Auf den Spuren von Pippi, Nils und Martin
Unterwegs auf dem Sydkustleden (Südküstenradweg) in Schweden
Schweden ist für viele ein Sehnsuchtsziel, nicht zuletzt wegen der Exportschlager aus Literatur und Musik, die das Land hervorgebracht hat. Judith Weibrecht, Autorin unserer Reiseführer »Wien – mal anders« und »Dublin – Abenteuer«, ist bekennender Pippi-Langstrumpf-Fan und am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs. Kein Wunder also, dass sie sich für eine Radtour auf dem Sydkustleden entschieden hat, auf dem Fernradweg, der an Schwedens Südküste entlangführt. Was sie dort unterwegs gesehen und erlebt hat, verrät sie in ihrem neuesten Beitrag. Wer anschließend Lust auf einen Urlaub in Schweden bekommen hat, dem sei unser Reiseführer Südschweden empfohlen – inklusive Vorschlägen für Radtouren!
Wegen ihr habe ich mir als Kind die lockigen Haare glatt gebügelt und Draht in die Zöpfe eingeflochten, die nicht abstehen wollten. Nur das mit der Kraft habe ich nicht hingekriegt. Pippi Langstrumpf kann ja mühelos ein Pferd in den Himmel stemmen – sicher auch ein Fahrrad. Und nun bin ich ihr ganz nah, in Schweden!
Und zwar in Helsingborg, wo schicke Häuser und die Gamla stan koexistieren. »Gamla« ist nicht als vergammelt zu verstehen, sondern als top renovierte Altstadt, durch die es sich herrlich schlendern lässt – oder Rad fahren. Schon hier wird klar: Radfahrer haben einen guten Stand. Radwege führen an der modernen Seepromenade entlang, in der Altstadt finden sich immer wieder Radstraßen.
In der Storgatan stehen einige gut erhaltene Häuser wie das sogenannte Jakob Hansens Hus, rot mit Fachwerk, und die St. Mariakyrkan im Stile der dänischen Backsteingotik aus dem 14. Jahrhundert. Vom 34 Meter hohen Kärnan aus, dem einzig verbliebenen Rest der ehemaligen Burg, blickt man weit über den Öresund, die engste Stelle zwischen Schweden und Dänemark, wo Fähren hin- und herflitzen, auf die Stadt und auf den Sydkustleden (Südküstenweg), der Richtung Südosten aus Helsingborg hinausführt.
Fisch satt
Das kleine Fischerdorf Råå holt mich als Erstes aus dem Sattel: Boote dümpeln im Wasser, eine Fischräucherei in einer Holzhütte findet sich da und ein Restaurant am Meer. Abends in Borstahusen bieten sich magische Ausblicke auf den Untergang der Sonne in der See. Die Fischerhäuschen aus dem 17. Jahrhundert leuchten in den letzten Strahlen. Das Wasser ist so seicht, dass man eine lange Seebrücke hinaus gebaut hat, damit die Schwimmer leichter in tiefere Gewässer kommen. Im ehemaligen Pumphuset, Pumpenhaus, ist heute ein Kulturzentrum mit hochkarätigen Ausstellungen untergebracht. Nebenan speist man im Fischrestaurant »Kompass«. Allgegenwärtig ist das schwedische Krabbenbrot Räkmacka, für Radreisende der perfekte Snack.
Mit Blick Richtung Ostsee steht die Statue der Selma Lagerlöf in Landskrona direkt am Radweg. Mein Hirn assoziiert: Nils Holgerssons wunderbare Reise! Ob er hier vorbeigeflogen ist auf seinem Ganter Martin mit Blick auf die von Möwen umkreiste, sternförmige Zitadelle Landskronas samt Wassergraben? Oder auf den Hauptplatz mit dem Rathaus aus dem Jahr 1834, in neugotischem Stil aus Backstein erbaut, und eine Statue namens Westwind? »Der bläst hier immer«, meint Stadtführerin Olga. Stimmt, auf dem Fahrrad ist er gut zu spüren.
