Nachhaltig unterwegs

Teil 2: Spreewald

oder Die Biegung hat man im Gefühl

Eine Paddeltour kann ein großes Vergnügen sein. Zumindest hat es unsere Spreewald-Autorin Peggy Leiverkus so erlebt. Sie trifft auf Schwarzerlen und Prachtlibellen, aber auch auf Schnapstrinker und eine Museumswerkstatt, in der die letzten traditionellen Holzkähne Deutschlands gefertigt werden. Inwieweit es dort – genau wie beim Paddeln – auf die richtige Biegung ankommt, erfährt, wer sich unserer Spreewald-Kennerin auf den naturnahen Wasserwegen nähert.  

Leise plätschert es, als mein Paddel ins Wasser eintaucht. Links, rechts, links, rechts. Seit ich vom Bootsverleih in Lübbenau aufgebrochen bin, habe ich den Südumfluter ganz für mich allein. Erstaunlich eigentlich, da die quirlige Spreewaldmetropole an einem sonnigen Tag wie diesem voller wasserbegeisterter Touristen sein müsste.

Schwarzerlen und der Balztanz zweier Prachtlibellen

Wasserwandern und Waldbaden im III. Freiheitskanal_Copyright Peggy Leiverkus
Wasserwandern und Waldbaden im III. Freiheitskanal (Foto: Peggy Leiverkus)

Mein Tagesziel ist die klassische Paddelrunde von Lübbenau durch den inneren Spreewald mit Einkehr im Traditionsgasthaus Wotschofska und einem Besuch im Freilandmuseum in Lehde. Ich biege in den III. Freiheitskanal ein. Rechts, rechts, links, rechts, rechts. Der Anblick, der sich mir bietet, ist so atemberaubend, dass meine rechte Hand automatisch nach der Kamera tastet.

Meist sind nur noch die Fährmänner mit den traditionellen Holzkähnen unterwegs_Copyright Peggy Leiverkus
Nur noch die wenigsten Fährmänner sind mit den traditionellen Holzkähnen unterwegs (Foto: Peggy Leiverkus)

Über 400 Meter führt der Kanal schnurgeradeaus, während sich Schwarzerlen von beiden Ufern wie Diener über das Wasser beugen, ihre Wurzeln verschwinden unter hellgrünen Farnbüscheln. Die Symmetrie ist geradezu vollkommen.Eine halbe Stunde lang paddele ich ungestört durch urige Fließe und Kanäle. In der Moorigen Tschummi beobachte ich den bizarren Balztanz zweier blauer Prachtlibellen. Wie Akrobaten turnen sie umeinander herum und nehmen mich gar nicht wahr, als ich lautlos an ihnen vorübergleite.  

Ein Biergarten und das Wahrzeichen des Spreewaldes

Auch Vegetarier werden im Traditionsgasthaus Wotschofska glücklich_Copyright Peggy Leiverkus
Auch Vegetarier werden im Traditionsgasthaus Wotschofska glücklich (Foto: Peggy Leiverkus)

Als ich mich auf dem Wehrkanal Richtung Norden vorarbeite, vermischen sich die Geräusche der Natur mit einem immer lauter werdenden Murmeln, das nur von Meinesgleichen stammen kann. Und in der Tat: Zuerst erblicke ich einen vollen Kahn, dahinter einen zweiten, drei Paddler kommen mir entgegen. Linker Hand öffnet sich der schattige Biergarten der Wotschofska, dem berühmten Traditionsgasthaus und obligatorischen Zwischenstopp für alle Kahn- und Paddeltouren von Lübbenau. Der süddeutsche Blockhausstil verleiht dem 1894 eingeweihten Gebäude einen ganz besonderen Charme. Zumindest weiß ich jetzt, wo die ganzen Touris abgeblieben sind. Ich geselle mich ins muntere Treiben, gönne mir Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl und schwirre wieder ab. Immerhin habe ich noch eine zweite Station vor mir.

Viele wirken, als seien sie aus Holz gefertigt, doch 99 Prozent der Paddelboote sind aus Aluminium_Copyright Peggy Leiverkus
Der »Parkplatz« an der Wotschofska ist immer gut gefüllt (Foto: Peggy Leiverkus)

Mit beherzten Schlägen katapultiere ich mich in Windeseile gen Süden, überhole dabei fünf Paddler und einen Kahn, dessen Insassen mir fröhlich mit kleinen Schnäpsen hinterherwinken. Rechts, links, rechts, links. Im Lehder Graben angelangt, entspanne ich mich ein wenig und lasse die ersten Häuser auf mich wirken. Hier, im Spreewald-Vorzeigedorf Lehde, stehen noch echte historische Blockhäuser, gekrönt von zwei gekreuzten Schlangen, dem Wahrzeichen des Spreewaldes.

