Rei­se­re­por­ta­ge

Des Tsche­chen liebs­tes Kind
oder Ein paar Bier­tipps für die Haupt­stadt

Ein Ar­ti­kel von Micha­el Buss­mann und Gabi Trö­ger, den Au­to­ren des MM-City-Gui­des »Prag« (3. Auf­la­ge). Für un­se­ren elf­ten News­let­ter waren sie auf einer etwas an­de­ren Ge­nie­ßer­tour im Her­zen der »Gol­de­nen Stadt« un­ter­wegs. Wer wis­sen will, wel­che »Bier­hal­len auf Karel-Gott-Ni­veau« bes­ser zu mei­den sind und lie­ber ein­mal ein süf­fi­ges Ka­ra­malz für Er­wach­se­ne zu einem Her­me­lin schlür­fen möch­te, wird mit den Zapf­hahn-Tipps der zwei Rei­se­jour­na­lis­ten si­cher­lich seine Freu­de haben.


Portrait Michael Bussmann»Wo an­de­re Städ­te Grund­was­ser haben, hat Prag Bier.« Was Bo­hu­mil Hra­bal, der 1997 ver­stor­be­ne tsche­chi­sche Li­te­rat, so tref­fend for­mu­lier­te, be­weist auch die Sta­tis­tik. 160 Liter Bier pro Kopf und Jahr kon­su­mie­ren die Tsche­chen im Durch­schnitt – Kin­der und Ab­sti­nenz­ler ein­ge­rech­net (Deut­sche 123 Liter). Über­ra­schend sind diese Zah­len nicht, ge­hört doch tsche­chi­sches Bier zum bes­ten der Welt. Die Kom­mu­nis­ten er­nann­ten es gar einst zum »Brot der Be­völ­ke­rung«. Kein Wun­der also, dass die Piv­nices, die Pra­ger Bier­stu­ben, so be­rühmt sind wie die Pa­ri­ser Bis­tros oder die Wie­ner Kaf­fee­häu­ser. Recht derb geht es darin zu, Schul­ter an Schul­ter sitzt man hier, Frisch­luft ist ein Fremd­wort. Über der Schankthe­ke lä­chelt das Pin-up-Girl, ge­zapft wird im Ak­kord, das Essen ist Ne­ben­sa­che. Das Bier, das in mehr als jeder zwei­ten Pra­ger Piv­nice über den Tre­sen geht, ist das der größ­ten Braue­rei der Stadt, das Staro­pra­men, zu Deutsch »Alte Qu­el­le« – eine nette Um­schrei­bung für das trübe (selbst­ver­ständ­lich ge­fil­ter­te) Mol­dau­was­ser als Brau­grund­la­ge. Sehr häu­fig wer­den zudem Gam­bri­nus und Pils­ner Ur­quell aus­ge­schenkt – die Fäs­ser rol­len aus der west­böh­mi­schen Me­tro­po­le Pil­sen an – und das Bud­var aus Ceské Bu­de­jo­vice (Bud­weis).

Da­ne­ben kann man aber in Prag noch eine Reihe wei­te­rer Biere kos­ten, die das Glas zu­viel durch­aus loh­nen. Hier ein paar Zapf­hahn-Tipps: Die be­kann­tes­te und äl­tes­te (seit 1499) der vier zen­tra­len Pra­ger Mi­kro­braue­rei­en ist das »U Fleku«. Hier wird eines der bes­ten Biere der Re­pu­blik ge­braut, doch lei­der ge­hö­ren die ent­spre­chen­den Bier­hal­len mit Schun­kel­mu­sik auf Karel-Gott-Ni­veau zu den grö­ße­ren Tou­ris­ten­nepps der Stadt. Eben­falls ein süf­fi­ges Dun­kles, das St. No­bert, wird im Stra­hov-Klos­ter ge­braut und aus­ge­schenkt. Auch hier reiht sich Bus­grup­pe an Bus­grup­pe, doch die Ab­zo­cke hält sich in Gren­zen. Die »No­vo­mest­ský pi­vo­var«, die »Neu­städ­ter Braue­rei«, und das »Pi­vo­vars­ký dum«, das »Brau­haus«, sind zwei Mi­kro­braue­rei­en in der Neu­stadt, mit ge­pflegt-rus­ti­ka­len Re­stau­rants, in denen zum Bier die klas­sisch-böh­mi­schen Stan­dards wie Len­den­bra­ten mit Sah­ne­sau­ce oder Gu­lasch auf den Tel­ler kom­men.

