Abseits der Routen

Teil 10: Apulien

oder Ein Großstadtquartier, bei dem die Gentrifizierung ausblieb

Ideen von Wirtschaftskonzernen müssen nicht immer schlecht sein. Vor allem, wenn sie einen sozialen Hintergrund haben und den Bewohnern einer Stadt guttun. In Bari, der notorisch wirtschaftsschwachen Hauptstadt Apuliens, verfiel ein schwedischer Möbelgigant auf einen eigenwilligen Einfall, der einen abblätternden Altstadtplatz unaufgeregt verschönerte.

Passé sind die Zeiten, als die Altstadt von Bari übel beleumundet war. Handtaschenräuber auf der Vespa machten die Gassen unsicher und hatten es zuvorderst auf die Habseligkeiten der wenigen Touristen abgesehen. Mancher Hinterhof wirkte so düster, dass sich Auswärtige nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht hierher verirrten. Kurz: Die Altstadt galt als Pflaster, das lieber zu meiden war …
Noch heute gleicht das historische Quartier einem lebendigen Freiluftmuseum italienischer Alltagskultur, wobei sich Touristen längst gefahrlos bewegen können. Bemerkenswert ist, dass trotz des sichtbaren Wandels der übliche Prozess der Gentrifizierung ausblieb – im Gegensatz zu den herausgeputzten Hafenstädten nördlich und südlich der Regionshauptstadt. Wie das?


Stadtentwicklung unkonventionell

Die Schokoladenseite der Altstadt von Bari … (Foto: Andreas Haller)
Die Schokoladenseite der Altstadt von Bari … (Foto: Andreas Haller)

Ein Beispiel für Stadtentwicklung im Einklang mit den Einstellungen und Bedürfnissen ihrer Bewohner ist der Altstadtplatz »Largo Albicocca«, der zwischen Kastell, Kathedrale und Stadtmuseum liegt. Die Häuser sind nicht im allerbesten Zustand, abblätternder Putz sowie marode Bausubstanz deuten auf die wirtschaftlichen Engpässe der Besitzer hin.
Im Unterschied dazu wirkt der Platz selbst peinlich sauber und gepflegt. Die für hiesige Verhältnisse ungewöhnliche Haltbarkeit des Pflasters, der Sitzbänke oder Blumenkübel ist geradezu erstaunlich. Am meisten jedoch faszinieren die bunten Fassadendekorationen im Einheitslook. Besonders auf- und augenfällig sind beispielsweise die Gießkannen im knalligen Farbdesign, die an Stricken von den Balkonen baumeln. Natürlich wundert man sich, warum solche Accessoires hier – und nur hier – das Stadtbild verschönern und für Unverwechselbarkeit sorgen.


Im Zeichen der Gießkanne

… und die Gießkannen am Largo Albicocca (Foto: Andreas Haller)
… und die Gießkannen am Largo Albicocca (Foto: Andreas Haller)

Auf das Phänomen angesprochen, klärt mich zunächst Anna über die Gießkannen auf. Anna ist Fremdenführerin. »Wie in ganz Apulien«, erzählt sie, »boomen in Bari derzeit Privatunterkünfte.« In Ermangelung traditioneller Stadtpensionen schießen Bed & Breakfast-Quartiere wie Pilze aus dem Boden. Kostspielige Reklame können sich die meisten Vermieter nicht leisten. Deshalb sind die Bareser auf die Idee gekommen, an Fassaden Gießkannen aufzuhängen – als Zeichen. So wissen Ortsfremde, dass sich hier die Zimmeranfrage lohnt.
Doch die Hausfassaden enthüllen auf den zweiten Blick mehr als nur Gießgefäße: Die zahlreichen Gegenstände im Einheitsdesign verweisen auf eine ungewöhnliche Sponsoringaktion eines bekannten schwedischen Möbelhauses. Es betreibt seit einem Jahrzehnt eine Filiale im Speckgürtel der Regionshauptstadt.


»Design für alle«

Bei der Suche nach einer guten (und werbewirksamen) Idee zur Stadtentwicklung fiel die Wahl des Möbelhauses auf den Largo Albicocca.
Die schwedische Firma stiftete Geld für die Sanierung der öffentlichen Bereiche und half den Bewohnern bei der Ausstattung ihrer Wohnungen. Natürlich mit Waren aus dem eigenen Lager, natürlich im Design des aktuellen Produktkatalogs. Dennoch: Bettlaken, Handtücher, Decken oder Rollos in kunterbunten Farben verleihen dem Platz seither ein unverwechselbares Outfit mit hohem Wiedererkennungswert. »Design für alle« (»Design per tutti«) hieß das griffige Motto der Aktion.
Das Ende vom (Werbe-)Lied: 2018 taufte man den Largo Albicocca in einer feierlichen Zeremonie in »Platz der Liebe« um. In einer Rede dankte der städtische Vertreter dem Konzern für das Engagement und wünschte sich, dass andere Firmen dem Beispiel folgen.

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