On Tour

Kipplader erwünscht!

Die Erlebnisse einer Jäger- und Sammlerin

»On Tour« heißt die monatliche Glosse des MMV, in der es um die ungeschminkten Wahrheiten unserer Auslandskorrespondenten geht. Diesmal erzählt Magdalena Niedzielska, ihres Zeichens Krakau-Autorin (1. Auflage 2007, zusammen mit Jan Szurmant), vom ersten Tag in der neuen, alten (Recherche-)Heimat. Als Journalistin des Müller Verlags braucht man nämlich nicht nur ein helles Köpfchen, sondern auch einen enormen Stauraum im Keller und in jedem Fall trockene Ausreden bei der Grenzkontrolle …


Es ist ein milder Märzmorgen in Krakau, die Nebelschwaden verziehen sich langsam aus den Gassen der Altstadt. Und es ist mein erster Arbeitstag als Reisebuchautorin. Gestern Abend noch habe ich diesen Einsatz punktgenau geplant, dabei an alles gedacht: festes Schuhwerk, das die Unwegsamkeiten des Kopfsteinpflasters abfedert, einen dicken Notizblock, mehrere Stifte, die ich mehrmals auf ihre Schreibfähigkeit überprüft hatte, einen Stadtplan, eine Kopie dieses Stadtplans, auf der ich diejenigen Adressen von Hotels und Restaurants kennzeichnen möchte, die nach Prüfung eine Aufnahme in den Reiseführer verdient haben, eine Flasche Wasser, ein Dokument des Touristenbüros, das uns kostenlosen Eintritt bei allen Sehenswürdigkeiten zusichert – und natürlich etwas Kleingeld für den einen oder anderen Snack zwischendurch. Das alles und noch manches mehr befindet sich in meinem hochgebirgstauglichen Rucksack, der trotzdem noch genügend Stauraum für meine Jacke lässt – es könnte ja schließlich wärmer werden. Doch habe ich wirklich an alles gedacht? Erwischt! Was ich mitzunehmen vergaß, ist eine Schubkarre …


Je mehr, desto besser?

Eine Verschnaufpause
Eine Verschnaufpause

Eine Schubkarre, werden Sie fragen. Wozu braucht eine Reisebuchautorin eine Schubkarre? Ein Bauarbeiter bestimmt, ein Lieferant vielleicht, aber jemand, der in erster Linie für Urlauber Bücher schreibt? Nun ja, sie können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie viel Papier die Tourismusindustrie alljährlich verarbeitet – und, noch lieber, verbreitet. Wahrscheinlich sind die Druckereien die heimlichen Nutznießer von Krakaus Touristenboom – und die zahlreichen Reisebuchautoren die heimlichen Empfänger und Leser dieser Broschüren, Visitenkarten, Flyer und sogar Bücher. Überall bekommt man etwas zugesteckt, gereicht, vorgelegt und zugeschoben, nach dem Motto »Je mehr, desto besser werden die Berichte sein«. Diesen Gedankengang kann ich nachvollziehen, da ich ja auch fest davon überzeugt bin, dass unser Reiseführer umso besser wird, je mehr wir erjagen und sammeln. Aber bald ist es nicht mehr tragbar, im wahrsten Sinn des Wortes. Für mich ergibt sich zudem die Frage, wohin das ganze Papier eigentlich soll. Der Stauraum im Rucksack ist längst verbraucht, die Jacke trage ich trotz der wie erwartet gestiegenen Temperaturen an meinem Körper. Wie ein armes altes Mütterchen stolpere ich gebückt zum nächsten Hotel, von da aus, noch tiefer gebeugt, zum nächsten Restaurant. Keine Gnade lassen die Hausherren walten, ganz im Gegenteil. Ich versichere ihnen, dass eine Visitenkarte durchaus genügt – das Preis-Leistungs-Verhältnis scheint mir sowieso nicht angemessen, um das Lokal mit aufzunehmen. Meine zögernde Haltung missverstehen die Kellner und der Restaurantleiter allerdings als Aufforderung, mich mit weiteren Schriftsachen, sogar ein ausgearbeiteter Menüplan befindet sich darunter, zu bedenken. Weiter geht es auf allen Vieren, einem Packesel gleich, in die nächste Örtlichkeit …


