Abseits der Routen

Teil 8: Gomera

oder Die Genusstour auf der Steilküste

An den meisten Tagen im Jahr ist das Meer vor der Nordostküste Gomeras unruhig. Immerzu rollen die Wellen heran, klatschen gegen schroffes Gestein, versprühen ihre Gischt und ziehen sich unter dem Rasseln losen Schotters zurück. Ein zauberhafter Platz, um sich im steten Gang des Atlantiks zu verlieren, ist die Ruine der Handelsmole am Muelle de San Lorenzo. Ein einfacher, aber aussichtsreicher Spaziergang führt dorthin. Hier ist es wild, oft einsam und wunderschön.


Die begehrten Exportgüter der Briten

Einst eine Handelsmole auf Gomera. Heute ein verwunschener, versteckter Ort (Foto: Lisa Kügel)
Einst eine Handelsmole auf Gomera. Heute ein verwunschener, versteckter Ort (Foto: Lisa Kügel)

Um zu verstehen, was es mit dem versteckten Ort auf sich hat, muss man tief in die Vergangenheit von Gomera zurücktauchen: Wasser und Gestein bestimmten seit jeher das Leben auf der kleinen Kanareninsel. Die Ureinwohner, die Alt-Gomeros, kamen etwa 800 v. Chr. übers Meer und lebten in natürlichen Höhlen in den Bergen. Die Bauern errichteten später aus dem schwarzen Basalt ihre Häuser und beackerten die dunkle, fruchtbare Vulkanerde. Vom Atlantik trieben die Wolken heran und brachten den Regen, der aus den Bergen auf die Felder geleitet wurde.
Die Weiterentwicklung des Bewässerungssystems sorgte um 1900 für den lange ersehnten Wirtschaftsaufschwung. Nun ließen sich endlich Bananen und Tomaten anbauen, begehrte Exportgüter, die die Briten einst auf die Insel gebracht hatten. Bei ihrer Rückkehr aus Afrika befüllten die Engländer die leeren Laderäume ihrer Schiffe mit den neuen Handelsgütern. Das Geschäft lohnte sich: Schon bald bedeckten die im Wind wogenden Bananenblätter ganze Talböden, vor allem rund um das Zentrum des Bananenbaus – Hermigua.


Die Genusstour zur Handelsmole

Die Genusstour, von der man bis nach Teneriffa blicken kann (Foto: Lisa Kügel)
Die Genusstour, von der man bis nach Teneriffa blicken kann (Foto: Lisa Kügel)

Von Hermigua aus sind die Ruinen der Handelsmole gut zu erreichen. Man fährt in Richtung der Playa de Calera und folgt oberhalb der Bucht (Parkplatz!) dem gut ausgebauten Weitwanderweg GR 132 in Richtung San Sebastián. Ein gesicherter Pfad mit Hinweisschildern oberhalb der Steilküste erlaubt den Blick auf Teneriffa und den Teide, der höchsten Erhebung der Kanaren. Er endet nach einer genussreichen Stunde am alten Schiffsanleger.
Ein Steinbecken und die weiter oben gelegene Ruine des Verwaltungsgebäudes deuten auf die einstige Nutzung des Ortes hin: auf die Zeit, als das Straßennetz auf Gomera kaum ausgebaut war. Tagelöhner transportierten damals die Ernte von den Bananen- und Tomatenplantagen auf ihren Rücken oder auf Eseln zu den Anlegestellen an der Küste. Was die schwer bepackten Arbeiter wohl beim Anblick des aus dem Dunst des Atlantiks ragenden Inselvulkans auf der Nachbarinsel Teneriffa dachten?


Die Schlechtwetteralternative für Seefahrer

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Mole in Betrieb. Sie diente nach dem Bau des großen Verladekrans am Strand von Hermigua als Schlechtwetteralternative. Wie das? Im Schutz der kleinen Bucht, die nicht grundlos den Namen »Agua Dulce« (»Liebliches Wasser«) trägt, konnten sogar dann noch Waren verladen werden, wenn am Strand von Hermigua die Wellen zu hoch schlugen.
Mit dem Bau des großen Hafens in San Sebastián und der Verbindungsstraßen zwischen den größeren Inselorten verlor der kleine »Hafen« rasant an Bedeutung – und mit ihm der Weg, der dorthin führte. Erst vor einigen Jahren, als die Regierung Gomeras begann, die alten Königswege (»Camino Real«) zu erneuern, wurde auch der zuvor nur von absolut schwindelfreien Wanderern begehbare Pfad durch ein Geländer gesichert.

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