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Teil 42: Ein Spaziergang durchs Schwarze Moor

oder Von der Bedrohung und Erhaltung eines ausgebeuteten Naturraumes

Wer unsere Verlagsheimat Franken besucht, denkt eher an die Fränkische Schweiz (mit ihren kulinarischen Klassikern und Besonderheiten) als an die Rhön. Dennoch gehört ein Teil dieses Mittelgebirges zum nördlichsten Zipfel Frankens. Ralf Nestmeyer hat das dortige Schwarze Moor auf einem 2,7 Kilometer langen Pfad erkundet – und verrät viel über die Entstehung, Ausbeutung und Bewahrung dieses faszinierenden Naturraumes. Dort, wo die Nationalsozialisten einst versuchten, eine »bäuerliche Elite« anzusiedeln, ist heute die UNESCO aktiv.


Ein Basalt-Tor unweit des Parkplatzes am Schwarzen Moor im fränkischen Teil der Rhön erinnert noch an eine skurrile Episode aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es handelt sich nämlich um das ehemalige Eingangstor zum einstigen Lager »Hochrhön« des Reichsarbeitsdienstes (RAD), das zwischen dem August 1934 und den Frühjahr 1936 errichtet wurde.


Die ideologische Zerstörung einer Kulturlandschaft

Das alte Basalt-Tor, das an eine skurrile Episode aus dem Nationalsozialismus erinnert (Foto: Ralf Nestmeyer)
Das alte Basalt-Tor, das an eine skurrile Episode aus dem Nationalsozialismus erinnert (Foto: Ralf Nestmeyer)

Basierend auf dem nach dem damaligen Gauleiter von Mainfranken benannten »Dr.-Hellmuth-Plan«, wollte man in der bayerischen, thüringischen und hessischen Rhön beispiellose Veränderungen in der Landschaft und der dort lebenden Bevölkerung durchsetzen. Die Bewohner des Mittelgebirges sollten rassendiagnostisch und erbbiologisch »durchmustert« und »gesiebt« werden: damit innerhalb von 15 Jahren eine bäuerliche Elite entstehen könne, die die Rhön im Geiste des »Dritten Reichs« beherrscht.
Die von den Nationalsozialisten betriebenen »Kultivierungsmaßnahmen« führten dann auch zu einschneidenden Veränderung der Landschaft. So betrieb man eine intensive Abtorfung der ökologisch wichtigen Moore, und die Hohe Rhön wurde »entsteint«, um sie besser kultivieren zu können. Die Nazis legten »Musterhöfe« an, auf denen, geschützt durch eine Aufforstung von »Windschutzriegeln«, Kartoffeln und sogar Getreide auf 800 Meter über Normalnull wachsen sollte – so versprachen es jedenfalls die »Experten«. Die Maßnahmen führten allerdings nicht zu den erwünschten Ergebnissen, weshalb das Barackenlager mehr halbherzig erhalten blieb, bis man es 1945 aufgab. Kurz vor Kriegsende plünderte es die Bevölkerung.


Die Besonderheiten des Schwarzen Moores und ein Wanderpfad

Der 2,7 Kilometer lange Plankenpfad durchs Schwarze Moor (Foto: Ralf Nestmeyer)
Der 2,7 Kilometer lange Plankenpfad durchs Schwarze Moor (Foto: Ralf Nestmeyer)

Heute bietet das im nördlichsten Zipfel Frankens gelegene Schwarze Moor einen faszinierenden Eindruck von dem einzigartigen Naturraum der Hohen Rhön. Dabei handelt es sich um eine echte Ausnahme. Keine Landschaft hat in Mitteleuropa in so kurzer Zeit eine derart tiefgreifende Zerstörung und Umwandlung durch den Menschen erfahren wie das Moor. Vor allem die Torfindustrie hat vielen Mooren erst in jüngster Zeit den Todesstoß versetzt.
Die Hochfläche des Schwarzen Moores – mit mehr als 60 Hektar das größte Rhönmoor – gehört zu den ganz wenigen Moorgebieten in Mitteleuropa, die der Torfabbau niemals zusetzte. Daher ist das Schwarze Moor mit seinen schimmernden Mooraugen, den lichten Kiefern-, Birken- und Weidenbeständen eine kleine Kostbarkeit, nicht nur für Botaniker. Trotzdem sind mehr als 60 Prozent der Pflanzen vom Aussterben bedroht, das betrifft auch seltene Tierarten. Im den streng geschützten Hochmooren balzen im Frühjahr die letzten, nicht alpinen Bestände des Birkhuhns. Wiesenpieper, Uhu, Schwarzstorch und Wildkatze finden hier letzte Lebensräume, Baumfalke und Nachtschwalbe sind allerdings seit längerem verschwunden.
Glücklicherweise kann man das Schwarze Moor auf einem 2,7 Kilometer langen geologischen Lehrpfad erkunden, wobei immer wieder Hinweistafeln die Flora und Fauna der eigentümlichen Landschaft erklären. Der Weg ist auch mit Kinderwagen gut zu bewältigen, da er auf hölzernen Planken trockenen Fußes durch das Moor und sogar zu einem Aussichtsturm führt. Um das fragile Ökosystem zu schützen, sollte man den Holzsteg nicht verlassen und keinen unnötigen Lärm verursachen.


Die Entstehung von Mooren und die Zerbrechlichkeit eines Ökosystems

Eine Voraussetzung für die Entstehung eines Moores sind sehr ergiebige, nährstoffarme Niederschläge und ein wasserundurchlässiger Untergrund, beispielsweise Ton. Durch den Sauerstoffmangel im Boden wird die Verrottung abgestorbener Pflanzenteile und somit die Humusbildung verhindert. Die Pflanzenreste lagern sich als Torf ab, dessen Schichten im Schwarzen Moor bis zu acht Meter hoch sind. Was Gruselfilme so effektvoll vorführen, nämlich dass man aufrecht stehend im Moor versinken kann, trifft für ein lebendiges, unberührtes Moor nicht zu. Ein Hochmoor wächst langsam in die Höhe, Schicht für Schicht, jedes Jahr etwa einen Millimeter. Unter solch extremen Bedingungen ist es nur wenigen Pflanzen möglich, sich auszubreiten. Neben den Torfmoosen findet man hier so seltene Arten wie den fleischfressenden Sonnentau, das weithin leuchtende Wollgras, schillerndes Pfeifengras und beerentragende Zwergsträucher.
Das zentrale Gebiet der Rhön wurde 1991 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt; es umfasst auch das bedeutende Naturschutzgebiet der »Langen Rhön«, das zu den größten außeralpinen Naturschutzgebieten Deutschlands gehört. Zu den Aufgaben dieses Reservats – eines von weltweit über 600 – gehören neben dem Schutz gefährdeter Pflanzen- und Tierarten, darunter das schwarzköpfige Rhönschaf (von dem es nur noch zwischen 2.000 und 3.000 Tiere gibt), vor allem die Bewahrung der verschiedenen Landnutzungen und deren umweltschonende Weiterentwicklung. Erst die genügsamen Rhönschafe, die als natürliche »Rasenmäher« von den spärlichen, aber würzigen Gräsern leben, schaffen beispielsweise die Grundlage für die Existenz der Silberdistel, die das Wahrzeichen der Rhön ist. Sie leuchtet mit ihren silbernen Blütenkelchen vor allem auf den Trocken- und Kalkmagerrasen der Süd- und Südwesthänge der Rhönlandschaft.

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