Rei­se­re­por­ta­ge

Be­su­cher­re­kor­de für ein hoch­ka­rä­ti­ges Trio.
Wien und Ams­ter­dam fei­ern ihre gro­ßen Ad­op­tiv­söh­ne Mo­zart, Rem­brandt und Freud

Ein Ar­ti­kel von An­net­te Krus-Bo­naz­za, un­se­rer Ex­per­tin zu Wien (2. Auf­la­ge 2006) und Ams­ter­dam (2. Auf­la­ge 2005). Ein welt­po­li­tisch am­bi­tio­nier­ter Ver­an­stal­tungs­ma­ra­thon ist in zwei Me­tro­po­len gleich drei Aus­nah­me­ge­nies ge­wid­met, wobei vor allem die Be­geis­te­rung für den ko­bol­di­gen Mu­si­ker alle Re­kor­de bricht. Doch na­tür­lich gibt es auch zahl­rei­che Events und Aus­stel­lun­gen zum Papa der Psy­cho­ana­ly­se und zum be­rühm­ten Maler, der wie kein an­de­rer das Ver­hält­nis von Licht und Schat­ten in Szene zu set­zen wuss­te.


Portrait Annette Krus-BonazzaWien und Ams­ter­dam fei­ern ge­ra­de die Ge­burts­ta­ge drei­er gro­ßer Ad­op­tiv­söh­ne, die in die­sem Jahr zu­sam­men 800 Jahre alt ge­wor­den wären. -
Zu­nächst zu den Ös­ter­rei­chern: Wäh­rend der äl­te­re Wahl­wie­ner die Men­schen er­freut und zer­streut hat, hat sie der Jün­ge­re er­forscht und ana­ly­siert. Je­den­falls haben beide ihre Seele be­rührt, sie zeit­wei­se oder dau­er­haft von Sor­gen und Zwän­gen be­freit, sie selbst­ver­ges­sen oder selbst­be­wusst ge­macht. Der Erste wird als das be­kann­tes­te Mu­sik­ge­nie aller Zei­ten, der Zwei­te als wohl be­deu­tends­ter Psych­ia­ter der Welt ge­han­delt, deren Licht der Eine vor 250 und der An­de­re vor 150 Jah­ren er­blick­te. Kei­ner von ihnen wurde in Wien ge­bo­ren und nur einer dort be­gra­ben, doch haben beide ihre pro­duk­tivs­ten Le­bens­jah­re in ihrer zwei­ten Hei­mat­stadt ver­bracht.
Das gilt glei­cher­ma­ßen für das be­tag­te Ams­ter­da­mer Ge­burts­tags­kind, das vor 400 Jah­ren im nie­der­län­di­schen Lei­den ge­bo­ren wurde und erst 1631 in die spä­te­re Haupt­stadt über­sie­del­te, wo es seine mar­kan­tes­ten künst­le­ri­schen Spu­ren hin­ter­ließ und im Ok­to­ber 1669, in­zwi­schen 63-jäh­rig, starb. Dass er mit sei­nen Ge­mäl­den, Zeich­nun­gen und Ra­die­run­gen eben­so nach­hal­ti­ge in­ter­na­tio­na­le An­er­ken­nung ern­te­te wie die il­lus­tren Ös­ter­rei­cher, hat auch in sei­nem Falle mit einem di­rek­ten Draht zur Seele von Zeit­ge­nos­sen und Nach­ge­bo­re­nen zu tun.
Die zu Leb­zei­ten bis­wei­len ver­kann­ten, ver­arm­ten und ver­bann­ten his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten hei­ßen Wolf­gang Ama­de­us Mo­zart, Sig­mund Freud und Rem­brandt van Rijn und sind in Wien wie Ams­ter­dam be­reits seit Jahr­zehn­ten tou­ris­ten­wirk­sam re­ha­bi­li­tiert. Die Wert­schät­zung der eu­ro­päi­schen Me­tro­po­len für ihre einst stief­müt­ter­lich be­han­del­ten Ad­op­tiv­söh­ne schlägt je­doch in die­sem Jahr alle In­ves­ti­ti­ons- und Be­su­cher­re­kor­de.


