Top Ten

Teil 8: Malta

oder Ein Tomatenmark, das man direkt aus dem Glas löffeln möchte

Was Malta längst nicht mehr ist: ein Geheimtipp, den nur wenige Reisende ansteuern. Was man trotzdem noch immer auf Malta (und den Nachbarinseln Gozo und Comino) unternehmen kann: dem touristischen Rummel entfliehen und geheime Ecken finden, bei denen man fast alleine ist. Für alle anderen gibt es mehrere Hochkaräter – ein türkisblaues Meer zum Beispiel und drei (!) Tempelstätten aus der Steinzeit plus einen Karneval, den ein von keinem TÜV geprüfter pyrotechnischer Wahnsinn abschließt. Michael Bussmann, Autor der 7. Auflage 2016, erzählt packend von seinen Highlights.


Malta – Michael Bussmanns Top Ten

Essen und Trinken: Thunfisch-Semmel und Seeigel-Spaghetti

Sehr lecker und sehr besonders sind die vielen kulinarischen Spezialitäten auf Malta (Foto: Michael Bussmann)
Sehr lecker und sehr besonders sind die vielen kulinarischen Spezialitäten auf Malta (Foto: Michael Bussmann)

Schon Wochen bevor ich zur Recherche nach Malta fliege, freue ich mich auf ein Hobz biz-Zejt. Mein erster Weg vom Flughafen führt in aller Regel zu meinem Lieblings-Straßenkiosk mit dem allerbesten »Hobbs«: ein knuspriges, mit Glück noch warmes Steinofenbrötchen, bestrichen mit Tomatenmark, Olivenöl und Thunfisch, belegt mit Insel-Kapern und sauren Gurken. Und während mir das Öl die Hand hinuntertrielt – alle kulinarischen Highlights haben ihr Manko, mit dem Senf bei der Leberkässemmel ist es ja nicht anders –, bin ich glücklich und sage mir: »Schön, wieder da zu sein.«
Die maltesische Küche ist einfach, aber grundehrlich, lebt von jenen besten Zutaten, die der fast ewige Sommer und das klare Meer drum herum so hervorbringen. Zu meinen Favoriten gehören auch Spaghetti Rizzi, Spaghetti mit dem gelb-orangefarbenen Fleisch der Seeigel, die sich rund um Maltas raue Felsküste sehr wohl fühlen. Alles, was mit Fisch und Meeresfrüchten zu tun hat, probiert man am besten im Fischerstädtchen Marsaxlokk – die dortigen Hafenlokale sind urig und sehr authentisch. Ab Mitte August steht auch Lampuki auf der Karte, eine festfleischige Goldmakrele; vorher darf sie nicht gefischt werden. Es gibt sie auch eingepackt im Teigmantel: Lampuki Pie heißt das dann.


Die Hauptstadt: Grande Dame Valletta dreht auf

Vintage, Vintage oder In der Strait Street in Valletta (Foto: Michael Bussmann)
Vintage, Vintage oder In der Strait Street in Valletta (Foto: Michael Bussmann)

Es ist noch gar nicht so lange her, da war es schwierig, am Abend ein geöffnetes Lokal in Valletta zu finden – von ein paar wenigen, drögen Hotelrestaurants einmal abgesehen. Nach 18 Uhr, wenn die Pendler ihrer Hauptstadt den Rücken gekehrt hatten, herrschte eine fast gespenstische Ruhe, und nur ein paar dicke Kakerlaken trieben sich noch in den verlassenen Treppengassen herum …
Das hat sich gründlich geändert. Die prächtigen, bis vor kurzem noch leprösen Altbauten sind beliebt geworden – bei maltesischen Hipstern genauso wie bei Touristen. Es gibt mittlerweile unzählige Unterkünfte mit Namenszusätzen wie »Palazzo«, »Boutique« oder »Vintage«. Auf Panoramaterrassen oder inmitten neobarocken Plüschs wird fein diniert, Schweinenacken-Confit, Entenburger oder Quinoa-Salat beispielsweise. Und danach geht’s in den »Gut«, den »Darm«, wie die enge Strait Street etwas unappetitlich genannt wird. Bis 1979 machten hier britische Matrosen Jagd auf alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Dann veränderte sich der rot beleuchtete Gassenschlauch radikal. Heute finden sich hier bunte Altmöbel-Bars, wie man sie aus Berlin-Neukölln kennt.
Natürlich macht Valletta auch am Tag Spaß – wenn nicht gerade mehrere tausend Kreuzfahrer die Gassen verstopfen … Die vom Meer umschlossene Festungsstadt ist nicht grundlos UNESCO-Welterbe, bietet herrlich überladene Kirchen, ein spannendes Archäologisches Museum, den altehrwürdigen Großmeisterpalast und viele viele Cafés fürs ausgiebige Peoplewatching.