Eine Schubkarre oder doch nicht besser gleich einen Kipplader

Die Beute eines Tages
Die Beute eines Tages

Ob es an der mir jetzt zu warmen Sonne und meiner unangemessen dicken Jacke liegt, an dem Wassermangel – die Flasche liegt im Rucksack begraben unter Hunderten von Kärtchen und Papierchen, an eine Erfrischung ist also nicht zu denken – oder aber an meiner Verzweiflung, ich weiß es nicht mehr. Ein Barmherziger scheint zu nahen, und wenn ich es nicht genau gehört hätte, ich würde es nicht glauben. Geld möchte er mir geben, nicht für eine Schubkarre, nein, gar für einen Kipplader. Als ich wieder bei Sinnen bin, sehe ich den Mann von dannen ziehen und halte einen Zettel eines windigen Kreditgebers in den Händen. Diesen einen Zettel werde ich nun wirklich nicht mitnehmen zu unserer Unterkunft.
Als ich am Abend dort endlich eintreffe, wartet mein Freund und Mitautor Jan auf mich. Er hat ebenso viel Papier gesammelt. Gemeinsam sortieren wir Dubletten und überflüssige Zettel aus. So geht es tagelang weiter. Am Tag unserer Abreise machen wir unseren Rechercheschatz reisefertig. Zum Glück haben wir den Bus genommen, die Gebühren für das Übergepäck beim Fliegen hätten sicher unser Budget gesprengt. Zu Hause angekommen, ordnen wir unsere Mitbringsel erneut, nutzen sie für die Texte, die in Krakau noch nicht fertig geworden sind und verstauen sie dann endlich in mehreren Umzugskartons. Wegschmeißen möchten wir unsere inzwischen lieb gewonnene Papierflut nicht. Und tatsächlich wäre es zu früh gewesen, denn auch bei den Nachfragen unserer Lektorin werden sie uns wieder von Nutzen sein. Kaum sind die Unterlagen dann endgültig in den Keller gebracht, geht es auch wieder von vorne los.


Vom Überschreiten der Achslast und der Toleranzgrenze von Zöllnern

Der Rucksack ist voll, ein Kipplader muss her
Der Rucksack ist voll, ein Kipplader muss her
Die Kiste im Keller
Die Kiste im Keller

Etwa 14 Monate nach den ersten Krakau-Recherchen führt es uns nach Italien, Anlass ist die anstehende Neuauflage der Michael-Müller-Bücher zur Toscana und zum Chianti. Wer denkt, wir hätten aus unseren Erfahrungen gelernt, irrt gewaltig. Zwar könnte das Internet etwas Last von den Schultern nehmen, doch man hat trotzdem gerne etwas Handfestes bei der Recherche. Überhaupt ist das Web nicht immer zuverlässig, Angaben sind teils veraltet oder unvollständig. Einmal habe ich mir keine Preisliste geben lassen, nachdem der Portier mir versichert hatte, dass die Preise auf der Homepage des Hotels zu finden seien. Standen sie dort? Man wird sie wohl noch immer vergeblich suchen … Auf die Antwort meiner Anfrage per E-Mail warte ich heute noch …
Diesmal waren wir übrigens mit einem Auto unterwegs, das wir von unserer guten Freundin Karo für die Recherchezeit geliehen hatten. Gedankt sei ihr einmal mehr für diese fahrbare Unterstützung. Und ich hoffe auch, dass sie uns nachsehen wird, dass wir die zulässige Achslast bei der Rückfahrt um ein Vielfaches überschritten haben, wieder einmal dank unserer Zettelchen, Visitenkarten und Broschüren. Schon beim ersten Voralpenanstieg erreichen wir keine für die Autobahn vertretbare Geschwindigkeit, was uns nicht zuletzt die blinkenden und hupenden Fahrzeuge mit italienischem Kennzeichen klarmachen. Eine Kontrolle an der schweizerischen Grenze bringt die Frage mit sich, was wir denn in den voll beladenen Kartons hätten. Die Zöllner erwarten wohl eine Auflistung der Anzahl von Chiantiflaschen und Pecorino-Laiben, von Balsamicoflaschen und Olivenölkaraffen. Unsere Antwort allerdings, so trocken wie ein guter Jahrgang Montalcino: »Nur ein paar Visitenkarten von Hotels, Broschüren von Restaurants, dann noch ein paar Bücher zu Museen und Hefte über die Toscana.« Ihre Antwort, noch trockener, da sie uns bei dem offensichtlichen Gewicht nicht glauben: »Nun, dann lassen sie mal sehen, wir möchten uns auch gerne bilden wie Goethe auf seiner Italienreise …«

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