Top Ten

Teil 24: Hamburg

oder Die heimliche Hauptstadt an der Elbe.

Spätestens seit der Eröffnung der Elbphilharmonie und dem schwierigen G20-Gipfel hat sich Hamburg in die Topliste der europäischen Städteziele eingetragen. Selbst der SPIEGEL titelte »Hauptstadt Hamburg«, die New York Times listet die Elbmetropole gar an Platz 10 ihrer »52 Places to Go in 2017«. Doch was soll man sich ansehen, wenn man dort ist? Matthias Kröner hat einen beliebten Reiseführer über die Stadt geschrieben – und verrät in der Oktober-Ausgabe unseres Newsletters seine Top Ten.


Hamburg – Matthias Kröners Top Ten

Wahrzeichen: Die Elbphilharmonie in der Science-Fiction-Stadt

Der Kaiserkai und seine Krönung, die Elbphilharmonie (Foto: Matthias Kröner)
Der Kaiserkai und seine Krönung, die Elbphilharmonie (Foto: Matthias Kröner)

Natürlich, wer in Hamburg ist, will sie sehen – die Elbphilharmonie! In der Realität ist es allerdings etwas schwierig, in die wellenförmig geschwungene Konzertkathedrale hineinzukommen.
Tickets, allen voran für den Großen Saal, sind über Monate hinweg ausverkauft. Doch auch die Konzerthausführungen werden gern gebucht. Wer Glück hat und flexibel ist, findet bis Ende Oktober noch 5 Tage mit mehreren Terminen (Stand Ende September 2017) zu 15 €.
Was wesentlich einfacher möglich ist: ein Besuch der Plaza, von der man die meines Erachtens schönste Aussicht auf Hamburg hat. Über eine 82 m lange Rolltreppe geht es tief in das 110 m hohe Wahrzeichen hinein. Dafür lohnt es sich, einige Tage vorher ein Online-Ticket für 2 € zu buchen. So hat man ein Zeitfenster von einer Stunde und erspart sich lästiges Schlange-Stehen.
Wenn alle drei Optionen nicht richtig klappen wollen, kann man den Kaiserkai direkt an der Elbphilharmonie entlangflanieren: völlig kostenlos, wenn auch manchmal mit vielen Menschen. Die allerneusten Bauabschnitte der Mondsiedlung HafenCity befinden sich allerdings weiter östlich an der Baakenhafen-Brücke.


Skyline: Durch den Alten Elbtunnel nach Steinwerder

Ein Spaziergang durch den Alten Elbtunnel ist wie eine kleine Zeitreise (Foto: Matthias Kröner)
Ein Spaziergang durch den Alten Elbtunnel ist wie eine kleine Zeitreise (Foto: Matthias Kröner)

Wer einen wichtigen Teil des historischen Hafens sehen möchte, muss durch den Alten Elbtunnel. Ja, muss! Denn die 425 Meter lange Begehung mutet wie eine kleine Zeitreise an, die einen in die 10er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Damals nutzten diese 24 m unter der Elbe liegende Unterführung direkt neben den Landungsbrücken an die 20 Millionen Hamburger allein in den ersten zwei Jahren. Die meisten von ihnen waren Hafenarbeiter, um auf der anderen Elbseite zu malochen.
Dort, in Steinwerder, sieht man die Skyline Hamburgs, darunter den größten Bismarck des Planeten, den Michel und selbstverständlich die »Elphi«.


