Behind the Scenes

Teil 6: Wanderführer-Redaktion

oder Die Bauanleitung für einen besonders gelungenen Tag

Völlig normal eigentlich, dass man den Einstieg vergeigt, das gilt für Wandertouren genauso wie für Texte. Ein ganzes Jahrzehnt hatte ich mich – eine halbambitionierte Schönwetterwanderin mit zu viel Schreibtischzeit – in meiner Freizeit mit kleinformatigen Wanderführern herumgeschlagen. Herrliche Touren wären das gewesen: durch urwüchsige Wälder, vorbei an tosenden Wasserfällen und zu geheimnisvollen Höhlen …Allein, ich habe diese Touren ja nie gemacht, weil ich niemals den richtigen Anfang gefunden hatte: Ging es vom Parkplatz links los, war es wohl das falsche Links. Stupid! Ich hätte zurück auf die Straße sehen sollen, nicht auf die abgehenden Wege … Mehrmals war es sogar der falsche Wanderparkplatz oder die falsche Bushaltestelle, von denen ich mich zu völlig anderen Touren mit unkalkulierbarer Länge aufgemacht habe. Ich hätte vorher einfach wissen müssen, dass es auf der angegebenen Strecke mehrere Parkplätze und Bushaltestellen gibt.  

Stets auf der Suche nach der idealen Tour – unsere Wanderführer-Redakteurin und -Autorin Angela Nitsche (Foto: Angela Nitsche)
Stets auf der Suche nach der idealen Tour – unsere Wanderführer-Redakteurin und -Autorin Angela Nitsche (Foto: Angela Nitsche)

Ideale Lektüren für Nicht-so-oft-Wanderer 

All das prädestinierte mich in den Augen meines Chefs Michael Müller dazu, die neue ambitionierte GPS-gestützte Wanderführerreihe zu betreuen. Gerade Neu- und Nicht-so-oft-Wanderer sollten ohne Ortskenntnis und ohne Wandervogel im Stammbaum das Unterwegssein auf zwei Beinen genießen können. Und so halbambitioniert ich beim Wandern bis dato gewesen war, so perfektionistisch waren die Kolleginnen aus den Abteilungen Text und Kartographie und ich schon immer bei der Buchproduktion. Das wiederum heißt: Wir überprüften von Anfang an unsere Wegbeschreibungen anhand von Luftbildern und den aktuellsten topografischen Karten. Gleiches passierte und passiert immer noch mit den GPS-Tracks. In geduldiger Kleinstarbeit nehmen wir uns sowohl im Lektorat als auch in der Kartographie die von der Recherche mitgebrachten Daten vor. Mit einem Track aus dem Michael Müller Verlag läuft keiner 200 m vor der Küste im Meer herum! Selbst wenn die Schlucht eng ist und der Satellitenempfang bei der Aufzeichnung miserabel war, wissen unsere Leser(innen) immer, ob sie den Weg östlich oder westlich des reißenden Bergbachs einschlagen müssen.

Wegpunkte oder Die Wiederbelebung des Party-Igels 

Natürlich haben wir – und allen voran ich – am Anfang Fehler gemacht: Wir setzten beispielsweise Wegpunkte alias Waypoints als gäbe es kein Morgen. Nach dem Startpunkt – klick 1 – folgt ein blinder Feldwegabzweig – klick 2 –, danach ein traditionell verschlossenes Kirchlein – klick 3 –, eine Pommesbude – klick 4, mehrere Flurwege nach links und rechts – klick, klick, klick, klick … – und diverse Weggabelungen – klickklickklick im Quadrat –, bis wir es beim Ziel, dem spektakulären Wasserfall, auf stolze 25 Wegpunkte gebracht hatten. Und das nach läppischen 6 km. Die Weg-Zeit-Höhen-Diagramme dieser Anfangsjahre erinnerten nicht nur mich an Party-Igel (die Nach-1980-Geborenen mögen jetzt Eltern und Großeltern fragen) und tragen seitdem auch verlagsintern diesen Spitznamen. Auch was die Höhenmeter angeht, haben wir gelernt, bescheiden zu sein: 1560 m nach oben und genauso viele nach unten sind halt mal keine ideale Familienwanderung.  

Was ist eine ideale Tour? 

Und da ist der magische Begriff schon gefallen: »ideale Familienwanderung«. Das ist für eine Michael-Müller-Wanderredakteurin alles andere als eine Werbefloskel, eher schon Bauanleitung für einen besonders gelungenen Tag. Im Detail: Die ideale Tour mit der Familie und mit Freunden ist eine Runde oder eine Strecke, die vorbildlich an den öffentlichen Verkehr angeschlossen ist, weswegen die meisten Michael-Müller-Wanderungen in einem Ort und nicht im Nirgendwo beginnen. Die ideale Tour hat eine optimale Anstrengungsverteilung: Der heftigste Teil kommt am Anfang oder in der Mitte, danach ist Auslaufen angesagt. Der Untergrund der idealen Tour ist außerhalb der Ortschaften weitgehend asphaltfrei. Die ideale Tour ist von den Wegen und den durchwanderten Landschaften abwechslungsreich: also Pfade und Uferwege, Wälder und Wiesen. Ganz wichtig: Die ideale Tour führt an einer Einkehrmöglichkeit vorbei – und das bitte im zweiten Streckenabschnitt! Und: die ideale Tour liebt Besonderes und ist damit ganz besonders Müller-artig: im Wald versteckte Kirchenruinen, geheimnisvolle Quellen, den Ort eines historischen Stelldicheins, Schmugglerwege, keltische Schlupfwinkel, Kletterfelsen und Adlerhorste.  

Der Bauplan im Gepäck

Zugegeben: Nicht immer besitzen alle der mindestens 35 Touren unserer Wanderführer wirklich alle Komponenten. Doch alle unsere Wander-Autorinnen und -Autoren haben bei der Recherche genau diesen Bauplan im Gepäck, damit der Tag unterwegs in der Natur einen einfach zu findenden Anfang hat und mit Wohlgefühl und guter Laune endet.