Abseits der Routen

Teil 25: Föhr & Amrum

oder Ein Abstecher auf die "Lange Nase"

Die 25. Jubiläums-Folge unserer »Abseits der Routen«-Reihe stammt von Dieter Katz. Diesmal geht es nach Langeneß: einer Hallig im nordfriesischen Wattenmeer, auf der gerade mal 100 Menschen leben. Die perfekte Auszeit! Katz, der auch Reiseführer zur Nord- und Ostseeküste verfasst hat, verrät seine schönsten Tipps, um die »Lange Nase« zu erobern.


Die Weltkulturerbe-Landschaft Wattenmeer ist faszinierend. Ebenso beeindruckend sind die Halligen. Sie liegen wie kleine Bollwerke in der Nordsee, den Naturgewalten unmittelbar ausgesetzt. Ein Ausflug zu diesem Lebensraum gehört daher zum Pflichtprogramm eines Föhr- oder Amrumurlaubs.
Doch auch vom Festland aus ist eine Hallig-Stippvisite nicht nur möglich, sondern definitiv empfehlenswert.

Naturgewalten, 18 Wohnhügel und acht Schulkinder

Wer Hallig Hooge bewusst verpasst, landet an der Rixwarf auf Langeneß (Foto: Dieter Katz)
Wer Hallig Hooge bewusst verpasst, landet an der Rixwarf auf Langeneß (Foto: Dieter Katz)

Gewöhnlich fällt die Wahl auf die bekannte Hallig Hooge. Sie gilt als »Königin der Halligen« und hat sich längst auf den Ansturm der (Tages-)Touristen eingestellt. Täglich laden die Ausflugsschiffe Hunderte von ihnen aus, die dann für ein paar Stunden die Hallig überfluten … Viel ursprünglicher und sprichwörtlich abseits der Routen gelegen zeigt sich die Nachbarhallig Langeneß. Um sie zu besuchen, bleibt man einfach ein Weilchen länger auf einem der Ausflugsschiffe, die für gewöhnlich auch Langeneß ansteuern.

Viel kleiner als der Flieder, den wir kennen, aber genauso lilablaufarben - der Halligflieder (Foto: Dieter Katz)
Viel kleiner als der Flieder, den wir kennen, aber genauso lilablaufarben – der Halligflieder (Foto: Dieter Katz)

Mit etwa 100 Halligbewohnern leben auf der »Langen Nase« etwa so viele Menschen wie auf Hooge. Nur sind sie weitläufiger verteilt. Denn Langeneß erstreckt sich immerhin auf einer Länge von 10 Kilometern – bei einer Breite von gerade mal 1,4 Kilometern … Und die 18 nacheinander aufgereihten Wohnhügel werden hier im Gegensatz zu den anderen Halligen nicht Warften, sondern Warfen (ohne »t«) genannt. Sie sind nur durch eine einzige, schmale Straße verbunden. Zwischen den Hügeln liegen ausgedehnte Salzwiesen. Dort blüht im Hochsommer der für die Halligwelt so typische Strand- oder Halligflieder – eine kleine, krautige Pflanze, die mit dem namensgebenden echten Flieder nur die lilablaue Blütenfarbe gemein hat und unter strengem Naturschutz steht.
Natürlich lebt man auch auf Langeneß zuallererst von den Halligurlaubern. Auf vielen Warfen kann man in netten Ferienwohnungen unterkommen. Es gibt sogar zwei kleine Hotel-Restaurants und ein Café. Trotzdem müssen fast alle Halligbewohner ihren Lebensunterhalt mit einem zweiten Standbein verdienen. Sei es als Mitarbeiter im Küstenschutz, als Nebenerwerbslandwirt oder in der öffentlichen Verwaltung. Selbst eine winzige Schule existiert hier. Die Halligschool wird derzeit von 8 Kindern der Klasse 1 bis 9 besucht.