UNESCO-Welterbe: Die Speicherstadt und das Kontorhausviertel

Beeindruckendes Kontorhausviertel oder Das Chilehaus, das an ein Schiff erinnert (Foto: Gabriele Kröner)
Beeindruckendes Kontorhausviertel oder Das Chilehaus, das an ein Schiff erinnert (Foto: Gabriele Kröner)

Im Juli 2015 war es soweit: Auch Hamburg hatte endlich sein Weltkulturerbe. Genauer gesagt sogar zwei. Die UNESCO zeichnete die Speicherstadt und das gegenüberliegende Kontorhausviertel als besonders schützenswertes Kulturgut aus.
Zu Recht? Unbedingt, denn die backsteinernen Lagerhallen sind einzigartig und so weitläufig, dass eine ausgiebige Besichtigung einige Stunden dauern würde. Entstanden ist der Lagerhallenkomplex wenig sozialverträglich zwischen 1885 und 1927, indem man 20.000 Hafenarbeiter kurzerhand umsiedelte. Ziel des enormen Aufwands war ein Areal, in dem Luxusgüter wie Tee oder Kaffee zollfrei gelagert und umgeschlagen werden konnten. Den, wie ich finde, besten Blick auf die rotgebrannten Bauwerke hat man bei der Katharinenkirche am Zollkanal, wenn die Nachmittagssonne auf die in Reihe stehenden Gebäude scheint. Das skurril gestaltete Deutsche Zollmuseum, das man für gerade einmal 2 Euro besichtigen kann, befindet sich außerdem gleich ums Eck.
Doch auch das Kontorhausviertel hat es in sich. Einige der expressionistischen Backsteintapeten erinnern in ihrer Monumentalität an den Stummfilmklassiker »Metropolis«. Sie waren Kathedralen des Handels, in denen – ebenfalls wenig sozialverträglich – die gewinnbringenden Überseegeschäfte mit den Kolonien geregelt wurden. Ein echtes Highlight ist dabei das Chilehaus, das nachts an die illuminierte »Titanic« erinnert und Henry Brarens Sloman in Auftrag gab. Der in Nordengland geborene Fabrikant stieg durch Salperterhandel (man brauchte Salpeter für Schießpulver) und als Schleuser für auswanderungswillige Europäer zum reichsten Hamburger Bürger auf.


Essen & Trinken: Ein Drei-Sterne-Restaurant und original Hamburger Speisen

Wer es krachen lassen will, geht ins Table! Was das Besondere daran ist? Kevin Fehling, 1977 geboren, kam schon in Travemünde zu kochkünstlerischen Ehren. In Hamburg ist er der erste und bislang einzige Drei-Sterne-Koch. Kommt das teuer? Es wäre grotesk, wenn es nicht so wäre. Warum das Nobellokal in der HafenCity so stilvoll wie schlicht »Der Tisch« heißt, erfährt man ebenfalls, wenn man hingeht.
Obwohl die gute Seele der in ganz Hamburg bekannten Oberhafen-Kantine, Anita Haendel, 1997 gestorben ist, geht der Betrieb des einstigen Famlienunternehmens unverdrossen weiter – spätestens seit die Stadt das expressionistische Kleinstgebäude im Jahr 2000 endlich unter Denkmalschutz stellte. By the way: Der Weltkrieg konnte dieser Hamburger Institution wenig anhaben, doch die Sturmfluten der Elbe brachten den 20er-Jahre-Bau in eine, im wahrsten Sinne des Wortes, charmante Schieflage.


Stadtstrand: Der Elbstrand in Övelgönne

Beliebter Ort zum Ausspannen – der Elbstrand in Övelgönne (Foto: Berit Kröner)
Beliebter Ort zum Ausspannen – der Elbstrand in Övelgönne (Foto: Berit Kröner)

Wieder aufgetankt, könnte man – wenn das Wetter mitspielt – mit der Fähre 62 zum Elbstrand schippern (Station Neumühlen/Övelgönne aussteigen!). Dabei lohnt es sich, nicht nur einen Drink im ahoi zu nehmen, sondern auch die Strandsiedlung Övelgönne entlangzulaufen. Sie besteht aus ehemaligen Lotsen-, Fischer- und Kapitänshäuschen.
Ob man einen Sprung in den gezeitenabhängigen und strömungsstarken Fluss wagen sollte, muss jeder selbst entscheiden, zumal es bereits großartig ist, in einer Weltstadt über Sand zu laufen.
Wer nicht nur chillen, sondern auch einen kleinen Spaziergang anhängen mag, könnte die Uferlinie in östlicher Richtung entlangschlendern und den einlaufenden Schiffen zusehen. Im 3 km entfernten Jenischpark liegt eines schönsten Kunstmuseen der Stadt: das minimalistisch gestaltete Ernst-Barlach-Haus.
Übrigens: Auch mit dem Rad ist dieser Abstecher ein Vergnügen. Bei der Station Teufelsbrück ist es zudem möglich, mit der Buslinie 36 ins Zentrum zurückzudüsen. Währenddessen hat man einen guten Blick auf die Hafenausläufer.


