Wussten Sie, dass ...?

Teil 25: Coco Chanel

oder Der lange Weg zur Mode-Revolutionärin

Jeder kennt sie, Coco Chanel, Erfinderin des »Kleinen Schwarzen«. Doch wussten Sie, dass Gabrielle Cha»s«nel (wie es in der Geburtsurkunde steht) ausgerechnet in einem klösterlichen Waisenhaus zu ihrer Stilstrenge und ihrem Logo gefunden hat? Weniger nonnenhaft waren dagegen ihre koketten Auftritte im Varieté und die Entscheidung für einen reichen Geliebten, der ihre Weltkarriere ungewollt mitbeeinflusste. Severine Weber hat die Stationen der Mode-Revolutionärin im Limousin besucht.


Mode würde man nicht unbedingt mit dem Limousin in Verbindung bringen. Eher mit Paris, der Mode-Welthauptstadt schlechthin.
Tatsächlich nahm aber eines der größten Pariser Mode-Imperien in der ländlichen Region des Limousin seinen Anfang. Die Rede ist von Chanel und seiner Namensgeberin Coco. Denn im 900-Seelen-Ort Aubazine im Departement Corrèze (siehe S. 216 in »Limousin & Auvergne«, 1. Auflage 2015) lernte die international angesehene Modedesignerin und Erfinderin des »Kleinen Schwarzen« das Nähen, der erste Schritt hin zu einer Ausnahmekarriere.


Kein leichter Start ins Leben

Coco 1928, 45-jährig und längst auf der Höhe ihres Erfolgs
Coco 1928, 45-jährig und längst auf der Höhe ihres Erfolgs

Einen leichten Start ins Leben hatte die Mode-Revolutionärin nicht: Am 19. August 1883 kommt Gabrielle Chasnel (das »s« war ein Schreibfehler in der Geburtsurkunde) als uneheliches Kind in Saumur in der Region Pays de la Loire in Westfrankreich zur Welt. Ihre Eltern sind nicht verheiratet und leben in einem Armenhaus.
Im Alter von zwölf Jahren ändert sich Gabrielles Leben völlig: Im Winter 1895 stirbt ihre Mutter. Ihr Vater, ein einfacher Gemüsehändler, bringt seine Töchter nach Aubazine ins klösterliche Waisenhaus. Sechs Jahre verbringt Gabrielle dort unter der strengen Obhut der Nonnen. Das bescheidene Klosterleben prägt sie und ihr späteres Schaffen. Ihre Vorliebe für klare, strenge Schnitte mit wenig Mustern, meist in Beige, Grau und Schwarz-Weiß wird durch die Klostermauern (beige), die Nonnenroben und Schuluniformen (schwarz-weiß, grau) beeinflusst.
Selbst die Abteikirche aus dem 12. Jahrhundert mit dem auffällig flachen Turm und den drei freischwingenden Glocken hat Einfluss auf die junge Frau: Genau genommen inspiriert sie das Muster der Kirchenfenster zu ihrem späteren Markenzeichen – zwei ineinandergreifende C.
In den Sommerferien darf Gabrielle ihre Tante Louise in Moulins in der Nachbarregion Auvergne besuchen. Louise zeigt ihrer Nichte, wie man kreativ näht und zum Beispiel einen einfachen Hut mit Rüschen aufhübscht.


Zwischen kirchlichem Gesang und koketten Auftritten

Die schlichte Abteikirche in Aubazine hat Einfluss auf das spätere Logo von Coco Chanel (Foto: Severine Weber, Martin Müller)
Die schlichte Abteikirche in Aubazine hat Einfluss auf das spätere Logo von Coco Chanel (Foto: Severine Weber, Martin Müller)

