MM-Autoren

»Das Internet war bei meinen ersten Reisen noch nicht erfunden.«
Drei Fragen an Lore Marr-Bieger

Die Pressestimmen zu ihren Büchern sind exzellent, und ihr Slowenien-Reiseführer ist soeben in 7. Auflage 2023 erschienen. Die Rede ist von Lore Marr-Bieger, MM-Autorin der ersten Stunde und als besonders akribische Rechercheurin bekannt. Heute stellt sie sich drei Fragen zu ihrem neuesten Buch. Dabei geht es in die Vergangenheit und Gegenwart eines Landstrichs, der einst Jugoslawien hieß und damals wie heute als sehr gastfreundlich galt und gilt.

Was die Zwei-Millionen-Einwohner-Republik außerdem noch zu bieten und wie sich das Land seit dem Zusammenbruch des Sozialismus verändert hat, erfahren Sie im MM-Autoren-Interview.

Frage 1: Was waren deine ersten intensiven Reiseerlebnisse in Slowenien?

Meine erste Balkanreise fand 1981 statt. Damals hieß das Land noch Jugoslawien und umfasste neben dem heutigen unabhängigen Slowenien unter anderem auch Serbien und Kroatien. An mein allererstes großes Reiseerlebnis erinnere ich mich seltsamerweise nicht. Andererseits habe ich auf den zahlreichen Reisen viel erlebt. Daher sind mir viele Erinnerungen präsent. Vor allem die herrlichen Bergregionen, die ich anfangs fast für mich allein hatte und lediglich mit Einheimischen teilte, blieben mir im Gedächtnis haften: In den Hütten tischten die Slowenen das Brot auf, das sie von zu Hause mitgebracht hatten, außerdem Schinken und sonstige Spezereien und tranken dazu ihren Tee – ganz im Gegensatz zu hiesigen Hütten, wo der Verzehr mitgebrachter Speisen meist nicht erlaubt ist.

Bei Kranjska Gora liegt die idyllische Sava-Quelle
Bei Kranjska Gora liegt die idyllische Sava-Quelle (Foto: Lore Marr-Bieger)

Fragte ich sie nach dem Weg, erhielt ich stets eine befriedigende Antwort. Überhaupt erlebte ich die Slowenen als gesellig und unterhaltsam, erst recht, wenn ein Gläschen Wein am Abend die Zungen löste. Das Wissen über Land und Leute, das sie mir vermittelten, floss natürlich in meine Bücher ein. Informationen hatte ich als Autorin bitter nötig, denn Touristeninformationen gab es damals so gut wie überhaupt nicht. Und das Internet, wie wir es heute kennen, war bei meinen ersten Reisen ebenfalls noch nicht erfunden.

Frage 2: Was schätzt du an dem Reiseland besonders?

Was mich immer wieder beeindruckt, ist die Vielfalt des Landes, das in etwa so groß ist wie Sachsen-Anhalt. In einer Stunde ist man von der Hauptstadt am Meer in den Bergen oder in der flussreichen Ostregion. Frühmorgens eine Gebirgstour im Nationalpark Triglav, nachmittags ein relaxendes Bad in der Adria und abends ein lauschiger Konzertbesuch in Ljubljana – es ist durchaus möglich und denkbar, den Urlaubstag so zu gestalten!

Auf Wandertour im Triglav-Nationalpark
Auf Wandertour im Triglav-Nationalpark (Foto: Lore Marr-Bieger)

Slowenien verfügt über Hochgebirge, sattgrüne Mittelgebirge mit Hochmoorseen, viele Wasserfälle, Flüsse und Auen – und einen 46 Kilometer langen Küstenstreifen, an dem mediterranes Klima herrscht. Eindrücklich und faszinierend ist auch die Karstlandschaft mit riesigen Höhlenlabyrinthen. Einen Kontrapunkt setzen Städte mit ihren Barock- und Jugendstilbauten, venezianische Palazzi an der Küste sowie mittelalterliche Burgen, die in der Zeit der Habsburger das Land schützten. Hinzu kommen Klöster, idyllische Alpendörfer, zahllose Kirchen und Kapellen sowie ein reiches Kunsterbe mit Werken aus unterschiedlichen Epochen. Sportbegeisterte wiederum toben sich zu Land, an Flüssen oder im Meer aus. Kurzum, es wird niemals langweilig!

