurden Opfer der Flammen.


Minsener Oog: ein Kräftespiel aus Strömungen, Seegang und Wind

Mit Pferdekarren durchs Watt
Mit Pferdekarren durchs Watt

Die nur 2 km jenseits der Ostspitze Wangerooges gelegene Doppelinsel Minsener Oog ist die einzige künstliche Insel Ostfrieslands. Sie besteht aus zwei kleinen Platen, so nennt man Inseln, die allein aus dem Kräftespiel aus Strömungen, Seegang und Wind entstanden sind. Zunächst bilden sich Sandbänke, die ganz allmählich zu hochwasserfreien Strandwällen werden, auf denen Pionierpflanzen gedeihen. Im Falle der Minsener Oog hat man dabei etwas nachgeholfen, denn schon seit etwa 100 Jahren hat man hier auf einer bestehenden Sandbank Buhnen und Dämme errichtet, um die mit Wind und Strömung ostwärts wandernden Sande aufzuhalten. Damit wollte und will man das tiefe Fahrwasser nach Wilhelmshaven vor Versandung schützen. Die beiden Leuchttürme der Insel stehen zwar noch, haben aber in Zeiten der Satellitennavigation ausgedient; sie sind seit 1998 nicht mehr in Betrieb.
Auch auf der 2,2 km² kleinen Minsener Oog hat der Naturschutz Vorrang, auch sie wird vom Mellumrat betreut, allerdings darf ein (mit grünen Pflöcken markierter) Besucherbereich an der Südspitze betreten werden. Man erreicht die nur 3,5 km vom Festland entfernte Minsener Oog nach einem gut einstündigen Fußmarsch über das Watt von Schillig aus (im Rahmen einer geführten Wattwanderung). Damit ist Minsener Oog das am leichtesten zu besuchende unbewohnte Ostfriesische Eiland.


Memmert: Europareservat, das nach Westen wandert

Schiff im Watt
Schiff im Watt

Memmert mit dem gut erkennbaren Vogelwärterhaus in den hochwassergeschützten Norddünen liegt von der Westspitze Juists aus gesehen zum Greifen nah, ist aber doch 3 km entfernt. Das von Prielen durchzogene etwa 4,2 km² große Eiland wurde schon 1924 zum Vogelschutzgebiet erklärt, 1968 verlieh der Deutsche Rat für Vogelschutz der Insel das Prädikat »Europareservat«. Als Vater des Schutzgebiets gilt der Juister Lehrer Otto Leege (1862-1951), der durch gezielte Anpflanzungen und mühevollen Dammbau dafür sorgte, dass aus der einstigen wenig bewachsenen Sandbank eine schützenswerten Insel wurde. Leege hat sein langes Leben lang die Idee verfolgt, aus der Insel ein Vogelschutzgebiet zu machen. Auch Sohn Otto teilte die Ideen des Vaters und war jahrzehntelang Insel- und Strandvogt auf Memmert. Die Insel wird gegenwärtig mangels Sandzufuhr immer kleiner und verlagert sich wegen besonderer Strömungen nach Westen, ganz im Gegensatz zu allen anderen Ostfriesischen Inseln, die ausschließlich nach Osten wandern.
Auch dieses Eiland darf ohne ausdrückliche Genehmigung der Nationalparkverwaltung nicht betreten werden. Außerhalb der Brutsaison, im August und Oktober, werden aber ebenfalls Fahrten zur Insel mit Führungen durch den Vogelwart angeboten.


Kachelotplate: Seehunde und Kegelrobben auf junger Sandbank

Niedliche Seehunde
Niedliche Seehunde

Die westlich von Memmert und Juist gelegene Kachelotplate ist die mit Abstand jüngste der unbewohnten Ostfriesischen Inseln und bislang kaum mehr als eine riesige Sandbank. Sie wächst aber seit Mitte der 70er Jahre beständig, wird bei Hochwasser nicht mehr überflutet und gilt daher neuerdings als eigenständige Insel. Immerhin wachsen auf dem schon fast 3 km² großen Eiland bereits die ersten Pionierpflanzen und deshalb wurden – wohl um nachrichtentechnisch das Sommerloch zu stopfen – vor einigen Jahren Stimmen laut, hier exklusives Bauland anzubieten oder doch wenigstens einen Golfplatz für die nahe Insel Juist anzulegen. Die Euphorie kam zu früh. Seit Jahrhunderten sorgen die gewaltigen Strömungen zwischen Borkum, Juist und der Emsmündung für sich ständig verändernde Landbewegungen.

