Behind the Scenes

Teil 7: Herzblutprojekte

oder Gscheitgute Reisekochbücher

Es war im Jahr 2010. Ich war damals noch Studentin der Kulturgeographie, inspiriert von Regionalprodukten und fest überzeugt, etwas verändern zu können. Zufällig traf ich den Verleger Michael Müller, der gerade für seinen Reiseführer Fränkische Schweiz recherchierte. Michael Müller stammt selbst aus dieser Region, er ist sozusagen ein »echtes Regionalprodukt«. Kein Wunder also, dass auch ihn die Entwicklungen in seiner Heimat beschäftigten. Und somit passte von Anfang vieles gut zusammen.  

Töpflesgucken erlaubt! Die Initiatoren des Gscheitgut-Projekts Michael Müller und Corinna Brauer
Töpflesgucken erlaubt! Die Initiatoren des Gscheitgut-Projekts Michael Müller und Corinna Brauer

Das Gasthaussterben und die verschwundenen Gerichte 

Michael Müller war bei seiner Recherche aufgefallen, dass es vor allem um die Gastronomie in der »Fränkischen« schlecht bestellt war: Unter der Woche war kaum etwas los, am Wochenende kamen die sogenannten »Kahlfresser« aus den umliegenden Städten. »Kahlfresser« bezeichnet man auf dem Land liebevoll-bissig die Stadtbewohner, die am Wochenende aufs Land fahren, um möglichst preiswert (und viel) zu essen. Doch wie soll ein Gasthof überleben, wenn durch den »Preiskampf auf dem Teller« kaum Geld übrig bleibt, um in den laufenden Betrieb zu investieren? Brandschutz, Hygienestandards und Arbeitszeitvorschriften verlangen schließlich ständige Innovationen. Bis heute sind viele Gastronomiebetriebe von der Geschäftsaufgabe bedroht. Dabei sind Gasthöfe wichtig für das Leben auf dem Land. Es heißt nicht umsonst: Stirbt der Wirt, stirbt der Ort. Und noch etwas fiel uns auf: Gerichte aus der Kindheit waren von den Speisekarten der Fränkischen Schweiz weitgehend verschwunden. Stattdessen: Schweine- oder Sauerbraten in fast jedem Betrieb. Für Vegetarier gab es außer Käsespätzle und Kloß mit Soß kaum Alternativen.  

Warum sollte man regional speisen und trinken? 

Was also tun? Nun, wir sind ein Verlag, wir haben eine gut gepflegte Webseite, wir schätzen Autoren und wir schreiben gern Bücher. Also begannen wir zunächst mit einem Gastroportal, das besondere Adressen vorstellt, in denen der Besucher mehr bekommt als nur Schäufele mit Kloß und Kraut. Für mich als Kulturgeographin war außerdem klar: Regionalprodukte können die Wertschöpfung sowohl in der Region als auch in den Gasthöfen erhöhen. Daher wollten wir mehr Öffentlichkeit für handwerklich hergestellte Spezialitäten schaffen, die auf der Grundlage von Regionalprodukten verarbeitet werden. Auf unserer Webseite legten wir Kriterien fest, die ein Gscheitgut-Gasthof erfüllen soll, und reichern die Webseite zusätzlich mit kulinarischen Ausflugstipps an. Das alles gilt übrigens nicht nur fürs Essen, sondern auch fürs Trinken. Zwar findet man in Franken auf fast jeder Speisekarte regionales Bier und heimische Obstbrände, doch die fränkischen Obstsäfte werden gar nicht so häufig aufgeführt! Dabei gehört die Fränkische Schweiz zum größten zusammenhängenden Süßkirchenanbaugebiet Mitteleuropas. Die artenreichen Streuobstwiesen sind im Frühjahr ein beliebter Besuchermagnet. Aufgrund der geringen Rentabilität zeigen sich leider immer weniger Landwirte bereit, diese artenreichen Lebensräume zu erhalten. Dabei ist es so einfach, Landschaftsschutz zu betreiben: heimischen Direktsaft trinken, statt Apfelsaftkonzentrat, damit der Landwirt weitermacht und der gscheitgute Gastwirt eine ordentliche Getränkeauswahl bieten kann.  

Fränkische Küche kann auch vegetarisch! 

Gut ein Jahr nach der Gründung erschien im November 2011 das erste Reisekochbuch zur Fränkischen Schweiz. Inzwischen ist der erste Band restlos ausverkauft und zu einem Best-of geworden, Band 2 ist noch lieferbar, und sogar ein vegetarisches Gscheitgut-Reisekochbuch gibt es. Darin sind Gasthöfe vorgestellt, die Vegetarier ernst nehmen und mehr anbieten als »Kloß mit Soß« oder Kraut, aus dem man den Speck heraussuchen muss …Dabei schauen wir auch über den fränkischen Tellerrand: 2015 erschien mit Do schmeckts!, ein Band zum Südschwarzwald.  

Gscheitgut auf dem Erlanger Schlossgartenfest
Gscheitgut auf dem Erlanger Schlossgartenfest

Autorenwanderungen und eine Gscheitgut-Gala 

Nach und nach wuchs unsere kleine »Gscheitgut-Community« zu einer stattlichen Zahl an Mitgliedern. Wir begannen gemeinsam mit dem Kulturamt des Landkreises Forchheim Gscheitgut-Autorenwanderungen zu organisieren: Seitdem geht es im Frühjahr und Herbst mit fränkischen Autoren durch die heimische Kulturlandschaft zu einem Gscheitgut-Gasthof, wo wir die regionalen Spezialitäten genießen. Das Konzept erfreut sich seit 10 Jahren großer Beliebtheit. Sogar eine Gala mit den Gscheitgut-Gastwirten veranstaltete der Verlag gemeinsam mit vielen Partnern aus der Region. Die Feier stieg im November 2016 auf der Burg Feuerstein, 200 Gäste freuten sich über ein eindrucksvolles 10-Gang-Menü aus Regionalprodukten. Wohlgemerkt: im November!  

Die Veränderung beginnt im Kleinen 

So manchen Schatz habe ich bei meinen Recherchen und in der Zusammenarbeit mit den Gastronomen aufgespürt. Und ich habe gelernt, dass wirklich jeder etwas verändern kann, wenn er will. Wer Lust hat, dabei zu sein: Die aktuellen Termine finden Sie unter www.gscheitgut.de.