Abseits der Routen

Teil 22: Ostseeküste - Mecklenburg-Vorpommern

oder Ein Ausflug zu einer "Kleinen Insel"

Ein Drittel der Deutschen verbringt den Urlaub stets im eigenen Land... Dennoch gibt es sie: die stillen, abgelegenen Flecken, auch an, genauer gesagt, in der Ostsee. Sabine Becht und Sven Talaron, die fünf Reisebücher zu Mecklenburg-Vorpommern geschrieben haben, erzählen von einem ziemlich unbekannten Naturparadies, der Greifswalder Oie, die man sich mit maximal 50 Menschen pro Tag teilt. Daran ändert auch dieser Artikel nichts!


Die nur 54 Hektar kleine Greifswalder Oie ist ein Naturparadies. Kegelrobben fühlen sich an den Stränden vor der Steilküste und im flachen Küstengewässer genauso wohl wie die Rauwolligen Pommernschafe im Inselinneren, die hier seit 2013 mit der Landschaftspflege beauftragt sind. Auch die zahlreichen durchreisenden Zugvögel legen auf dem Ostseeeiland eine Rast ein. Damit das so bleibt, ist die Zahl der Personen, die die Greifswalder Oie betreten dürfen, streng begrenzt – nämlich auf maximal 50 am Tag. Das Anlanden ist für private Boote verboten.

Wo die Ostsee gerade mal 2,50 Meter tief ist

Die Greifswalder Oie ist ein abgeschiedenes Naturparadies in der Ostsee. Hier sieht man die Steilküste im Osten der Insel (Foto: Christoph Beau)
Die Greifswalder Oie ist ein abgeschiedenes Naturparadies in der Ostsee. Hier sieht man die Steilküste im Osten der Insel (Foto: Christoph Beau)

So sind es denn auch nur rund 30 Leute, die gemeinsam mit uns am Hafen von Peenemünde die altehrwürdige »MS Seeadler« besteigen und die eineinhalbstündige Überfahrt antreten; ein paar weitere werden noch am Hafen von Freest auf der anderen Seite des Peenestroms eingesammelt. Die Fahrt gestaltet sich äußerst kurzweilig, der Kapitän der »Seeadler« informiert seine Fahrgäste über die merkwürdigen Lotsentürme, auf denen sich heute die Kormorane das Gefieder trocknen: Sie dienten einst den Piloten des ehemaligen Peenemünder Militärflughafens zur Orientierung. Zusätzlich erfahren wir Spannendes über den fast niedlichen Sandmännchenturm vor dem Peenemünder Haken, einem weitläufigen Küstenschutzgebiet, die alte Lotseninsel Ruden und natürlich über die Ostsee selbst, die hier gerade mal 2,50 Meter tief ist. Schon bei der Anfahrt auf die Greifswalder Oie macht er uns auf die Robben auf dem vorgelagerten Riff aufmerksam – wer ein Fernglas dabei hat, ist hier klar im Vorteil!
Auf der Insel selbst übernimmt dann der Verein »Jordsand« (www.jordsand.eu) mit einem kurzen Vortrag über Flora und Fauna, bevor wir auf dem ausgewiesenen naturkundlichen Rundweg auf eigene Faust die Insel erkunden.

Thomas Mann und Shetlandponys

Ein naturkundlicher Rundweg führt über das Eiland (Foto: Sabine Becht)
Ein naturkundlicher Rundweg führt über das Eiland (Foto: Sabine Becht)

Der Name »Oie« stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet soviel wie »kleine Insel«. Erstmals urkundlich erwähnt wurde diese 1282, neun Jahre später kaufte Greifswald das Eiland der Stadt Wolgast ab. Über die Jahrhunderte wurde die Greifswalder Oie landwirtschaftlich genutzt und diente als Fischerhafen, 20 bis 30 Bauern lebten hier zu Hochzeiten. Eine erste touristische Entwicklung setzte Ende des 19. Jahrhunderts ein, zunächst durch Tagesgäste mit dem Ausflugsdampfer, ab den 1920er-Jahren dann dank eines kleinen Hotels, dessen berühmtester Gast sicherlich Thomas Mann war. Ab 1935 war Schluss mit Urlaub, die Insel wurde zum militärischen Sperrgebiet.

Der Blick auf den Leutturm von 1855 … (Foto: Christoph Beau)
Der Blick auf den Leutturm von 1855 … (Foto: Christoph Beau)


Die DDR schützte von hier aus ihre Küste, betrieb auf der Insel aber auch Bienenzucht und setzte 1977 sechs Shetlandponys aus, die man fortan ihrem Schicksal überließ. Aus sechs wurden letztlich 66 und im Jahr 2004 beendete man das Shetland-Experiment. 1990 zog die Volksmarine ab. Die Insel wurde 1995 zum Naturschutzgebiet erklärt und wird heute durch besagten Verein Jordsand betreut. Er betreibt hier eine Vogelberingungsstation und zählt neben den hiesigen Wasservögeln auch eine erfreulich wachsende Population an Kegelrobben. Darüber hinaus befindet sich auf der Greifswalder Oie eine Außenstation der deutschen Seenotrettung.

Eine Reichweite von 26 Seemeilen

Highlight unseres Inselrundgangs (ca. 45 Minuten) ist neben der Steilküste im Osten auf alle Fälle die Besteigung des weithin sichtbaren Leuchtturms aus dem Jahr 1855. Mit einer Reichweite von 26 Seemeilen zählt er zu den leistungsfähigsten der gesamten Ostsee. 141 steile Stufen sind es hier hinauf, als Belohnung winkt ein fantastischer Rundblick bis hinüber nach Rügen, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte!

… und die Aussicht auf die weite Ostsee (Foto: Christoph Beau)
… und die Aussicht auf die weite Ostsee (Foto: Christoph Beau)


Reisepraktische Infos

Im Juli/August fährt die Reederei Apollo ab Peenemünde tägl. auf die Insel, entweder um 9.45 Uhr (retour in Peenemünde 15 Uhr) oder um 13.45 Uhr (19 Uhr), jeweils mit 2 Stunden Landgang, Erw. 37 €, Kinder 18 €, unter 5 J. frei; ab Sept. 4-mal wöchentlich und Di zusätzlich mit Besichtigung der Vogelberingungsstation. Für alle Fahrten ist eine Anmeldung erforderlich! Tel. 038371-20892, www.schifffahrt-apollo.de. Achtung: Auf der Insel keine Gastronomie und auch keine Toilette, beides jedoch auf der »MS Seeadler«.

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