Übrigens: Schon seit über 200 Jahren ist auf den Seekarten Kachelotplate eingetragen, auf der seit alters her nicht nur Schiffe, sondern immer wieder einmal Wale strandeten (daher der Name: franz. cachalot heißt Pottwal). Zudem ist die Kachelotplate nicht sturmflutsicher. Von einer Insel, die auch touristische Attraktionen bietet, kann also noch lange nicht die Rede sein. Die Kachelotplate ist heute allerdings ein sehr bedeutsames Rast- und Nahrungsgebiet für unzählige Vögel und ein beliebter Ruheplatz für Seehunde und Kegelrobben. Daher ist ein Betreten der (nur mit dem eigenen Boot zu erreichenden) Insel verboten.


Lütje Hörn: nur eine große, von der See bedrohte Sandbank

Schmucke Schiffe im Hafen von Greetsiel
Schmucke Schiffe im Hafen von Greetsiel

Lütje Hörn reiht sich geographisch nicht in die Kette der anderen Ostfriesischen Inseln ein, sondern liegt etwas einsam unterhalb der Inselkette, etwa 4 km südlich von Memmert und 3 km südöstlich von Borkum. Sie ist die mit Abstand kleinste aller Ostfriesischen Inseln und kommt nicht einmal mehr auf eine hochwasserfreie Fläche von 0,1 km². Trotz ihrer Kleinheit besteht die Insel schon mindestens seit dem 16. Jahrhundert. Lütje Hörn ist schon in den ältesten Seekarten eingezeichnet. Seit etwa 100 Jahren hat die Insel durch veränderte Strömungsverhältnisse und Sturmfluten kontinuierlich an Größe und fast seine gesamte Fauna verloren. Bei gewaltigen Sturmfluten im Winter 2006/07 wurden die letzten Dünen und Pflanzen regelrecht abgehobelt. Somit ist Lütje Hörn derzeit nicht viel mehr als eine große Sandbank, die stark von der See bedroht ist. Für die Vogelwelt wäre die Zerstörung des Eilands ein unschätzbarer Verlust, weil einige Vogelarten die kleine Insel nach wie vor nutzen, um dort ihre Brut großzuziehen. Lütje Horn liegt in der Kernzone des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer und darf nicht betreten werden.


Infos:

Exkursionen zur Insel Mellum (außerhalb der Brutsaison, August-Oktober): Kosten 30 €, Kinder 15 €. Abfahrt mit einem Kutter von Hooksielaus. Anfrage und Anmeldung unter Tel. 04451/84191 oder info@mellumrat.de; Der Mellumrat e.V., Zum Jadebusen 179, 26316 Varel-Dangast, www.mellumrat.de.

Wattwandern, beliebter Freizeitsport
Wattwandern, beliebter Freizeitsport

Exkursionen zur Minsener Oog: Von Schillig aus werden gelegentlich Wattwanderungen zur Minsener Oog angeboten. Dauer (hin und zurück) 4 Std. Kosten: 10 €, Kinder 6 €. Die Tour führt hauptsächlich über leicht begehbares Sandwatt und ist daher auch für Kinder (ab 8 Jahren) geeignet. Allerdings kreuzen mehrere große Wasserrinnen (Priele) den Weg. Der Aufenthalt auf der Insel ist nur relativ kurz, damit man vor der nächsten Flut wieder sicher ans Festland gelangt. Infos und Anmeldung z. B. bei Gerke Ennen, Tel. 04465/570 (www.wattlopen.de), Rolf Gerdes, Tel. 04425/991574 (www.wattabenteuer.de) und Frank und Ralf Hensel, Tel. 04463/1716 (www.wattwandern.de).

Exkursionen nach Memmert (außerhalb der Brutsaison, August-Oktober): Kosten 25 € pro Person (inkl. Verpflegung). Dauer: 5 Std. Vom Hafen Juist aus fährt nur gelegentlich die »Wappen von Juist« hinüber zum Vogelparadies Memmert. Dort begleitet der Vogelwärter die Besucher bei einem spannenden Rundgang über die Insel und weiß viel Interessantes über Memmert zu berichten. Infos und Anmeldung beim National-Park Haus Juist, Tel. 04935/1595 (www.nationalparkhaus-juist.de). Mitunter fährt die »Wappen von Juist« auch von Greetsiel aus und nimmt nach einem kurzen Zwischenstopp auf Juist Kurs auf die einsame Insel.