Wussten Sie, dass ...?

Teil 43: Little Bastard

oder Der frühe Tod eines orientierungslosen Rebellen

Es ist nichts weniger als ein Mammutwerk, das Volker Feser für uns geschrieben hat: satte 912 Seiten zum Südwesten der USA. Die FAZ bezeichnete das witzig verfasste Reisebuchkonvolut soeben als »Standardwerk«. Sicher auch deshalb, weil Feser bei seinen Recherchen genauer hinschaut. Für unsere Reportage hat er sich mit James Dean beschäftigt, der in der Nähe von Cholame mit seinem »Little Bastard« verunglückte.

An jener Y-Kreuzung in Cholame, irgendwo im zentralkalifornischen Backofen zwischen dem Pazifischen Ozean und den 4000ern der Sierra Nevada, verunglückte am 30. September 1955 James Dean in seinem silbergrauen Porsche Spyder 550. Er hatte »Little Bastard« nur Tage zuvor erstanden und war auf dem Weg von L.A. nach Salinas, um dort an einem Autorennen teilzunehmen. Neben Dean saß Rolf Wütherich, sein deutscher Mechaniker, der später zutiefst bereute: »Ich hatte ihn dazu überredet, das Steuer zu übernehmen«.

Ein College-Student und ein 100-PS-Roadster

Der traurige Hinweis auf einer State Route. (Foto: Volker Feser)
Der traurige Hinweis auf einer State Route. (Foto: Volker Feser)

Deans Autovernarrtheit war Hollywood ein Dorn im Auge. Ihm wurde nacheglegt, nicht zu fahren – und Wütherich als Chauffeur zugesellt.
Um 17 Uhr 48 erreichten sie auf der S(tate)R(oute) 46 aus östlicher Richtung die Abzweigung zur SR 41. Nur zwei Stunden zuvor hatte eine Streife Dean ein Bußgeld von $ 25 wegen Rasens aufgebrummt. Es war sein allerletztes Autogramm. Auf der schwungvoll ausladenden, über 100 Höhenmeter abfallenden Geraden hinterm Polonio Pass nahm der 1,5-Liter-100-PS-Roadster mit der Nummer 130 wieder Fahrt auf, nach Werksangabe von null auf hundert in 8 Sekunden. Die Tachonadel zitterte wie ein Richterzähler.
Plötzlich nahm ihm der auf der 46 von Westen entgegenkommende Ford Tudor Coupé die Vorfahrt und bog links auf die 41. College-Student Donald hatte das flunderflache Ding aus Zuffenhausen schlicht nicht gesehen. Er kam mit einem Schock davon und gab Zeit seines Lebens kein einziges Interview. Rolf wachte vier Tage später aus dem Koma auf, mit Schädelbruch, Ober- und Unterkieferbruch, Beckenfrakturen und schweren Schuldgefühlen: »Der drehte immer voll auf, Motor- und Getriebeschäden waren bei ihm gang und gäbe. Der fuhr einfach verrückt drauf los!«

Der langlebige Fluch des Wracks

James Deans »Himmlischer Baum des Lebens« beim Jack Ranch Café in Cholame. (Foto: Volker Feser)
James Deans »Himmlischer Baum des Lebens« beim Jack Ranch Café in Cholame. (Foto: Volker Feser)

An der Premiere von »Giganten« im Oktober 1956 war der »grundlose Rebell« der große Abwesende – und Wütherich auf Krücken humpelnd neben einer in Tränen aufgelösten Liz Taylor zu sehen. Das Gespenst von James Dean sollte ihn und andere bis in die Ewigkeit verfolgen. Teenager nahmen sich das Leben. Zwei trauernde Mädels sprangen aus dem 14. Stock eines Hamburger Hochhauses. Wütherich war ein gebrochener Mann, landete in der Nervenheilanstalt, schnitt sich erfolglos die Pulsadern auf und attackierte seine vierte Ehefrau mit einem Messer. Porsche entließ ihn fristlos.
Das Wrack von Deans Wagen stand erst in einer Garage, die daraufhin abbrannte, und wurde später in einer Bowling-Halle ausgestellt, Eintritt 25 Cents. Wer auf dem Fahrersitz Platz nahm, musste nochmals 50 Cents berappen. Es verkauften sich fast eine Million Tickets. Der Motor aus dem Wrack wurde in einen anderen Rennwagen eingebaut. Dessen Fahrer raste gegen einen Baum und starb; auch der folgende Motorbesitzer überschlug sich mit seinem Fahrzeug, das zudem noch vom Abschleppwagen rutschte und einem Monteur die Beine brach. Selbst zwei Reifen des verfluchten Porsche wurden verscherbelt. An ihrer neuen Aufhängung platzen beide gleichzeitig während der Fahrt.
Und Rolf Wütherich? Er starb 1981 bei einem Autounfall und musste wie Dean aus dem zerfetzten Wrack herausgeschnitten werden. Wenige Tage davor hatte er einen lukrativen Vertrag über die Verfilmung seines Lebens und den Unglücksort unterschrieben, Titel: »Das war mein Leben – der Tod von James Dean zerstörte es.«

Drei Filme und eine Vorahnung

James Byron Dean wurde 24 Jahre jung. »Man muss schnell leben, der Tod kommt früh«, sagte er in dunkler Vorahnung. Drei Filme reichten ihm zum Starruhm. John Steinbecks generationsübergreifende Romanverfilmung »Jenseits von Eden« (East of Eden, 1955), »… denn sie wissen nicht, was sie tun« mit Natalie Wood (Rebel Without a Cause, 1955) und das für zehn Oscars nominierte Auf- und Absteiger-Epos »Giganten« (1956) an der Seite von Elizabeth Taylor und Rock Hudson machten James Dean zum Idol einer orientierungslosen Jugend.

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