Wussten Sie, dass ...?

Teil 30: Brot und Spiele

oder Das Kolosseum damals und heute


Bei den »Spielen« im Kolosseum unterschied man zwischen den venationes, den Tierkämpfen, und den Gladiatorenkämpfen. Dazu kamen nachgestellte Seeschlachten, zu deren Zweck das Kolosseum geflutet werden konnte. Für die Tierkämpfe – sie fanden meist am Vormittag statt – hielt man sich im Untergeschoss eine Artenvielfalt, wie sie heute selbst im Zoo kaum anzutreffen ist: Dutzende von Löwen, Tigern, Leoparden, Braunbären und Hyänen, aber auch Elefanten, Wildpferde und Giraffen wurden im Lauf der Zeit aus ihren Käfigen über Aufzüge mitten in die Arena gehoben und mussten zum Kampf antreten – gegeneinander oder gegen einen eigens ausgebildeten Tierkämpfer.
Allein bei den 100-tägigen Feierlichkeiten zur Eröffnung im Jahr 80 n. Chr. sollen bei den Kämpfen 5000 Tiere getötet worden sein. Nicht selten kämpften die Tiere auch gegen zum Tode verurteilte Gefangene. Über die etwaige Begnadigung eines besonders starken oder tapferen Kämpfers entschied der Kaiser, natürlich unter Berücksichtigung der Stimmungslage im Publikum.


Von Tierkämpfen zum Massengemetzel

Für die Tierkämpfe wurde im Untergeschoss des Kolosseums eine enorme Artenvielfalt gehalten. Die wilden Tiere gelangten mit einem Aufzug in die Arena (Foto: Sabine Becht)
Für die Tierkämpfe wurde im Untergeschoss des Kolosseums eine enorme Artenvielfalt gehalten. Die wilden Tiere gelangten mit einem Aufzug in die Arena (Foto: Sabine Becht)

Eingeleitet wurde das Spektakel mit harmlosen Schaukämpfen, am Nachmittag fanden die Gladiatorenkämpfe (von lat. gladius = Schwert) statt. Hier traten unterschiedlich ausgerüstete Männer – manche in voller Rüstung, andere fast nackt – zum Kampf gegeneinander an. Meist handelte es sich um professionelle Kämpfer, die es bei spektakulären Siegen durchaus zu Ruhm und Vermögen bringen konnten.
Die Kämpfe im Kolosseum wurden im Lauf der Zeit immer brutaler. Von ihrer Ursprungsform, den Tierkämpfen, die man bereits Anfang des 2. Jh. v. Chr. in Rom zelebrierte, entwickelten sie sich mehr und mehr zum Massengemetzel. Dem Verlangen des Publikums nach immer spektakuläreren Spielen konnten sich die Herrschenden nicht entziehen – schließlich hing hiervon ein großer Teil ihrer Popularität ab. Die bis zu 73.000 Zuschauer hatten im Kolosseum freien Eintritt. Das Unterhaltungsprogramm war Bestandteil einer geschickten »Sozialpolitik«, zu der auch die Verteilung kostenloser Lebensmittelrationen gehörte: panem et circenses, Brot und Spiele, wie es der zeitgenössischen Satirendichter Juvenal (etwa 55-127 n. Chr.) treffend beschrieben hat.
Das Kolosseum war bis 523 n. Chr. in Betrieb, die letzten Spiele fanden unter dem Ostgotenkönig Theoderich statt. Im Mittelalter wurde das im Verfall begriffene Stadion in eine Festung umgebaut, in der Renaissance diente es als Steinbruch für den Bau von Kirchen und Palästen.


Ein Mahnmal für Pazifismus

Das Kolosseum, heute ein Mahnmal für Pazifismus, einst ein Stadion für 73.000 Schaulustige (Foto: Sabine Becht)
Das Kolosseum, heute ein Mahnmal für Pazifismus, einst ein Stadion für 73.000 Schaulustige (Foto: Sabine Becht)

Da man glaubte, dass hier auch Christen umgebracht worden seien, weihte Papst Benedikt XIV. den Bau im Jahr 1750 allen Märtyrern. Die Ruine wurde gesichert, Pilger aus aller Welt trafen sich in der Freiluftkirche, um der Leiden der ersten Christen zu gedenken. Zu diesem Zweck wurde auch ein Kreuz im Inneren aufgestellt. Als sich die Legende von der Christenverfolgung im Kolosseum nicht bestätigte, wurden die Passionsbilder wieder entfernt, aber noch heute schreitet der Papst immer am Karfreitag den Kreuzweg am Kolosseum in einer feierlichen Prozession ab.
Das Kolosseum mit seiner überaus blutrünstigen Vergangenheit dient heute auch als politisches Symbol und Mahnmal: Wann immer in einem Land dieser Welt die Todesstrafe ausgesetzt oder abgeschafft wird, erstrahlt das Wahrzeichen Roms für 48 Stunden in buntem Licht.

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