Szeneviertel: Die Schanze und das Karolinenviertelchen

Street Art in der Schanze (Foto: Matthias Kröner)
Street Art in der Schanze (Foto: Matthias Kröner)

Die Schanze ist ein Dorade für alle, die Hamburg abseits der Sehenswürdigkeitenparade sehen wollen. Dabei bekommt man die stete Stadtteilaufwertung gut mit: schicke und teure BMWs und Corvettes parken neben Rastas und Kapuzenpulli-Frauen, die ihrerseits die gut verdienenden Kreativen von Jung von Matt anschnorren. Dabei geht es im Regelfall ziemlich friedlich und angenehm antikapitalistisch zu, sofern nicht gerade der 1. Mai ist oder ein G20-Gipfel in Hamburg ausbricht …
Wer eine kleine Kuchenpause einlegen möchte, macht im Herr Max in der Hauptschlagader Schulterblatt alles richtig. Sehr gut shoppen kann man im sich nördlich anschließenden Karolinenviertelchen in der Marktstraße. Freunde der Vintage-Mode werden das Hot Dogs mögen: Dort bekommt man teils originalverpackte (!) Kleidungsstücke aus den 70er- bis 90er-Jahren.


Nachtleben: Hamburgs Craftsbierszene

Klar, wer schon mal hier ist, wird abends hingehen: zum Kiez auf die Reeperbahn und die Große Freiheit. Dabei schadet es nicht zu wissen, dass es ein wenig wie auf Mallorca zugeht, nur ohne Sand und Strand. Es gibt Jungesell(innen)abschiede und schräg verkleidete Partymenschen, Bierbikes und eine Art von Erotik-Disneyland. Klar, das kann man augenzwinkernd und ironisch angehen und sich herrlich über die vielen Menschentypen amüsieren.
Was mich allerdings mehr beeindruckt hat, war eine Erkundung der hiesigen Craftsbierszene. In einer der wichtigsten Kleinbrauereien Hamburgs, wo das Ratsherren-Bräu kreiert wird, werden aufschlussreiche Bierdegustationen gegeben. Man begreift die Wichtigkeit von wertigem Hopfen (bei den Fernsehbieren wird da gespart) und weshalb es eine rare Kunst ist, gutes und gaumenfreundlichen Bier zu brauen.
Wer noch tiefer in die Welt der »Handwerksbiere« abtauchen möchte, könnte hinterher das Alte Mädchen ansteuern, um in dieser stylisch gehaltenen Bierhalle einen internationalen Gerstentrip zu unternehmen. Man wählt aus etwa 60 Sorten, darunter natürlich auch fränkische …


Unterkunft: Das Henri in der Stadtmitte

Für alle, die sich erst jetzt um eine Übernachtung kümmern, wird es eher schwer werden, hier unterzukommen. Denn das ziemlich beliebte Henri befindet sich quasi im Stadtkern, fußläufig entfernt zum Rathaus (in dem man für gerade einmal 4 € unterhaltsame Führungen erleben kann) – und ist deshalb nicht gerade für Spontanbesuche geeignet. Eingerichtet sind die 65 Studios und Suiten auf eine sehr entspannte und kosmopolitische Art, ohne allzu lässig zu wirken. Dabei nächtigt man in einem alten Kontorhaus, und im Kingsizebett schläft es sich wunderbar.
Wie gesagt: Das Haus ist inzwischen (leider) recht gut besucht, sodass man möglichst früh und für eine Nacht unter der Woche (So-Do) buchen sollte – dann können es 120 € im DZ werden; ansonsten werden es 20 bis 40 € mehr.