Da der Pra­ger Bier­markt hart um­kämpft ist, fin­den nur we­ni­ge klei­ne­re Braue­rei­en aus der Pro­vinz in der Haupt­stadt Ab­neh­mer. Ein Lust-auf-Durst-Pivo aus dem Pra­ger Um­land, das stets einen Gar­ten­zaun auf dem Bier­filz zur Folge hat, ist das dunk­le Vel­ko­po­po­vický kozel, ein über­aus süf­fi­ges Ka­ra­malz für Er­wach­se­ne. Es läuft in der sym­pa­thisch-uri­gen Bier­stu­be »U cer­né­ho vola« (»Zum Schwar­zen Och­sen«) aus den Zapf­häh­nen. Zu den Stamm­gäs­ten ge­hö­ren die An­ge­stell­ten des schräg ge­gen­über­lie­gen­den Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums und – laut einem tsche­chi­schen Schla­ger – die »hüb­sches­ten Mäd­chen«. Lei­der ist der Schla­ger so alt wie die Mäd­chen heute. Doch die Stim­mung ist noch immer hei­ter und alle trin­ken für einen guten Zweck: Der Ge­winn fließt einer Blin­den­schu­le zu.
Einen Aus­flug wert ist das Re­stau­ra­ce »Na Po­lic­ce« im Stadt­teil Vi­nohr­ady mit vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Pols­te­recken und gru­se­li­gen Plas­tik­blu­men­wand­de­ko­ra­tio­nen. Dort er­trinkt man im na­tur­trü­ben Ober­gä­ri­gen (kvas­ni­co­vý) der Braue­rei »Meštans­ký pi­vo­var« aus dem nord­mäh­ri­schen Städt­chen Policka. Am bes­ten schmeckt dazu ein in Öl und Knob­lauch ein­ge­leg­ter Her­me­lin – kein zähes Pelz­tier, son­dern die tsche­chi­sche Va­ri­an­te des Ca­mem­bert. Nicht weit von dort be­fin­det sich die »Ka­vár­na Me­du­za«, ein ge­müt­lich-trö­de­li­ges Café, in dem bei Svi­ja­ny-Bier über die fran­zö­si­sche De­ka­denz­li­te­ra­tur, den Golem und die letz­te Ver­nis­sa­ge dis­ku­tiert wird. Die­ses Bier kommt aus dem gleich­na­mi­gen nord­böh­mi­schen Ört­chen und wird in Prag sonst kaum ir­gend­wo aus­ge­schenkt. Aber Ach­tung – das Bier hat’s in sich!

Wer ori­gi­nel­le Bier-Sou­ve­nirs ein­pa­cken will, kann Petr Vanek in sei­ner »Pivní ga­le­rie« (Bier­ga­le­rie) im Stadt­teil Holešovice be­su­chen. Der freund­li­che Herr sieht seine »Ga­le­rie« als Mu­se­um, Kn­ei­pe und Platt­form für klei­ne tsche­chi­sche Brau­häu­ser. Bis zu 120 Sor­ten hat die Ga­le­rie auf Lager, dazu kann man Krüge oder T-Shirts er­ste­hen und in der an­ge­schlos­se­nen Bier­stu­be de­gus­tie­ren – täg­lich sind zwei an­de­re Sor­ten im Aus­schank.Adres­sen:U Fleku, Kre­men­co­va 11, Nové Mesto.
Klos­ter­re­stau­rant Stra­hov, Stra­hovs­ké nád­von 1/132, Hrad­ca­ny.
No­vo­mest­ský pi­vo­var, Vo­dick­ova 20, Nové Mesto.
Pi­vo­vars­ký dum, Li­po­vá 15, Nové Mesto.
U cer­né­ho vola, Lo­re­táns­ké ná­mes­tí 1, Hrad­ca­ny.
Na Po­lic­ce, Moravs­ká 40, Vi­nohr­ady.
Ka­vár­na Me­du­za, Bel­gická 17, Vi­nohr­ady.
Pivní ga­le­rie, U Pru­ho­nu 9, Holešovice.