Postojna oder Eindrucksvolle Stalagmiten und Stalagtiten im größten Höhlenlabyrinth der Welt
Postojna oder Eindrucksvolle Stalagmiten und Stalagtiten im größten Höhlenlabyrinth der Welt (Foto: Lore Marr-Bieger)

Und für mich fast das Wichtigste: Slowenien ist grün! Das Land gehört sogar zu den grünsten Regionen in Europa. Die Hälfte Sloweniens ist mit Wald bedeckt, ein Drittel des Landes steht auf der Natura-2000-Liste. Die Vielfalt der Fauna und Flora ist bemerkenswert! Eine fantastische Möglichkeit in die Natur einzutauchen, bieten Wanderungen, von denen ich nicht wenige in meinem Reiseführer ausführlich beschreibe.

Das Wolkenmeer frühmorgens am Berg Vogel
Das Wolkenmeer frühmorgens am Berg Vogel (Foto: Lore Marr-Bieger)

Frage 3: Wie hat sich das Land seit der Erstauflage deines Buchs verändert?

1996 erschien die erste Ausgabe, die noch Slowenien und Istrien in einem Band bündelte. Zehn Jahre später publizierten wir separate Reiseführer zu beiden Zielen. Am Anfang steckte der Tourismus in den sprichwörtlichen Kinderschuhen, was für mich aber gerade den Reiz der Region ausmachte.

Heute ist Slowenien ein populäres und sicheres Ganzjahresziel. Der Sozialismus ist Geschichte, vielerorts wurde und wird Geld in die Sanierung der Baudenkmäler und Modernisierung der Infrastruktur gesteckt. Die Hauptstadt Ljubljana präsentiert sich längst als Schmuckstück, was sich leider auch in einem vergleichsweise gehobenen Preisniveau widerspiegelt. Die Museen zeigen sich zeitgemäß auf hohem Niveau; die Ausstellungen sind mit interaktiven Stationen und Touchscreens ausgestattet; Kinder und Jugendliche dürfen anfassen, erfahren, sich ausprobieren.

Der Blick von der Burg auf die Hauptstadt Ljubljana
Der Blick von der Burg auf die Hauptstadt Ljubljana (Foto: Lore Marr-Bieger)

Auch die (alpine) Bergwelt brachte man für den Tourismus auf den neuesten Stand. Die Wanderwege sind perfekt markiert, Mountainbiker greifen inzwischen auf ein riesiges Angebot zurück. Wildwassertouren mit dem Kajak, Paragliding und natürlich auch der Wintersport kommen nicht zu kurz. Hin und wieder nimmt der Sporttourismus ziemliche Auswüchse an, weshalb Einheimische beispielsweise das beliebte Soča-Tal im Nordwesten des Landes wenig schmeichelhaft als „Adrenalin-Tal“ bezeichnen!

Die Soca ist ein beliebtes Kajakrevier, auch bei internationalen Profis
Die Soca ist ein beliebtes Kajakrevier, auch bei internationalen Profis (Foto: Lore Marr-Bieger)

Der exzellente Ruf, den das Land inzwischen genießt, verdankt sich nicht zuletzt den gastfreundlichen und zuvorkommenden Menschen. Die Slowenen lieben es, ihren Gästen die Schönheiten ihres Landes zu zeigen und sie mit kulinarischen Schmankerln aus der Region zu verwöhnen. Wenn ich früher meinen Freunden und Bekannten erzählte, dass ich nach Slowenien fahre, erntete ich fragende Blicke. Heute weiß jeder, wo die kleine, sehr feine Zwei-Millionen-Einwohner-Republik liegt.

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