Stadtspaziergang: Das Hamburger Meer an sechs Stadtteilen

Die Außenalster, auch Hamburger Meer genannt, ist ein beliebtes Freizeitrevier der Hansestadt (Foto: Mirja Schellbach)
Die Außenalster, auch Hamburger Meer genannt, ist ein beliebtes Freizeitrevier der Hansestadt (Foto: Mirja Schellbach)

Auch wenn damit fünf Highlights am Wasser spielen: Die Außenalster gehört bei einer Top Ten zu Hamburg schlichtweg dazu. Warum? Weil der gestaute, 164 Hektar große See mitten in der Millionenstadt an sechs (!) Stadtteilen »vorüberläuft« und einen Radius von erstaunlichen 7,4 km misst. Deshalb ist eine Umrundung des »Hamburger Meer« (was auch gut mit dem Fahrrad möglich ist) ein Erlebnis, wobei man Joggern, berittenen Polizisten und Gassigehern begegnet und einige der großspurig, aber auch schlicht gebauten Villen in Ufernähe zu sehen bekommt.
Besonders schön finde ich die östliche Seite, die zum stilvollen Literaturhaus und der Blauen Moschee an der Alster führt, der interessanten Imam-Ali-Moschee. Auf der gegenüberliegenden Uferseite haben zahlreiche Konsulate ihren Sitz, z. B. das brasilianische und das österreichische.
Besonders beeindruckend sind die Ausblicke auf das Wasser und die Stadtsilhouette selbstverständlich in den Straßen Schöne Aussicht, Bellevue und Fernsicht.


Abseits des Stadtzentrums: Die hervorragend aufgearbeitete Gedenkstätte Neuengamme

Kunst unter menschenverachtenden Bedingungen oder Die kleinen Meisterwerke der Gefangenen im Konzentrationslager Neuengamme (Foto: Matthias Kröner)
Kunst unter menschenverachtenden Bedingungen oder Die kleinen Meisterwerke der Gefangenen im Konzentrationslager Neuengamme (Foto: Matthias Kröner)

Obgleich der botanische Riesengarten Planten und Blomen mit seinen nächtlichen Wasserlichtkonzerten im Sommer ein Muss ist, und man den Ohlsdorfer Friedhof, den seinerseits größten Parkfriedhof des Planeten, zumindest einmal mit dem Bus »durchstreift« haben sollte, hat sich mir die Gedenkstätte des einstigen Konzentrationslagers Neuengamme eingebrannt.
Sie liegt 30 km entfernt vom Zentrum und war lange Zeit von einer Aufarbeitung der NS-Verbrechen sehr weit entfernt. Erst 2005 (!) baute man die als Justizvollzugsanstalt genutzte Anlage zu einem tiefschürfenden Informationszentrum um.
Besonders beeindruckend sind die aufschlussreichen Opfer- und Augenzeugenberichte ehemaliger Gefangener, die die Wertigkeit jedes Menschenlebens hervorstellen. Dadurch wird nicht vergessen, dass in dem Konzentrations- und Vernichtungslager ca. 106.000 Menschen körperlich ausgebeutet und seelisch zerrüttet wurden und ca. 55.000 Gefangene unter menschenverachtenden Bedingungen starben. Die Inhaftierten aus mehr als 20 Ländern, darunter auch viele Frauen, Jugendliche und Kinder, mussten u. a. für die Arbeit in Rüstungsfirmen und zur Trümmerbeseitigung nach alliierten Luftangriffen zur Verfügung stehen. Bis zu 500 SS-Leute bewachten und beaufsichtigten die 10- bis 12-stündige Zwangsarbeit, die medizinischen Versuche, die Vergasung und die Lagerkapelle, die bei Erhängungen aufspielen musste.
Das Einzige, was dann erfreut: die sehr sensible Aufarbeitung des für Hamburg so lange so schwierigen Themas.

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