Ausflug: Freilichtmuseum Mdina

Teils von Pferdekutschen durchströmt, doch friedvoll und still am Abend – Mdina (Foto: Michael Bussmann)
Teils von Pferdekutschen durchströmt, doch friedvoll und still am Abend – Mdina (Foto: Michael Bussmann)

Im Gegensatz zu Valletta liegt Mdina, die ehemalige Hauptstadt Maltas, im Inselinneren. 240 Menschen leben noch innerhalb der Festungsmauern. Zu ihnen gesellen sich tagsüber mehrere tausend Touristen, die mit Pferdekutschen durch die schmalen Gassen holpern und poltern. Zauberhaft romantisch ist die Stadt hingegen am Abend, dann herrscht eine friedvolle Stille über den einstigen Adelsresidenzen, Kirchen und Klöstern im Licht der historischen Straßenlaternen.
Vor den Toren Mdinas liegt dessen großer Bruder Rabat – nicht ganz so prächtig, aber ebenfalls hübsch anzusehen, dazu deutlich natürlicher und ebenfalls mit einer Reihe hochkarätiger Sehenswürdigkeiten bestückt. So kann man in jene legendäre Grotte steigen, in der der Apostel Paulus nach seinem Schiffbruch in Gefangenschaft gelebt haben soll. Oder zu den St. Paul’s Catacombs und den St. Agatha Catacombs, uralten unterirdischen Grabstätten.


Die Wiege Maltas: The Three Cities

Arthritischen Fingern gleich strecken sich die Halbinseln der drei Städte Senglea, Vittoriosa und Cospicua in den festungsumringten Grand Harbour hinein und Valletta entgegen. Die städtebaulichen Perlen sind allesamt älter als die Kapitale und unbedingt einen Ausflug wert – mit der Fähre erreicht man Cospicua von Valletta in wenigen Minuten. Senglea und Cospicua sind touristisch noch recht unverbraucht, hier taucht man ein in den Alltag der Werftarbeiter. Vittoriosa hingegen, das ehemalige Birgu, hat sich im vergangenen Jahrzehnt ordentlich aufgebrezelt.
In der edlen Marina neben dem protzigen Fort St. Angelo machen Yachten von den Cayman-Inseln fest, auch der russische Milliardär Roman Abramowitsch läuft hin und wieder mit seiner »Eclipse« ein, immerhin die zweitlängste Yacht des Planeten. Hinter der Marina gibt es trendige Restaurants und Bars, dazu ein Marinemuseum mit Funden gesunkener römischer Galeeren. Viele Touristen zieht es auch in den Palast des Inquisitors, in dem von 1574 bis 1798 exakt 62 fiese Typen residierten, darunter zwei spätere Päpste. Ich hingegen lasse mich am liebsten durch die mit Topfpflanzen bestückten Gassen treiben und halte nach »For Sale«-Schildern Ausschau. Man darf ja wohl noch träumen …


Baden und Wandern: Comino – türkiser wird’s nicht!

Türkiser wird’s nicht – die kleine Insel Comino (Foto: Michael Bussmann)
Türkiser wird’s nicht – die kleine Insel Comino (Foto: Michael Bussmann)

Ein karger Fels, umgeben von einem so blauen Meer, dass man schon vom Reinschauen besoffen wird. Das ist Comino, die kleinste Insel des Archipels. Vier feste Einwohner und dazu zwei Polizisten leben auf dem 2,5 Quadratkilometer kleinen Eiland. Auf die Füße würde sich hier keiner treten, gäbe es nicht die Blue Lagoon, die maltesische Traumbucht schlechthin und Ziel aller Ausflugsboote. In Stoßzeiten erinnert das Gekreische dort ein wenig an das heimische Freibad in den Schulferien.
Wer dem entgehen will, der macht sich am besten zu einer Wanderung um den Inselwinzling auf, auf der man auch am schönen, kleinen und weniger frequentierten Sandstrand der Santa Maria Bay vorbeikommt. Wer jetzt noch einen 1000-Seiten-Krimi und eine Strandmatte mit hat, ist dort bestens aufgehoben.


