MM-Autoren

»Bella Figura machen!«

5 Fragen an Michael Müller

Was ist das Besondere an der Toscana? Michael Müller weiß es. Seit mehr als 35 Jahren bereist er die Region – und entdeckt immer noch Neues. Davon abgesehen, verrät der Verleger und Autor, was ihn bei der Recherche manchmal melancholisch stimmt, wie sich die Toscana seit den 60er-Jahren verändert hat, was die abseitigen Städte bieten und welchen Vorteil es bringt, konsequent »Bella Figura« zu machen …


1. Lieber Herr Müller, Ihr Toscana-Reiseführer liegt nun in 17. Auflage 2016 vor. Hand aufs Herz: Kann man bei so vielen Toscana-Recherchen eigentlich noch etwas Neues entdecken?

Nach so vielen regelmäßigem Reisen in die Region gibt es tatsächlich noch Überraschungen, aber oft auch die etwas traurige Neuigkeit, dass Altbewährtes, das ich viele Jahre besucht und immer gerne empfohlen habe, nicht mehr da ist. Da berührt einen dann ein (lacht) nostalgisches Nachsinnen …
Doch ich spreche vom Hinterland und den wirklich abseitigen Landstrichen. In den eher touristischen Zentren gab und gibt es einen häufigen Wechsel in der Gastronomie, aber auch immer wieder tolle neue Betriebe, die eine Erwähnung verdient haben.


2. Sie sind Autor und Verleger in einem. Wie bekommt man diese sehr unterschiedlichen Berufe zusammen? Fehlt Ihnen nicht manchmal das Reisen und Schreiben?

Das Schreiben und Reisen fehlt mir dann besonders, wenn es im Verlag nicht rund läuft und man verunsichert ist, welches Problem als erstes angegangen werden muss …
Ich denke, ein wichtiger Baustein für den Erfolg meines Verlags war meine ursprüngliche Arbeit als Reisebuchautor. Dadurch fühlten sich die Müllerautoren nah am Verlag und konnten immer Unterstützung und Verständnis von mir erfahren. Im Gegenzug waren sie – und das sei hier einmal ausdrücklich erwähnt! – meist gewillt bei Veränderungsprozessen, von denen es in knapp 40 Jahren einige gab, auch mitzuziehen.


3. Zur Toscana: Was macht diesen Landstrich aus? Weshalb zieht es Sie immer wieder dorthin? Was muss man unbedingt gesehen haben?

Bella Figura machen! Dieser verinnerlichte Leitspruch der Italiener färbt vielleicht etwas ab und lässt einen etwas aufrechter durch den Tag gehen.
Was man gesehen haben muss? Die Trauminsel Elba, aber auch stimmungsvolle Städtchen wie Sorano ganz im Süden. Was ich ebenfalls sehr gerne mag: das exzellente Essen, und vom Verlag aus ist man in nur einem Tag auf der Autobahn angekommen, im realen, aber auch übertragenen Sinne; jedenfalls mir geht es so.


4. Florenz und den Schiefen Turm von Pisa kennt jeder. Wie verhält es sich mit den unbekannteren Ecken der Toscana? Was lohnt sich z. B. in Prato oder Arezzo?

Pisa ist eine meiner Lieblingsstädte – und zeigt paradoxerweise am stärksten das Urbild einer quirlig-italienischen Provinzstadt, wo der Tourismus eigentlich keine große Rolle spielt, bis auf den Campo Santo mit dem Schiefen Turm.
Prato ist die vielleicht produktivste Stadt der Toscana, nicht zuletzt wegen der vielen chinesischen Kleinbetriebe, in denen Tag und Nacht Kleider »just on demand« für den europäischen Markt geschneidert werden.
Arezzo hingegen ist eine Provinzhauptstadt ganz im Nordosten der Toscana. Die Landwirtschaft war traditionell in dieser Gegend weniger wichtig, und die Stadt kann sich trotz der etwas abgelegenen Lage gut behaupten. Bekannt sind dort die Großwerkstätten, die Goldschmuck verarbeiten.


5. Sie bereisen die Toscana seit mehr als 35 Jahren. Wie hat sich die Region seither entwickelt. Was ist besser geworden, was schlechter?

Die große Strukturveränderung hat schon vor meiner Zeit in den 60er-Jahren mit der Landflucht der Bevölkerung begonnen: Die Jungen zogen in die Industriestädte Norditaliens. Die Elterngeneration aber wohnte noch dort, zum Beispiel in Pitigliano, wo die Frauen vor jedem zweiten Haus Heimarbeit in Form von Klöppeln von Tischdecken leisteten. Heute sind viele Altstadthäuser die meiste Zeit verwaist und werden nur noch als Sommerdomizil genutzt. Aber diesen Prozess gab und gibt es überall in Europa.

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