Deutschlands letzte traditionelle Kahnbauer

Die urigen Holzboote werden einmal im Jahr geteert und gebadet_Copyright Peggy Leiverkus
Die urigen Holzboote werden einmal im Jahr geteert und gebadet (Foto: Peggy Leiverkus)

Jetzt ist Kultur angesagt! Ich parke mein Paddelboot und begebe mich erwartungsvoll ins Freilandmuseum. Vier originale Spreewaldgehöfte warten darauf, von mir entdeckt zu werden. Jeder Winkel der historischen Häuser ist begehbar und liebevoll ausgestattet. Am längsten halte ich mich aber weder in der Wohnstube noch im Stall oder im Kräutergarten auf, sondern in einem unscheinbaren Schuppen, in dessen Zentrum einige unfertig zusammengesetzte Bretter die Form eines typischen Spreewaldkahnes erahnen lassen.Was ich sehe, ist die Museumswerkstatt von Familie Koal, die gegenüber dem Museum die letzte traditionelle Kahnbauerei in Deutschland betreibt. Das muss ja ein Riesenunternehmen sein, denke ich, als ich an die vielen Kähne denke, die mir heute begegnet sind. Falsch gedacht! Ich will es erst gar nicht glauben, als mir erklärt wird, dass mittlerweile 99 Prozent der touristischen Kähne im Spreewald aus Aluminium und nicht mehr aus Holz gefertigt sind. Den Unterschied habe ich bisher nicht erkannt, da der Rumpf in dunkelbraun oder schwarz gestrichen wird und die Innenausstattung mit den typischen Bänken immer noch aus Holz besteht.

Die Vorteile der neuen und alten Kähne

Ein Blick in die Werkstatt der letzten Holzkahnbauer Deutschlands_Copyright Juliane Koal
Ein Blick in die Werkstatt der letzten Holzkahnbauer Deutschlands (Foto: Juliane Koal)

Aluminiumkähne sind günstiger und leichter im Gewicht und in der Pflege, können bei Regen und im Winter einfach abgedeckt werden. Ein Holzkahn hingegen muss mindestens einmal im Jahr geteert und für mehrere Wochen im Wasser versenkt werden, damit das Holz quellen und Undichtigkeiten beseitigt werden können. Bei schlechtem Wetter muss er in einem Schuppen untergebracht werden, denn unter einer Plane würde das Holz zu feucht werden und irgendwann faulen. Kein Wunder, dass viele Kahnbesitzer diesen Aufwand nicht (mehr) betreiben wollen. Dennoch läuft das Geschäft momentan ganz gut, erfahre ich. Vor allem Privatpersonen lassen sich für besondere Anlässe einen traditionellen Holzkahn fertigen, aber auch Jäger und Fischer setzen auf Holz. Denn Aluminium ist Metall und Metall macht Krach, wenn Jagdgerät oder Anker im Boot fallen gelassen werden. Holz dagegen ist ein Naturmaterial und arbeitet mit dem Jäger, nicht gegen ihn.  

Lehrling dringend gesucht!

Zwei bis drei Stunden müssen die Seitenbretter eines Holzkahns erhitzt und befeuchtet werden, um die richtige Biegung zu bekommen_Copyright Juliane Koal
Ein bis zwei Stunden müssen die Seitenbretter eines Holzkahns erhitzt und befeuchtet werden, um die richtige Biegung zu bekommen (Foto: Juliane Koal)

Während die Rohstoffe für die Alukähne in der Regel aus China kommen, lässt sich Juliane Koal für ihre Kähne frisch geschlagenes Kiefernholz aus der Schorfheide liefern. Die eigentliche Arbeit am Kahn dauert nur zwei bis drei Wochen. Fasziniert verfolge ich den Entstehungsprozess in einem Erklärvideo. Am spannendsten finde ich den ersten Schritt, in dem die beiden bis zu 10 Meter langen Seitenbretter, die dem Kahn seine typische Form geben, zurechtgebogen werden. Dies geschieht in einem ein- bis zweistündigen Prozess des Erhitzens und Befeuchtens. Für den Grad der richtigen Biegung gibt es keine Schablone, das hat Kahnbauer/in im Gefühl. Der Rest ist ebenso präzise Handarbeit, bei der über zwanzig klassische Hobel und Schreinerwerkzeuge zum Einsatz kommen – eine Kunst, die Leidenschaft und vor allem den Willen zu körperlicher Arbeit erfordert. Diesen bringt die heutige Jugend leider kaum noch mit, erklärt Frau Koal im Video, weshalb sie bisher noch keinen Lehrling gefunden hat, der ihr Handwerk fortführen könnte.  

Ein Wellnessbad am Uferrand

Fasziniert und ein wenig melancholisch verlasse ich das Museum und halte auf den letzten 2 Kilometern bis zum Bootsverleih Ausschau nach Holzkähnen. Auf dem Wasser kann ich keinen identifizieren. Dafür sehe ich mehrere fast vollständig versunkene Kähne am Uferrand gerade ihr Wellnessbad nehmen, nachdem sie geteert wurden … Wem sie wohl gehören? Immerhin gibt es im Spreewald noch einige wenige Kahnfährmänner, die Holz statt Alu bevorzugen, zum Beispiel Fährmann Kai in Lübbenau oder Haus Kalmus in Lehde.  

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