Wussten Sie, dass ...?

Teil 20: Hagenbecks Völkerschauen oder Der Menschenzoo.

Ein düsterer Exkurs in die deutsche Kolonialgeschichte

Man hat schon einmal darüber gelesen oder im Fernsehen davon gehört. Doch wie war das eigentlich mit den Afrikanern und Asiaten, den Samen, Inuit, Feuerländern und Indianern, die in Hagenbecks »Thierpark« im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ausgestellt wurden? Matthias Kröner, Autor von »Hamburg MM-City« (1. Auflage 2014), hat tief recherchiert und einige Widersprüche zum Hamburger »Menschenzoo« aufgeschrieben.


In Stadtgeschichten und selbst im Stadtlexikon liest man nur eingeschränkt oder überhaupt nichts davon, dass Carl Hagenbeck zwischen 1875 und 1913 auch Menschen in 54 sog. Völkerschauen ausstellte und mit ihnen auf Europatournee gegangen ist, eine »Tradition«, die seine Söhne Heinrich und Lorenz bis 1931 fortführten. Der Hamburger Geschäftsmann wusste die Sensationslust der Bürger und ihren Wunsch nach Abgrenzung gegenüber anderen Völkern in großem Stil zu bündeln. In der Zeit von Kolonialismus und Karl-May-Bewunderung war man von der »europäischen Überlegenheit« gegenüber »halbzivilisierten« oder »unzivilisierten« Ethnien überzeugt, was sich später auch andere Aussteller wie z. B. Ludwig Ruhe oder Carl und Heinrich Reiche zunutze machten.


Ausgerechnet die Nationalsozialisten verboten die Völkerschauen

Bereits das Eingangsportal weist darauf hin, dass Hagenbeck einst Menschen ausstellte (Foto: Mirja Schellbach)
Bereits das Eingangsportal weist darauf hin, dass Hagenbeck einst Menschen ausstellte (Foto: Mirja Schellbach)

Die ausgestellten »Wilden« – meist waren es Afrikaner und (Südost-)Asiaten, aber auch Samen, Inuit, Feuerländer und Indianer – wurden bisweilen unter falschen Versprechungen angeworben und für das lukrative Spektakel häufig unanständig gering entlohnt. Dabei gab es auch Todesfälle unter den »lebenden Exponaten«: So starben 1880 acht Inuit, darunter auch Kinder, an Pocken, gegen die man sie nicht geimpft hatte. Obgleich sich Kommerzienrat Hagenbeck sehr besorgt zeigte, holte er bereits zwei Wochen später fünf Feuerländer, die ihrerseits an Schwindsucht, Masern und Lungenentzündung zugrunde gingen. Dass die meisten der nach Hamburg transportierten Menschen vom Bahnhof bis zum Tierpark werbewirksam geleitet wurden, in Vorführungen brüllen und mit den Augen rollen mussten und es gerne gesehen war, wenn sie während ihrer »Gefangenschaft« heirateten oder Kinder zur Welt brachten und ihre Körperlichkeit zur Schau stellten, verfestigte überdies Klischees und Stereotypen, die später die Nationalsozialisten für ihre Propaganda gebrauchen konnten; eine seltsame Ironie der Geschichte bleibt es, dass ausgerechnet sie diese Völkerschauen verboten, weil sie keinen Schwarzen auf einer Bühne sehen wollten … Der Mediziner Rudolf Virchow vermaß einige Jahrzehnte zuvor die von Hagenbeck ausgestellten »Exoten«, um die Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts zu erklären.


»Menschenfreund« Hagenbeck?

Ein Besuchermagnet ist das sehr schön gemachte Eismeer-Areal. Schade nur, dass nicht auch über die Völkerschauen gesprochen wird (Foto: Mirja Schellbach)
Ein Besuchermagnet ist das sehr schön gemachte Eismeer-Areal. Schade nur, dass nicht auch über die Völkerschauen gesprochen wird (Foto: Mirja Schellbach)

Immerhin wurden die hinter Zäunen, vor Kulissen, in Zirkussen und »Eingeborenendörfern« vorgeführten Menschen ärztlich betreut und nach Erfüllung des Kontraktes häufig in ihre Heimatländer zurückgesandt. Dass Hagenbeck für solche Völkerschauen die Ehrenmitgliedschaft einer anthropologischen Gesellschaft angetragen wurde (die er selbstverständlich auch annahm), sagt allerdings viel über die westeuropäische Haltung im ausgehenden 19. Jh. aus. Zumal die Inszenierungen höchst profitabel für den Tierpark- und Zirkusdirektor waren: Eine Wild-West-Show mit Sioux aus South Dakota besuchten an die 1,1 Mio. zahlende Zuschauer. Gleichzeitig versorgte der unbedingte Unternehmer und »Menschenfreund« (O-Ton Hagenbeck über Hagenbeck) die kaiserlichen Truppen während eines Kolonialkrieges mit 2000 Dromedaren.


Ringelnatzens Fazit

Joachim Ringelnatz kommentierte die Praktiken des Mannes, der sich gerne mit einem Löwen abfotografieren ließ und dessen Südseemädchen er als Schüler selbst anhimmelte, in einem zwanzigzeiligen Gedicht. Schon der Anfang sagt eigentlich alles: »Hilfe Hagenbeck kommt an, / Rette sich wer irgend kann.«

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