Nach Moulins zieht sie mit 18 Jahren. Die Nonnen in Aubazine stellten Gabrielle vor die Wahl, dem Orden beizutreten oder ihn zu verlassen.
Von einem Pensionat geht es zum nächsten: Zwei Jahre ist sie Schülerin im Institut Notre-Dame der Stiftsdamen von Saint-Augustin in Moulins. Weil sie kein Geld besitzt, wird sie als Bedürftige umsonst aufgenommen. Die angehende Modedesignerin verfeinert ihre Näh- und Stickfertigkeiten, singt zudem im Chor der Kapelle Notre-Dame.
Heute befindet sich in der Krypta der Kapelle ein moderner Spa- und Wellnessbereich, der nicht nur den Gästen des dazugehörigen Hôtel de Paris (siehe S. 436) offen steht.
Zwei Jahre später werden Gabrielle und ihre gleichaltrige Tante Adrienne als Näherinnen im Atelier Maison Grampayre in Moulins angestellt. In der damaligen Garnison-Stadt sind viele Offiziere stationiert und kommen wegen ihrer Uniformen auch zur Schneiderei.
Gabrielle fällt den Offizieren sofort auf, die Herren laden sie und Adrienne in die Varietés der Stadt ein. In den Pausen der Shows dürfen auch Amateure auf die Bühne. Schon bald steht Gabrielle lieber im Rampenlicht, etwa im berüchtigten Café La Rotonde beim Bahnhof. Hier singt sie famose Lieder wie »Qui qu’a vu Coco dans le Trocadéro« oder »Cocorico« und kokettiert und flirtet mit dem männlichen Publikum. So kommt Gabrielle zu ihrem Namen Coco.
Das Café existiert heute nicht mehr, dafür aber das Grand Café (siehe S. 436), in dem Chanel als junge Frau ebenfalls gern verkehrte. Auf ihren Spuren kann man übrigens wunderbar während eines 1,5 Kilometer langen Stadtrundgangs wandeln. Eine Station ist auch eine Brasserie mit sehenswertem Art-Nouveau-Ambiente. Den Plan gibt es in der Tourist-Info.
Selbst in dem nahe gelegenen Kurort Vichy (siehe S. 440) soll Chanel manche Abende verbracht und ihr Show-Talent unter Beweis gestellt haben. Man sagt, sie habe sogar Quellwasser ausgeschenkt, um ihre Miete bezahlen zu können.


Sportlich, praktisch und aufsehenerregend

Eines von Cocos Hutmodells im Jahr 1912
Eines von Cocos Hutmodells im Jahr 1912

Im Rotonde verdreht sie letztendlich dem reichen Offizier Étienne Balsan den Kopf. Schnell erkennnt Coco, dass sie von ihren weiblichen Reizen profitieren und so aus ihrer Armut entkommen kann. Die Näherin wird Balans Geliebte, lässt Moulins hinter sich und zieht auf Balans Anwesen, ein Schloss bei Compiègne.
Sie lernt reiten, besucht mit Balsan Pferderennen. Für Aufsehen sorgt Coco, als sie als 26-Jährige bei einem Wettkampf in Herrenkleidung und selbstgemachtem Strohhut erscheint. Sportlich und praktisch ist ihr bevorzugter Stil, den Coco Chanel später durchsetzen und damit die Modewelt des 20. Jahrhunderts radikal verändern wird. Nicht zuletzt befreit sie viele Frauen dadurch aus ihren engen Korsetts und den bodenlangen Kleidern und Röcken.
Balsan richtet ihr ein Nähzimmer ein; Coco kreiert für Bekannte erste Modestücke. Es ist ironischerweise ein Freund Balsans, der Cocos Talent erkennt: ihre einzige wahre Liebe, Arthur »Boy« Capel.
Coco verlässt ihren bisherigen Gönner Blasan und folgt dem reichen Lebemann und Geschäftsmann Boy nach Paris, wo dieser Chanels Karriere als Modeschöpferin ins Rollen bringt.


Ein wenig »Mode-Paris« in Limousin und Auvergne

In den Ledermanufakturen von Saint-Junien verbirgt sich manches elegante Modestück (Foto: Severine Weber, Martin Müller)
In den Ledermanufakturen von Saint-Junien verbirgt sich manches elegante Modestück (Foto: Severine Weber, Martin Müller)

Pompöse Mode gibt es auch heute noch in Moulins (Auvergne) zu bewundern, im Nationalen Kostüm-Zentrum. Alltagstauglich sind die Kleidungsstücke allerdings nicht. In der ehemaligen Kaserne finden sich unter dem Sammelsurium aus knapp 10.000 Gewändern vorwiegend Kostüme aus Theater, Oper, Ballet, Comédie Francaise und Zirkus (siehe S. 434).
Ein weiteres Stück »Mode-Paris« verbirgt sich in dieser ländlichen Region des Limousin – und zwar in den Ledermanufakturen von Saint-Junien im Departement Haute-Vienne (siehe S. 93). Namhafte Designer wie Hermès, Christian Dior, Louis Vuitton oder Jean-Paul Gaultier lassen dort feine Handschuhe für ihre Haute Couture herstellen. In den Fabrikverkäufen kann man die Markenstücke zu kleinen Preisen erstehen.

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