Abba und Flicka
Wir radeln noch zur historischen Rothoff’schen Schrebergarten-Kolonie mit Museum und einer putzigen Laube, wo Radler gerade picknicken. Dann setze ich auf die Insel Ven über. Schon von Weitem sieht man die hell leuchtenden Backafallen, Klippen, die sogar in einem Lied besungen werden: »Flicka från Backafall«, Mädchen aus Backafall. Musik scheint in den Köpfen der Schweden allgegenwärtig zu sein, denn als wir uns der Sankt Ibbs Gamla Kirka nähern, meint Gästeführer Thorsten: »Ich nenne sie einfach immer die Mamma-Mia-Kirche, denn sie sieht aus wie die auf Skopelos in dem Abba-Film!« Als ich ihn verständnislos anblicke, lacht er. Klar, ein Schwede kennt alles, was mit Abba zu tun hat.
Das Insel-Feeling nimmt mich schon gefangen, und ich möchte nicht mehr weg. Mit dem Rad umrunden wir das Eiland, fahren kreuz und quer, unter anderem auf dem von Bäumen gesäumten Liebespfad, der früher von Liebenden fürs Techtelmechtel genutzt wurde – nirgendwo sonst konnten sie sich unbemerkt treffen. Dieser Weg führt uns direkt zum Tycho-Brahe-Museum in einer Kirche. Wegen des berühmten Astronomen (1546–1601) waren sogar Leute von der NASA hier. In den Ruinen des ehemaligen Observatoriums gibt es eine Sound- und Lichtshow.
Und nun auf nach Trelleborg, wo ich einen Abstecher zur ehemaligen Burg mache und dann weiter radele gen Smygehuk, dem südlichsten Punkt Schwedens! Tatsächlich fühle ich mich wie im tiefen Süden und trage Sonnencreme auf, als mich Mick aus meinen Gedanken schreckt: Er ist der Betreiber des Hostels neben dem geringelten Leuchtturm. Den liebt er so sehr, dass er ihn sich sogar auf den Arm hat tätowieren lassen. Stolz hält er ihn in die Kamera. Das Hostel ist im ehemaligen Haus des Leuchtturmwärters untergebracht. In der Küche werden nur lokale Produkte verwendet, denn ringsum ist Farmland. »Und noch was: No Coke!«, sagt Mick. Alles ist lokal bis hin zum Wein.
Krimis und Klippen
Das Zauberwort lokal hört man hier oft. Gut so. Man muss sich ja nicht gleich an den fermentierten Hering wagen, den die Einheimischen so sehr lieben. Beim Namen Ystad klingelt allerdings etwas anderes: Kommissar Wallander! Tatsächlich kann man hier die Orte, die in den Büchern von Henning Mankell oder den Verfilmungen vorkommen, abklappern. Sogar Führungen gibt es dazu. »Im sehenswerten, jahrhundertealten Gebäude des Sakelgården spielen die ersten fünf Wallander-Krimis«, erzählt Peter, Besitzer des Hotels. Ein Abstecher zum Nybrostrand, wo Wallander einst 20-jährige Damen vernahm, muss natürlich sein, auch wenn er nicht direkt an der Route liegt.
Bei Ales Stenar, wo Wallander sich häufig mal eine Auszeit nimmt, treffe ich wieder auf den Sydkustleden. Die Stimmung ist weit und himmlisch. Über die Klippen und die 59 Hinkelsteine aus der Eisenzeit pfeift der Wind hinweg. Sie wurden vor vermutlich 1.400 Jahren so arrangiert, dass sie die 67 Meter lange Silhouette eines Schiffs formen. Warum und von wem? Das ist unbekannt. Im Sommer geht die Sonne hinter den Steinen der nordwestlichen Ecke unter und im Winter genau gegenüber auf. Ein mystischer Ort.
Durchs malerische Brantevik fahre ich weiter nach Simrishamn. Häuser und Fischrestaurants säumen den Fluss in Åhus, Boote schaukeln im Wasser. In die Firma »Absolut Vodka« fallen Fans ein, besichtigen die Fertigung und lernen Cocktails mixen. Doch früher war Åhus nicht für Wodka, sondern für seine Zigarren bekannt. Aus dem Ort hinaus folge ich nun dem Sydostleden, der mich zunächst nach Brösarp im Landesinneren bringt und zu einem Vogelschutzgebiet, bevor der Weg abbiegt an die Aalküste, wo seit über 500 Jahren Aale gefangen und in Holzhütten geräuchert werden.
In Kristianstad steige ich schließlich um ins Kajak und paddele auf einem Fluss durch die Stadt. Ein würdiger Abschluss. Schließlich war Pippis Vater, Efraim Langstrumpf, Kapitän und fuhr auf der »Hoppetosse« um die Welt.
Info: https://sydostleden-sydkustleden.se/de/delled/sydkustleden