Die »Lange Nase« in Zeiten der Pandemie

Die idyllische Peterhaitzwarf ist eine von 18 Wohnhügeln (Foto: Dieter Katz)
Die idyllische Peterhaitzwarf ist eine von 18 Wohnhügeln (Foto: Dieter Katz)

Die Ausflugsschiffe und die kleine Festland-Fähre legen ganz im Westen von Langeneß bei der Rixwarf an. Sie befindet sich direkt an der Waterkant und ist mit Buhnen und Steinbefestigungen vor weiteren Uferabbrüchen geschützt. Weil für einen Tagesausflug nur 3,5 Stunden Aufenthaltsdauer bleiben, wartet am Anleger meist schon der Hallig-Express (ein Traktor mit Anhänger), der die Gäste für 7 € zu den »Hallig-Highlights« bringt. Es sei denn, Corona macht einen Strich durch die Rechnung. Denn im Personenanhänger des Hallig-Express wird es schon mal eng. Zudem macht es in Coronazeiten keinen Sinn, wenn alle Tagestouristen gleichzeitig die Halligkirche besuchen oder sich im kleinen Kapitän-Tadsen-Museum auf der Ketelwarf tummeln. Der Besuch dieses Heimatmuseums im historischen Friesenhaus und damit ein netter Einblick in das Halligleben von anno dazumal bleibt den meisten Gästen also wahrscheinlich in diesem Jahr verwehrt …
Die Hallig selbst wird aber weiterhin zugänglich sein. Schon im Sommer 2020 fuhren die Ausflugsschiffe trotz Pandemie, und auch für 2021 sind die Touren geplant. Zwar mit etwas geringerer Passagierzahl (und zum Ausgleich mit höheren Fahrpreisen) – immerhin kommt man sich so nicht ins Gehege.

Eine Hallig-Erkundung per Rad

Die vom Autor bevorzugte Art der Inselerkundung (Foto: Dieter Katz)
Die vom Autor bevorzugte Art der Inselerkundung (Foto: Dieter Katz)

Zur Halligerkundung bleibt dann nur das Fahrrad, ohnehin die geeignete (und vom Autor empfohlene) Variante, um die bodenständige Hallig auf eigene Faust zu erobern.
Einen (ziemlich betagten) Drahtesel können Sie sich direkt am Hafen leihen (für 5 €) und dann flott die einzige Straße entlang bis zur 5 Kilometer entfernten Hauptwarf, der Ketelswarf, radeln. Dort gruppieren sich neben dem Museum noch weitere reetgedeckte Häuser um den Fething, einen Regenwasserteich. Gekrönt wird die Idylle von einer kleinen Bockwindmühle und dem Nachbau einer bis etwa 1968 verwendeten Segellore (= durch Wind angetriebenes Schienenfahrzeug). Für eine Rast im Café Kookenstuv wird leider kaum Zeit blieben, vor allem dann nicht, wenn Sie noch die Halligkirche auf der nächsten Warf besuchen wollen … Dabei bitte unbedingt eine Sache beachten: Wegen der zumeist vorherrschenden Westwinde hat man zunächst Rückenwind. Für den Rückweg müssen Sie daher mindestens das Doppelte, bei starkem Gegenwind eher das Dreifache der Radelzeit einplanen.

Zu Fuß über Langeneß

Der Mini-Leuchtturm Nordmarsch dient seit 1902 als Leitfeuer (Foto: Dieter Katz)
Der Mini-Leuchtturm Nordmarsch dient seit 1902 als Leitfeuer (Foto: Dieter Katz)

Wem das alles zu hektisch ist, dem bleibt für seinen Halliggenuss ein entspannter Spaziergang zum einen Kilometer entfernten Mini-Leuchtturm Nordmarsch. Schließlich sind es ja vor allem die Ruhe, Entspanntheit und Entschleunigung, die einen Halligaufenthalt so besonders machen. Der rotbraune, nur 11,50 Meter hohe Ziegelturm verrichtet hier schon seit 1902 als Orientierungs- und Leitfeuer seinen Dienst. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein schöner Anlaufpunkt an der windigen Westspitze der Hallig.
Wer dann noch ein wenig länger frische Luft schnappen will, kann über die Kirchhofswarf zurück zum Anleger laufen und hat danach einen Rundweg von etwa 5 Kilometern hinter sich. So bleibt auch noch etwas Zeit für eine Einkehr auf der hafennahen Warf Hilligenley mit ihrem gleichnamigen Café-Restaurant.

