Abseits der Routen

Teil 32: Spreewald oder Zugefrorene Fließe

Spreewald oder Zugefrorene Fließe

Was gar nicht so übermäßig bekannt ist: mit unseren Reiseführern kann man auch sehr schöne Wintererlebnisse haben. Zum Beispiel mit dem gerade frisch erschienenen Buch zum Spreewald. Statt mit dem Paddelboot, wie in dieser Region üblich, unternimmt Peggy Leiverkus eine Eiswanderung über die sogenannten Fließe. Was »Holländer«, pelzige Nager und ein Postkahn damit zu tun haben, erfährt, wer den Artikel unserer Spreewald-Autorin liest.

5. Januar, -7 Grad Celsius. Heute will ich es wissen, heute muss es sein! Nach zehn Tagen Dauerfrost bin ich mir sicher, dass die Fließe in Lübbenau mit einer ausreichend dicken Eisschicht zugefroren sind, um mich und meinen Zwergdackel Lotti zu tragen.Die richtig knackigen Winter werden zwar immer seltener, von Schnee und Eis im flachen Brandenburg ganz zu schweigen. Wenn es aber einmal soweit ist und die Minusgrade Seen und Bäche gefrieren lassen, dann verwandeln sich auch die Kanäle und Fließe im Spreewald in eine Hunderte Kilometer lange Eispiste, die zu Schlittschuhtouren, Schlittenwanderungen oder zum Spazierengehen einlädt, wo sonst nur Kanus und Paddelboote verkehren.

Eispilgern oder Wo man sonst paddelt, erlebt man in den kalten Monaten einen besonderen Winterzauber (Foto: Peggy Leiverkus)
Eispilgern oder Wo man sonst paddelt, erlebt man in den kalten Monaten einen besonderen Winterzauber (Foto: Peggy Leiverkus)

Anlaufpunkt Hafen

Mein Anlaufpunkt ist der große Hafen von Lübbenau. Ob viele Leute dieselben Gedanken haben wie ich und das Eis austesten wollen? Dackel und Kamera im Gepäck, rolle ich von der Autobahn Richtung Lübbenauer Innenstadt. Wer hätte das gedacht!
Als ich mit Lotti im Schlepptau das Eis betrete, tummeln sich bereits Dutzende Eisfans auf der leicht mit Schnee bedeckten Oberfläche des Hafenbeckens. Es ist wie in einer anderen Welt: Mit grünen Planen zugedeckte Kähne harren am Ufer wärmerer Tage, während sich die Hauptspree in eine weiße Promenade verwandelt hat. Familien mit Kindern und Schlitten spazieren in Ufernähe und werden von rüstigen Senioren mit Wandergepäck überholt, die aussehen, als wollten sie das Matterhorn besteigen. Immer wieder laufen in gemütlichem Tempo einige Schlittschufahrer an uns vorbei, ihre Kufen schneiden tiefe Furchen in den Schnee.

Normalerweise schippert hier der Postkahn entlang … (Foto: Peggy Leiverkus)
Normalerweise schippert hier der Postkahn entlang … (Foto: Peggy Leiverkus)

Eschenstab, Eishockeyfeld und ein Glühweinstand

Ein Mädchen trägt traditionelle Spreewaldschlittschuhe, sogenannte Holländer. Das sind Kufen, die mit einem Lederband direkt an den Schuh geschnallt werden, wie aus einem Heimatmuseum entwendet. Sie hält sogar den passenden Eschenstab in der Hand, mit dem sie sich geschickt vom Eis abstößt und so ihre Freunde in Windeseile überholt. Früher soll man mit den beiden Metallspitzen auch eingebrochene Eisläufer herausgefischt haben.
Wir erreichen eine große Kreuzung und biegen Richtung Lehde ab. Da vorne ist ein Eishockeyfeld abgesteckt, zwei Teams liefern sich ein hartes Duell. Wenige Meter entfernt tummeln sich mehrere Schaulustige mit dampfenden Tassen vor einem privaten Glühweinstand, ich geselle mich zu ihnen. Lotti fängt ob der raschen Bewegungen auf dem Eis an zu bellen, ich hingegen bedaure etwas neidisch, dass ich selbst nicht Schlittschuh laufen kann.

Mit Eschenstab und Holländer über die Eisfläche (Foto: Peggy Leiverkus)
Mit Eschenstab und Holländer über die Eisfläche (Foto: Peggy Leiverkus)

Die pelzigen Nager im mystischen Dschungel

Unsere Eiswanderung führt uns noch einen guten Kilometer auf dem Lehder Fließ und der Spree entlang, bis wir einen Abzweig erreichen, der nicht gerade vertrauenswürdig aussieht. In der Mitte hat sich eine kleine Pfütze gebildet, und der Schnee ist geschmolzen. Der zugefrorene Kanal verliert sich im mystischen Dschungel der zugeschneiten Schwarzerlen. Kein Mensch ist dort hinten unterwegs.
Lotti will zu der offenen Stelle, offenbar hat sie eine Fährte aufgenommen, vielleicht von einer Nutria? Die pelzigen Nager bekommt man hier oft zu sehen, sind sie doch in den letzten 30 Jahren zu einer regelrechten Plage geworden. Endlich schaffe ich es, den Blick zu lösen, und wir machen uns auf den Rückweg. Den Schildern zum Bootsverleih Richter folgend, schlendern wir an gut gepflegten Blockhäusern und weißen Gärten vorbei. Dort liegt der Schuppen für den Postkahn im Winterschlaf. Momentan werden die Briefe im Spreewalddorf Lehde klassisch mit dem Auto ausgetragen, ab April bestückt dann der Kahn wieder die Briefkästen – ist auch einfacher, weil viele Grundstücke keine direkte Straßenzufahrt haben.

Eine Autorin und ihr Dackel – Peggy Leiverkus erkundet die zugefrorenen Spreewalder Fließe (Foto: Peggy Leiverkus)
Eine Autorin und ihr Dackel – Peggy Leiverkus erkundet die zugefrorenen Spreewalder Fließe (Foto: Peggy Leiverkus)

Ab ins Warme!

Nach einer guten halben Stunde ohne Ausrutscher und festgefrorene Pfötchen erreichen wir wieder den Spreewaldhafen von Lübbenau. Jetzt aber schnell ins Warme, Tee aufsetzen und den zitternden Dackel in die Kuscheldecke einwickeln!

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