In­ter­na­tio­na­le Stars fei­ern ein mu­si­ka­li­sches Jahr­tau­send­ge­nie

Ins­be­son­de­re Mo­zart wird im wahrs­ten Sinne des Wor­tes mit Pau­ken und Trom­pe­ten, Klas­sik-, Jazz- und Rock­kon­zer­ten, Opern- und Thea­ter­auf­füh­run­gen, Aus­stel­lun­gen, Li­te­ra­tur­le­sun­gen, wis­sen­schaft­li­chen Vor­trä­gen, Fil­men und Pu­bli­ka­tio­nen ge­fei­ert. Schon seit Jah­res­be­ginn fin­den sich die in­ter­na­tio­na­len Stars der klas­si­schen Mu­sik­sze­ne, dar­un­ter Sir Simon Ratt­le, Gidon Kre­mer, Leo­pold Hager, Zubin Mehta, Pla­ci­do Do­min­go oder Ce­ci­lia Bar­to­li in allen re­nom­mier­ten Wie­ner Mu­sik­tem­peln, Mu­se­en und Thea­tern, aber auch in klei­nen Kul­tur­zen­tren, Schu­len und Parks, auf Stra­ßen und Plät­zen ein.
Nam­haf­te Re­gis­seu­re und Au­to­ren wie Peter Sel­lars, Pavel Ko­hout und Peter Ro­sen­dor­fer sowie der Jazz­pia­nist Chick Corea geben sich und Mo­zart die Ehre. Sie wid­men sich zu­sam­men mit zahl­rei­chen we­ni­ger be­kann­ten, ei­gens an­ge­reis­ten oder vor Ort le­ben­den Künst­lern und Wis­sen­schaft­lern je­weils auf ihre ei­ge­ne li­te­ra­ri­sche, mu­si­ka­li­sche oder ge­stal­te­ri­sche Weise dem Leben und Werk Mo­zarts; diese sind in der mil­lio­nen­schwer zum Mo­zart­haus Vi­en­na aus­ge­bau­ten Mo­zart­woh­nung in der Dom­gas­se seit Ja­nu­ar 2006 auf meh­re­ren Eta­gen do­ku­men­tiert.
Mit einem Fes­ti­val na­mens »New Crow­ned Hope« klingt das Mo­zart­jahr im Win­ter aus. Der welt­po­li­tisch am­bi­tio­nier­te Ver­an­stal­tungs­ma­ra­thon unter der Regie von Peter Sel­lars star­tet im No­vem­ber und ver­eint Mu­sik­thea­ter, Tanz, Kon­zer­te und Filme, Ar­chi­tek­tur­pro­jek­te, Work­shops für Bil­den­de Kunst, Fo­to­gra­fie und neue Me­di­en. An denen be­tei­li­gen sich Ak­teu­re aus der gan­zen Welt, um – gemäß der Idee des künst­le­ri­schen Lei­ters – dort an­zu­fan­gen, wo Mo­zart einst auf­ge­hört hat. Des­sen letz­te Kom­po­si­ti­on war näm­lich eine klei­ne Kan­ta­te für die Wie­der­er­öff­nungs­fei­er einer zuvor von der Ob­rig­keit ver­bo­te­nen Frei­mau­er­er­lo­ge mit dem zu­kunfts­fro­hen (Fes­ti­val)Namen »Zur neu­ge­krön­ten Hoff­nung«, die Mo­zart selbst di­ri­gier­te, bevor er drei Wo­chen spä­ter, ge­ra­de ein­mal 35-jäh­rig, starb.