Ganz großes Kulturkino: Tempel aus der Steinzeit

Kleines Relikt von einer der drei Tempelstätten aus der Steinzeit (Foto: Michael Bussmann)
Kleines Relikt von einer der drei Tempelstätten aus der Steinzeit (Foto: Michael Bussmann)

Maltas uralte, kurzweilige Geschichte hat großartige Monumente hinterlassen. Die Tempelanlagen, die auf dem Archipel freigelegt wurden, gehören zu den ältesten freistehenden Bauten der Welt. Im Süden Maltas, mit wunderbarem Blick übers Meer, kann man die Anlagen von Mnajdra und Hagar Qim besichtigen, die zwischen 3400 und 2800 v. Chr. entstanden – als Behausungen von Riesen, wie die Malteser noch im 19. Jahrhundert mutmaßten. Im Tempel von Hagar Qim wurde die Venus von Malta entdeckt, die heute im Archäologischen Museum von Valletta zu bewundern ist: ein 13 cm großer, feister Torso mit Brüsten im Russ-Meyer-Format.
Die Nachbarinsel Gozo besitzt mit den Ggantija-Tempeln eine ähnlich beeindruckende prähistorische Kultstätte. Ganz großes Kulturkino bedeutet auch ein Besuch des Hypogäums, des Vorzeigebauwerks der maltesischen Tempelbauer. 33 unterirdische Räume, Gräber wie Heiligtümer, verteilen sich dabei über drei Stockwerke. Achtung: Tickets für das Hypogäum sollte man sich schon Wochen oder besser Monate im Voraus unter www.heritagemalta.org besorgen.


Liebenswert abseits: Gozo, die beschauliche Nachbarin

Eine Brücke hinüber zu Maltas gemütlicher Nachbarin ist angedacht, doch das gefällt den wenigsten Gozitanern. Mir auch nicht. Zu viel Verkehr, Hektik und Urbanität könnte den relaxten Inselalltag dort gehörig durcheinanderbringen. Bisher besteht Gozo in erster Linie aus schlafenden Dörfern, zwei entspannten Urlaubsorten, ein paar wenigen hübschen Stränden, Gemüsefeldern und der 6.200 Einwohner fassenden, enggassigen »Inselmetropole« Victoria, über der eine mächtige Zitadelle thront.
In Victoria trifft man sich am Vormittag zum Einkaufen und Tratschen. Fast jeder kennt hier fast jeden. Eines der Zentren des Inseltratsches ist das »Bellusa Café« am Hauptplatz. Schwingt Altfreak Ronny (Name geändert) gerade in der Nachbarschaft den Besen, kommt wahrscheinlich folgende Geschichte aufs Tapet: Vor vielen Jahren soll Ronny, dem die heute graumelierten Rastas bis zum Hintern reichen, auf die Idee gekommen sein, eine der wenigen Banken Gozos zu überfallen. Flugs zog Ronny eine Feinstrumpfhose über Gesicht und Rastamatte. Er muss Marge Simpson geähnelt haben. Aber nicht genug. In der Schalterhalle hatte man für ihn nur ein Lächeln übrig und vertrieb ihn mit den Worten: »Ronny, get out of here!«. Es sind solche humorvollen Geschichten von schrulligen Menschen, die Gozo so liebenswert machen.
Bellusa Café, Pjazza L’Indipendenza, Tel. 00356/21556243.


