Abseits der Routen

Teil 11: Albanien

oder Die pilzförmigen Unterstände aus Beton

173.371 – eine gewaltige Zahl! So viele kommunistische Bunkerbauten gibt es noch in Albanien. Man findet sie an wunderschönen Stränden wie in abgelegenen Tälern. Sie sollten das Volk gegen einen (erfundenen) äußeren Feind zusammenschweißen. Ralph-Raymond Braun hat einige der gruseligen und grotesken Schutzräume besucht, darunter das »Objekt Nr. 1«, der Atombunker des einstigen Diktators Enver Hoxha.

Bald drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur im Balkanland Albanien ist das Erbe des Regimes noch immer unübersehbar. Neben Industrieruinen und bröckelnden Mietskasernen sind es vor allem die Bunker, die an Sozialismus und Volksrepublik erinnern. Obwohl viele Schutzräume entfernt, andere von der Natur überwuchert oder von Neubauten verdeckt wurden, prägen die verbliebenen Bauten weiterhin Albaniens Landschaft. Man findet sie tatsächlich an wunderschönen Stränden und in abgelegenen Tälern.


Pilzförmige Unterstände aus Beton

Einer von 173.371 Bunkern in Albanien (Foto: Ralph-Raymond Braun)
Einer von 173.371 Bunkern in Albanien (Foto: Ralph-Raymond Braun)

Meist sind es kleine, pilzförmige Unterstände aus Beton, ausgelegt für vier Verteidiger. Doch es gibt auch größere Exemplare für Gefechtsstände und Geschützstellungen bis hin zu riesigen Kavernen in ausgehöhlten Bergen; dort fanden Kampfflugzeuge oder U-Boote Unterschlupf. Exakt 173.371 Bunker, so rapportierte 1983 die Baubehörde, wurden bis dato in Albanien gebaut.
Und es hätten noch mehr werden sollen. Über ihren (umstrittenen) militärischen Nutzen hinaus, nämlich das Land gegen Eindringlinge zu verteidigen, die dann doch nie gekommen sind, standen die Bunker symbolhaft für die Belagerungsmentalität und den Isolationismus des Regimes. Unter der Führung des Diktators Enver Hoxha beschwor man eine ständige Bedrohung von außen, um die Reihen geschlossen und das Volk bei der Stange zu halten.


»Objekt Nr. 1«

Der Zugang zu Enver Hoxhas Atomschutzbunker erfolgt durch einen modrig müffelnden, spärlich beleuchteten Tunnel … (Foto: Ralph-Raymond Braun)
Der Zugang zu Enver Hoxhas Atomschutzbunker erfolgt durch einen modrig müffelnden, spärlich beleuchteten Tunnel … (Foto: Ralph-Raymond Braun)

In einem Vorort Tiranas kann das »Objekt Nr. 1« besichtigt werden. Im Fall der Fälle hätte die Staats- und Parteiführung tief im Berg Dajti unter einer meterdicken Betonkuppel Schutz finden sollen: vor Bomben, Giftgas und Strahlung. Das Land wäre dann aus dem Untergrund regiert worden. Der Zugang durch einen modrig müffelnden, spärlich beleuchteten Tunnel stimmt auf die groteske Inszenierung ein, die uns erwartet. Ein uniformierter Wachmann salutiert, aus Lautsprechern scheppern alte Kampflieder. Jenseits des Tunnels tarnt eine brave Grünanlage mit brüchigen Bänken und verrosteten Spielgeräten den Eingang zur Unterwelt. Ein Schild warnt den Besucher, jederzeit könne das Licht ausfallen, doch man möge dann bitte nicht in Panik verfallen – leichter gesagt als getan in diesem Labyrinth schier endloser Korridore auf fünf Etagen und mit 106 Räumen!
Das Etablissement des Diktators, sozusagen der Kern des Bauwerks, ist in feiner Distinktion besser ausgestattet als die Räume seines Stellvertreters und doch erstaunlich karg und kalt – Hitlers Arbeitszimmer im Führerbunker war wohnlicher. Nur zweimal soll Enver Hoxha hier gewesen sein. Wer wollte es ihm verdenken; der Besucher kann in seinem Fotoalbum blättern und im Vorzimmer mit ihm telefonieren … Der große Versammlungssaal, in dem wohl das Zentralkomitee hätte tagen sollen, wird nun für künstlerische Zwecke genutzt.


Albanische Alltagsgeschichte

Selbst die Kommandozentrale des Diktators ist erstaunlich karg und kalt eingerichtet (Foto: Ralph-Raymond Braun)
Selbst die Kommandozentrale des Diktators ist erstaunlich karg und kalt eingerichtet (Foto: Ralph-Raymond Braun)

Die über die Räume des Bunkers verteilte Ausstellung Bunk’Art 1 dokumentiert auch in Englisch die Geschichte und den Alltag Albaniens – von 1939 bis 1990. Damit widmet sie sich der Zeit der faschistischen Besatzung wie auch der nachfolgenden kommunistischen Herrschaft. Nur die Zeitleiste hilft als roter Faden, ansonsten wird eher zufällig und assoziativ mal dieser, mal jener Aspekt beleuchtet. Dazwischen immer wieder Kunstinstallationen und über allem eine Soundkulisse zum Gruseln.
»Wir hoffen, den Albanern dabei zu helfen, sich mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Vergangenheit in Einklang zu bringen«, so der italienische Medienunternehmer Carlo Bollino, der die eklektizistische Melange aus Geschichte, Erinnerung und Ästhetik kuratierte und hinter dem Verein steht, der den Bunker betreibt.


Der Bunker der Staatssicherheit und die Abhörzentrale der Geheimpolizei

Heute sehen die Gerätschaften zur Überwachung eines ganzen Volkes ein wenig anders aus … (Foto: Ralph-Raymond Braun)
Heute sehen die Gerätschaften zur Überwachung eines ganzen Volkes ein wenig anders aus … (Foto: Ralph-Raymond Braun)

Das erfolgreiche Spiel auf der Klaviatur des Exotismus, der das kommunistische Albanien umgab und heute Touristen ins Land lockt, setzt sich im Stadtzentrum mit Bunk’Art 2 fort. Dabei handelt es sich um eine Ausstellung im Bunker unter dem Innenministerium. Sie ist der Geschichte der albanischen Staatssicherheit und ihrer Opfer gewidmet. Dann ist da noch das House of Leaves: In der früheren Abhörzentrale der Geheimpolizei wird uns mit allerlei Geräten zur Ausspähung vor allem die technische Seite des Überwachungsstaats vorgestellt – damals noch analog und sogar mit High-End-Produkten aus dem Schwarzwald!
Alles Schnee von gestern, noch dazu aus einer anderen Welt? Machen wir uns nichts vor. Überwacht wird mehr denn je, und dergleichen Bunker existierten auch in unseren Ländern, um einigen wenigen das Überleben im Atomkrieg zu sichern (für eine Weile wenigstens). Weiterhin lagern in Deutschland Atomwaffen, während in den Medien über den »Kalten Krieg 2.0« geunkt wird.


Reisepraktische Infos

Bunk’Art 1 (Dajti), Mi-Mo 9-16 Uhr, Eintritt 500 Lek. Rr. Fadil Deliu, Porcelani, www.bunkart.al.

Bunk’Art 2 (Zentrum), tägl. 10-20 Uhr, Eintritt 500 Lek. Rr. Abdi Toptani. www.bunkart.al.

House of Leaves, Di-Sa 10-17, So 9-14 Uhr, Eintritt 700 Lek. Rr. Ibrahim Rrugova 4, muzeugjethi.gov.al.

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