Nacht­wa­che mit Rem­brandt

Künst­le­risch hoch­ka­rä­tig und ent­spre­chend teuer ist auch Rem­brandts Ge­burts­tags­par­ty in Ams­ter­dam, zu der rund ums Jahr 1,5 Mil­lio­nen Gäste er­war­tet wer­den. Nach­dem die Er­öff­nungsau­stel­lun­gen »Alle Rem­brandts« (Ri­jks­mu­se­um) und »Rem­brandt & Ca­ra­vag­gio« (Van Gogh Mu­se­um) auf gro­ßes Be­su­cher- und Me­dien­echo stie­ßen und eben­so wie die ers­ten Ge­burts­tags­aus­stel­lun­gen im frü­he­ren Wohn­haus und Ate­lier des Alt­meis­ters Het Rem­brand­thu­is be­reits wie­der ab­ge­baut wor­den sind, brach­te Ams­ter­dams alt­ehr­wür­di­ges Thea­ter Carré An­fang des Mo­nats »Rem­brandt, das Mu­si­cal« auf die Bühne, wo es noch bis Fe­bru­ar 2007 auf dem Spiel­plan bleibt.
Im Rem­brand­thu­is ist un­ter­des­sen die Prä­sen­ta­ti­on »Rem­brandt, der Ra­die­rer« zu sehen, der bis zum Jah­res­en­de wei­te­re Rem­brand­tret­ro­spek­ti­ven im Joods His­to­risch Mu­se­um, Bibel-Mu­se­um, His­to­ri­schen Mu­se­um und Stadt­ar­chiv fol­gen wer­den. Der wohl spek­ta­ku­lärs­te Ge­burts­tags­gruß ist Peter Gre­enaways »Night­watch«. Dabei han­delt es sich um eine thea­tra­li­sche In­stal­la­ti­on rund um Rem­brandts be­rühm­tes­tes Ge­mäl­de »Die Nacht­wa­che«, die am 2. Juni im Ri­jks­mu­se­um Pre­mie­re hatte und dort noch bis zum 6.Au­gust zu er­le­ben ist. Nach sei­ner Mo­ti­va­ti­on für seine fil­misch-thea­tra­li­sche Be­schäf­ti­gung mit Rem­brandts welt­be­rühm­ten Meis­ter­werk be­fragt, ant­wor­te­te der Star­re­gis­seur: »Rem­brandt ist bis heute po­pu­lär, er trifft den Zeit­geist. Aus einem prä­zi­sen Grund: Er malt In­ti­mi­tät, er malt das In­ners­te des Men­schen. In der Welt nach Freud ist das ge­ra­de­zu ein Muss«.


Vom Den­ken und Lie­gen auf einer Psy­cho-Couch

Damit wären wir wie­der beim drit­ten und jüngs­ten Ge­burts­tags­kind an­ge­kom­men und nach Wien zu­rück­ge­kehrt, wo auch zu Ehren des Va­ters der Psy­cho­na­ly­se auf al­ler­höchs­tem wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen Ni­veau re­fe­riert, re­zi­tiert, di­ku­tiert und pu­bli­ziert, ex­po­niert, mu­si­ziert und in­sze­niert wird. Hö­he­punkt der Freud-Fei­er­lich­kei­ten ist die Aus­stel­lung »Die Couch. Vom Den­ken im Lie­gen«, die von Mai bis No­vem­ber im Freud-Mu­se­um in den frü­he­ren Wohn- und Pra­xis­räu­men des be­rühm­ten See­len­arz­tes in der Wie­ner Berg­gas­se zu sehen ist.
Ach ja, na­tür­lich haben auch die Ge­burts­städ­te der Wie­ner und Ams­ter­da­mer Ad­op­tiv­söh­ne – ge­meint sind Salz­burg, Frei­berg (Mäh­ren) und Lei­den sowie Freuds Exil­hei­mat und Ster­be­ort Lon­don – an­läss­lich der run­den Ge­burts­ta­ge der be­rühmt ge­wor­de­nen Aus- und Ein­wan­de­rer al­ler­hand auf dem Pro­gramm. Aber davon sol­len die zu­stän­di­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen be­rich­ten …


In­ter­net­adres­sen:

www.wien­mo­zar­t2006.at – DIE Seite zum Ju­bi­lä­um: alle Ver­an­stal­tun­gen, Auf­trit­te, Events etc.

www.freud-mu­se­um.at – ein Muss für jeden Wien-Be­su­cher, ge­ra­de im Ju­bi­lä­ums­jahr

www.rem­brand­t400ams­ter­dam.com – u.a. gibt es hier »Rem­brandt Pa­cka­ges« mit spe­zi­el­len The­men und einem Mit­tag­es­sen

www.hol­land.com/rem­brand­t400 – auch das of­fi­zi­el­le Frem­den­ver­kehrs­amt lässt sich nicht lum­pen: ein aus­führ­li­cher Ver­an­stal­tungs­ser­ver in­for­miert nach Datum, Event und Ort