Einkaufen: Naturprodukte von Ta’ Mena auf Gozo

Gozo ist deutlich fruchtbarer als Malta und besteht aus vielen terrassenförmigen Feldern, auf denen Wein, Oliven, Tomaten und selbst Bananen angebaut werden. Wer wissen will, wie Gozo schmeckt, muss einfach im Ta’ Mena Estate zwischen Victoria und Marsalforn vorbeischauen. Dort bietet die Familie Spiteri erstklassige Produkte von den eigenen Feldern an. Das süße zähe Tomatenmark ist so gut, dass man es wie Nutella direkt aus dem Glas löffeln möchte. Ich packe mir immer den halben Koffer voll damit, in der Hoffnung, dass mir das Tomatenmark bis zur nächsten Recherche reicht …
Eine weitere Köstlichkeit der Insel ist Peppered Cheese, in Pfeffer gewälzter Ziegenkäse. Oder der Kaktusfeigenlikör. Oder das Olivenöl. Oder der gute, ehrliche Wein, von dem wundersamerweise gar schon ein paar Flaschen in meiner Kreuzberger Eckkneipe auftauchten. Oder Carobensirup, ein Sirup aus den Früchten des Johannisbrotbaums. Die Familie Spiteri bietet übrigens auch Führungen über die hauseigenen Weinberge und durch die Olivenhaine an.
Ta’ Mena Estate, Triq ir-Rabat, Xaghra, Tel. 00356/21564939, www.tamena-gozo.com.


Sport: Malta unter Wasser

Klares Wasser, aber auch Grotten, Steilwände und Höhlen machen die Insel zum Tauchparadies. (Foto: viewingmalta.com - Paolo Meitre Liberatina)
Klares Wasser, aber auch Grotten, Steilwände und Höhlen machen die Insel zum Tauchparadies. (Foto: viewingmalta.com - Paolo Meitre Liberatina)

Zugegebenermaßen tauche ich nicht mehr oft. Ist mir zu anstrengend, nicht das Tauchen selbst, sondern das In-den-Anzug-Hineinquälen und das Herauspellen danach, das Flaschenschleppen, das Reinigen des Equipments, also der ganze Aufwand drum herum. Aber auf Malta bekomme ich doch immer wieder Lust. Grotten, Steilwände, maritime Höhlen und rund 30 gesunkene Schiffe gibt es da zu erkunden. Auch bezüglich der Sichtweiten von bis zu 30 m bietet das Mittelmeer wohl kaum Vergleichbares. Und dann erst die Unterwasserfauna! Wer Glück hat, begegnet Knurrhähnen, Papageienfischen, Meeraalen und selbst Delfinen.
Mehr als 40 Tauchbasen haben auf Malta und Gozo ihren Sitz, die führenden haben auch deutschsprachiges Personal. Die besten sind im Buch verzeichnet, einen Überblick gibt die Seite www.pdsa.org.mt.


Feiern: Karneval und Festas

Eines der Patronatsfeste, bei denen Schutzheilige durch die Straßen getragen werden (Foto: Michael Bussmann)
Eines der Patronatsfeste, bei denen Schutzheilige durch die Straßen getragen werden (Foto: Michael Bussmann)

Stellen Sie sich vor, es ist Karneval und keiner sagt was! Auf Gozo kann Ihnen das passieren. Beim so genannten »Spontanen Karneval« im Dorf Nadur versammeln sich die Einwohner fünf Nächte lang mit verrückten, oft selbst gebastelten Masken und Kostümen zur großen Party. Mit der Maske als Schutz wird die buchstäbliche Sau rausgelassen. Und damit die eigene Identität verheimlicht werden kann, ersetzen Gesten den Smalltalk. Aber nicht nur in Nadur wird gefeiert, die Karnevalstradition ist auf ganz Malta sehr ausgeprägt.
Auch wer nicht im Februar zur Karnevalszeit auf den Archipel reist, hat gute Chancen, bei einer feucht-fröhlichen Veranstaltung mitzumischen. Jede Pfarrgemeinde veranstaltet in den Sommermonaten eine Festa, ein buntes Patronatsfest mit Böllerschüssen, Straßenpartys und von Blaskapellen unterstützten Prozessionen, bei denen Heilige bzw. Schutzpatrone von strammen Jungs durch die Straßen getragen werden. Das abschließende Feuerwerk ist ein von keinem TÜV geprüfter pyrotechnischer Wahnsinn. Der Höhepunkt der Festa-Saison liegt um den 15. August.

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