Lebensnotwendige Sturmfluten und eine verborgene Lorenbahn

Der Idylle zweiter Teil - die Warf Hilligenley (Foto: Dieter Katz)
Der Idylle zweiter Teil – die Warf Hilligenley (Foto: Dieter Katz)
Sturmfluten sind überlebenswichtig für Langeneß (Foto: Dieter Katz)
Sturmfluten sind überlebenswichtig für Langeneß (Foto: Dieter Katz)

Wer Langeneß richtig kennenlernen will, der sollte allerdings ein paar Tage hierbleiben, und das durchaus auch in der Nebensaison! Dadurch spürt man am ehesten, wie unmittelbar die Hallig den Naturkräften des Blanken Hans ausgesetzt ist. Nur ein niedriger Sommerdeich trotzt den orkanartigen Stürmen über der Nordsee: Etwa 20-mal im Jahr heißt es deshalb »Land unter«. Kurzzeitig sind die Warfen dann von der Außenwelt abgeschnitten – ein Zustand, den die Feriengäste durchaus lieben und als Abenteuer verbuchen. Für die Einheimischen ist er Normalität und zudem lebensnotwendig. Mit den Fluten wird nämlich immer ein wenig Sediment auf die Hallig gespült. Es ist zwar nur wenige Millimeter hoch, sorgt aber für ein beständiges Höhenwachstum, das Langeneß zur Anpassung an den Meeresspiegel dringend braucht.
Etwas Besonderes ist schließlich noch die den Tagestouristen meist verborgen bleibende Lorenbahn ganz im Osten der Hallig. Sie führt über einen Damm zunächst zur Hallig Oland und dann weiter bis Dagebüll. Fast jede Familie besitzt so eine abenteuerlich anmutende, jedoch TÜV-geprüfte (!) Motorlore der »Marke Eigenbau«. Bei Benutzung muss sie erst einmal mühsam auf die einspurige Schienenstrecke gehoben werden … Dafür ermöglicht sie bei Wind und Wetter Einkaufstouren hinüber zum Festland oder auch mal einen Arztbesuch und macht die Hallig unabhängiger von der tideabhängigen Fähre.


Reisepraktische Infos

Das perfekte Transportmittel um bei Watt aufs Festland zu kommen (Foto: Dieter Katz)
Das perfekte Transportmittel um bei Watt aufs Festland zu kommen (Foto: Dieter Katz)

Ausflugsschiffe (nur Ostern bis Oktober): Ab Hafen Wyk/Föhr: 1-4x/Woche um 12 Uhr mit dem Katamaran MS »Adler Rüm Hart«; Erw. 22 €, Kinder 17 €, Familien 56 €; Dauer insg. 5 Std. (www.adler-schiffe.de) oder ca. 1-2x/Woche mit MS »Hauke Haien« (mit einem Zwischenstopp bei den Seehundsbänken); Erw. 30 €, Kinder (4-14 J.) 12 €, Familien 80 €; Dauer insg. 6,5 Std. (www.wattenmeerfahrten.de).
Ab Hafen Wittdün/Amrum: 1-4x/Woche 11.15 Uhr mit dem Katamaran MS »Adler Rüm Hart«; Erw. 22 €, Kinder 17 €, Familien 56 €; Dauer insg. 6,5 Std. (www.adler-schiffe.de) oder gelegentlich mit MS »Eilun«; Erw. 20 €, Kinder 12 €, Familien 56 € (www.eilun.de).
Ab Hafen Schlüttsiel (Festland): Täglich (ganzjährig, aber im Winter nur Di und Do) mit der kleinen Autofähre »Hilligenley«; Erw. 16,20 €, Kinder 8,10 €, Fahrrad 7,20 € (Abfahrt 10 Uhr, Ankunft auf Langeneß 11.45 Uhr, Abfahrt 15.15 Uhr; www.faehre.de). Im Sommerhalbjahr zudem ca. 1x/Woche mit MS »Rungholt«; Erw. 20 €, Kinder 15 € (www.halligmeerfahrten.de).

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